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Demokratie im digitalen Zeitalter: Interaktion auf Social-Media-Plattformen

Ximena Villafaña Servín | Fachkraft für Internationale Beziehungen und Global Studies Eine persönliche Perspektive von Ximena Villafaña Servín, Absolventin in Internationalen Beziehungen und Global Studies über Debattenkultur auf den sozialen Medien, selbsternannte Expert*innen und über die Bedeutung von Einfühlungsvermögen, um einander wieder besser zuzuhören. Nachdem ich sechs Jahre lang meinen Bachelor in Internationalen Beziehungen und meinen Master in Global Studies absolviert habe, erstaunt es mich immer wieder, dass online so viele Menschen Expert*innen für globale Angelegenheiten zu sein scheinen. Einerseits ist es sehr inspirierend zu sehen, wie viele Menschen sich politisch engagieren und erkennen, wie sehr diese Themen tatsächlich unser aller Alltag beeinflussen. Dass Menschen so diskutierfreudig miteinander in Dialog treten und andere dazu ermutigen, ist erst einmal erfreulich. Wie Jürgen Habermas feststellte, bauen Gesellschaften Demokratie auf und bleiben durch einen offenen, rationalen Dialog demokratisch1. Andererseits ist das Ausmaß an Hass, Falschinformationen, Ignoranz und Gleichgültigkeit, das man auf Social-Media-Plattformen vorfindet, besorgniserregend und natürlich antidemokratisch. Die Leute schätzen den Zugang zu Plattformen, auf denen sie sich äußern können und gelesen und gehört werden, aber sie sind nicht immer bereit, einander zuzuhören und voneinander zu lernen. Viele Menschen möchten sich am politischen Dialog beteiligen, ohne das Hintergrundwissen, um die Debatte lösungsorientiert voranzutreiben. Oft findet man schockierende Kommentarspalten, in denen Menschen Ideen verteidigen, die sie selbst nicht richtig verstehen – entweder mit Argumenten, die sie von anderen übernommen haben und ohne ihre Aussagen durch Quellen oder Beweisführung zu untermauern. Letzteres lässt zweifeln, inwiefern Nutzende sich mit den Themen, mit denen sie online konfrontiert sind, tatsächlich auseinandersetzen und darüber Bescheid wissen. Uns allen steht unbegrenzter Zugang zu Informationen offen, und doch reicht unsere Aufmerksamkeitsspanne nicht über drei Zeilen hinaus und wir sind bereit, Meinungen zu äußern, bevor diese richtig fundiert und abgewogen sind. Die sozialen Medien ermöglichen uns, hier und da ein bisschen von allem zu erfahren, aber sie haben uns auch ziemlich bequem und etwas apathisch gemacht. Manche lesen vielleicht Nachrichten und nehmen sich jeden Tag zumindest ein paar Minuten Zeit, um verschiedene Perspektiven kennenzulernen und das Gelesene sowie dessen Bedeutung zu hinterfragen. Aber ehrlich gesagt reicht das nicht wirklich aus, um sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen, aktive Teilnehmende und Akteure des Wandels in unseren Gesellschaften zu sein. Reine Provokation auf Facebook oder TikTok über Altersgruppen hinweg trägt nicht zur Stärkung der Demokratie bei. Wer hätte das gedacht? Auch wenn es einfacher und schneller ist, sich ein zweiminütiges TikTok-Video anzusehen, das versucht, komplexe philosophische Konzepte zu erklären, ist dies nicht vergleichbar damit, sich tatsächlich in die Literatur zur politischen Philosophie zu vertiefen und diese mit aktuellen Ereignissen weltweit in Verbindung zu bringen. Leider haben nicht alle Zugang zu dieser Literatur, was jedoch nicht bedeutet, dass diese Menschen unwürdig oder nicht in der Lage wären, sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen. Dies sollte für alle zugänglich sein, da wir alle in Gesellschaften leben, in denen wir das Leben auf vielfältige Weise erleben – was uns unweigerlich mit Erfahrungen bereichert, durch die wir anderen etwas über Demokratie vermitteln können. Man braucht keinen Doktortitel in Sozialwissenschaften, um darüber nachzudenken, wie sich Demokratie – und deren Fehlen – auf unseren Alltag auswirkt. Es erfordert jedoch die Fähigkeit zum kritischen Denken und einen menschenwürdigen Umgang miteinander. Damit meine ich Empathie und Verständnis für die Sichtweisen anderer Menschen. Nur weil mein Leben und Erleben in bestimmten Bahnen verlaufen, macht das die Erfahrungen anderer nicht ungültig. Obwohl soziale Medien es uns ermöglichen, die Welt mehr denn je aus der Perspektive anderer Menschen zu betrachten, fällt es uns paradoxerweise immer noch schwer, das Leben jenseits unseres eigenen persönlichen Kontexts zu verstehen. Jemand kann versuchen, mit stichhaltigen Argumenten und Überlegungen einen Dialog zu führen, doch wenn eine andere Person nur daran interessiert ist, ihre eigene Denkweise durchzusetzen oder eine externe Agenda vertritt, unter deren Einfluss sie selbst geraten ist, sind die Chancen, etwas voneinander zu lernen und eine Situation aus einer breiteren Perspektive zu verstehen, eher gering. Für mich persönlich war es ziemlich entmutigend zu sehen, wie wenig Interesse viele Menschen daran haben, sich tatsächlich Wissen anzueignen. Stattdessen drängen sie anderen aggressiv ihre eigenen Vorstellungen auf – ganz gleich, wie tiefgreifend sie das, was sie äußern, (miss)verstehen –, was uns immer weiter von demokratischen Praktiken entfernt. Es ist mittlerweile unglaublich einfach geworden, andere Menschen und ihre Erfahrungen über Social-Media-Plattformen herabzuwürdigen und zu missachten. Trotz des Zugangs zu Ressourcen, Informationen und Wissen machen es soziale Medien auch viel leichter, einander misszuverstehen und zu entwerten. Wie Kurt Vonnegut einmal in seinem Roman „Die Sirenen von Titan“ schrieb: „[…] but the universe is an awfully big place. There is room enough for an awful lot of people to be right about things and still not agree“2. (z. Dt.: Aber das Universum ist ein furchtbar großer Ort. Es gibt genug Platz dafür, dass sehr viele Menschen in bestimmten Dingen Recht haben und sich dennoch nicht einig sind.) Universelle objektive Wahrheiten mögen sich dem menschlichen Verständnis entziehen, doch was nicht unerreichbar ist, ist grundlegendes menschliches Einfühlungsvermögen. Wir sind vielleicht nicht immer einer Meinung, aber wir können immer miteinander reden und begreifen, dass wir manchmal etwas nicht verstehen – und das ist in Ordnung. Man muss etwas nicht immer verstehen, um es zu respektieren. Wie der berühmte Satz sagt: „Die Freiheit des einen endet dort, wo die des anderen beginnt.“ Es geht nicht darum, dass alle einer Meinung sein müssen, sondern vielmehr darum, menschliche Perspektiven in ihrer Vielfalt gleich wertzuschätzen. Wenn die eigenen Meinungen die Rechte oder Freiheiten anderer verletzen, handelt es sich nicht mehr um eine Meinung. Soziale Medien ermöglichen es uns, uns frei zu äußern, aber inwieweit wird diese Freiheit als Freibrief missverstanden, über Themen zu sprechen, die wir nicht einmal zu verstehen versuchen? Dies untergräbt demokratische Praktiken, die uns eigentlich verbinden und die Demokratie weltweit stärken sollten.   EU Knowledge Hub on Prevention of Radicalisation. (2026). Remembering the words of Jürgen Habermas – and why dialogue still matters. Facebook. Vonnegut, K. (1959). The Sirens of Titan. Dial Press Trade Paperback. Finck, Liana. (2026). Liana Finck Official Website. weitere Stories Stories Die Bühne ist

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Die Bühne ist offen, aber wer traut sich hinauf?  – Fragerunden als Spiegel demokratischer Teilhabe

