e-learning

Interview

Interview mit Felix Völkel

Kurzfilm, Gemeinschaft und kultureller Zusammenhalt: Wie der KURZFILMTAG Kultur in Sachsen stärkt Kurzfilm, Gemeinschaft und kultureller Zusammenhalt: Wie der KURZFILMTAG Kultur in Sachsen stärkt Ein Interview mit Felix Völkel – Projektkoordinator des bundesweiten KURZFILMTAGs – über die Bedeutung gemeinschaftlicher Kulturerlebnisse, den gesellschaftlichen Wert des Kurzfilms und wie lokale Akteur*innen durch kreative Filmveranstaltungen neue Begegnungsräume schaffen. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Felix Völkel und ich wohne in Dresden. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin als Projektkoordinator für den bundesweiten KURZFILMTAG, einem Projekt der AG Kurzfilm – Bundesverband Deutscher Kurzfilm, tätig. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Bereits als Student habe ich mich bei einem Kurzfilmfestival in unterschiedlichen Arbeitsbereichen ehrenamtlich engagiert. Das Projekt KURZFILMTAG kannte ich deshalb auch schon aus Sicht eines Veranstalters und ich fand, dass es eine tolle Idee ist, Menschen in der dunklen Jahreszeit (nämlich am oder vor dem kürzesten Tag des Jahres) zu versammeln, um in Gemeinschaft Kurzfilme zu schauen und zu erleben. Der Kurzfilm ist eine leider unterschätzte Kunstform, die unglaublich viel transportieren kann und auch wunderbar zum Diskutieren einlädt und dazu, die eigene Perspektive zu erweitern. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Zum einen geht es darum, ein vielfältiges Angebot zu schaffen, denn mit dem KURZFILMTAG wenden wir uns an ‚alle‘: Jedes Jahr rufen wir Veranstalter*innen aus allen möglichen Bereichen dazu auf, selbst eine Kurzfilmveranstaltung auf die Beine zu stellen – oder auch Menschen, die noch gar nicht viel Erfahrung in der Veranstaltungsorganisation haben. Dazu gehören unter anderem die Koordination des Filmprogrammangebots, die Festlegung von Schwerpunktsetzungen und die Strategieentwicklung für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Zum anderen geht es um die Verbreitung unseres Mitmachaufrufs: Wir recherchieren Kontakte und sprechen die unterschiedlichsten Akteure an, um sie zu motivieren, selbst aktiv zu werden. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Da der Sitz der AG Kurzfilm von Anbeginn an in Dresden ist und es auch sachsenweite Verbindungen gibt, hat sich der KURZFILMTAG in der Stadt, aber auch im ganzen Bundesland gut etabliert und ist mit fast 100 Veranstaltungen im letzten Jahr (2024) das Bundesland mit den meisten Events gewesen. Viele Initiativen sind im städtischen und im ländlichen Bereich aktiv und sorgen für ein breites kulturelles Erleben. Wir hoffen natürlich, dass unsere Arbeit zu einem breiteren kulturellen Angebot im ganzen Freistaat beiträgt sowie dazu sich zu vernetzen – auf der Website des KURZFILMTAGs können alle Teilnehmenden gefunden werden und man kann sehen, wer in anderen Bundesländern, Orten, Gemeinden mitmacht – und bei den Veranstaltungen in den zwischenmenschlichen Austausch zu gehen. Die Polarisierung nimmt zu und vor allem auch in Sachsen gibt es starke rechte, auch antidemokratische Tendenzen und auch Themen wie Einsamkeit sind und bleiben virulent. Mit dem KURZFILMTAG soll ein kleiner Beitrag dazu geleistet werden, gegen diese Entwicklungen anzuarbeiten. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Der KURZFILMTAG wird durch Projektförderungen finanziert. Die derzeitigen Entwicklungen in der Förderung von Projekten im kulturellen und sozialen Bereich machen uns Sorge. Wir können nicht all die Dinge umsetzen, die wir in der Vergangenheit umsetzen konnten, und wenn beispielsweise weniger in die Öffentlichkeitsarbeit investiert werden kann, wird die Bekanntheit des KURZFILMTAGs – und die Information, dass man sich selbst beteiligen kann – natürlich stärker gefährdet. Damit zusammen hängt auch, dass diejenigen, die wir erreichen möchten, also die Veranstalter*innen, selbst oft mit finanziellen und personellen Engpässen zu kämpfen haben, im schlimmsten Fall ihre Arbeit einstellen müssen und weder KURZFILMTAG- noch sonstige Veranstaltungen umsetzen können. Perspektivisch möchten wir den diskursiven Aspekt von Veranstaltungen, den Fokus auf begleitete Filmgespräche mit dem Publikum, stärker in den Blick nehmen, aber auch hier sind die Kürzungen im Kultursektor ein Hindernis. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Der KURZFILMTAG setzt vor allem auf physische Angebote, gemeinschaftliche Veranstaltungen vor Ort stehen im Fokus. Es gibt aber auch einige Veranstalter*innen, die Online-Angebote zum KURZFILMTAG bereitstellen, so dass Kurzfilme in den eigenen vier Wänden erlebt werden können. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? In unserer digital geprägten Welt ist die Entwicklung von Medienkompetenz sehr wichtig. Der Zugang zu Angeboten und zu Informationen, Inhalten und Themen ist medial vermittelt, dementsprechend ist es notwendig, einen kompetenten und auch kritischen Umgang mit Medien zu fördern. Auch der rapide Aufstieg von KI-Technologien zwingt uns aufgrund der damit zusammenhängenden Manipulationsmöglichkeiten – auch was die Verbreitung von Falschinformationen betrifft, was wiederum Auswirkungen auf gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratische Prozesse haben kann – dazu, eine noch wachsamere Position einzunehmen. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Menschen, die vorher nicht mit Kurzfilmen in Berührung gekommen waren – zumindest nicht bewusst – sind durch den KURZFILMTAG darauf aufmerksam geworden, haben eigene Veranstaltungen organisiert und diese in vielen Fällen verstetigt. Damit konnten wir eben auch Gruppen erreichen, die nicht der „klassischen“ Zielgruppe von Kurzfilmen entsprechen. Dahinter steht ein breites Angebot, inhaltlich wie auch formell und was die Barrierefreiheit angeht, und intensive Akquisearbeit. Im Rahmen des Projekts sind einige Veranstaltungsideen entstanden, die fortan regelmäßig durchgeführt wurden, und es wurden Kooperationen angestoßen, die ebenfalls nachhaltig fortgeführt wurden. Das gemeinsame Filmeschauen und der Austausch darüber verbindet. Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Das Ziel des KURZFILMTAGs ist es, den Kurzfilm sichtbar zu machen und dass Menschen bewusst mit ihm in den Kontakt kommen: im Kino, im Kulturzentrum, im Nachbarschaftshaus, in der Schule, in der Kita – überall. Außerdem hoffen wir, dass wir mit dem Projekt Impulse für kreative und gemeinschaftliche Aktionen setzen können. In der Vergangenheit konnten wir beobachten, wie Ideen, die zum KURZFILMTAG realisiert wurden, von Veranstalter*innen verstetigt wurden oder sich auch neue Kooperationen zwischen Akteuren in den jeweiligen Regionen entwickelt haben. Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten? Planungssicherheit durch eine verstetigte und angestiegene Förderung. Zurzeit hat das Projekt zehn Fördergeber als Projektförderung, die auch einen entsprechenden Verwaltungsaufwand mit sich ziehen. Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Aktiv werden und ausprobieren! Sinnvoll ist es auch oft, sich Unterstützung und Kooperationspartner mit an Bord zu holen. Wie können

