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Politisches Bewusstsein im digitalen Zeitalter

Maja Spickenheuer | FSJlerin

Maja Spickenheuer | FSJlerin

Eine persönliche Perspektive von Maja Spickenheuer über politisches Bewusstsein im digitalen Zeitalter und darüber, wie frühe Erfahrungen, soziale Medien und persönliche Begegnung das politische Engagement prägen.



Politisches Bewusstsein im digitalen Zeitalter

Eine persönliche Perspektive von Maja Spickenheuer über politisches Bewusstsein im digitalen Zeitalter und darüber, wie frühe Erfahrungen, soziale Medien und persönliche Begegnung das politische Engagement prägen.

Ich bin in einem sehr politischen Haushalt aufgewachsen. Seit ich klein bin, bin ich es gewohnt, dass Diskussionen über Politik geführt wurden, Nachrichten liefen und wir auf Demonstrationen gingen, um für unsere Rechte einzustehen. Ich war, glaube ich, acht Jahre alt, als ich auf meiner ersten Demonstration gegen Pegida war. Meine Eltern brachten mich früh in Kontakt mit Menschen, die das Privileg nicht hatten, in einem finanziell sicheren Umfeld aufzuwachsen und zusätzlich in Deutschland zu leben. Sie zeigten mir Kinderhörspiele über Flucht und Krieg, was mich bis heute prägt.

Um 2015 herum nahm meine Familie eine syrische Familie als “Paten” auf. Sie wohnten in einem Hochhaus in unserer Nähe, während ich in einer Altbauwohnung lebte. Wir besuchten uns oft, aßen miteinander und zeigten uns gegenseitig unsere Kulturen. Die Familie sprach kaum Deutsch und hatte nicht die finanziellen Mittel, um grundlegende Dinge wie einen Schulranzen zu kaufen. Wir halfen, wo wir konnten, und trotz des begrenzten Geldes luden sie uns ein, kochten für uns und schenkten mir Schmuck. Diese Erfahrungen ließen mich früh verstehen, wie gut ich’s habe und wie unterschiedlich Lebensrealitäten sein können. Außerdem lernte ich, dass man aktiv werden kann, wenn man mit Entwicklungen unzufrieden ist, wie damals, als mein Vater gegen den Bau der Waldschlösschenbrücke Flyer verteilte und einen Film produzierte, um aus Umweltschutzgründen dagegen zu protestieren.

Durch diese frühe Politisierung war Politik für mich immer ein fester Bestandteil meines Lebens und wurde in meiner Jugend immer bedeutender. Ich begann, alleine oder mit Freundinnen und Freunden auf Demonstrationen zu gehen, etwa gegen den Klimawandel oder gegen den Rechtsruck. Ich wähle, unterschreibe Petitionen, nehme an Umfragen teil, besuche Podiumsdiskussionen oder verteile Flyer. Zusätzlich ist mir der direkte Austausch wichtig: ich informiere Menschen in meinem Umfeld über politische Themen, diskutiere mit ihnen und sage etwas, wenn diskriminierende Aussagen fallen.

Auch Social Media beeinflusst meine politische Bildung. Anfangs informierte ich mich über TikTok, inzwischen vor allem über Podcasts oder Dokumentationen auf Youtube. Social Media spielt eine zunehmende Rolle für junge Menschen, die politisch aktiver werden. Wie stark der Einfluss sein kann, zeigt die Aktion “Women For Change” in Südafrika: Durch lila Profilbilder wurde Aufmerksamkeit auf die Femizide im Land gelenkt1, sodass sich der Präsident äußern musste2. Auch wenn dadurch das Problem nicht gelöst wurde, zeigt es, dass digitale Sichtbarkeit Veränderungsprozesse anstoßen kann.

Social Media hat jedoch auch problematische Seiten, besonders im Hinblick auf Radikalisierung. Man sieht oft nur Inhalte, die das eigene Weltbild bestätigen3. Deshalb ist es wichtig, sich bewusst und aktiv zu informieren, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Quellen zu prüfen. Informationen verbreiten sich online sehr schnell, oft ohne journalistische Überprüfung, wodurch Falschinformationen entstehen können. Gleichzeitig bietet diese Offenheit auch Chancen: Menschen können Inhalte teilen, die in klassischen Medien kaum vorkommen4. Das zeigt sich beispielsweise in Nepal. Dort versuchte die Regierung, durch einen Internet-Shutdown Proteste zu unterdrücken. Das Ziel war es, Kommunikation zu erschweren und die Möglichkeit zu verringern, sich zu organisieren. Dieser Versuch scheiterte jedoch, und die Proteste entwickelten sich weiter, bis schließlich die Regierung stürzte5. Dieses Beispiel zeigt, wie bedeutend Informationszugang ist und wie stark politische Machtverhältnisse davon beeinflusst werden können.