Jakob | Soziologe Eine persönliche Perspektive von Jakob aus der soziologischen Forschung über Podiumsdiskussionen, soziale Bühnen und den Unterschied zwischen formaler Offenheit und tatsächlicher Teilhabegerechtigkeit. Sowie die Frage, warum Demokratie mehr braucht als eine Einladung zum Mitreden. Die Moderation bedankt sich bei allen Teilnehmenden der Podiumsdiskussion, dann wird die Fragerunde für das Publikum geöffnet. Meistens herrscht erst für ein paar Sekunden Ruhe, in anderen Momenten überträgt sich eine angespannte, kontroverse Debatte auch in viele eifrige Meldungen. Jetzt sollen alle die Möglichkeit haben, ihre eigenen Erfahrungen zu teilen und die Politiker*innen oder Expert*innen mit ihren eigenen Meinungen zu konfrontieren. Schon seit meiner frühen Jugend befand ich mich oft in der Situation, über eine mögliche Frage oder einen Beitrag nachzudenken. Je älter ich wurde, desto häufiger traute ich mich auch, in ein mir in die Hand gegebenes Mikrofon zu sprechen. Rückblickend kann die Situation der Fragerunde, die wahrscheinlich viele Menschen kennen, auch für etwas viel Größeres stehen: unsere Gesellschaft selbst. Der Soziologe Erving Goffman hat soziale Situationen einmal mit einem Theater verglichen. Dabei beschreibt er diese Situationen als Bühne, auf der Rollen verteilt sind, mit einem Publikum hier und Sprechenden dort, und mit Regeln, die selten ausgesprochen, aber von fast allen befolgt werden1. Was sich in diesen wenigen Minuten der Fragerunde abspielt, ist deshalb mehr als eine Randnotiz des Abends. Es ist ein kleines Abbild dessen, wie Teilhabe in unserer Gesellschaft insgesamt funktioniert. Formal ist die Bühne für alle offen. Jede*r darf das Mikrofon ergreifen, jede*r darf fragen. Und doch tun es meistens nur wenige. Die Philosophin Nancy Fraser hat für genau diese Kluft einen Begriff geprägt2: Sie unterscheidet zwischen einer formal offenen Öffentlichkeit und tatsächlicher Teilhabegerechtigkeit, also der Frage, ob Menschen nicht nur eingeladen werden, sondern auch wirklich in der Lage sind, gleichberechtigt mitzureden. Genau diese Lücke ist es, die mich an den Fragerunden interessiert. Woher kommt dieser Unterschied? Diese Frage begleitet mich nicht nur als jemanden, der selbst oft genug im Publikum gesessen hat, sondern auch als forschenden Soziologen. In meinem Studium habe ich gelernt, gerade an solchen Stellen genauer hinzusehen: Dort, wo etwas selbstverständlich erscheint, obwohl es das eigentlich nicht ist. Fragerunden wirken meistens offen, demokratisch und einladend. Aber wenn ich ehrlich bin, ertappe ich mich auch heute noch oft dabei, wie ich abwäge, ob sich mein Beitrag lohnt, ob meine Frage klug genug klingt oder ob ich in diesem Moment überhaupt das Recht habe, das Mikrofon zu nehmen. Genau hier trennt sich die formale von der tatsächlichen Teilhabe. Formal ist die Einladung an alle gleich: dasselbe Mikrofon, dieselbe Redezeit, dasselbe Recht auf eine Frage. Tatsächlich wird sie aber sehr ungleich genutzt, was selten mit fehlendem Interesse zu tun hat. Der Soziologe Pierre Bourdieu würde stattdessen vermutlich von kulturellem Kapital sprechen: von der Übung, den Vorbildern als junger Mensch, dem eingeübten Gefühl, dass man in einer solchen Situation sprechen darf und kann3. Aber auch von dem “richtigen” Vokabular und den passenden, an die Rolle angelehnten Verhaltensregeln. Wer in der Jugend selten erlebt hat, dass die eigene Meinung zählt, wer nie gesehen hat, dass Menschen mit den gleichen Hintergründen das Mikrofon in die Hand nehmen, für den ist der Schritt von der Zuschauer*innen- in die Sprecher*innenrolle ungleich größer als für jemanden, der genau das schon oft eingeübt hat. Es geht dabei aber nicht nur darum, ob man sich traut, sondern auch, wie man sprechen darf, wenn man es tut. Die Philosophin Iris Marion Young hat kritisiert, dass viele demokratische Formate stillschweigend eine bestimmte Art zu sprechen bevorzugen: sachlich, argumentativ, distanziert4. Wer eher erzählt statt argumentiert, wer emotional statt nüchtern spricht, läuft Gefahr, nicht als “legitimer” Redebeitrag wahrgenommen zu werden, selbst wenn das Mikrofon längst in der Hand liegt. Aus meiner eigenen Forschung kenne ich diese Kluft nur zu gut. Dort nennt man sie nur anders. Auch in der Wissenschaft gibt es die Frage, wer denn eigentlich antwortet, wenn gefragt wird. Wer nimmt an Umfragen teil, wer lässt sich auf ein Interview ein, in welche Milieus dringt man mit seiner Forschung überhaupt vor? Der Wissenschaftssoziologe Thomas Gieryn beschreibt zum Beispiel, wie ständig neu verhandelt wird, wer als legitime Stimme in der Wissensproduktion gilt und wer nicht, ein Prozess, den er “boundary work”, also “(Ab-)Grenzarbeit” nennt5. Citizen Science, also Formate, in denen Bürger*innen selbst an Forschung mitwirken, gilt als vielversprechende Idee, Wissenschaft und Gesellschaft näher zusammenzubringen. Doch auch hier zeigt sich oft dasselbe Muster wie bei der Fragerunde: Erreicht werden vor allem die, die ohnehin schon wissen, dass ihre Beteiligung erwünscht und ihre Stimme relevant ist. Wer sich für Wissenschaft ohnehin schon interessiert, findet den Weg in solche Projekte. Wer sich davon ausgeschlossen fühlt, bleibt eher fern. Diese Erkenntnis stellt auch mich selbst, beziehungsweise jegliche demokratische Arbeit, infrage. Wenn Teilhabe nicht allein durch offene Formate entsteht, sondern von Übung, Vorbildern und dem Gefühl abhängt, gemeint zu sein, dann reicht es nicht, eine Bühne zu öffnen und zu hoffen, dass sich alle gleichermaßen angesprochen fühlen. Auch ich merke immer wieder, wie leicht man selbst zu denen gehört, die eine solche Bühne mitgestalten, ohne zu bemerken, wie unzugänglich sie für andere wirken kann. Der Soziologe und Linguist Basil Bernstein hat schon in den 1970er-Jahren gezeigt, dass Bildungssprache, also der sogenannte elaborierte Code, vor allem denjenigen leicht fällt, die in einem entsprechenden Milieu aufgewachsen sind, während sie für andere eine echte Hürde bedeutet6. Bei öffentlichen Veranstaltungen erlebe ich das oft: Man spricht über Teilhabe, über Zugänglichkeit, über Demokratie und erreicht damit doch meist ein Publikum, das ohnehin schon gebildet, ohnehin schon bürgerlich, ohnehin schon überzeugt ist. Der Anspruch, für alle verständlich zu sein, und die tatsächliche Sprache, die man spricht, klaffen auseinander – bei mir genauso wie bei der Bühne, von der ich eingangs erzählt habe. Der soziologische Blick und meine Forschung helfen mir, solche Muster überhaupt erst zu erkennen. Sie schützen mich aber nicht davor, sie selbst mitzutragen. Was helfen kann, diese Kluft wenigstens ein Stück zu verkleinern, ist aktiv auf Menschen zuzugehen, statt zu warten, dass sie von selbst kommen. Es geht darum, beispielsweise Citizen-Science-Formate so zu gestalten, dass sie nicht nur

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Das Internet als Ort der Meinungsfreiheit: Die Bedeutung sozialer Medien für demokratische Bewegungen im Iran

Alireza | Student Eine persönliche Perspektive von Alireza über die politische Sozialisation im Iran und die Rolle sozialer Medien für Aktivismus, Informationszugang und demokratische Bewegungen.  Wenn ich früher über Demokratie nachdachte – sei es als Wort oder als Konzept –, kam sie mir zu abstrakt und unrealistisch vor. Der Grund dafür waren einfach die verschiedenen Situationen, die sich im Iran, dem Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, ständig abspielten. Aber das war nur bis vor ein paar Jahren so, als ich nach Deutschland zog; durch verschiedene Erfahrungen hat sich meine Sichtweise drastisch verändert. Auch mein Umfeld und die Familie, in der ich aufgewachsen bin, haben mich immer davon abgehalten, mich politisch zu engagieren – nicht, weil sie kein Interesse daran hatten (ganz im Gegenteil: Wir glauben, dass Politik ein untrennbarer Teil unseres Lebens ist), sondern weil sie um meine eigene Sicherheit besorgt waren. Keine Form von Demonstration oder politischem Protest ist erlaubt (obwohl es laut Gesetz ein grundlegendes demokratisches Recht der Menschen ist); Meinungsfreiheit ist lediglich ein Mythos, und die Gefängnisse sind voll von Journalisten, Aktivisten und Schriftstellern, die versucht haben, Veränderungen herbeizuführen. Es versteht sich von selbst, dass die offiziellen Kommunikationskanäle und die politischen sowie gesellschaftlichen Narrative – wie Fernsehsendungen und Nachrichtenagenturen – von der Regierung und den Behörden streng kontrolliert, überwacht und zensiert werden. Ich glaube, ich war etwa 14 Jahre alt, als ich anfing, viele Aspekte des modernen menschlichen Lebens zu hinterfragen, darüber mit meinen Freunden zu diskutieren und online oder in Büchern über die Welt um mich herum zu lesen. Wir waren auch die erste Generation in meinem Land, die größtenteils in virtuellen Umgebungen aufwuchs – wie Online-Foren, persönlichen Blogs und Facebook –, in denen politische Diskussionen stattfinden konnten. Dort begegnete ich zum ersten Mal dem digitalen Aktivismus, da es im realen Leben keine politischen Aktivitäten gab. Außerdem hatten wir natürlich den Vorteil, über das Internet Zugang zu einer riesigen Menge an Informationen zu haben, was sich in diesem Alter größtenteils auf Wikipedia und die Websites lokaler Nachrichtenagenturen beschränkte. Und anders als heute war das Internet insgesamt – ganz zu schweigen von den sozialen Medien – weniger überwältigend, und wir waren uns noch bewusst, dass Informationen nicht immer zuverlässig waren; deshalb haben wir sie anhand verschiedener Quellen – nicht unbedingt online – noch einmal überprüft. Diese Situation hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Mit der Zeit begann die Regierung, die Auswirkungen der sozialen Medien zu erkennen, und obwohl verschiedene Social-Media-Apps verboten wurden, versuchte das iranische Volk stets, einen Weg zu finden, sie zu nutzen, um miteinander zu kommunizieren und Themen zu diskutieren. Kaum jemand, nicht einmal die ältere Generation, folgte noch der offiziellen Darstellung und den offiziellen Nachrichten; stattdessen wurde jeder Bürger zum eigenständigen Journalisten, der Ereignisse, Vorfälle und Probleme aus erster Hand auf seinen persönlichen Konten bei Instagram, X (Twitter) und Telegram berichtete – meist aus offensichtlichen Gründen anonym. Diese wachsende Tendenz, sich auf soziale Medien als primäre, verlässliche Quelle für Informationen und Nachrichten zu verlassen, hat natürlich ihre eigenen Vor- und Nachteile, und das zeigte sich deutlich bei den großen landesweiten Protesten, die hauptsächlich 2009 begannen, sich 2017 und 2019 fortsetzten und auf die 2022 die weltweit anerkannte „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung folgte. Damals wurde mir klar, welche entscheidende Rolle soziale Medien als Medium zur Sensibilisierung und zum Meinungsaustausch in politischen und gesellschaftlichen Debatten spielen. Denn sie erreichen eine weitaus größere Zahl von Menschen, nicht nur innerhalb der Landesgrenzen, sondern in jedem Winkel der Welt. Alle wurden neugierig und begannen, die Bewegung zu hinterfragen und zu unterstützen, deren Hauptforderung ein grundlegendes Menschenrecht war: Demokratie. Diese Anerkennung der Bewegung wäre ohne die Bemühungen mutiger Menschen nicht möglich gewesen, die ihr Leben und ihre Sicherheit riskierten, um an den Protestorten Videos aufzunehmen und Fotos zu machen, über die Ereignisse zu berichten, die Lage in ihrer Stadt und ihrem Viertel zu beschreiben und dieses Material an Medien und Nachrichtenagenturen außerhalb des Landes oder an unabhängige Journalisten zu senden, die auf verschiedenen Social-Media-Plattformen aktiv waren. Eines der Hauptmerkmale dieser Bewegung war auch, dass ihre Teilnehmer*innen größtenteils Teenager und junge Menschen der Generation Z waren, die es verstanden, einen Trend zu setzen, um das Bewusstsein zu schärfen und andere dazu zu motivieren, zumindest einmal tiefer über die anhaltende Krise nachzudenken. Sie verfügten im Vergleich zu ähnlichen früheren Bewegungen über eine bessere digitale Kompetenz und ließen sich nicht so leicht von Fake News täuschen. Ich glaube jedoch, dass während der Bewegung immer noch eine Menge Fehlinformationen und Fake News im Umlauf waren; dies lag zum Teil an den Aktionen der „Cyberarmee“ der Regierung, die darauf abzielte, die Menschen zu entmutigen, abzulenken oder die Fakten zu verzerren, und zum Teil an denjenigen mit geringerer digitaler Kompetenz – darunter auch ältere Menschen –, die die Fehlinformationen unwissentlich weitergaben. Ein weiterer Faktor, der eine wichtige Rolle spielte, war die Beteiligung von im Ausland lebenden Iranern, die versuchten, der Stimme des iranischen Volkes auf der internationalen Bühne mehr Gehör zu verschaffen und gleichzeitig weltweit Veranstaltungen und Proteste zu organisieren – insbesondere als es im Iran mehrere Tage lang zu einer vollständigen Internetabschaltung kam – was bereits 2019 eine Woche lang geschehen war – und der freie Informationsfluss unterbrochen war. Zwar war es wichtig, auf dem Laufenden zu bleiben und andere über die Lage im Iran zu informieren, doch stieg damit auch die Wahrscheinlichkeit, Fake News ausgesetzt zu sein, da die Nachrichten hauptsächlich aus größeren Städten kamen und nicht alle davon überprüft werden konnten. Ich persönlich habe auch versucht, keine Nachrichten, auf die ich stieß, vorschnell zu teilen, bevor ich sie anhand verschiedener Quellen überprüfen konnte. So habe ich gelernt, mich in digitalen Räumen zu verhalten – etwas, das mir leider nicht in der Schule beigebracht wurde, sondern durch eigenes Ausprobieren oder durch das Beobachten der Erfahrungen meiner Gleichaltrigen. Ein weiterer Punkt, der in solchen Situationen Sorge bereitet, ist die Frage, wie globale Nachrichtenagenturen und Behörden die Nachrichten aufnehmen, interpretieren und darauf reagieren. Erwähnenswert ist hier die virale Verbreitung von Fake News und irreführenden Informationen, die auf jeder Social-Media-Plattform zu finden