Interview mit Felix Völkel Weiterlesen »

Interview mit C. Z. – Antirassismusberaterin aus Dresden

Empowerment, Antirassismus und gesellschaftliche Teilhabe: Warum Beratung & Community-Arbeit in Sachsen so wichtig sind Empowerment, Antirassismus und gesellschaftliche Teilhabe: Warum Beratung & Community-Arbeit in Sachsen so wichtig sind Ein Interview mit C. Z. – Antirassismusberaterin aus Dresden – über Empowerment von Betroffenen, Herausforderungen demokratischer Antirassismusarbeit im ländlichen Raum und den gezielten Einsatz digitaler Medien zur Sichtbarkeit, Vernetzung und Stärkung von Betroffenen. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Chiara und ich arbeite in Dresden. Mein beruflicher Hintergrund liegt in der  Linguistik und in den Europastudien, mit Schwerpunkt auf der Sprache der Politik, der  Migrationspolitik der Europäischen Union und auf Rechtsextremismus. Heute arbeite ich in der Antidiskriminierungsberatung, mit einem besonderen Fokus auf Antirassismus. Darüber  hinaus bin ich seit mehreren Jahren als Trainerin tätig und biete Workshops zu Kritischem  Weißsein, Rassismus und Migration für Kinder und Erwachsene an. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Aktuell bin ich im Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland (DaMOst) e.V. als Antirassismus-Beraterin tätig. Meine Tätigkeit umfasst den Kontakt zu migrantischen Communities sowie deren Begleitung und Unterstützung. Meine Zuständigkeitsregionen sind Dresden sowie die Landkreise Sächsische Schweiz Osterzgebirge, Meißen, Bautzen und Görlitz. Der Fokus meiner Tätigkeit liegt auf ländlichen  und kleinstädtischen Räumen, in denen es keine oder nur sehr wenige Anlaufstellen gibt. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Mein Engagement ist stark von meiner eigenen Biografie und meinen Werten geprägt. Alle  Menschen sollen die gleichen Rechte haben und sich frei bewegen können, unabhängig  davon, wo sie geboren wurden, wie sie aufgewachsen sind oder wo sie leben. Zudem ist es  mir wichtig, dass Menschen als Individuen wahrgenommen und nicht auf eine vermeintliche  Kultur oder Gruppe reduziert werden, denn solche Kategorisierungen fördern Vorurteile und  Ausgrenzung. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Im Projekt „AntiRaktiv – Aktiv gegen (Alltags-)Rassismus! Empowerment, Beratung und  Bildung“ unterstützen wir Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Dazu gehören  mehrsprachige, anonyme, kostenlose, parteiische und niedrigschwellige Beratungen sowie  Empowerment-Workshops, die Betroffene stärken und Räume für Austausch schaffen. Ein weiterer Teil unseres Auftrags ist die Unterstützung und die Stärkung von  Migrant*innenorganisationen (MOs), damit Anlauf- und Beratungsstellen nachhaltig etabliert  werden können und Antirassismusarbeit lokal verankert werden kann. Im vergangenen Jahr  fand beispielsweise eine Qualifizierungsreihe für MOs zu den Themen „Community-basierte  Beratung“, „Empowerment in der Beratung“ und „Erweiterte Methoden in der Beratung“ statt. Darüber hinaus nehmen wir an Austausch- und Netzwerktreffen mit Communities sowie  Akteur*innen der Mehrheitsgesellschaft teil, um Erfahrungen zu teilen, Netzwerke aufzubauen und uns gegenseitig kollegial zu beraten. Zu unseren Tätigkeiten gehört auch die Dokumentation und Auswertung von rassistischen  Vorfällen, die politische Bedeutung tragen. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist der Community-basierte Ansatz. Er bedeutet, dass wir  eng mit den betroffenen Communities zusammenarbeiten und ihre Perspektiven,  Erfahrungen und Bedarfe in den Mittelpunkt stellen. Statt für sie zu sprechen, arbeiten wir  mit ihnen. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Unsere Arbeit ist für Sachsen besonders wichtig, weil Rassismus hier, vor allem im  ländlichen Raum (aber nicht nur dort), weit verbreitet ist, während Unterstützungsangebote  oft fehlen. Es mangelt an niedrigschwelligen, mehrsprachigen und intersektionalen Beratungsstellen sowie Empowerment-Angeboten. Das Projekt AntiRaktiv ist genau als Antwort auf diese Lücke entstanden und schafft eine  nachhaltige Infrastruktur gegen Rassismus, die von Communities selbst gestaltet und  getragen wird. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Wie bereits erwähnt, gibt es in Sachsen bislang nur wenige Angebote. Hinzu kommt, dass  unsere Arbeit häufig mit knappen Ressourcen auskommen muss. Eine der größten Herausforderungen in unserer Arbeit ist jedoch der strukturelle und  institutionelle Rassismus, der sich in allen Lebensbereichen zeigt: Wir stoßen oft bei  Behörden, in Schulen, aber auch auf dem Arbeitsmarkt an unsere Grenzen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) von 2006 war ein wichtiger Schritt, um  Diskriminierung rechtlich zu bekämpfen. Dennoch zeigt sich in der Praxis, dass das Gesetz  die Betroffenen nicht wirksam schützt, insbesondere, weil institutionelle Diskriminierung darin kaum berücksichtigt wird und die Beweislast häufig bei den Betroffenen selbst liegt. Dies erschwert nicht nur den Alltag der Betroffenen, sondern auch die Möglichkeiten, sie  wirkungsvoll zu unterstützen. Eine Weiterentwicklung des AGG ist daher dringend notwendig, um strukturellen Rassismus  auch rechtlich konsequent zu bekämpfen. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Das Projekt „AntiRaktiv“ stärkt die Selbstwirksamkeit von Menschen mit  Rassismuserfahrungen. Medienkompetenz kann Menschen dabei unterstützen, rassistische  Inhalte im Netz besser zu erkennen, die eigene Stimme wirksamer zu erheben und Diskriminierung sichtbarer zu machen. Sie ließe sich in unserer Arbeit beispielsweise in Form von Workshops zur digitalen  Selbstverteidigung gegen Online-Hass, zur kritischen Analyse von rassistischen Narrativen  oder zur Nutzung digitaler Tools für Empowerment integrieren. Außerdem ermöglicht  Medienkompetenz den Aufbau von Netzwerken und den Austausch von Erfahrungen,  sodass Betroffene sich gegenseitig stärken und solidarisch unterstützen können. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Ich finde, dass Medienkompetenz zentral für zivilgesellschaftliches Engagement ist, da sie  kritisches Denken sowie die reflektierte Beobachtung von Machtgefällen und strukturellen  Dynamiken in der Gesellschaft fördert. Sie hilft dabei, Informationen einzuordnen,  Desinformation zu erkennen und Strategien zu entwickeln, um gesellschaftliche Prozesse  aktiv mitzugestalten. Zusammenfassend ermöglicht sie die wirksame Nutzung digitaler Plattformen für Aufklärung, Vernetzung und Empowerment. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen  Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz sehe ich folgende  Herausforderungen: starker Einfluss von Desinformation, Überforderung durch  Informationsüberlastung sowie mangelnde Reflexion im Umgang mit digitalen Inhalten. Rassistische Inhalte, Hassrede und Desinformation im Netz wirken entmutigend und können  Betroffene zusätzlich belasten. In unserer Arbeit beobachten wir außerdem ungleichen Zugang zu Technologien,  insbesondere im ländlichen Raum, sowie Unterschiede in den Medienkompetenzen. Für  Menschen mit Rassismuserfahrungen kann dies den Zugang zu Unterstützung oder  Empowerment-Angeboten erschweren. Ohne ausreichende Medienkompetenz besteht zudem die Gefahr, dass strukturelle  Machtungleichheiten im digitalen Raum weiter reproduziert werden. Chancen für zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe durch  Medienkompetenz sehe ich vor allem in der Möglichkeit der Vernetzung, des Austausches und der Sichtbarkeit von Stimmen, die sonst oft übersehen werden. Für Menschen mit  Rassismuserfahrungen können digitale Tools hilfreich sein, um Diskriminierung sichtbar zu  machen, sich lokal, überregional und transnational zu vernetzen und Empowerment Angebote zu nutzen oder selbst