Solche Ereignisse machen mir bewusst, welches Privileg es ist, als weiße deutsche Frau aufzuwachsen. Ich müsste mich nicht mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigen, da ich finanziell abgesichert bin und von vielen Entwicklungen nicht direkt betroffen wäre. Viele Menschen in meinem Umfeld tun das auch nicht, was ich nachvollziehen kann, denn die Weltlage ist belastend. Besonders in der Generation Z gibt es eine starke Zukunftsunsicherheit, sowohl finanziell als auch aufgrund des Klimawandels und der Frage, wie ein gutes Leben in Zukunft aussehen kann6. Im Vergleich zu früheren Generationen, die mit wirtschaftlicher Stabilität und politischer Sicherheit aufwachsen7, erleben viele junge Menschen heute Unsicherheiten, und manche schützen sich, indem sie sich weniger mit Politik befassen. Auch in meinem Umfeld fällt mir das auf.

Bei mir ist das jedoch anders. Ich weiß, dass ich privilegiert bin, weil ich entscheiden kann, ob und wofür ich mich engagiere. Andere Menschen haben diese Wahl nicht. Sie sind gezwungen, sich mit politischen Entwicklungen auseinanderzusetzen, weil diese ihr Leben beeinflussen. Teilweise kann ich dieses Gefühl nachvollziehen, denn auch in Deutschland erleben Frauen Diskriminierungen und Gewalt. Dennoch unterscheidet sich meine Situation von denen vieler Frauen weltweit, wie etwa einer Schwarzen Mutter in den USA, die sowohl von Abtreibungsverbot betroffen ist8 als auch Rassismus erlebt. Ihr Leben unterscheidet sich stark von meinem.

Ich bezeichne mich als Feministin, weil meine eigenen Erfahrungen mich geprägt haben. Dabei geht es mir nicht nur um meine eigene Gleichberechtigung, sondern darum, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben sollten. Ein intersektionaler Ansatz ist mir wichtig, weil er anerkennt, dass Menschen je nach Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe oder sozialer Position unterschiedliche Formen der Diskriminierung erleben9.

Deshalb bilde ich mich weiter, setze mich mit verschiedenen Lebensrealitäten auseinander und informiere Menschen in meinem Umfeld. In Zukunft möchte ich Politikwissenschaften studieren, um gesellschaftliche Strukturen noch besser zu verstehen. Außerdem möchte ich bei “Demokratie und Courage” mitarbeiten und Schüler*innen demokratische Grundhaltungen näherbringen, um Hass und Hetze entgegenzuwirken. Ich bin überzeugt, dass politische Beteiligung notwendig ist, weil Politik alle betrifft. Die Vorstellung, Politik ginge einem nichts an, ist ein Ausdruck von Privilegien, aber sie ist falsch. Demokratie muss geschützt werden, und dafür braucht es Engagement.

Politisches Handeln muss nicht groß sein. Schon kleine Schritte können etwas bewirken: sich informieren, Quellen prüfen, wählen gehen oder im Alltag widersprechen, wenn diskriminierende Aussagen gemacht werden. Solches Verhalten stärkt demokratische Werte und zeigt Verantwortung.


Quellen

  1. Hollweck, Stefanie. „Lila Profilbilder: Der G20-Protest gegen Gewalt an Frauen.” Sonntagsblatt, 21 November 2025.
  2. BBC. “South Africa declares gender violence a national disaster after protests.” 21 November 2025.
  3. Wawrzyniak, Jessica. “Radikalisierung im Netz.” digital check nrw, 2025.
  4. Ubga, Abel. “Bürgerjournalismus.” Deutsche Journalisten Akademie, 2024.
  5. Ng, Kelly. “Social media ban lifted after protests.” BBC, 2025.
  6. Hampel, Kilian. “Jugendstudie: Gen Z ist verunsichert.” WDR, 2024.
  7. Burkhardt, Steffi. “Generationen Überblick.” BerlinerTeam.
  8. Kathe, Sandra. “Abtreibungsgesetze USA.” Frankfurter Rundschau, 2025.
  9. UN Women Deutschland. “Was ist intersektionaler Feminismus?” 2020.