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Medienkompetenz als demokratische Zukunftskompetenz – Erfahrungen aus der Projektarbeit in Sachsen

Doreen Siegmund I Projektleitung MedienDemokratieHub Eine persönliche Perspektive von Doreen Siegmund aus der Projektarbeit des MedienDemokratieHub in Sachsen über Desinformation, Künstliche Intelligenz und die Frage, warum Medienkompetenz zu den wichtigsten demokratischen Kompetenzen unserer Zeit gehört.  „Aber wenn inzwischen sogar Videos und Stimmen gefälscht werden können – woher soll ich dann überhaupt noch wissen, was wahr ist?“ Diese Frage stellte mir ein junger Mensch während eines Workshops zu Künstlicher Intelligenz, Deepfakes und Desinformation. Der Raum wurde für einen Moment still. Denn die Frage war nicht provokativ gemeint. Sie war Ausdruck einer echten Verunsicherung – einer Verunsicherung, die ich in meiner Arbeit als Projektleiterin des MedienDemokratieHub in Sachsen immer häufiger beobachte. Seit mehreren Jahren konzipiere und leite ich Workshops, Fortbildungen und Dialogformate zu Medienkompetenz, digitaler Teilhabe und demokratischer Bildung. Dabei arbeite ich mit Jugendlichen, Lehrkräften, Fachkräften der Jugendarbeit sowie zivilgesellschaftlichen Akteur*innen in ganz Sachsen. Die Themen reichen von Desinformation und algorithmischen Empfehlungssystemen über Künstliche Intelligenz und Deepfakes bis hin zu digitaler Partizipation und demokratischen Diskursen im Netz. In diesem Zusammenhang geht es nur auf den ersten Blick um digitale Technologien. Tatsächlich sprechen wir über grundlegende gesellschaftliche Fragen: Wem vertrauen wir? Wie bilden wir unsere Meinung? Welche Verantwortung tragen wir für die Informationen, die wir teilen? Und wie kann demokratische Teilhabe in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft gelingen? Die Antworten auf diese Fragen sind heute dringender denn je. Junge Menschen wachsen in einer Welt auf, die stärker digitalisiert, vernetzter und informationsintensiver ist als jede Generation zuvor. Sie kommunizieren, lernen, informieren sich, organisieren soziale Beziehungen und entwickeln politische Haltungen in digitalen Räumen. Gleichzeitig erleben wir, dass viele dieser Räume von wirtschaftlichen Interessen, algorithmischen Strukturen und einer immer schnelleren Verbreitung von Informationen – und Desinformationen – geprägt sind. In meiner Arbeit habe ich häufig den Eindruck, dass wir von jungen Menschen erwarten, sich selbstverständlich und kompetent in dieser komplexen digitalen Welt zu bewegen, ohne ihnen die notwendigen Werkzeuge dafür ausreichend zur Verfügung zu stellen. Oft beschreibe ich dies mit einem einfachen Bild: Junge Menschen fahren täglich durch digitale Welten, ohne jemals einen Führerschein dafür gemacht zu haben. Dabei geht es nicht darum, digitale Medien grundsätzlich zu kritisieren oder als Gefahr darzustellen. Im Gegenteil. Die pauschale Verteufelung digitaler Medien hilft jungen Menschen nicht weiter. Sie leben bereits in dieser Welt. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob sie digitale Medien nutzen, sondern wie sie lernen können, diese kompetent, kritisch, kreativ und selbstbestimmt zu nutzen. Genau hier setzt die Arbeit des MedienDemokratieHub an. In unseren Workshops vermitteln wir nicht nur technische Fähigkeiten oder Faktenwissen. Wir schaffen Räume für Reflexion, Diskussion und gemeinsames Lernen. Wenn wir mit Jugendlichen über TikTok sprechen, analysieren wir nicht nur die Plattform selbst, sondern auch die Funktionsweise von Algorithmen, die Auswirkungen von Filterblasen und die Mechanismen digitaler Aufmerksamkeit. Wenn wir Deepfakes thematisieren, sprechen wir nicht nur über manipulierte Bilder oder Videos, sondern über Vertrauen, Wahrheit und die Grundlagen demokratischer Öffentlichkeit. Besonders deutlich wird dabei, dass Medienkompetenz heute weit mehr ist als die Fähigkeit, digitale Werkzeuge zu bedienen. Medienkompetenz ist eine demokratische Grundkompetenz. Wer Informationen nicht kritisch bewerten kann, wer Manipulationsversuche nicht erkennt oder nicht versteht, wie digitale Öffentlichkeiten funktionieren, kann sich nur eingeschränkt selbstbestimmt an gesellschaftlichen und politischen Prozessen beteiligen. Die Herausforderungen, denen wir in unserer Arbeit begegnen, sind dabei vielfältig. Die technologische Entwicklung schreitet schneller voran, als Bildungssysteme und gesellschaftliche Institutionen darauf reagieren können. Künstliche Intelligenz verändert bereits heute die Art und Weise, wie Informationen produziert, verbreitet und konsumiert werden. Deepfakes werden zunehmend realistischer. Plattformalgorithmen bleiben für Nutzer*innen oft intransparent. Gleichzeitig berichten viele Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte, dass sie sich auf diese Entwicklungen nicht ausreichend vorbereitet fühlen. Hinzu kommt, dass digitale Ungleichheiten weiterhin bestehen. Nicht alle jungen Menschen verfügen über die gleichen Voraussetzungen, um digitale Kompetenzen zu entwickeln. Soziale Herkunft, Bildungszugänge und regionale Unterschiede beeinflussen nach wie vor die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe. Gerade deshalb darf Medienkompetenz nicht als individuelles Zusatzwissen verstanden werden, sondern muss als gesellschaftliche und demokratische Aufgabe begriffen werden. In unserer täglichen Projektarbeit erleben wir jedoch auch etwas anderes: eine enorme Bereitschaft junger Menschen, sich kritisch mit ihrer digitalen Lebenswelt auseinanderzusetzen. Jugendliche wollen verstehen, wie Künstliche Intelligenz funktioniert. Sie möchten wissen, wie Desinformation entsteht und verbreitet wird. Sie diskutieren über Verantwortung in sozialen Netzwerken, über Meinungsfreiheit und über die Grenzen digitaler Kommunikation. Wenn ihnen die Möglichkeit gegeben wird, ihre eigenen Erfahrungen einzubringen und Fragen zu stellen, entstehen oft beeindruckend differenzierte Diskussionen. Diese Erfahrungen haben meinen Blick auf Medienbildung grundlegend verändert. Klassische Medienbildung, die sich auf technische Fertigkeiten oder Warnungen vor Gefahren beschränkt, reicht heute nicht mehr aus. Wir benötigen Bildungsangebote, die kritisches Denken, demokratische Teilhabe, ethische Reflexion und lebenslanges Lernen miteinander verbinden. Denn die digitale Transformation betrifft nicht nur junge Menschen. Sie betrifft uns alle. Die Vorstellung, Bildung sei irgendwann abgeschlossen, war in meinen Augen noch nie richtig, in der digitalen Gesellschaft ist sie endgültig überholt. Die Fähigkeit, Neues zu lernen, Informationen kritisch zu bewerten und sich an veränderte technologische Bedingungen anzupassen, wird zu einer zentralen gesellschaftlichen Kompetenz für alle Generationen. Gerade deshalb sehe ich in der Medienbildung nicht nur eine pädagogische Aufgabe, sondern auch eine demokratische Chance. Wenn Menschen verstehen, wie digitale Öffentlichkeiten funktionieren, wenn sie lernen, Quellen kritisch zu hinterfragen, Manipulation zu erkennen und respektvoll miteinander zu diskutieren, stärken sie nicht nur ihre eigenen Kompetenzen. Sie stärken auch unsere demokratische Gesellschaft. Die eingangs gestellte Frage des Jugendlichen „Woher soll ich überhaupt noch wissen, was wahr ist?“ beschäftigt mich bis heute. Vielleicht besteht die wichtigste Aufgabe unserer Arbeit nicht darin, auf jede Frage eine endgültige Antwort zu geben. Vielleicht geht es vielmehr darum, Menschen dazu zu befähigen, die richtigen Fragen zu stellen, Unsicherheiten auszuhalten und gemeinsam nach Orientierung zu suchen.   Demokratie lebt von informierten, reflektierten und engagierten Bürger*innen. In einer digitalen Gesellschaft bedeutet das auch, Medienkompetenz nicht als Nebensache zu betrachten, sondern als eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen unserer Zeit. Wenn wir junge Menschen dabei unterstützen, diese Kompetenzen zu entwickeln, investieren wir nicht nur in ihre persönliche Zukunft, sondern auch in die Zukunft unserer Demokratie.   weitere Stories Stories Medienkompetenz als demokratische Zukunftskompetenz – Erfahrungen aus der Projektarbeit in