Interview mit C. Z. – Antirassismusberaterin aus Dresden Weiterlesen »

Interview mit Kátia Oliveira

Empowerment vor Ort: Wie Bürgertreffs Integration und Demokratie fördern Empowerment vor Ort: Wie Bürgertreffs Integration und Demokratie fördern Ein Interview mit Kátia Oliveira – Projektleiterin im Bürgertreff Volkmarsdorf – über die Förderung von Integration und Teilhabe, die Bedeutung direkter Unterstützung für Migrantinnen und Geflüchtete sowie die Chancen und Herausforderungen zivilgesellschaftlichen Engagements. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Kátia Oliveira und ich lebe in Leipzig. Ich habe einen B.A. in Sozialwissenschaften und M.A. in Friedens-und Konfliktforschung. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin Projektleiterin des Interkulturellen Begegnungs- und Beratungszentrums Bürgertreff Volkmarsdorf und Kommunale Integrationskoordinatorin. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Zunächst war es meine eigene Sehnsucht nach Zugehörigkeit und nach einem Raum, in  dem ich mich ausdrücken konnte. Gleichzeitig entstand der Wunsch, einen kleinen Beitrag  für andere Migrant*innen und Geflüchtete zu leisten und sie auf ihrem Weg zu unterstützen. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Meine Arbeit umfasst die Planung, Leitung und Evaluation von Projekten zur Förderung von Frauenrechten, Integration und gesellschaftlicher Teilhabe. Ein wichtiger Schwerpunkt liegt dabei auf der Konzeption und Durchführung interkultureller Workshops sowie Empowerment-Formate für Frauen mit Migrationsbiografie. Darüber hinaus koordiniere ich die internen Vereinsstrukturen und arbeite eng mit der Geschäftsführung zusammen. Dazu gehören unter anderem die Planung von Mitarbeitendeneinsätzen sowie die Verwaltung von Urlaubs- und Anwesenheitszeiten. Ich bin außerdem für die Organisation der Nutzung unseres Bürgertreffs durch externe Gruppen verantwortlich und unterstütze Antragstellungen sowie die Budgetplanung. Ein weiterer Bestandteil meiner Tätigkeit ist die Mitwirkung in der Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Weiterentwicklung von Strategien zur besseren Integration von Migrantinnen innerhalb des Vereins. Zudem übernehme ich selbstständige Projektorganisation, digitale Verwaltung und Dokumentation. Ergänzend dazu gehören auch Kundenbetreuung, Verweisberatung und Begleitung als Sprachmittler zu meinen Aufgaben. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Unser Verein ist für viele Menschen im Leipziger Osten ein vertrauter Ort, an den sie sich wenden können, wenn sie Unterstützung brauchen – sei es als Migrantinnen, Geflüchtete oder Frauen in Not. Oft erfahren Menschen durch Mundpropaganda von uns: Eine, die schon einmal bei uns war, erzählt anderen von unseren Angeboten. So erreichen uns regelmäßig Anfragen nicht nur aus Leipzig, sondern auch aus umliegenden Städten wie Oschatz oder aus dem Landkreis Leipzig – manchmal sogar aus weiter entfernten Städten wie München, Berlin, Bochum oder Halle. Im Alltag heißt das für uns: Wir hören genau zu, beraten telefonisch oder online und helfen dabei, passende Ansprechpartnerinnen und Hilfsangebote vor Ort zu finden. So wird unser Verein zu einem wichtigen Knotenpunkt, der Menschen Orientierung, Unterstützung und Vertrauen bietet – oft in Momenten, in denen sie dringend Hilfe brauchen. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Unser Verein ist oft der erste Anlaufpunkt für Menschen, die Hilfe brauchen – besonders  Migrantinnen, Geflüchtete und Frauen in Not. Durch finanzielle Kürzungen haben wir  weniger Integrationsmittlerinnen, und das spüren wir jeden Tag: Die Anzahl der Menschen,  die zu uns kommen, ist groß, und oft sind es zwar „kleine“ Anliegen, die aber dennoch viel  Aufmerksamkeit erfordern. Im Alltag heißt das: Es gibt manche Tage, an denen wir gleichzeitig den Empfang betreuen, Workshops organisieren, Protokolle schreiben, an Netzwerktreffen teilnehmen und unsere Angebote bekannt machen müssen. Und dann passieren auch plötzlich Notsituationen – zum Beispiel, wenn eine Frau von zu Hause flieht. In diesen Momenten müssen wir alles andere kurz beiseitelegen, Ruhe bewahren und versuchen, die Person sofort aufzunehmen und in das spezialisierte Schutznetz für Frauen zu bringen bzw. weiterzuleiten. Also es kann einen herausfordernden Alltag geben, aber auch das ist ein sehr wichtiger – weil wir Menschen direkt unterstützen und eine hoffentlich hilfreiche Orientierung geben können. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?  Digitale Angebote und Medienkompetenz sind für unsere Arbeit sehr wichtig, weil viele Frauen Informationen direkt über ihr Handy oder über Social Media erhalten – das ist praktisch, schnell und effizient. Wir versuchen, unsere Flyer so zu gestalten, dass sie unser Zielpublikum bestmöglich ansprechen. Ob dabei ein professionelles Layout oder bestimmte Vorgaben einzuhalten sind, wissen wir oft nicht genau. Dennoch denken wir nebenbei darüber nach, wie wir die Informationen am besten vermitteln können. Bei Bedarf übersetzen wir Inhalte auch in mehrere Sprachen, um unser Zielpublikum bestmöglich zu erreichen. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Medienkompetenz ist für unsere Arbeit sehr wichtig. Sie hilft uns, sichtbar zu machen, was wir tun, und gibt gleichzeitig den Menschen Mut, die ähnliche Initiativen starten oder unterstützen möchten. Besonders in der aktuellen politischen Lage ist es wichtig,  Informationen schnell zu teilen und zu erfahren, dass man mit seinem Engagement nicht allein ist. Im Alltag bedeutet das: Wir nutzen digitale Medien, um unsere Projekte bekannt zu machen, Menschen zu informieren und Netzwerke aufzubauen. So können wir zeigen, welche Arbeit geleistet wird, und gleichzeitig andere Initiativen unterstützen und vernetzen. Aber leider schaffen wir es lediglich, es nebenbei zu machen und nicht so, wie es sein sollte. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien  und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe?   Im Alltag bedeutet das, dass wir oft versuchen, neben all den anderen Aufgaben die Informationen digital weiterzugeben und uns selbst in neue Tools oder Plattformen einzuarbeiten. Ohne die Nutzung sozialer Medien läuft vieles nur schwer – daher integrieren wir die digitalen Angebote so gut es geht, auch wenn es manchmal ein Balanceakt und für mich persönlich herausfordernd ist. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? In dem Bereich, in dem ich tätig bin, beziehen sich die beobachteten Veränderungen vor allem auf kleine, aber wichtige Erfolge, die wir durch Rückmeldungen und direkte Erfahrungen feststellen. Frauen schaffen es, schwierige Situationen zu überwinden oder  finden durch unsere erste Unterstützung die notwendigen Informationen, um eigenständig  neue Möglichkeiten zu erschließen – sei es die Fortsetzung ihrer Qualifikationen, der  Einstieg in einen Beruf oder sogar die Teilnahme an freiwilligem Engagement. Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Eigentlich würde ich gerne irgendwann all meine Erfahrungen hier schriftlich festhalten – in Form einer dichten Beschreibung, vielleicht ethnografisch – oder auf eine andere materielle Weise sichtbar

