Story von Stephanie Meichsner-Eschborn

Stories Story von Stephanie Meichsner-Eschborn Eine persönliche Perspektive von Stephanie Meichsner-Eschborn Eine persönliche Perspektive von Stephanie Meichsner-Eschborn Stephanie Meichsner-Eschborn – Projektleitung von SINN – Zukunftsplattform für soziale Innovationen Sachsen – über die Herausforderungen und Hoffnungen des Engagements im ländlichen Sachsen. Einmischen im Gegenwind – Lokales Engagement als Antwort auf gesellschaftliche Brüche Es gibt Tage, an denen ich denke: Man kann kaum noch das Steuer halten und die eigene Kraft wird nie genug sein. Zu viele Konflikte, zu viel Polarisierung, zu viele Stimmen, die sich gegenseitig übertönen, anstatt zuzuhören. Aber dann begegne ich wieder einem dieser Menschen – einem Menschen, der mit Energie, Wärme und Kreativität einen Ort des Zusammenhalts schafft. Vielleicht ist es ein Dorftreff, ein Veranstaltungsraum im ehemaligen Bahnhofsgebäude, ein Jugendprojekt in einer sächsischen Kleinstadt. Dann weiß ich wieder, warum ich mich engagiere. Und warum Aufgeben keine Option ist. Die Realität vor Ort – zwischen Polarisierung und Hoffnung Ich lebe seit einiger Zeit im ländlichen Raum Sachsens. Hier wird vieles sichtbarer, was auf gesellschaftlicher Ebene oft abstrakt bleibt: Politikverdrossenheit, Rückzug ins Persönliche,  Frust und die Angst, abgehängt zu werden. Zugleich sehe ich, wie stark gerade hier das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist – aber auch, wie schwer es geworden ist, Menschen zu erreichen. Die Wege zu analogen Begegnungsorten sind oft weit, die ländliche Infrastruktur lückenhaft und es braucht Motivation, das eigene Heim zu verlassen. Und im digitalen Raum? Dort dominieren oft Lautstärke, Vereinfachung und Empörung. Wer sucht, findet im Netz fast immer eine Bestätigung der eigenen Sicht – nicht unbedingt einen Dialog. Demokratiefeindliche Kräfte wissen das längst: Sie nutzen Social Media gezielt, plakativ und leider sehr erfolgreich. Sie sprechen die Sprache der Vereinfachung in einer komplexen Welt – und das wirkt. Das Problem: Die einfachen Lösungen sind ungeeignet, nicht umsetzbar und oft menschen- und demokratiefeindlich. Für differenzierte Stimmen, für Dialog, für Grautöne ist kaum Platz. Es ist schwer, in diesem Umfeld Menschen zu erreichen, Desinformation zu begegnen und für den zwingenden Erhalt demokratischer Werte zu sensibilisieren.  Und doch erlebe ich nahezu täglich auch andere Bilder. Ich habe das große Glück, in meiner Arbeit als Projektleiterin für SINN Sachsen, unzählige Menschen kennenzulernen, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen. Menschen, die mutig analoge und digitale Räume schaffen, wo andere sich zurückziehen. Die zuhören, vernetzen und Verantwortung übernehmen. Die an der Demokratie festhalten – auch wenn sie es gerade schwer hat. Lokale Initiativen als demokratische Lernorte Neben wichtigen digitalen Initiativen sind es besonders die lokalen analogen Initiativen, die Hoffnung machen. Hier entstehen echte Begegnungen, jenseits von Algorithmen und Filterblasen. Ich denke an den Kulturbahnhof Leisnig, wo aus einem leerstehenden Gebäude ein lebendiger Ort für Austausch, Kultur und Teilhabe wurde. Oder an das Haus der Sozialen Vielfalt in Leipzig, das als Vermittler zwischen Migrant:innen und der Mehrheitsbevölkerung Bildungsangebote entwickelt, Begegnungsräume schafft und Demokratieförderung vorantreibt. Oder das Treibhaus in Döbeln, das seit Jahren mit Veranstaltungen, Bildungsarbeit und Jugendprojekten zeigt, wie demokratisches Engagement aussehen und gelingen kann. Diese Orte sind mehr als Projekte. Sie sind Gegenentwürfe zur Entfremdung und zeigen, wie Beteiligung funktioniert: gemeinsam etwas gestalten, zuhören, Konflikte aushalten, Verantwortung übernehmen. Sie sind „Lernorte der Demokratie“, weil sie erfahrbar machen, was unsere Gesellschaft langfristig trägt: Zusammenhalt, Teilhabe und Mitgestaltung. Dort kann man Menschen treffen, die uns möglicherweise aus unserer gedanklichen Komfortzone locken. Dort kann man Toleranz kennen- und Diversität schätzen lernen. Andere Sichtweisen und Meinungen aushalten. Andere Kulturen treffen. Gemeinsam schaffen und erleben. Aber sie sind auch verletzlich. Sie hängen oft an einem kleinen Kreis aus Engagierten, an unsicheren Förderstrukturen, an politischem Rückhalt, der nicht immer gegeben ist. Es braucht Mut, solche Räume zu halten. Und es braucht Unterstützung. Das können verschiedenste Dinge sein: Räume, finanzielle Mittel, handwerkliche Leistungen, kreative Ideen für Angebote, Kuchen für einen Kuchenbasar, der Spenden generiert. Unsere Demokratie braucht Engagement. Denn unsere Demokratie ist nichts, das wir einfach „haben“ und das ganz selbstverständlich für immer bleibt – sie ist etwas, das man immer wieder herstellen muss, kein Zustand, sondern ein andauernder Prozess. Sie lebt davon, dass wir miteinander im Gespräch bleiben – auch wenn es unbequem ist. Dass wir Differenzen aushalten, ohne einander abzuwerten. Und dass wir uns einmischen, auch wenn es leichter wäre, sich zurückzuziehen.  In vielen Gesprächen, Workshops und Projekten erlebe ich, wie schwer das geworden ist – und wie wertvoll. Ich habe gelernt, dass Zuhören ein politischer Akt ist und dass Konflikte nicht das Ende von Dialog sind, sondern oft dessen Anfang. Unsere Gesellschaft ist im Wandel. Das ist anstrengend und ungemütlich, aber eben auch notwendig. Wir können sie gemeinsam demokratisch, tolerant und weltoffen gestalten. Es sind nicht nur „die großen Debatten“, die unsere Demokratie tragen. Es sind die vielen kleinen, konkreten Begegnungen und die Menschen, die sie möglich machen. Sie sind mein Grund, engagiert zu bleiben. Ich sehe, wie Ideen entstehen und wie Menschen sich einbringen – oft leise, aber mit großer Wirkung. Es muss nicht perfekt sein, kein riesiges Vorhaben, keine große Kampagne. Viel wichtiger sind der Mut und die Bereitschaft, sich einzubringen. Wir brauchen mehr Menschen, die sich mit Herz und guter Laune engagieren. Wer sich umsieht, findet sie: die vielen Initiativen, Gruppen und Orte, die gute Beispiele sind, an denen man sich orientieren oder bei denen man sich beteiligen kann.   Stephanie Meichsner-Eschborn Projektleitung SINN – Zukunftsplattform für soziale Innovationen Sachsen weitere Stories

Story von Stephanie Meichsner-Eschborn Weiterlesen »