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Meinungspluralität in den Sozialen Medien

Mattes | Student Eine persönliche Perspektive von Mattes über seine Erfahrungen als Schüler in Albanien, öffentliche Auseinandersetzungen und die Pluralität von Meinungen im Internet.   Die eigene Perspektive in Frage zu stellen, fällt vielen Menschen schwer und manchmal gelingt genau das am besten, wenn man aus ihr herausfällt und sie von außen betrachtet. Das habe ich besonders gemerkt, als ich in der 10. Klasse nach Albanien umgezogen bin: Es war nicht nur ein neues Land, in dem ich mich zurechtfinden musste, sondern auch eine neue Weise, auf Alltag, Gesellschaft und Politik zu blicken. Man lernt nicht nur neue Leute kennen, sondern vor allem deren Lebensweise, Erfahrungen und Meinungen – man sieht ihre Perspektive. Gerade dadurch begann ich, meine eigene Perspektive nicht mehr als selbstverständlich vorauszusetzen, sondern sie zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Dabei steht diese Erfahrung für mich in einem Kontrast zu vielen Dynamiken im Internet. Meinungen werden hier oft nicht als Ausdruck von der eigenen Perspektive wahrgenommen, sondern als anzugreifende Positionen, die man möglichst schnell bewertet, widerlegt oder ignoriert. Es ist weniger ein gemeinsamer Austausch als ein Kampf um die Dominanz in der Diskussion. Dabei ist es öffentliche Auseinandersetzung, die eine Demokratie in der produktivsten Weise zeichnet[1]. In einer Gemeinschaft existiert nicht nur eine einzelne Perspektive: Jede Person bringt ihre eigenen Erfahrungen und ihren eigenen Hintergrund mit in diesen Austausch und vertritt daraus hervorgehend eine bestimmte Position. So würde eine Person, die selber Diskriminierung erfahren hat, sich auch genau gegen diese Diskriminierung einsetzen, während eine Person, die nicht diese Erfahrung teilt möglicherweise andere Themen priorisiert. Die eigene Erfahrung beeinflusst dann also die Position [2] in Diskussionen. Das ist etwas, was mir in meiner Jugend nicht wirklich bewusst war und was ich während meines Aufenthalts in Albanien lernte. Ich hatte meine eigene Position, meine eigenen Meinungen und jeder, der etwas anderes sagt, liegt einfach falsch. Aber eine Gemeinschaft dreht sich nicht nur um eine einzelne Perspektive und jeder hat ein Mitspracherecht. Was überhaupt die “richtigen” politischen Werte sind, entsteht nicht über Faktenwissen, sondern erst durch Begegnung, Diskussion und Widerspruch. Andere Meinungen helfen, die eigene Position zu prüfen und zu erweitern. Demokratie braucht dann nicht nur Stimmen, sondern auch Zuhören. In Albanien hatte ich das Glück, eine internationale Schule zu besuchen. Dadurch war die Begegnung mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern und Hintergründen für mich ein großer Teil meines Alltags. Erst durch diese Auseinandersetzung mit vielen verschiedenen Perspektiven habe ich wirklich verstanden, wie unterschiedlich Menschen durch ihre Erfahrungen geprägt sind und wie begrenzt auch meine eigene Sicht auf die Welt ist. Selbst wenn man in grundlegenden Fragen ähnliche Meinungen teilt, merkt man schnell, dass jede Person andere Erfahrungen gemacht hat und deshalb auch andere Dinge wichtig findet. Eines der anregendsten Gespräche hatte ich dabei mit Personen, mit denen ich nicht einer Meinung war. Im Austausch über unsere Positionen und über die Gründe, diese zu vertreten, lernte ich die andere Person besser zu verstehen und ihre Perspektive wurde für mich nachvollziehbarer. Gleichzeitig musste ich dadurch auch meine eigenen Meinungen ordnen und mich fragen, ob meine Position wirklich so selbstverständlich oder “richtig” ist, wie ich zuvor dachte. Während dieser drei Jahre, in denen ich in Albanien lebte, wurde mir deshalb immer deutlicher, dass viele Dinge, die ich vorher für selbstverständlich hielt, eigentlich nur aus meiner eigenen Umgebung selbstverständlich wirken. Genau daher ist die Meinungspluralität so zentral für eine demokratische Gemeinschaft. Wenn jemand nur eine Perspektive kennt, hält man diese schnell für selbstverständlich und nur diese Perspektive wird repräsentiert. Dabei werden dann alle abweichenden Perspektiven vernachlässigt. Zudem heißt Pluralität nicht, dass alle Meinungen gleich gut sind, sondern dass unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen sichtbar gemacht und diskutiert werden. Erst im Austausch verstehen wir, wie andere Menschen leben, welche Erfahrungen sie gemacht haben und wie politische Entscheidungen diese Personen beeinflussen. Das Internet hat sich hinsichtlich dieser Pluralität als besonderer ambivalenter demokratischer Raum bewiesen[3]. Mit einem Klick kann man sich mit Menschen aus der ganzen Welt verbinden und man erlebt eine Vielfalt an Perspektiven, denen man nicht im Alltag begegnen würde. Minderheiten, junge Menschen, lokale Initiativen und vieles mehr können sichtbar gemacht werden und eine Stimme erhalten. Man kann politische Debatten verfolgen, Informationen teilen und sich vernetzen. Gerade für demokratische Teilhabe, ist das Internet ein wertvoller, vielfältiger Ort der Verbindung. Jedoch ergeben viele Meinungen nebeneinander noch keinen demokratischen Austausch und bloße Sichtbarkeit führt nicht automatisch zu gegenseitigem Verständnis. Sich in den Weiten des Internets zurechtzufinden und die Flut an Inhalten zu navigieren, ist eine Herausforderung, vor der wahrscheinlich viele Menschen stehen. Besonders in den letzten Jahren hat sich das durch das Wachstum von sogenannten „Shortform-Content“ noch einmal zugespitzt. Viele Inhalte sind darauf ausgelegt, schnell konsumierbar, emotional aufgeladen und möglichst reaktionsstark zu sein. Je „lauter“, also schockierender oder kontroverser ein Inhalt ist, desto eher reagieren Menschen darauf, kommentieren ihn oder teilen ihn weiter. Dadurch werden solche Inhalte von Algorithmen bevorzugt und noch sichtbarer gemacht[4]. Für demokratische Diskussionen ist das problematisch, weil andere Meinungen dann nicht mehr als begründete Perspektiven erscheinen, sondern vor allem als Reiz, Provokation oder anzugreifende Position. Ich selbst bin mit dem Internet aufgewachsen und habe dort viel Zeit verbracht. Deshalb musste ich auch erst aus eigener Erfahrung lernen, wie schwierig es sein kann, mit der ständigen Flut an Inhalten umzugehen. Besonders Shortform-Content war für mich lange Zeit eine große Herausforderung. Ich habe mich oft in diesem endlosen stundenlangen Scrollen verloren. Dabei war ich danach nicht unbedingt besser informiert, sondern häufig eher emotional überlastet und unruhig. Gerade diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass digitale Medien zwar unglaublich viele Perspektiven sichtbar machen können, aber dass diese Menge an Eindrücken auch schnell zu viel werden können. Dabei ist Shortform-Content nicht grundsätzlich schlecht. Kurze Videos können auf wichtige Themen aufmerksam machen und erste Denkanstöße geben[5]. Trotzdem hat dieses Format klare Grenzen. Viele politische und gesellschaftliche Fragen brauchen Kontext, Abwägung und die Auseinandersetzung mit Gegenargumenten. Beispielsweise lässt sich das Verhältnis von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit kaum ausreichend in einem 60-sekündigen Video diskutieren. Solche Themen bestehen nicht nur aus einer einfachen Position, sondern aus verschiedenen Erfahrungen, Interessen und Werten, die miteinander