Interview mit Kátia Oliveira Weiterlesen »

Interview mir Valentin Lippmann

Politik, Demokratie & Klimaschutz: Warum Engagement den Unterschied macht Politik, Demokratie & Klimaschutz: Warum Engagement den Unterschied macht Ein Interview mit Valentin Lippmann – Landtagsabgeordneter von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Parlamentarischer Geschäftsführer und stellvertretender Fraktionsvorsitzender – über seine politischen Anfänge, die Verantwortung im Sächsischen Landtag, die Herausforderungen demokratischer Aushandlungsprozesse und die zentrale Rolle gelebten Engagements für die Zukunft. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Valentin Lippmann. Ich wurde 1991 in Dresden geboren, bin in der Neustadt aufgewachsen, wo ich bis heute wohne. Ich habe Politikwissenschaften studiert und 2015 den Masterstudiengang „Politik und Verfassung” an der TU Dresden abgeschlossen. Seit 2014 bin ich Mitglied des Sächsischen Landtags. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin Landtagsabgeordneter. Für die BÜNDNISGRÜNE Fraktion vertrete ich die Themen Innenpolitik, Justiz, Sport und Weinbau. Außerdem bin ich Parlamentarischer Geschäftsführer und stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Das heißt, ich koordiniere die Arbeit meiner Fraktion im Parlament. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Noch während der Schulzeit begann ich mich, bedingt durch meine Sorge um die Zukunft unseres Planeten und meiner Unzufriedenheit mit dem Schulsystem, politisch zu engagieren, und war Schulsprecher. Während dieser Zeit wurde ich auch Mitglied der Grünen Jugend und wenig später auch Parteimitglied bei BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? In meiner Arbeit im Parlament beschäftige ich mich mit den verschiedensten Themen: von sächsischen Schulen, über Polizei und Feuerwehren bis hin zum Weinbau im Elbtal. Im Landtag beschließen wir Gesetze und stellen Anträge an die Staatsregierung, die diese umzusetzen hat. Zudem kontrollieren wir das konkrete Regierungshandeln. Ich sitze zudem in verschiedenen Ausschüssen, z.B. im Ausschuss für Inneres, Kommunales und Sport. In den Ausschüssen arbeiten wir ganz vertieft an Anträgen und Gesetzen, bevor wir diese dann im Plenum, das heißt in Anwesenheit aller Abgeordneten, beschließen. Wir Abgeordneten können auch die Regierung befragen, die uns dann innerhalb einer Frist antworten muss. Diese Anfragen werden veröffentlicht. Dadurch können wir frühzeitig auf Probleme hinweisen und die Öffentlichkeit dazu informieren. Zudem bin ich auch für die Bürger*innen im Land ansprechbar, weil ich als Abgeordneter die Interessen aller vertrete. Dazu habe ich zwei Regionalbüros in Sachsen, eines in Dresden und eines in Meißen, die für mich den Kontakt mit den Bürger*innen organisieren. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Als Mitglied des Landtages trage ich Verantwortung für die Landesgesetzgebung, z.B. im Bereich der Schulen, der Polizei und der Justiz. Wir beschließen außerdem den Landeshaushalt und entscheiden damit über das Budget der Regierung. In der Opposition ist besonders die Kontrolle der sächsischen Staatsregierung und Verwaltung eine wichtige Aufgabe für mich als Abgeordneter. Dazu können wir die Regierung befragen, auf Missstände hinweisen und alternative Vorschläge, z.B. zu Gesetzen, unterbreiten. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Politische Entscheidungen haben oftmals weitreichende Folgen und müssen langfristig gedacht werden. Um beispielsweise die Klimakrise zu bekämpfen, erscheinen die notwendigen Belastungen für viele kurzfristig als sehr extrem. Langfristig sind sie aber zwingend notwendig. Die Folgen der Klimakrise werden in ihrer vollen Härte vor allem die nachfolgenden Generationen betreffen. In der Politik geht es um genau solche Aushandlungsprozesse. Es müssen Kompromisse gefunden werden für komplexe Problemlagen. Hierfür gibt es oftmals keine einfachen und schnellen Lösungen. Der Weg dahin ist oft langwierig und sehr anstrengend, aber notwendig. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? In den letzten fünf Jahren, von 2019 bis 2024, waren wir BÜNDNISGRÜNEN Teil der Landesregierung und konnten dadurch viele wichtige Dinge beschließen. Zum Beispiel haben wir ein Transparenzgesetz beschlossen, wodurch die Bürger*innen ein Recht auf Einblick in staatliches Handeln bekommen und die Kennzeichnungspflicht für die Polizei im Einsatz eingeführt. Wir haben außerdem ein modernes Gleichstellungsgesetz beschlossen, dass Frauen bessere Teilhabe in der Verwaltung ermöglicht. Für den Klimaschutz haben wir in der vergangenen Regierung Geld für die Kommunen bereitgestellt, damit sie vor Ort Klimaschutzprojekte finanzieren können. Mit dem Klimafonds im Land haben wir aktiv Investitionen in klimafreundliche Technologien, wie z.B. Balkonkraftwerke, für Bürger*innen und Unternehmen unterstützt. Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Ich habe begonnen mich politisch zu engagieren, weil ich an die liberale Demokratie glaube und diese gegen ihre Feinde verteidigen will. Dies treibt mich noch immer um und ist für uns alle als Gesellschaft eine langfristige Aufgabe. Ich setze mich dafür ein, dass wir die Klimakrise aktiv bekämpfen und langfristig als Land klimaneutral werden. Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Wenn man etwas bewegen möchte, ist es am besten, sich mit anderen zusammenzuschließen, denn gemeinsam kann man mehr erreichen. Politische Arbeit und Engagement sind auch Teamarbeit. Darum empfehle ich jungen Menschen oder Interessierten, sich ein Thema zu suchen, für das sie brennen, und sich dann mit anderen zusammen zu engagieren, egal ob Partei, Verein oder Bürgerinitiative. Unsere Demokratie lebt vom Mitmachen! Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten? Wer gern mehr über die Arbeit eines Landtagspolitikers erfahren möchte oder noch sonstige Fragen hat, kann sich gern an mich wenden. Die politische Arbeit kann man auch bei einem Besuch des Sächsischen Landtages kennenlernen. Hierfür kann man sich als Besuchergruppe anmelden und beispielsweise eine Landtagssitzung oder öffentliche Ausschussanhörung besuchen. Besuchergruppen können über meine beiden Regionalbüros organisiert werden. Kontaktmöglichkeiten: E-Mail: mail@valentinlippmann.de Website: valentinlippmann.de Instagram: @valippmann Regionalbüro Grüne Ecke Bischofsplatz 6 01097 Dresden E-Mail: regionalbuero-dresden@valentinlippmann.de Regionalbüro Meißen Leipziger Straße 4 01662 Meißen E-Mail: regionalburo-meissen@valentinlippmann.de weitere Interviews Interviews Interview mit Paul Groschinski Interview mit Marcelo – CAMBIO e.V. Interview mit Julien Deschamps Interview mit Janet Torres Lupp Interview mit Felix Völkel Interview mit C. Z. – Antirassismusberaterin aus Dresden Interview mit Kátia Oliveira Interview mir Valentin Lippmann Interview mit Oliver Gibtner-Weidlich Interview mit Georg Salditt Interview mit Sophia Philipp Interview mit Nilsson Samuelsson

