Als Demokratie persönlich wurde

Odai Boulous | Stipendiat des CrossCulture Programms der ifa
Odai Boulous | Stipendiat des CrossCulture Programms der ifa
In seiner persönlichen Perspektive reflektiert Odai, wie sich sein Verständnis von Demokratie über die Jahre gewandelt hat – von der bloßen Vokabel zur gelebten Praxis – und dass gute politische Bildung, zielgruppengerecht befähigt, an dieser Praxis teilzunehmen.
Das Wort „Demokratie“ begegnete mir zum ersten Mal in einem Klassenzimmer in Jordanien. Wir lernten, dass demos „Volk“ und kratos „Macht“ bedeutet. Ich erinnere mich, dass ich es fast wie jedes andere Wort aus einem Schulbuch gelernt habe. Ich wusste, was es bedeutete, aber ich wusste nicht wirklich, was es mit mir zu tun hatte.
Wir hatten kein Schülerparlament und auch nicht viele Gelegenheiten zu üben, wie man gemeinsam Entscheidungen trifft. Politik blieb meist auf dem Papier. Hättest du mich mit siebzehn gefragt, was Demokratie bedeutet, hätte ich dir die griechische Definition genannt. Ich kannte das Wort. Ich wusste nur nicht, was ich damit anfangen sollte.
Das begann erst an der Universität.
Repräsentation lernen – auf die harte Tour
Ich wollte an den Wahlen zum Studentenparlament der Universität teilnehmen und habe mir deshalb die Wahlprogramme der Kandidaten durchgelesen. Keines davon ging auf die Themen ein, die mir wichtig waren. Als ich andere Studierende fragte, was sie davon hielten, ging es vielen genauso; sie fühlten sich von keinem der Kandidaten vertreten. Diese Lücke war es, die mich dazu bewegte, zu kandidieren. Es lag nicht daran, dass ich einen Titel wollte oder mich als Führungspersönlichkeit sah. Ich habe einfach bemerkt, dass etwas fehlte, und mir wurde klar, dass ich nicht der Einzige war, dem das aufgefallen war.
Die Wahl wurde verschoben und fand nicht wie geplant statt. Zunächst empfand ich das als Enttäuschung. Doch dadurch stellte sich mir eine Frage, die wichtiger war als ein möglicher Wahlsieg: Was bedeutet es, ein Mandat auszuüben? Ich kam zu der Erkenntnis, dass es sich dabei nicht um ein Amt handelt, das man gewinnen muss, sondern um die Praxis, den Menschen zuzuhören, ihre Bedürfnisse zu verstehen und sein Bestes zu geben, um auf sie einzugehen.
Später, als ich zum ersten Mal wählte, erkannte ich die Kehrseite dieser Praxis. Da ich bereits ernsthaft darüber nachgedacht hatte, selbst politische Verantwortung zu übernehmen, betrachtete ich die Kandidaten mit anderen Augen. Mir wurde klar, wie leicht ein Wahlprogramm überzeugend klingen kann, obwohl es an dem vorbei geht, was den Menschen wirklich am Herzen liegt. Ich hätte selbst fast dasselbe getan. Damals erkannte ich zum ersten Mal, dass ein Unterschied zwischen dem bloßen Besitz des Wahlrechts besteht und dem Wissen darüber, dieses Recht auch gut auszuüben. Von da an bekam politische Bildung für mich eine andere Bedeutung: Es geht nicht darum, den Menschen vorzuschreiben, was sie denken oder wen sie unterstützen sollen, sondern ihnen das Wissen und das Selbstvertrauen zu vermitteln, selbst zu entscheiden.
Eine Frage, die ich immer noch nicht geklärt habe
Wie wichtig dieses Thema ist, wurde mit vor allem klar, je mehr ich politische Debatten in Jordanien verfolgte – darunter auch eine Diskussion im Parlament darüber, was Menschen in der Öffentlichkeit tragen dürfen sollten. Im Gespräch mit Menschen in meinem Umfeld stellte ich oft fest, dass sie mit dem Verlauf der Diskussion nicht einverstanden waren. Ich begann mich zu fragen: Wie kann eine Entscheidung den Weg durch die politischen Institutionen nehmen, wenn viele der Betroffenen das Gefühl haben, dabei nicht gehört zu werden?
Meine eigene Familie hat mir einen weiteren Zugang zu dieser Frage eröffnet. Als Christ aus Jordanien bin ich mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Christen in diesem Land eine religiöse Minderheit sind und dass Jordanien Parlamentssitze für Christen reserviert, um deren politische Vertretung zu gewährleisten. Was das bedeutete, wurde mir erstmals durch ein Gespräch mit meinem Vater klar, als ich noch ein Teenager war. Er befürwortete die Quote, weil er der Meinung war, dass es wichtig sei, dass Christen eine garantierte Stimme im Parlament hätten, und ich verstand seine Argumentation. Doch als ich ihm zuhörte, fiel mir noch etwas anderes auf: Wir hatten zwar einen garantierten Sitz, wählten aber nicht unbedingt die Person aus, die ihn besetzte.