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Als Demokratie persönlich wurde

Odai Boulous | Stipendiat des CrossCulture Programms der ifa Odai Boulous | Stipendiat des CrossCulture Programms der ifa In seiner persönlichen Perspektive reflektiert Odai, wie sich sein Verständnis von Demokratie über die Jahre gewandelt hat – von der bloßen Vokabel zur gelebten Praxis – und dass gute politische Bildung, zielgruppengerecht befähigt, an dieser Praxis teilzunehmen. Das Wort „Demokratie“ begegnete mir zum ersten Mal in einem Klassenzimmer in Jordanien. Wir lernten, dass demos „Volk“ und kratos „Macht“ bedeutet. Ich erinnere mich, dass ich es fast wie jedes andere Wort aus einem Schulbuch gelernt habe. Ich wusste, was es bedeutete, aber ich wusste nicht wirklich, was es mit mir zu tun hatte. Wir hatten kein Schülerparlament und auch nicht viele Gelegenheiten zu üben, wie man gemeinsam Entscheidungen trifft. Politik blieb meist auf dem Papier. Hättest du mich mit siebzehn gefragt, was Demokratie bedeutet, hätte ich dir die griechische Definition genannt. Ich kannte das Wort. Ich wusste nur nicht, was ich damit anfangen sollte. Das begann erst an der Universität. Repräsentation lernen – auf die harte Tour Ich wollte an den Wahlen zum Studentenparlament der Universität teilnehmen und habe mir deshalb die Wahlprogramme der Kandidaten durchgelesen. Keines davon ging auf die Themen ein, die mir wichtig waren. Als ich andere Studierende fragte, was sie davon hielten, ging es vielen genauso; sie fühlten sich von keinem der Kandidaten vertreten. Diese Lücke war es, die mich dazu bewegte, zu kandidieren. Es lag nicht daran, dass ich einen Titel wollte oder mich als Führungspersönlichkeit sah. Ich habe einfach bemerkt, dass etwas fehlte, und mir wurde klar, dass ich nicht der Einzige war, dem das aufgefallen war. Die Wahl wurde verschoben und fand nicht wie geplant statt. Zunächst empfand ich das als Enttäuschung. Doch dadurch stellte sich mir eine Frage, die wichtiger war als ein möglicher Wahlsieg: Was bedeutet es, ein Mandat auszuüben? Ich kam zu der Erkenntnis, dass es sich dabei nicht um ein Amt handelt, das man gewinnen muss, sondern um die Praxis, den Menschen zuzuhören, ihre Bedürfnisse zu verstehen und sein Bestes zu geben, um auf sie einzugehen. Später, als ich zum ersten Mal wählte, erkannte ich die Kehrseite dieser Praxis. Da ich bereits ernsthaft darüber nachgedacht hatte, selbst politische Verantwortung zu übernehmen, betrachtete ich die Kandidaten mit anderen Augen. Mir wurde klar, wie leicht ein Wahlprogramm überzeugend klingen kann, obwohl es an dem vorbei geht, was den Menschen wirklich am Herzen liegt. Ich hätte selbst fast dasselbe getan. Damals erkannte ich zum ersten Mal, dass ein Unterschied zwischen dem bloßen Besitz des Wahlrechts besteht und dem Wissen darüber, dieses Recht auch gut auszuüben. Von da an bekam politische Bildung für mich eine andere Bedeutung: Es geht nicht darum, den Menschen vorzuschreiben, was sie denken oder wen sie unterstützen sollen, sondern ihnen das Wissen und das Selbstvertrauen zu vermitteln, selbst zu entscheiden. Eine Frage, die ich immer noch nicht geklärt habe Wie wichtig dieses Thema ist, wurde mit vor allem klar, je mehr ich politische Debatten in Jordanien verfolgte – darunter auch eine Diskussion im Parlament darüber, was Menschen in der Öffentlichkeit tragen dürfen sollten. Im Gespräch mit Menschen in meinem Umfeld stellte ich oft fest, dass sie mit dem Verlauf der Diskussion nicht einverstanden waren. Ich begann mich zu fragen: Wie kann eine Entscheidung den Weg durch die politischen Institutionen nehmen, wenn viele der Betroffenen das Gefühl haben, dabei nicht gehört zu werden? Meine eigene Familie hat mir einen weiteren Zugang zu dieser Frage eröffnet. Als Christ aus Jordanien bin ich mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Christen in diesem Land eine religiöse Minderheit sind und dass Jordanien Parlamentssitze für Christen reserviert, um deren politische Vertretung zu gewährleisten. Was das bedeutete, wurde mir erstmals durch ein Gespräch mit meinem Vater klar, als ich noch ein Teenager war. Er befürwortete die Quote, weil er der Meinung war, dass es wichtig sei, dass Christen eine garantierte Stimme im Parlament hätten, und ich verstand seine Argumentation. Doch als ich ihm zuhörte, fiel mir noch etwas anderes auf: Wir hatten zwar einen garantierten Sitz, wählten aber nicht unbedingt die Person aus, die ihn besetzte. Diese Unterscheidung ist mir seitdem im Gedächtnis geblieben. Es gibt eine rechtliche Garantie, die jeder und jedem eine Stimme zusichert, aber das ist noch nicht das Gleiche, wie darüber zu entscheiden, wessen Stimme das ist. Ich habe immer noch keine einfache Antwort auf die Frage nach Quoten. Ein Teil von mir versteht, warum sie für Minderheiten wichtig sind. Gleichzeitig frage ich mich, was Repräsentation wirklich bedeutet, wenn Gruppen zwar eine Stimme zugesichert bekommen, aber nicht immer eine echte Wahl darüber haben, wer diese Stimme letztendlich vertritt. Ich habe aufgehört, eine endgültige Antwort zu erwarten. Ich habe erkannt, dass dies zu den Dingen gehört, die die Demokratie von uns verlangt: die Bereitschaft, weiterhin schwierige Fragen zu stellen, auch wenn es keine klare Lösung gibt. Von Fragen zur Praxis Das ist einer der Gründe, warum ich der Meinung bin, dass politische Bildung ein Recht und kein Privileg sein sollte. Sie sollte den Menschen helfen zu verstehen, wie Entscheidungen getroffen werden, wer die Macht innehat und wie sie selbst nicht als Zuschauer, sondern als Akteure mitwirken können. Diese Überzeugung hat mich zu meiner jetzigen Tätigkeit geführt, bei der ich in Sachsen Materialien für die politische Bildung und den Unterricht entwickle. Dabei habe ich etwas gelernt, was mir zuvor nicht ganz bewusst war: Information ist nicht dasselbe wie Verständnis. Wir sind von mehr Informationen umgeben als jede Generation vor uns, und oft ist es schwieriger – nicht einfacher –, zu wissen, welchen Informationen man vertrauen kann. Medienkompetenz und politisches Wissen müssen gemeinsam aufgebaut werden, sonst hält keines von beiden für sich allein stand. Eine der größten Herausforderungen bei dieser Arbeit besteht darin, Raum dafür zu schaffen, dass Menschen ganz offen sagen können: „Das verstehe ich nicht“, und ohne Scham Fragen stellen können. Die politische Bildung geht allzu oft von einem Grundmaß an Selbstvertrauen aus, über das nicht jede*r verfügt – insbesondere Menschen, die, wie ich mit siebzehn, Demokratie bisher nur als Begriff in einem Schulbuch kennengelernt haben.

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Politisches Bewusstsein im digitalen Zeitalter