Interview mir Valentin Lippmann Weiterlesen »

Interview mit Oliver Gibtner-Weidlich

Kultur, Digitalisierung und Engagement: Warum kulturelle Bildung heute wichtiger denn je ist Kultur, Digitalisierung und Engagement: Warum kulturelle Bildung heute wichtiger denn je ist Ein Interview mit Oliver Gibtner-Weidlich – Projektmanager, Digitalisierungsexperte und Vorstand der LKJ Sachsen – über politische Herausforderungen, kulturelle Teilhabe, digitale Inklusion für Jung und Alt und die Bedeutung kultureller Bildung als demokratisches Fundament in Sachsen. Welche beruflichen Rollen hast du derzeit inne?Hauptberuflich bin ich Geschäftsführer des Forums für Kultur und Bildung, einer Bildungsorganisation mit Sitz in Sachsen, die Projekte für verschiedene Zielgruppen umsetzt – von Kindern über Berufstätige bis hin zu Senior*innen. Zusätzlich berate ich Kulturorganisationen, insbesondere in Fragen der Digitalisierung. Dabei geht es nicht darum, inhaltlich reinzureden, sondern Strukturen und Prozesse so zu gestalten, dass sie auch mit knappen Ressourcen zukunftsfähig sind. Was hat dich dazu bewogen, dich im Bereich kulturelle Bildung und Projektmanagement zu engagieren? Wie bist du dorthin gekommen?Ich habe mich schon als Kind und Jugendlicher sehr für Kunst und Kultur begeistert. Ich habe Theaterstücke inszeniert und mich auch um die Organisation gekümmert. Ich bin damals sogar zum Kulturamt gegangen, um für unsere Projekte Fördermittel zu beantragen – mit 16 Jahren, ganz ohne Anleitung. Das hat irgendwie funktioniert, und dieses Erfolgserlebnis hat mich geprägt. Später habe ich gemerkt, wie viel Potenzial in Bildung und insbesondere in kultureller Bildung steckt, das jedoch nicht ausreichend genutzt wird – gerade auch im Bereich der Digitalisierung. Das hat mich dazu bewegt, sowohl hauptberuflich als auch ehrenamtlich in diesem Feld tätig zu sein. Was sind typische Herausforderungen für kulturelle Bildung bei der digitalen Transformation?Die Herausforderungen sind vielfältig. Oft hängt es davon ab, ob eine Einrichtung kommunal angebunden ist – dann gibt es viele bürokratische Hürden. Zum Beispiel haben viele städtische Museen keine eigene Website, sondern sind in Unterseiten der Stadt-Webseite eingebettet, was ihre digitale Sichtbarkeit stark einschränkt. Dazu kommt, dass viele Akteur*innen zwar fachlich stark sind, aber wenig digitales Know-how mitbringen. Diese Lücke versuche ich zu schließen. Was ist deine Aufgabe im Vorstand der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (LKJ)?Ich bin seit vielen Jahren im Vorstand der LKJ Sachsen. Meine Rolle dort ist vor allem im Bereich der politischen Interessenvertretung und Lobbyarbeit angesiedelt. Wir versuchen, kulturelle Bildung stärker ins Bewusstsein von Gesellschaft und Politik zu rücken – besonders in Zeiten, in denen Kürzungen drohen. Kulturarbeit wird oft als selbstverständlich angenommen, weil viele sie mit großer intrinsischer Motivation leisten. Das macht sie aber gleichzeitig sehr verletzlich gegenüber Einsparungen. Wie sehen junge Menschen kulturelle Bildung? Gibt es bestimmte Interessen oder Trends?Das ist sehr unterschiedlich. Klar ist, dass wir ein großes Stadt-Land-Gefälle haben. In Leipzig oder Dresden ist das Interesse groß, aber gerade im ländlichen Raum ist kulturelles Engagement oft schwieriger. Dort ist es aber besonders wichtig. Ein weiteres Problem ist, dass sich Engagement viele erst einmal leisten können müssen. FSJ-Stellen sind zum Beispiel zwar vergütet, aber in einem so geringen Maße, dass oftmals eine weitere Unterstützung durch die Eltern notwendig ist. Welche Maßnahmen gibt es, um mehr Teilhabe zu ermöglichen?Eine wichtige Neuerung ist, dass FSJ-Stellen auch in Teilzeit möglich sind. So können die Freiwilligen zusätzlich arbeiten und sich den Freiwilligendienst eher leisten. Außerdem versuchen wir, mehr Aufklärungsarbeit zu leisten, etwa dass ein FSJ auch mit Realschulabschluss möglich ist. Leider ist die Zahl der Plätze nach wie vor begrenzt. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in deiner Arbeit?Eine sehr große. Es geht dabei weniger um technische Schulungen als um kreative, niedrigschwellige Projekte, die nebenbei Medienkompetenz fördern. Wenn Jugendliche z. B. lernen, wie sie ein Skatevideo schneiden, verstehen sie gleichzeitig, wie Medien manipulativ funktionieren können. Auch Erwachsenenbildung spielt hier eine Rolle – etwa durch Fortbildungen für Sportvereine zur Bekämpfung von Hate Speech. Welche Rolle spielt digitale Teilhabe – auch für ältere Menschen?Digitale Teilhabe wird oft auf junge Menschen reduziert, aber auch Senior*innen nutzen Smartphones und digitale Medien. Gerade für ältere Menschen können digitale Angebote soziale Teilhabe ermöglichen. Es geht nicht darum, alles „hip“ zu machen, sondern funktionale Vorteile zu schaffen – etwa durch niedrigschwellige Informationsangebote oder digitale Beteiligungsmöglichkeiten. Auch für diese Zielgruppe gilt: Digitalisierung muss mitgedacht werden. Warum ist diese Arbeit gerade in Sachsen so wichtig?Weil die politische Lage in Sachsen angespannt ist und sich zunehmend radikalisiert. Kulturelle Bildung ist ein Mittel der Demokratieförderung – und je mehr Strukturen wegfallen, desto mehr Raum bekommen extremistische Kräfte. Gerade in den 1990er Jahren haben wir gesehen, was passiert, wenn Jugendclubs schließen: Rechte Gruppen springen ein. Umso wichtiger ist es, dass wir Strukturen stärken und öffentlich sichtbar machen, was kulturelle Bildung leistet. Was ist aktuell die größte Herausforderung deiner Arbeit?Ganz klar: die Finanzierungslage. Es geht dabei weniger um Kürzungen als um fehlende Planungssicherheit. Besonders problematisch ist, dass der Haushalt in Sachsen oft nicht rechtzeitig beschlossen wird. Das führt zu Förderlücken, die sich kleine Organisationen schlicht nicht leisten können. Hinzu kommt, dass Förderentscheidungen auf kommunaler Ebene manchmal von rechtsextremen Akteur*innen beeinflusst werden – das gefährdet unsere Arbeit massiv. Gab es für dich besonders positive Erlebnisse, die dich motivieren?Ja, viele! Einmal hat ein Lehrer in einem Workshop seinen Schüler in einem Video erkannt, der sich sonst im Unterricht nie meldet. Er war völlig überrascht, wie aktiv der Junge im Projekt war. Oder eine Schülerin, die sich nach einem unserer Projekte langfristig sozial engagiert hat. Auch ein ehemaliger junger Häftling, dessen Kunstwerk in einem Wettbewerb ausgezeichnet wurde, bleibt mir besonders in Erinnerung. Das zeigt, wie sehr kulturelle Bildung wirken kann – auch in Extremsituationen. Wie erlebst du die Unterstützung durch zivilgesellschaftliche Akteur*innen?Sehr positiv. Gerade in ländlichen Regionen begegnen uns viele Menschen mit Offenheit und Hilfsbereitschaft. Die Netzwerke sind oft eng und gut vernetzt. Aber natürlich gibt es auch Hürden – wie Bürokratie – die Engagement erschweren. Trotzdem erlebe ich viel Bereitschaft, sich einzubringen. Das ist viel wert und ein wichtiger Motor für Engagement. Was würdest du jungen Menschen empfehlen, die sich engagieren wollen?Einfach loslegen! Sucht euch Leute, die ähnliche Interessen haben, oder schließt euch bestehenden Strukturen an. Man muss nicht alles alleine machen. Es gibt viele Anlaufstellen, gerade in Jugendämtern, die vermitteln können. Wichtig ist, sich klarzumachen: Wir alle sind dafür verantwortlich, wie unsere Gesellschaft aussieht. Wer

