Story von Lea

Demokratie braucht Stimme: Zwischen Schweigen und Mitreden im Austausch zweier Welten
Demokratie braucht Stimme: Zwischen Schweigen und Mitreden im Austausch zweier Welten
Eine persönliche Perspektive von Lea Hennig über politische Kultur und die Bedeutung von Beteiligung.
Wir schreiben das Jahr 2017. Ich bin 16 Jahre alt und habe ein Stipendium für ein Auslandsjahr in den USA erhalten. Die Aufgabe: Jugendbotschafter für Deutschland in einer amerikanischen Highschool. So sollte der demokratische (Werte-)Austausch unter jungen Menschen der beiden Nationen angeregt und langfristig gestärkt werden. Dieses Parlamentarische Patenschaftsprogramm (PPP) existiert seit 1983 und steht unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bundestags und des US-Kongresses. Sinn und Zweck ist es, aus jedem Wahlkreis eine*n Schüler*in auszuwählen und in die USA zu schicken – als Brücke zwischen zwei politischen Kulturen.
In einem Vorbereitungsseminar wurden wir geschult – für kulturelle Herausforderungen, politische Besonderheiten und historische Hintergründe. Ich reiste los mit der Vorstellung, in einem Land anzukommen, das für lautstarke Meinungen, gelebte Diskussionen und freien Ausdruck bekannt ist. Doch das Bild, das mich erwartete, war ein anderes.
Die Highschool, die mich in Ohio, Gallia County erwartete, war klein und in einem verschlafenen, beinahe-Dorf praktisch mitten in der Pampa. . Äußerlich unterschied sich natürlich einiges von meiner Heimat in Sachsen, auch wenn ich von einem “Kaff” ins nächste gerutscht war. Doch die Gegend, in die ich gekommen war, war viel weitläufiger. Zu Fuß ging niemand, alles war angewiesen auf Autos und Neuigkeiten aus der Gegend erfuhr man durch Gossip beim wöchentlichen Kirchenbesuch oder in der Schule.
Die Schule war natürlich ebenfalls ganz anders. Natürlich erwartete mich auch in diesem kleinen Dorf ein ausgeprägter School Spirit , denn die Aktivitäten dort drehten sich fast vollständig nur um Sport.
Doch in einem Punkt waren sich die beiden Orte erschreckend ähnlich: Niemand redete wirklich über Politik.
Was für mich das Herz einer lebendigen Demokratie ist – Austausch & Widerspruch, Mitreden und Diskussion – schien hier kaum stattzufinden. Trump hatte gerade seine erste Kandidatur angetreten, die USA steckten mitten in einer aufgeheizten politischen Phase. Doch sobald ich das Thema Politik ansprach oder nachfragte, wurde es still. Höfliches Themawechseln. Nervöses Lächeln. Ein Wegsehen, das mich irritierte.
In meinem County gewann Donald Trump mit über 75 Prozent der Stimmen – und doch hatte ich das Gefühl, nur wenige hätten sich vorab wirklich mit politischen Alternativen beschäftigt und waren eher der lauten Masse gefolgt.1
Dieses Schweigen erlebte ich auch besonders stark im schulischen Alltag. In meiner deutschen Schule war politische Partizipation selbstverständlich. Ich saß als Klassensprecherin in einem Schülerrat, wo es regelmäßige Diskussionen gab über gesellschaftliche Themen. Ich hatte viele gute Lehrer*innen, die zum kritischen Denken ermutigen. Wir mussten unseren Standpunkt im Unterricht begründen und wir debattierten regelmäßig. Es gab sogar das Schulfach „Debatte“, in dem wir genau das lernten. Und es machte mir persönlich unfassbar viel Spaß.
In meiner Schule in Ohio existierte all das nicht. Es gab kein Schülerparlament, keine transparente Mitbestimmung, kaum politische Bildung. Das Fach “Government” war rein theoretisch und die Lehrerin, die es unterrichtete, erlaubte kaum eine andere Meinung als ihre.Ich merkte schnell, wie viele Feinde man sich machen konnte, wenn man zu laut die falschen Fragen stellte. Gossip Girl war nichts gegen meine Schule dort.