Maja Spickenheuer | FSJlerin Maja Spickenheuer | FSJlerin Eine persönliche Perspektive von Maja Spickenheuer über politisches Bewusstsein im digitalen Zeitalter und darüber, wie frühe Erfahrungen, soziale Medien und persönliche Begegnung das politische Engagement prägen. Ich bin in einem sehr politischen Haushalt aufgewachsen. Seit ich klein bin, bin ich es gewohnt, dass Diskussionen über Politik geführt wurden, Nachrichten liefen und wir auf Demonstrationen gingen, um für unsere Rechte einzustehen. Ich war, glaube ich, acht Jahre alt, als ich auf meiner ersten Demonstration gegen Pegida war. Meine Eltern brachten mich früh in Kontakt mit Menschen, die das Privileg nicht hatten, in einem finanziell sicheren Umfeld aufzuwachsen und zusätzlich in Deutschland zu leben. Sie zeigten mir Kinderhörspiele über Flucht und Krieg, was mich bis heute prägt. Um 2015 herum nahm meine Familie eine syrische Familie als “Paten” auf. Sie wohnten in einem Hochhaus in unserer Nähe, während ich in einer Altbauwohnung lebte. Wir besuchten uns oft, aßen miteinander und zeigten uns gegenseitig unsere Kulturen. Die Familie sprach kaum Deutsch und hatte nicht die finanziellen Mittel, um grundlegende Dinge wie einen Schulranzen zu kaufen. Wir halfen, wo wir konnten, und trotz des begrenzten Geldes luden sie uns ein, kochten für uns und schenkten mir Schmuck. Diese Erfahrungen ließen mich früh verstehen, wie gut ich’s habe und wie unterschiedlich Lebensrealitäten sein können. Außerdem lernte ich, dass man aktiv werden kann, wenn man mit Entwicklungen unzufrieden ist, wie damals, als mein Vater gegen den Bau der Waldschlösschenbrücke Flyer verteilte und einen Film produzierte, um aus Umweltschutzgründen dagegen zu protestieren. Durch diese frühe Politisierung war Politik für mich immer ein fester Bestandteil meines Lebens und wurde in meiner Jugend immer bedeutender. Ich begann, alleine oder mit Freundinnen und Freunden auf Demonstrationen zu gehen, etwa gegen den Klimawandel oder gegen den Rechtsruck. Ich wähle, unterschreibe Petitionen, nehme an Umfragen teil, besuche Podiumsdiskussionen oder verteile Flyer. Zusätzlich ist mir der direkte Austausch wichtig: ich informiere Menschen in meinem Umfeld über politische Themen, diskutiere mit ihnen und sage etwas, wenn diskriminierende Aussagen fallen. Auch Social Media beeinflusst meine politische Bildung. Anfangs informierte ich mich über TikTok, inzwischen vor allem über Podcasts oder Dokumentationen auf Youtube. Social Media spielt eine zunehmende Rolle für junge Menschen, die politisch aktiver werden. Wie stark der Einfluss sein kann, zeigt die Aktion “Women For Change” in Südafrika: Durch lila Profilbilder wurde Aufmerksamkeit auf die Femizide im Land gelenkt1, sodass sich der Präsident äußern musste2. Auch wenn dadurch das Problem nicht gelöst wurde, zeigt es, dass digitale Sichtbarkeit Veränderungsprozesse anstoßen kann. Social Media hat jedoch auch problematische Seiten, besonders im Hinblick auf Radikalisierung. Man sieht oft nur Inhalte, die das eigene Weltbild bestätigen3. Deshalb ist es wichtig, sich bewusst und aktiv zu informieren, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Quellen zu prüfen. Informationen verbreiten sich online sehr schnell, oft ohne journalistische Überprüfung, wodurch Falschinformationen entstehen können. Gleichzeitig bietet diese Offenheit auch Chancen: Menschen können Inhalte teilen, die in klassischen Medien kaum vorkommen4. Das zeigt sich beispielsweise in Nepal. Dort versuchte die Regierung, durch einen Internet-Shutdown Proteste zu unterdrücken. Das Ziel war es, Kommunikation zu erschweren und die Möglichkeit zu verringern, sich zu organisieren. Dieser Versuch scheiterte jedoch, und die Proteste entwickelten sich weiter, bis schließlich die Regierung stürzte5. Dieses Beispiel zeigt, wie bedeutend Informationszugang ist und wie stark politische Machtverhältnisse davon beeinflusst werden können. Solche Ereignisse machen mir bewusst, welches Privileg es ist, als weiße deutsche Frau aufzuwachsen. Ich müsste mich nicht mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigen, da ich finanziell abgesichert bin und von vielen Entwicklungen nicht direkt betroffen wäre. Viele Menschen in meinem Umfeld tun das auch nicht, was ich nachvollziehen kann, denn die Weltlage ist belastend. Besonders in der Generation Z gibt es eine starke Zukunftsunsicherheit, sowohl finanziell als auch aufgrund des Klimawandels und der Frage, wie ein gutes Leben in Zukunft aussehen kann6. Im Vergleich zu früheren Generationen, die mit wirtschaftlicher Stabilität und politischer Sicherheit aufwachsen7, erleben viele junge Menschen heute Unsicherheiten, und manche schützen sich, indem sie sich weniger mit Politik befassen. Auch in meinem Umfeld fällt mir das auf. Bei mir ist das jedoch anders. Ich weiß, dass ich privilegiert bin, weil ich entscheiden kann, ob und wofür ich mich engagiere. Andere Menschen haben diese Wahl nicht. Sie sind gezwungen, sich mit politischen Entwicklungen auseinanderzusetzen, weil diese ihr Leben beeinflussen. Teilweise kann ich dieses Gefühl nachvollziehen, denn auch in Deutschland erleben Frauen Diskriminierungen und Gewalt. Dennoch unterscheidet sich meine Situation von denen vieler Frauen weltweit, wie etwa einer Schwarzen Mutter in den USA, die sowohl von Abtreibungsverbot betroffen ist8 als auch Rassismus erlebt. Ihr Leben unterscheidet sich stark von meinem. Ich bezeichne mich als Feministin, weil meine eigenen Erfahrungen mich geprägt haben. Dabei geht es mir nicht nur um meine eigene Gleichberechtigung, sondern darum, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben sollten. Ein intersektionaler Ansatz ist mir wichtig, weil er anerkennt, dass Menschen je nach Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe oder sozialer Position unterschiedliche Formen der Diskriminierung erleben9. Deshalb bilde ich mich weiter, setze mich mit verschiedenen Lebensrealitäten auseinander und informiere Menschen in meinem Umfeld. In Zukunft möchte ich Politikwissenschaften studieren, um gesellschaftliche Strukturen noch besser zu verstehen. Außerdem möchte ich bei “Demokratie und Courage” mitarbeiten und Schüler*innen demokratische Grundhaltungen näherbringen, um Hass und Hetze entgegenzuwirken. Ich bin überzeugt, dass politische Beteiligung notwendig ist, weil Politik alle betrifft. Die Vorstellung, Politik ginge einem nichts an, ist ein Ausdruck von Privilegien, aber sie ist falsch. Demokratie muss geschützt werden, und dafür braucht es Engagement. Politisches Handeln muss nicht groß sein. Schon kleine Schritte können etwas bewirken: sich informieren, Quellen prüfen, wählen gehen oder im Alltag widersprechen, wenn diskriminierende Aussagen gemacht werden. Solches Verhalten stärkt demokratische Werte und zeigt Verantwortung. Quellen Hollweck, Stefanie. „Lila Profilbilder: Der G20-Protest gegen Gewalt an Frauen.” Sonntagsblatt, 21 November 2025. BBC. “South Africa declares gender violence a national disaster after protests.” 21 November 2025. Wawrzyniak, Jessica. “Radikalisierung im Netz.” digital check nrw, 2025. Ubga, Abel. “Bürgerjournalismus.” Deutsche Journalisten Akademie, 2024. Ng, Kelly. “Social media ban lifted after protests.” BBC, 2025. Hampel, Kilian. “Jugendstudie: Gen Z ist verunsichert.” WDR, 2024. Burkhardt,

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Die eigene Stimme finden: Wie Bildung die demokratische Teilhabe prägt

Elisabetta | Studentin Eine persönliche Perspektive von Elisabetta Stievano darüber, wie Bildung, Lehrkräfte und das soziale Umfeld das politische Bewusstsein und das demokratische Engagement prägen, sowie über die Rolle von kritischem Denken und Medienkompetenz beim Verständnis und der Teilhabe an der heutigen Gesellschaft.   In der Oberstufe begann ich, tiefer über die Welt um mich herum nachzudenken und darüber, wie mein bürgerliches Verhalten sie beeinflussen könnte. Vor allem ab der elften Klasse wurde mir bewusst, dass ich Teil eines politischen Ganzen war, und ich verspürte den Wunsch – der schon immer in mir schlummerte, zum Aufbau einer gerechteren Gesellschaft beizutragen. Besonders dankbar bin ich meiner Geschichts- und Philosophielehrerin aus der Oberstufe. Sie war eine hervorragende Pädagogin und sprach oft über die Philosophen des antiken Griechenlands und das Konzept der Demokratie – ein Wort, das sich aus demos und kratos zusammensetzt und dessen etymologische Bedeutung Macht des Volkes ist. Sie verband philosophische Theorien und historische Ereignisse mit der Gegenwart. Auf diese Weise half sie uns, kritisches Denken zu entwickeln und uns der Gesellschaft, in der wir lebten, sowie ihrer politischen Dimension bewusst zu werden. Wir waren politische Akteure, und das Klassenzimmer war ein Mikrokosmos der Außenwelt. Als mein politisches Bewusstsein wuchs, schloss ich mich Schülergruppen an, die sich mit einer Vielzahl von Themen befassten. Bei unseren Treffen führten wir spannende Diskussionen darüber, wie wir zu Veränderungen beitragen könnten. Später nahm ich weiterhin an Versammlungen und Streiks teil, die ich als wichtige Formen der Demokratie betrachte. Ich glaube, es ist unerlässlich, den Nihilismus, der unsere Gesellschaft unterdrückt, durch solche partizipativen Initiativen zu bekämpfen. In diesem Zusammenhang sind soziale Medien sicherlich wertvolle Werkzeuge, um über globale Ereignisse auf dem Laufenden zu bleiben. Allerdings bergen diese Plattformen auch die Gefahr, ein Gefühl der Realitätsferne zu fördern und uns zu passiven Zuschauern zu machen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Gesundheit einer Demokratie an der Qualität ihres Bildungssystems messen lässt. Platon beispielsweise sprach in „Der Staat“ (375 v. Chr.) über die Risiken des demokratischen Systems. Seiner Ansicht nach könne aus der Entartung der Demokratie selbst eine Tyrannei entstehen. Der griechische Historiker Thukydides wies in „Der Peloponnesische Krieg“ (5. Jahrhundert v. Chr.) darauf hin, dass Perikles faktisch ein Tyrann war, obwohl er formell gewählt worden war. Er war ein Demagoge, der die Bürger der Agorà manipulieren konnte. Die in Athen gewählten Politiker waren Sophisten, Experten der Rhetorik, die es verstanden, in öffentlichen Reden Emotionen zu wecken und die Zustimmung des Publikums zu gewinnen. Heute stehen wir vor ähnlichen Herausforderungen. In vielen westlichen Demokratien appellieren gewählte Politiker an die Bauchgefühle der Menschen, und infolgedessen hat die extreme Rechte vielerorts an Macht gewonnen. Bildungseinrichtungen spielen in unseren Gesellschaften eine entscheidende Rolle, denn – wie es mir selbst passiert ist – können sie den Horizont der Schüler wirklich erweitern, sie dazu ermutigen, Dinge zu hinterfragen, tiefer zu graben und sich nicht von den Sophisten der heutigen Zeit täuschen zu lassen. [1] Diese neuen Sophisten haben in den sozialen Medien eine moderne Agorà gefunden, wo sie Reden verfassen, die darauf ausgelegt sind, so viele Menschen wie möglich zu fesseln. Oft verhalten sie sich wie Reality-Show-Stars und stellen Performance und Aufmerksamkeit über Substanz oder Wahrheit. Aus meiner Sicht haben Social-Media-Plattformen wie Instagram eine entscheidende Rolle dabei gespielt, mein politisches Bewusstsein zu schärfen, nicht nur aus lokaler, sondern auch aus globaler Perspektive. Tatsächlich nutzen viele Aktivisten diese Plattformen, um über wichtige Themen zu sprechen, aber es ist notwendig, ein gewisses Maß an digitaler Kompetenz zu entwickeln, um zu verstehen, ob die Informationen, die wir dort finden, zuverlässig sind oder im Gegenteil Fake News. Diese Fähigkeit hängt immer vom eigenen Bildungshintergrund ab. Meiner Erfahrung nach war Instagram zum Beispiel sehr nützlich, um über Nachrichten und politische Veränderungen auf dem Laufenden zu bleiben. In diesem Sinne denke ich, dass es Menschen helfen kann, eine breitere Perspektive zu entwickeln. Andererseits kann es auch diejenigen überfordern, denen ein angemessener kultureller oder bildungsbezogener Hintergrund fehlt. Aus diesem Grund sollte etwas unternommen werden, um die Verbreitung von Fake News einzudämmen. Gleichzeitig ist es wichtig, die Freiheit der politischen Meinungsäußerung zu gewährleisten, damit Aktivisten sich zu wichtigen globalen Themen äußern können, insbesondere zu solchen, die von Zeitungen oder den Mainstream-Medien nicht behandelt werden. Man denke zum Beispiel an den Konflikt im Sudan, der kaum erwähnt wird. Wie ich bereits erwähnt habe, spielen Schulen und Familien eine entscheidende Rolle bei der Förderung des politischen Engagements. Doch nicht jeder hat das Glück, in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem Dialog und Diskussionen über das gesellschaftliche Leben gefördert werden. Deshalb ist es so wichtig, in das Bildungssystem, die eigentliche Grundlage der Demokratie, zu investieren. Um die entscheidende Rolle besser zu verstehen, die Schulen bei der Entwicklung kritischen Denkens spielen, sollten wir über Cesare Moreno sprechen, einen Lehrer, der eine andere Art von Schule vor Augen hat, eine, die individuelles Wachstum durch die Schaffung eines gemeinsamen sozialen Raums für Lernen und Dialog fördert. Er gründete Maestri di Strada, eine Organisation, die das Konzept von Bildung neu gedacht hat und in den Stadtvierteln von Neapel tätig ist. Aus seiner Sicht dient die Schule einem politischen Zweck, politisch im Sinne von polis, also der Stadt. Laut Moreno sind Schulen heute oft isolierte Räume. Wie auch Christian Raimo in „L’alfabeto della scuola democratica“ hervorhob, durchlaufen sie einen Prozess der Entsozialisierung, bei dem individuelle Bedürfnisse Vorrang vor denen der Gemeinschaft haben. Infolgedessen steht die Agorà, einst ein Ort der Zusammenkunft, nun leer. Moreno glaubt fest an eine Bildungsreform, die die Gefühlswelt der Schüler und ihr soziales Leben als Mittel für sozialen Aufstieg berücksichtigt. Als er in einem Interview gefragt wurde, wie er Lehrer wurde, antwortete Moreno: „Ich habe als Lehrer angefangen, bin aber erst spät dazu gekommen, mit 38. Davor lebte ich auf der Straße, war ein Extremist, gehörte zu Lotta Continua, und dort habe ich die grundlegenden Dinge gelernt. Ich habe verstanden, wie die Gesellschaft funktioniert, wie die Bourgeoisie agiert, wie die Universität funktioniert. Ich habe verstanden, wie die Schule funktioniert, und als ich dort anfing, hatte ich bereits die Vorstellung, dass Klassenzimmer der