Interview mit Oliver Gibtner-Weidlich Weiterlesen »

Interview mit Georg Salditt

Demokratie stärken und Natur bewahren: Warum Engagement auf allen Ebenen gebraucht wird Demokratie stärken und Natur bewahren: Warum Engagement auf allen Ebenen gebraucht wird Ein Interview mit Georg Salditt – Bereichsleiter Bildung und Abteilungsleiter für Natur und Umwelt des Internationalen Bildungszentrums St. Marienthal – über die Bedeutung von Demokratie- und Umweltbildung, die Chancen und Herausforderungen digitaler Medien sowie die Motivation, Menschen für aktives zivilgesellschaftliches Engagement zu gewinnen. Könnten Sie sich einmal kurz vorstellen? Mein Name ist Georg Salditt, ich wohne in Ostritz. Beruflich bin ich ausgebildeter Diplom-Forstwirt und Diplom-Sozialpädagoge. In welcher Funktion sind Sie tätig? Ich bin derzeit Bereichsleiter für Bildung sowie Abteilungsleiter für Natur und Umwelt in der Stiftung Internationales Begegnungszentrum St. Marienthal. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Mein Engagement gründet auf der Überzeugung, dass Demokratie und die Bewahrung der Schöpfung (Umweltschutz) vom aktiven Mittun leben. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Ich bin vor allem in den Bereichen Demokratiebildung und Umweltbildung aktiv. In diesem Rahmen organisieren wir insbesondere mehrtägige Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Die Arbeit wäre weltweit relevant, aber ich kann mich schwerpunktmäßig auf Sachsen konzentrieren, da dies unser unmittelbares Umfeld ist. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass die Themen „Demokratiesicherung“ und „Umweltschutz“ oft von anderen gesellschaftlichen Themen überlagert werden und dadurch weniger Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhalten. Außerdem sind diese Themen durch Angriffe von Rechts bedroht. Welche Angebote spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Als Begegnungszentrum setzen wir in erster Linie auf persönliche Begegnungen, in denen auch Medienkompetenz vermittelt wird. Digitale Angebote sind dabei eher begleitend. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Medienkompetenz wird zunehmend wichtiger, insbesondere vor dem Hintergrund von Fake News und der Mobilisierung von Massen über das Internet. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Digitale Medien bieten die Chance zu schneller Kommunikation und einem guten Überblick über relevante Themen. Gleichzeitig stellt die Informationsflut eine Herausforderung dar – hier sollte man sich klar abgrenzen und positionieren. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Wir konnten bereits viele Menschen motivieren und unterstützen, zivilgesellschaftlich aktiv zu werden und so das Engagement für Demokratie und Umweltschutz stärken. Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Mein langfristiges Ziel ist der Erhalt der Demokratie und die Bewahrung der Schöpfung. Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten? Wie bei vielen Projekten sind zusätzliche Ressourcen essentiell – dazu zählen vor allem Zeit, finanzielle Mittel und engagierte Unterstützer*innen. Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Freiwilliges Engagement zahlt sich aus und bereichert das eigene Leben! Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten? Weitere Informationen finden Sie auf unserer Website: www.ibz-marienthal.deWir sind auch auf Social Media aktiv: Facebook & Instagram.   weitere Interviews Interviews Interview mit Paul Groschinski Interview mit Marcelo – CAMBIO e.V. Interview mit Julien Deschamps Interview mit Janet Torres Lupp Interview mit Felix Völkel Interview mit C. Z. – Antirassismusberaterin aus Dresden Interview mit Kátia Oliveira Interview mir Valentin Lippmann Interview mit Oliver Gibtner-Weidlich Interview mit Georg Salditt Interview mit Sophia Philipp Interview mit Nilsson Samuelsson

Interview mit Georg Salditt Weiterlesen »