Unterricht bedeutete: Stoff durchgehen, Tests bestehen, fertig. Man konnte fast keine Leistungsabstufungen erkennen, weil man Tests beliebig oft wiederholen konnte. Diskussionen über gesellschaftliche Fragen fanden nicht statt. Seine Meinung kundtun und die gesellschaftlichen Zusammensetzungen vor Ort infrage zu stellen galt sogar als „unhöflich“. Alle, mit denen ich zu tun hatte, schienen daran gewöhnt, dass Entscheidungen „von oben“ getroffen worden, sei es von den Lehrern, der Kirche oder einem Präsidenten der Fake News verbreitete sobald er den Mund aufmachte.
Auch im Alltag zeigte sich dieses Muster. Die Leute vertrauten eher ihren Nachbarn, Fox News oder dem lokalen Prediger, als selbst aktiv nach Informationen zu suchen. Beteiligung schien für viele überflüssig, vielleicht sogar verdächtig. Wer zu viel fragte, galt als „troublemaker“. Und ich, mit meiner europäischen Herkunft, meiner Neugier und meinem anderen politischen Hintergrund,hatte ja sowieso keine Ahnung vom “American Way of Life”. So fand ich mich oft eher zwischen anderen Austauschschüler*innen wieder, die das Gleiche empfanden: Fremdheit, Verwunderung, Ernüchterung und Unverstanden sein.
Meine Zeit dort machte mir deutlich, wie fragil Demokratie sein kann, wenn Menschen nicht lernen oder auch verlernen, ihre Stimme einzusetzen.
Ich begann zu reflektieren: Warum sprachen so wenige über Politik? Lag es an Angst vor Konflikten? An mangelnder politischer Bildung? An der Übermacht bestimmter Medien? Oder an fehlenden Strukturen und Orten, die ein gemeinsames Gespräch überhaupt ermöglichen?
Ich hatte erwartet, eine lautere, aktivere Demokratie zu erleben – und fand stattdessen ein Schweigen, das mich erstaunte und erschreckte. Und genau dieses Schweigen zeigte mir, wie wichtig Räume sind, in denen Menschen sich sicher fühlen, ihre Meinung auszudrücken.
Natürlich kann ich in dieser Hinsicht nur von meiner Erfahrung an meinem Ort sprechen. Es gab durchaus Schüler*innen aus meinem Austauschjahrgang denen es anders erging, die ein ganz anders Amerika in Alabama erlebten als ich in Ohio (was bei der Größe und Diversität dieses Landes nicht verwunderlich ist). Doch ich finde es trotzdem in einer Art und Weise repräsentativ, wie ein kleines Dorf mitten im Corn Belt agiert, die Menschen einer Nation geben schließlich ein gemeinsames Bild nach außen ab.
Als ich nach Deutschland zurückkehrte, fiel mir auf: Auch in meinem Dorf reden viele junge Menschen wenig über Politik. Viele haben Angst, sich zu blamieren. Oder nicht ernst genommen zu werden. Oder jemanden zu verärgern. Demokratie aber lebt nicht von Harmonie – sie lebt vom Streit, vom Widerspruch und vom Mut, die eigene Perspektive einzubringen.
Doch worüber sollten wir reden? Redet überhaupt noch jemand – oder spielt sich mittlerweile das meiste nur noch online ab?
Heute finden viele politische Diskussionen online statt. Das Internet schafft Sichtbarkeit für junge Stimmen – aber gleichzeitig auch neue Barrieren. Kommentarspalten sind oft voller Polemik oder Aggression. Die Angst, sich dort zu äußern, ist verständlich. Und viele ziehen sich deshalb noch weiter zurück.
Gleichzeitig verstärken soziale Medien Filterblasen und Polarisierung. Inhalte werden uns nicht angezeigt, weil sie wichtig sind, sondern weil sie Aufmerksamkeit erzeugen. Das führt dazu, dass politische Debatten emotionaler, aber nicht unbedingt informativer werden. Man spricht zwar, aber aneinander vorbei.
Mein Jahr zwischen einem sächsischen Dorf und einem amerikanischen County hat mir gezeigt: Demokratie ist weder laut noch leise von Natur aus. Sie ist das, was Menschen aus ihr machen. Und sie ist verletzlich, wenn niemand sie aktiv lebt und schützt
Demokratie entsteht nicht durch Wahlen allein. Sie entsteht im Klassenzimmer, im Jugendclub, am Küchentisch, im Mut, Fragen zu stellen, Zweifel zu äußern und eigene Ideen einzubringen. Sie entsteht dort, wo Menschen sich trauen, sichtbar zu werden.
Mein Auslandsjahr hat mich gelehrt:
Demokratie lebt vom Mitreden – besonders dann, wenn es unbequem wird.
________________________