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Politische Meinungsbildung im digitalen Zeitalter

Rosalie | Studentin Eine persönliche Perspektive von Rosalie über ihren Weg zur politischen Meinungsbildung – geprägt von familiären Diskussionen, ersten Demonstrationen und der wachsenden Bedeutung digitaler Medien.   Wenn ich an meine ersten Berührungspunkte mit politischen Themen denke, denke ich an die Weihnachtsfeiern meiner Familie. Diese waren häufig von intensiven politischen Diskussionen geprägt, in denen unterschiedliche Generationen mit teils gegensätzlichen Ansätzen aufeinandertrafen. Meine Familie hat mir also ein Bild vermittelt, welches politische Teilhabe als relevant und wichtig einstuft. Dazu gehört auch, informiert zu bleiben, was ich als Kind immer durch die Kindernachrichten bei “logo!” getan habe. Ich war in der 9. Klasse das erste Mal allein mit meinen Freunden auf einer Demonstration gegen den Klimawandel. Für mich war es die erste richtige Entscheidung, mich politisch zu engagieren und für das einzustehen, was ich als wichtig empfand. Mittlerweile gehe ich wählen, unterschreibe Petitionen, gehe zu Demos gegen Rechts und besuche lokale Angebote in meiner Studierendenstadt Passau, wie zum Beispiel den Roten Bericht aus Berlin. Dort berichtet Luke Hoß, ein Student der Universität Passau, welcher seit der letzten Legislaturperiode Abgeordneter ist, was in der letzten Zeit im Bundestag von Relevanz war. Zur Meinungsbildung und um informiert zu bleiben, beziehe ich inzwischen meine Informationen fast ausschließlich online, das heißt vorrangig aus den sozialen Medien, durch Podcasts und aus dem Internet. Die Digitalität heutzutage hat einen gravierenden Vorteil. Sie schafft eine größere Reichweite und kann so die Partizipation an Demokratie erhöhen, im Gegensatz zu den traditionellen Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen. Digitale Inhalte schaffen zudem eine erhöhte Inklusivität und können Informationen barrierefreier gestalten. Allerdings birgt Social Media auch die Gefahr, Desinformationen wesentlich schneller zu verbreiten oder Informationen verkürzt darzustellen. Zugleich können soziale Medien aber auch politische Beteiligung und Initiativen fördern, da Inhalte schneller Aufmerksamkeit erhalten. Soziale Medien haben einen großen Einfluss auf mein Engagement und den Stand meiner Informiertheit, weshalb für mich Medienkompetenz wichtig ist. Besonders in Bezug auf die jüngeren Generationen dient Social Media als wichtige Informationsquelle. In der aktuellen Weltlage fällt es vielen jungen Menschen zunehmend schwer, sich regelmäßig mit Nachrichten zu beschäftigen. Studien wie #UseTheNews zeigen, dass etwa die Hälfte der Jugendlichen Nachrichten zumindest zeitweise meidet1, oft auch, weil sie als belastend oder überfordernd wahrgenommen werden. Die digitale Welt beeinflusst uns heutzutage in allen Lebensbereichen und besonders in Bezug auf Politik sind die sozialen Medien nicht mehr wegzudenken. Im letzten Bundestagswahlkampf konnte man dies gut sehen, bei der AfD oder bei der Linken. Beide Parteien haben einen Großteil ihres Wahlkampfes online betrieben und auf Plattformen wie TikTok und Instagram große Erfolge vor allem bei den jüngeren Generationen erzielen können. Aufgrund von Algorithmen kam es dazu, dass die Sichtbarkeit der Parteien auf TikTok unausgewogen war und insbesondere die AfD und die Linke in den Feeds von Nutzer*innen aufgetreten sind.2 Durch solche Algorithmen kann es schnell vorkommen, dass man sich in einer Echokammer oder Filterblase befindet. Die Verbreitung von Desinformationen wird besonders auf TikTok durch den Algorithmus begünstigt, der Nutzer*innen Inhalte basierend auf ihren Interessen empfiehlt.1 Das wiederholte Anzeigen von ähnlichen Inhalten kann zur Bildung von Echokammern beitragen. Genau aus diesem Grund ist das Stärken der Medienkompetenz von hoher Bedeutung, besonders bei jungen Menschen. Aber auch bei älteren Menschen, die nicht in einer digitalen Welt aufgewachsen sind, kann eine Förderung der Medienkompetenz von Vorteil sein. Ich sehe das zum Beispiel bei meinem Opa, der öfter Videos weiterleitet, ohne vorher über den Inhalt dieser nachzudenken, und so Fehlinformationen verbreitet. Gelegentlich merke ich selbst, dass ich Inhalte von unseriösen Seiten auf Instagram kurzzeitig als echt wahrnehme, bevor ich diese kritisch hinterfrage. Das Fördern der Medienkompetenz ist in der heutigen digitalen Welt wesentlich, um sich als Bürger*in informieren und engagieren zu können. Folglich können Menschen durch das Konsumieren von verschiedenen Medien und durch die Kompetenz, diese einordnen zu können, eine eigene fundierte Meinung entwickeln. Die eigene Urteilsfähigkeit zu stärken, benötigt Zeit und Bildung. Das Bildungssystem, als auch das direkte Umfeld durch Freund*innen und Familie stellen große Einflussfaktoren im Prozess der persönlichen Meinungsbildung dar. Politische Bildung zu fördern, egal in welchem dieser Kontexte, erachte ich als elementar, um demokratische Werte weiterzugeben. In Fächern wie GRW (Gesellschaftskunde, Recht und Wirtschaft) und Geschichte zum Beispiel wurden bei mir in der Schule politische Themen diskutiert und mir somit eine Diskussionskultur nähergebracht. Ich erinnere mich außerdem noch an meine erste Jugendwahl innerhalb des schulischen Kontextes. Das frühe Näherbringen politischer Prozesse spielt eine wichtige Rolle für das spätere politische Interesse und Engagement. Neben Bildungseinrichtungen spielen auch lokale Netzwerke eine große Rolle für gesellschaftliches Engagement. Sie existieren überall und ermöglichen es, sich mit Menschen zu vernetzen, die ähnliche Anliegen haben, sei es politisches, soziales oder anderes gesellschaftliches Engagement. Persönlich habe ich mich bisher vorwiegend in sozialen Projekten engagiert, beispielsweise durch einen Freiwilligendienst im Ausland oder aktuell in meiner Hochschulgruppe Gemeinsam Aktiv.  Ich würde mich selbst nicht unbedingt als politisch engagierte Person beschreiben, dennoch habe ich gelernt, dass die demokratische Kultur vom Mitmachen lebt und Passivität den Lautesten das Feld überlässt. Man sollte lernen, für seine Meinung einzustehen, auch wenn das manchmal eine Herausforderung darstellen kann. Politik ist Teil des Alltags und jede*r Einzelne trägt ein kleines bisschen Verantwortung, die demokratische Kultur mitzutragen – sei es durch Wählen gehen, Engagement oder Diskussionen am Essenstisch. Demokratie ist ein Prozess, welchen es aufrechtzuerhalten gilt, und damit dies gelingt, ist Engagement notwendig. ________________________   1: Vgl. Hamburg Business, #UseTheNews: Wie gehen junge Menschen mit Nachrichten um?, https://hamburg-business.com/de/news/usethenews-wie-gehen-junge-menschen-mit-nachrichten-um (Zugriff: 06.03.2026). 2: Vgl. Bertelsmann Stiftung: Algorithmen im Wahlkampf, https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/engagement-junger-menschen-fuer-demokratie/projektnachrichten/algorithmen-im-wahlkampf (Zugriff: 06.03.2026). 3: Vgl.BR: Warum sich Desinformation auf TikTok so effektiv verbreitet, https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/faktenfuchs-warum-sich-desinformation-auf-tiktok-gut-verbreitet,TgONvKv (Zugriff: 06.03.2026). weitere Stories Stories Politisches Bewusstsein im digitalen Zeitalter Die eigene Stimme finden: Wie Bildung die demokratische Teilhabe prägt Politische Meinungsbildung im digitalen Zeitalter Demokratie braucht Stimme: Zwischen Schweigen und Mitreden im Austausch zweier Welten Digitale Demokratie und Online-Partizipation Eine persönliche Perspektive von Stephanie Meichsner-Eschborn