Interview mit Sophia Philipp

Medienkompetenz und Demokratie: Warum Medienkompetenz kein Luxus sein darf Medienkompetenz und Demokratie: Warum Medienkompetenz kein Luxus sein darf Ein Interview mit Sophia Philipp – ausgebildete Lehrerin und Medienpädagogin bei Social Web macht Schule – über die Förderung von Medien- & Demokratiekompetenz, die Bedeutung kritischer Medienkompetenz und die Herausforderungen im digitalen Raum. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Sophia Philipp, ich lebe in Dresden und bin ausgebildete Lehrerin für Französisch und Physik. Nach meinem Studium an der TU Dresden und dem Referendariat war ich als Lehrerin in Sachsen tätig. Seit Mai 2024 bin ich als Medienpädagogin bei Social Web macht Schule gGmbH aktiv. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich arbeite als Medienpädagogin bei Social Web macht Schule. Dort konzipiere und begleite ich medienpädagogische Schulprojekte und unterstütze Schulen bei der Förderung von Medien- und Demokratiekompetenz. Aktuell habe ich die Projektleitung im Bereich „Medienkompetenz x Demokratiebildung“ bei Social Web macht Schule inne.  Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Während meiner Zeit als Lehrerin habe ich erlebt, wie stark Jugendliche digitalen Medien ausgesetzt sind, oft ohne die nötige Kompetenz, Inhalte kritisch zu hinterfragen. Themen wie Hassrede, Desinformation oder digitale Diskriminierung tauchten auch im Schulalltag auf. Ich wollte hier gezielter ansetzen und junge Menschen in ihrer Medienkompetenz stärken. Deshalb entschied ich mich für den Wechsel in die außerschulische Bildungsarbeit bei Social Web macht Schule. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Ich führe Workshops an Schulen zu Themen wie Cybermobbing, Fake News, Suchtgefährdung oder Diskriminierung in der Popkultur durch. Dazu kommen begleitende Elternabende und Fortbildungen für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte. Außerdem arbeite ich an der Visualisierung von Lehr- und Lernmaterialien und entwickle gemeinsam mit dem Team neue Formate für den digitalen Bildungsbereich. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? In Sachsen ist die Medienbildung an Schulen sehr unterschiedlich ausgebaut. In den Lehrplänen ist Demokratiebildung fest verankert. Allerdings geraten Schulen durch den aktuellen Lehrkräftemangel bei der Umsetzung an ihre Grenzen. Viele Lehrkräfte wünschen sich Unterstützung, gerade im Umgang mit komplexen Themen wie digitaler Hassrede oder extremistischen Inhalten. Unser Angebot schafft hier praxisnahe und niedrigschwellige Zugänge. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Eine große Herausforderung ist die schnelle Entwicklung digitaler Phänomene, z. B. neue Plattformen, neue Narrative, neue Risiken, neue Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz. Hier bedarf es einer ständigen Weiterbildung. Außerdem stoßen Schulen oft an organisatorische oder finanzielle Grenzen, wenn es um externe Bildungsangebote geht. An dieser Stelle versuchen wir die Schulen zu unterstützen, indem man gemeinsam nach Finanzierungsmöglichkeiten und Förderungen sucht. Nicht zuletzt beobachten wir auch bei Jugendlichen selbst ein hohes Maß an Verunsicherung im digitalen Raum, bei gleichzeitig großer Abhängigkeit davon. Es ist dabei essentiell, die Sorgen der Jugendlichen ernst zu nehmen und thematisch aufzugreifen. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Unsere Arbeit bei Social Web macht Schule zeigt auf mehreren Ebenen Wirkung, bei den Schüler*innen, den Lehrkräften und in der gesamten Schulkultur. Auf Schüler*innen-Ebene beobachten wir häufig, dass sie nach unseren Workshops bewusster und kritischer mit digitalen Inhalten umgehen.  Auch auf Seiten der Lehrkräfte sind Veränderungen spürbar. Viele sagen, dass sie durch unsere Veranstaltungen Sicherheit im Umgang mit digitalen Herausforderungen gewonnen haben, sowohl technisch als auch pädagogisch. Sie bekommen von uns konkrete Materialien und Methoden an die Hand, die sie in den Unterricht integrieren können. Es ist oft spürbar, dass unser Angebot eine Lücke schließt, für die im regulären Schulbetrieb häufig die Zeit oder Expertise fehlt. Langfristig tragen wir dazu bei, dass in Schulen offener über digitale Themen gesprochen wird. Durch unsere Impulse entsteht in manchen Schulen ein Bewusstsein dafür, dass digitale Bildung nicht nur ein Technik-, sondern vor allem ein Demokratie-Thema ist. Es gibt Schulen, die nach unseren Workshops interne Projekte zu Medienkompetenz oder Demokratiebildung aufgesetzt haben und bei denen wir fester Bestandteil der Schuljahresplanung sind. Ein konkreter Erfolg ist zum Beispiel ein schuljahresübergreifendes Projekt an einer Oberschule in Dresden, bei dem wir in den Klassen 5 und 8 das Fach „Medienkompetenz“ durchführen. Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Ich möchte dazu beitragen, dass Medien- und Demokratiebildung ein selbstverständlicher Bestandteil schulischer Bildung wird. Ziel ist es, Jugendliche zu mündigen und kritischen Nutzer*innen digitaler Medien zu befähigen. Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten? Wir brauchen langfristige strukturelle und finanzielle Unterstützung, um unsere Angebote flächendeckend umzusetzen. Derzeit sind viele Fördermöglichkeiten projektgebunden, befristet und mit einem enorm hohen Verwaltungsaufwand verbunden und das oft für vergleichsweise kleine Beträge. Für kleine Teams wie unseres bedeutet das, dass wir sehr viel Energie in Antragstellung, Abrechnungen und Nachweise investieren müssen und die uns dann in der eigentlichen pädagogischen Arbeit fehlt. Wir wünschen uns daher eine Förderkultur, die einfacher zugänglich ist und mehr Planungssicherheit ermöglicht. Statt nur punktuell Projekte zu finanzieren, wäre es hilfreich, wenn auch institutionelle Förderung stärker in den Blick genommen wird, also Unterstützung, die nicht nur für ein einzelnes Projekt, sondern für die gesamte Bildungsarbeit einer Organisation bereitsteht. Auch eine stärkere Vernetzung mit Schulen, Bildungseinrichtungen und politischen Entscheidungsträger*innen ist essentiell. Wenn wir gemeinsam daran arbeiten, Medien- und Demokratiebildung als Querschnittsaufgabe im Bildungssystem zu verankern, können wir unsere Wirkung erheblich steigern. Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Mein Tipp: Informiert euch, bildet euch weiter, bleibt kritisch und sucht euch ein Thema, das euch persönlich berührt. Auch in sozialen Medien wie TikTok oder Instagram findet ihr viele spannende Kanäle, die Hintergründe erklären, Informationen einordnen oder zum Nachdenken anregen. Nutzt diese Plattformen bewusst, statt euch nur berieseln zu lassen. Ob über Projekte, Initiativen oder digitale Kanäle, Engagement kann viele Formen haben. Wichtig ist: Nicht wegschauen, sondern aktiv werden. Gibt es noch etwas, das Sie gerne mitteilen möchten? Digitale Bildung darf kein Luxus sein. Gerade in einer Zeit, in der sich gesellschaftliche Debatten zunehmend ins Netz verlagern, ist es unerlässlich, dass alle jungen Menschen Zugang zu medienpädagogischer Bildung erhalten. Das ist nicht nur eine Bildungsfrage, sondern auch eine Frage der Demokratie. Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?   Informationen zu unseren Angeboten und Projekten finden

Interview mit Sophia Philipp Weiterlesen »