Diese Unterscheidung ist mir seitdem im Gedächtnis geblieben. Es gibt eine rechtliche Garantie, die jeder und jedem eine Stimme zusichert, aber das ist noch nicht das Gleiche, wie darüber zu entscheiden, wessen Stimme das ist. Ich habe immer noch keine einfache Antwort auf die Frage nach Quoten. Ein Teil von mir versteht, warum sie für Minderheiten wichtig sind. Gleichzeitig frage ich mich, was Repräsentation wirklich bedeutet, wenn Gruppen zwar eine Stimme zugesichert bekommen, aber nicht immer eine echte Wahl darüber haben, wer diese Stimme letztendlich vertritt.
Ich habe aufgehört, eine endgültige Antwort zu erwarten. Ich habe erkannt, dass dies zu den Dingen gehört, die die Demokratie von uns verlangt: die Bereitschaft, weiterhin schwierige Fragen zu stellen, auch wenn es keine klare Lösung gibt.
Von Fragen zur Praxis
Das ist einer der Gründe, warum ich der Meinung bin, dass politische Bildung ein Recht und kein Privileg sein sollte. Sie sollte den Menschen helfen zu verstehen, wie Entscheidungen getroffen werden, wer die Macht innehat und wie sie selbst nicht als Zuschauer, sondern als Akteure mitwirken können.
Diese Überzeugung hat mich zu meiner jetzigen Tätigkeit geführt, bei der ich in Sachsen Materialien für die politische Bildung und den Unterricht entwickle. Dabei habe ich etwas gelernt, was mir zuvor nicht ganz bewusst war: Information ist nicht dasselbe wie Verständnis. Wir sind von mehr Informationen umgeben als jede Generation vor uns, und oft ist es schwieriger – nicht einfacher –, zu wissen, welchen Informationen man vertrauen kann. Medienkompetenz und politisches Wissen müssen gemeinsam aufgebaut werden, sonst hält keines von beiden für sich allein stand.
Eine der größten Herausforderungen bei dieser Arbeit besteht darin, Raum dafür zu schaffen, dass Menschen ganz offen sagen können: „Das verstehe ich nicht“, und ohne Scham Fragen stellen können. Die politische Bildung geht allzu oft von einem Grundmaß an Selbstvertrauen aus, über das nicht jede*r verfügt – insbesondere Menschen, die, wie ich mit siebzehn, Demokratie bisher nur als Begriff in einem Schulbuch kennengelernt haben. Lehrmaterialien zu entwickeln, die die Menschen dort abholen, wo sie stehen – und nicht vorschreiben, wo sie bereits stehen sollten –, ist zu dem Teil der Arbeit geworden, der mir am meisten am Herzen liegt.
Was ich meinem jüngeren selbst sagen würde
Manchmal denke ich darüber nach, was wohl passiert wäre, wenn ich Demokratie in der Schule anders erlebt hätte. Was wäre, wenn wir mit sechzehn oder siebzehn echte Entscheidungen gemeinsam hätten treffen dürfen, wenn wir unterschiedlicher Meinung gewesen wären, einander zugehört hätten, abgestimmt hätten und dann mit dem Ergebnis hätten leben müssen? Vielleicht hätte sich Demokratie dann nicht wie ein Begriff aus dem antiken Griechenland angefühlt. Vielleicht hätte es sich wie etwas angefühlt, das zu mir gehört.
Heute sehe ich Demokratie mit anderen Augen. Ich sehe sie in Wahlen, aber auch in ganz alltäglichen Gesprächen: wenn jemand sagt, er fühle sich nicht vertreten, wenn Freunde unterschiedlicher Meinung sind und einander dennoch zuhören, wenn jemand innehält, um Informationen zu überprüfen, bevor er sie weitergibt. Für all das braucht man weder einen Titel noch eine offizielle Funktion. Viel wichtiger ist ein wachsamer Verstand und die Motivation aktiv zu werden, wenn einem etwas auffällt.
Ich habe immer noch offene Fragen zu Repräsentation, zu Minderheiten und Mehrheiten und dazu, wie eine gute Entscheidung getroffen werden kann, wenn Menschen sich nicht einig sind. Aber ich glaube nicht mehr, dass ich alle Antworten haben muss, bevor ich mich einbringe, und das gleiche trifft auch auf alle anderen zu. Das ist vielleicht das Wertvollste, was mir die Demokratie beigebracht hat: Es geht nicht nur darum, das Recht zu haben, zu entscheiden, sondern auch darum, zu verstehen, dass unsere Entscheidungen andere Menschen betreffen, und dies bei unserer Entscheidung ernst zu nehmen.
Wenn es eine Sache gibt, die ich mir wünsche, dass ein Leser in Sachsen oder anderswo daraus mitnimmt, dann ist es, dass man nicht warten muss, bis man sich qualifiziert genug fühlt, um anzufangen. Stellt die Frage, die euch beschäftigt. Lest das Programm kritisch durch. Sagt laut: „Das verstehe ich nicht.“ Kandidiert, auch wenn die Wahl verschoben wird. So sieht gelebte Demokratie aus.
Das Wort „Demokratie“ habe ich zum ersten Mal in einem Klassenzimmer in Jordanien gelernt. Heute verstehe ich es als etwas, das ich leben muss – und das wir alle gemeinsam ausüben müssen.