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Demokratie braucht Stimme: Zwischen Schweigen und Mitreden im Austausch zweier Welten

Lea | Studentin Eine persönliche Perspektive von Lea Hennig über politische Kultur und die Bedeutung von Beteiligung.   Wir schreiben das Jahr 2017. Ich bin 16 Jahre alt und habe ein Stipendium für ein Auslandsjahr in den USA erhalten. Die Aufgabe: Jugendbotschafter für Deutschland in einer amerikanischen Highschool. So sollte der demokratische (Werte-)Austausch unter jungen Menschen der beiden Nationen angeregt und langfristig gestärkt werden. Dieses Parlamentarische Patenschaftsprogramm (PPP) existiert seit 1983 und steht unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bundestags und des US-Kongresses. Sinn und Zweck ist es, aus jedem Wahlkreis eine*n Schüler*in auszuwählen und in die USA zu schicken – als Brücke zwischen zwei politischen Kulturen. In einem Vorbereitungsseminar wurden wir geschult – für kulturelle Herausforderungen, politische Besonderheiten und historische Hintergründe. Ich reiste los mit der Vorstellung, in einem Land anzukommen, das für lautstarke Meinungen, gelebte Diskussionen und freien Ausdruck bekannt ist. Doch das Bild, das mich erwartete, war ein anderes. Die Highschool, die mich in Ohio, Gallia County  erwartete, war klein und in einem verschlafenen, beinahe-Dorf praktisch mitten in der Pampa. . Äußerlich unterschied sich natürlich einiges von meiner Heimat in Sachsen, auch wenn ich von einem “Kaff” ins nächste gerutscht war. Doch die Gegend, in die ich gekommen war, war viel weitläufiger. Zu Fuß ging niemand, alles war angewiesen auf Autos und Neuigkeiten aus der Gegend erfuhr man durch Gossip beim wöchentlichen Kirchenbesuch oder in der Schule. Die Schule war natürlich ebenfalls ganz anders. Natürlich erwartete mich auch in diesem kleinen Dorf ein ausgeprägter School Spirit , denn die Aktivitäten dort drehten sich fast vollständig nur um Sport.Doch in einem Punkt waren sich die beiden Orte erschreckend ähnlich: Niemand redete wirklich über Politik. Was für mich das Herz einer lebendigen Demokratie ist – Austausch & Widerspruch, Mitreden und Diskussion – schien hier kaum stattzufinden. Trump hatte gerade seine erste Kandidatur angetreten, die USA steckten mitten in einer aufgeheizten politischen Phase. Doch sobald ich das Thema Politik ansprach oder nachfragte, wurde es still. Höfliches Themawechseln. Nervöses Lächeln. Ein Wegsehen, das mich irritierte. In meinem County gewann Donald Trump mit über 75 Prozent der Stimmen – und doch hatte ich das Gefühl, nur wenige hätten sich vorab wirklich mit politischen Alternativen beschäftigt und waren eher der lauten Masse gefolgt.1 Dieses Schweigen erlebte ich auch besonders stark im schulischen Alltag. In meiner deutschen Schule war politische Partizipation selbstverständlich. Ich saß als Klassensprecherin in einem Schülerrat, wo es regelmäßige Diskussionen gab über gesellschaftliche Themen. Ich hatte viele gute Lehrer*innen, die zum kritischen Denken ermutigen. Wir mussten unseren Standpunkt im Unterricht begründen und wir debattierten regelmäßig. Es gab sogar das Schulfach “Debatte”, in dem wir genau das lernten. Und es machte mir persönlich unfassbar viel Spaß. In meiner Schule in Ohio existierte all das nicht. Es gab kein Schülerparlament, keine transparente Mitbestimmung, kaum politische Bildung. Das Fach “Government” war rein theoretisch und die Lehrerin, die es unterrichtete, erlaubte kaum eine andere Meinung als ihre.Ich merkte schnell, wie viele Feinde man sich machen konnte, wenn man zu laut die falschen Fragen stellte. Gossip Girl war nichts gegen meine Schule dort.  Unterricht bedeutete: Stoff durchgehen, Tests bestehen, fertig. Man konnte fast keine Leistungsabstufungen erkennen, weil man Tests beliebig oft wiederholen konnte. Diskussionen über gesellschaftliche Fragen fanden nicht statt. Seine Meinung kundtun und die gesellschaftlichen Zusammensetzungen vor Ort infrage zu stellen galt sogar als „unhöflich“. Alle, mit denen ich zu tun hatte, schienen daran gewöhnt, dass Entscheidungen „von oben“ getroffen worden, sei es von den Lehrern, der Kirche oder einem Präsidenten der Fake News verbreitete sobald er den Mund aufmachte.  Auch im Alltag zeigte sich dieses Muster. Die Leute vertrauten eher ihren Nachbarn, Fox News oder dem lokalen Prediger, als selbst aktiv nach Informationen zu suchen. Beteiligung schien für viele überflüssig, vielleicht sogar verdächtig. Wer zu viel fragte, galt als „troublemaker“. Und ich, mit meiner europäischen Herkunft, meiner Neugier und meinem anderen politischen Hintergrund,hatte ja sowieso keine Ahnung vom “American Way of Life”. So fand ich mich oft eher zwischen anderen Austauschschüler*innen wieder, die das Gleiche empfanden: Fremdheit, Verwunderung, Ernüchterung und Unverstanden sein.  Meine Zeit dort machte mir deutlich, wie fragil Demokratie sein kann, wenn Menschen nicht lernen oder auch verlernen, ihre Stimme einzusetzen. Ich begann zu reflektieren: Warum sprachen so wenige über Politik? Lag es an Angst vor Konflikten? An mangelnder politischer Bildung? An der Übermacht bestimmter Medien? Oder an fehlenden Strukturen und Orten, die ein gemeinsames Gespräch überhaupt ermöglichen? Ich hatte erwartet, eine lautere, aktivere Demokratie zu erleben – und fand stattdessen ein Schweigen, das mich erstaunte und erschreckte. Und genau dieses Schweigen zeigte mir, wie wichtig Räume sind, in denen Menschen sich sicher fühlen, ihre Meinung auszudrücken. Natürlich kann ich in dieser Hinsicht nur von meiner Erfahrung an meinem Ort sprechen. Es gab durchaus Schüler*innen aus meinem Austauschjahrgang denen es anders erging, die ein ganz anders Amerika in Alabama erlebten als ich in Ohio (was bei der Größe und Diversität dieses Landes nicht verwunderlich ist). Doch ich finde es trotzdem in einer Art und Weise repräsentativ, wie ein kleines Dorf mitten im Corn Belt agiert, die Menschen einer Nation geben schließlich ein gemeinsames Bild nach außen ab.   Als ich nach Deutschland zurückkehrte, fiel mir auf: Auch in meinem Dorf reden viele junge Menschen wenig über Politik. Viele haben Angst, sich zu blamieren. Oder nicht ernst genommen zu werden. Oder jemanden zu verärgern. Demokratie aber lebt nicht von Harmonie – sie lebt vom Streit, vom Widerspruch und vom Mut, die eigene Perspektive einzubringen. Doch worüber sollten wir reden? Redet überhaupt noch jemand – oder spielt sich mittlerweile das meiste nur noch online ab? Heute finden viele politische Diskussionen online statt. Das Internet schafft Sichtbarkeit für junge Stimmen – aber gleichzeitig auch neue Barrieren. Kommentarspalten sind oft voller Polemik oder Aggression. Die Angst, sich dort zu äußern, ist verständlich. Und viele ziehen sich deshalb noch weiter zurück. Gleichzeitig verstärken soziale Medien Filterblasen und Polarisierung. Inhalte werden uns nicht angezeigt, weil sie wichtig sind, sondern weil sie Aufmerksamkeit erzeugen. Das führt dazu, dass politische Debatten emotionaler, aber nicht unbedingt informativer werden. Man spricht zwar, aber

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