Interview mit Nilsson Samuelsson

Migration, Integration und Engagement: Warum aktive Teilhabe so entscheidend ist Migration, Integration und Engagement: Warum aktive Teilhabe so entscheidend ist Ein Interview mit Nilsson Samuelsson – Stadtplaner und langjähriger Vorstandsvorsitzender des Ausländerrat Dresden e.V. –  über die Bedeutung zivilgesellschaftlichen Engagements, die Unterstützung von Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung und die Rolle digitaler Medien in der Meinungsbildung und demokratischer Teilhabe. Kannst du dich einmal kurz vorstellen? Ich bin Nilsson Samuelsson, 58 Jahre alt. Ich komme aus Schweden und bin 1998 über einen Erasmus-Austausch nach Dresden gekommen. Seit 2010 arbeite ich in der Stadtverwaltung als Stadtplaner. Nach meiner Ankunft in Dresden hatte ich schon ziemlich früh Kontakt mit dem Ausländerrat Dresden. Die haben immer viele Veranstaltungen organisiert, wie Sommerfeste, bei denen ich öfter dabei war und ich fand es einen coolen Verein, der gute Sachen macht. Dann habe ich im Ausländerrat Menschen kennengelernt und bin Mitglied geworden. Später war ich dann im Vorstand stellvertretender Vorsitzender und habe dann den ehrenamtlichen Vorstand übernommen. Der Ausländerrat ist inzwischen über 35 Jahre alt, stark gewachsen und alles begann mit dem Gedanken, Menschen zu helfen, sich hier zurechtzufinden. Alle Projekte, die wir umsetzen, zielen darauf ab, Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung zu helfen und dabei die Stadtgesellschaft zusammenzuhalten. Denn wenn Menschen gut ankommen, dann finden sie auch einen Platz und dann trägt das auch dazu bei, dass die Stadtgesellschaft etwas davon hat. Welche konkreten Aufgaben umfasst da deine Arbeit? Ich bin im ehrenamtlichen Vorstand tätig, neben meiner 40-Stunden-Arbeit als Stadtplaner. Die Vorstandsarbeit besteht aus monatlichen Vorstandssitzungen. Der Vorstand besteht aus 7 Personen aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen Perspektiven und Hintergründen. Wir übernehmen vor allem formelle Aufgaben, haben daneben aber auch eine Geschäftsführung und eine Geschäftsstelle, die die „Alltagsarbeit” übernehmen. Dabei werden zahlreiche verschiedene Projekte betreut für verschiedene Altersgruppen und in verschiedenen Sprachen, Flüchtlingsarbeit, Sozialarbeit und noch mehr. Wir haben inzwischen 50-70 Mitarbeitende an mehreren Standorten, die teilweise auch relativ autonom in ihren Projekten arbeiten, weshalb ich auch bis heute nicht alle Mitarbeitenden kennengelernt habe. Kannst du mir ein konkretes Projekt nennen, was der Ausländerrat gerade umsetzt? Wir haben zum Beispiel einen Kindergarten, das Café Halva in Johannstadt als eine Art Treff, ein Frauenprojekt und auch einen Männertreff mit Vätern – Diese Projekte laufen dann alle über mehrere Jahre. Darüber hinaus schauen wir immer in die Gegenwart: Was ist gerade aktuell? Wo passen unsere Kompetenzen rein? Wenn Bund, Länder oder Gemeinden nach freien Trägern suchen, die Aufgaben übernehmen können, dann setzen wir auch da verschiedene Projekte im sozialen Bereich um. Warum ist deine Arbeit und die Arbeit des Ausländerrats vor alle für Sachsen oder für Dresden von Bedeutung? Soweit ich weiß sind wir die größte selbstorganisierte Migrantenorganisation in Sachsen. Über die vielen Jahre hinweg haben wir uns ein Netzwerk aufgebaut. Viele Menschen haben sich über den Ausländerrat Dresden kennengelernt und auch viele, die heute nicht mehr direkt bei uns sind, sind in anderen Organisationen aktiv. Das ist alles nur möglich, weil wir auch Menschen haben, die sich Vollzeit damit beschäftigen. Ehrenamtlich stößt man irgendwann an seine Grenzen, was man leisten kann. Wenn man sich jedoch als Verein organisiert, hat man ein ideelles Ziel und mit der Bindung professioneller Menschen, wie Sozialpädagog*innen und Expert*innen, und ehrenamtlichen Mitarbeitenden, kann man aus diesem ideellen Ziel etwas aufbauen, was man als einzelner Mensch nicht bewältigen kann. Ich glaube, das ist es, was den Ausländerrat ausmacht – Über die Jahre hinweg diese Kombination aus gutem, professionellem Arbeiten und ehrenamtlichem Engagement. Dadurch entfaltet man eine Kraft, die deutlich größer ist als die Stunden, die da bezahlt werden. Neben dem knappen zeitlichen Aspekt in Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit – welchen Herausforderungen begegnest du sonst noch in deiner Arbeit? Unsere Grundarbeit beruht auf dem Wissen darum, dass die Welt so ist, wie sie ist und schlimme Dinge passieren. Und an bestimmten Orten führt das dazu, dass Menschen dort nicht bleiben können und weg müssen. Daraufhin müssen Menschen Asyl beantragen. Sie bekommen aus verschiedenen Gründen ein Recht zu bleiben – oder auch nicht. Auch diese Gruppe gibt es, die zwischen Tür und Angel schweben und manchmal niemand für sie da ist. Das ist eine Herausforderung, die Welt so zu nehmen, wie sie ist, und nicht, wie sie sein sollte. Es gibt nicht nur die Gesetze – Menschen haben Bedürfnisse jenseits von dem, was gerade zulässig oder nicht zulässig ist. Das ist also eine große Herausforderung: Alles dafür zu tun, dass Menschen, die hier sind, aus welchen Gründen auch immer, sich gut beraten fühlen. Sie auf Bildungskonzepte aufmerksam zu machen oder auf Vereine zu verweisen. Dazu gehören natürlich auch ganz alltägliche Dinge wie Sprache und Amtsgänge, oder auch Fahrradfahren, was auch ein Projekt bei uns ist.Auch Geschlechterrollen sind außerhalb Europas ein wenig anders gelagert als hier. Nun sollen wir nicht zeigen, dass bei uns alles perfekt ist, es ist einmal überraschend. Welche Rolle spielen denn digitale Angebote und auch Medienkompetenz in deiner Arbeit? Das spielt eine Rolle. Wir haben über Jahre Bildungs- und Beratungsangebote im Bereich Smartphone-Kompetenz gehabt. Das hat sich allerdings ein bisschen gelegt. Der Computerumgang, die Schreibprogramme, sind mittlerweile sehr verbreitet. Es ist immer noch ein allgemeines, aber nicht so spezifisches Projekt bei uns. Für uns intern spielen zum Beispiel soziale Medien auf eine andere Art eine Rolle. Man müsste viel mehr in den sozialen Medien tun, um mehr Leute zu erreichen. Man kann nicht so tun, als würde es die Sozialen Medien nicht geben. Wie man das handhabt, ist eine andere Sache. Wir wollen Menschen gut beraten und natürlich sollen sie uns finden. Aber wir haben kein Eigeninteresse daran, dass es ganz viele Posts in verschiedensten Online-Portalen gibt. Unser Ziel ist es, dass die Menschen uns persönlich finden. Das ist ein Zwiespalt. Es ist für uns auch nicht auswertbar – Wie viel Zeit stecken wir da hinein und wen erreichen wir damit eigentlich? Woran machen wir das fest? An Klicks? Ich würde sagen, das ist eine offene Frage, die uns auch in Sachen Digitalisierung beschäftigt. Welche Rolle spielt Medienkompetenz, um die eigene Stimme in der Gesellschaft zu nutzen und Demokratie im digitalen Raum zu

Interview mit Nilsson Samuelsson Weiterlesen »