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Interview

Christian Krentel-Seremet | KulturLoge Dresden

Zwischen Verwaltung, Unternehmertum und Ehrenamt: Wie Engagement Demokratie stärkt Zwischen Verwaltung, Unternehmertum und Ehrenamt: Wie Engagement Demokratie stärkt Christian Krentel-Seremet erzählt, warum er gesellschaftliches Engagement nicht nur als Kampf gegen Probleme versteht, sondern als Aufbau positiver Alternativen. Das Gespräch führt von der KulturLoge Dresden über Medienkompetenz und Ehrenamt bis zu der Frage, wie junge Menschen Demokratie durch eigenes Handeln erfahren können.  Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Ich heiße Christian Krentel-Seremet, wohnhaft in Dresden und bin Jurist und Verwaltungsbeamter.   In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Nach meinem Ausscheiden aus dem aktiven Beamtendienst bin ich einerseits Pensionär, andererseits selbstständiger Unternehmer   Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Als Beamter wollte ich mit meinen Kompetenzen sinnvoll für die Gesellschaft arbeiten. Ich glaube an den Begriff ,good governance‘, wonach staatliches Handeln dem Wohl aller Bürger verpflichtet ist. Als Unternehmer wollte ich einerseits Geld verdienen, andererseits meine bis dahin erworbenen Kenntnisse und Kompetenzen einbringen können und weiterhin aktiv sein. Darüber hinaus bin ich ehrenamtlich engagiert als Vorstandsvorsitzender der KulturLoge Dresden, als Vorstand des Kulturbüros Dresden und als Beisitzer im Vorstand des Bundesverbands Kulturelle Teilhabe (BVKT).   Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Als Unternehmer, der Partner im Unternehmen hat, kümmere ich mich gemeinsam mit den Partnern um die strategischen Fragen des Unternehmens, alle Rechtsangelegenheiten und die Repräsentation nach außen.   Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Ich bin an verschiedenen Unternehmen beteiligt. Eine Firma ist nicht in Sachsen ansässig, sondern in Thüringen. Eine weitere, kürzlich gegründete Firma kümmert sich um die Vermittlung von Fachkräften aus dem Ausland an deutsche Arbeitgeber. Auch in Sachsen herrscht Fachkräftemangel, der nur durch Zuzug aus dem Ausland gedeckt werden kann. Gelingt dies nicht, hat das negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung und den Wohlstand im Land, auch wenn das viele nicht erkennen wollen. Hier versuchen wir zu unterstützen und gleichzeitig ein weltoffenes Klima in Sachsen zu schaffen.   Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Das gesamtwirtschaftliche Umfeld, die Auswirkungen weltweiter politischer Entscheidungen, schlagen unmittelbar auf die konkrete wirtschaftliche Betätigung vor Ort durch. Corona-Maßnahmen, Energiepreisentwicklung, Lieferkettenprobleme, Ölpreissteigerungen, all diese Punkte haben unmittelbaren Einfluss auf ein Unternehmen. Man ist ständig dabei, Probleme zu lösen, die ohne diese Entscheidungen nicht da wären. Wobei ich die Corona-Maßnahmen doch davon ausnehmen möchte. Sie haben viel Geld gekostet, waren aber meines Erachtens notwendig.   Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?  Wir nutzen digitale Angebote im Wesentlichen für unsere eigenen Firmenauftritte. Das normale Programm, Website, Social Media, um Kunden und Geschäftspartner zu gewinnen. Medienkompetenz ist hier wichtig, vor allem, wenn man am Anfang viele Dinge selber machen muss. Meine Medienkompetenz ist nicht so ausgeprägt. Ich bin ein interessierter Nutzer. Unsere Auftritte werden von den Partnern in der Firma gestaltet. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Medien, in ihrer gesamten Breite von herkömmlichen Medien (Zeitungen, Magazine, Fernsehen und Rundfunk) über neuere Formate wie Podcasts oder Streaming bis hin zu allen weiteren Angeboten der digitalen Medien sind konstituierend für eine Demokratie. Freie und ungehinderte Wissensvermittlung an die Menschen, aber auch freie und das heißt auch unkontrollierte Kommunikation unter den Menschen sind wesentliche Voraussetzung einer funktionierenden Demokratie.   Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Medienkompetenz beim Erschaffen und Nutzen digitaler Medien ist natürlich zunächst entscheidend. Hier gibt es dauerhaften Schulungsbedarf, da sich auch die Medien im Gleichschritt mit der technologischen Entwicklung im IT-Bereich, gerade insbesondere bei der KI, sehr schnell weiterentwickeln. Hierin, und darin, die dafür notwendige Zeit aufzubringen – zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe finden ja ganz überwiegend ehrenamtlich statt – liegt sicher die größte Herausforderung. Die Chancen korrespondieren mit der oben beschriebenen Notwendigkeit dieser Themen für die Zivilgesellschaft und Demokratie.   Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Diese Frage zielt natürlich insbesondere auf meine ehrenamtliche Tätigkeit ab. Im Bereich der KulturLoge vermittelten wir im Jahr 2025 ca. 14500 freie Plätze kostenlos an Menschen, die sich den Eintritt sonst nicht leisten können. Wir haben damit nicht nur ebenso viele bereichernde Kulturerlebnisse, sondern auch einen gesellschaftlichen Mehrwert geschaffen, indem wir Wertschätzung und Zugehörigkeit vermittelt und damit zur Stabilität einer demokratisch organisierten Gesellschaft beigetragen haben. Im Bereich des Kulturbüros helfen wir vornehmlich jungen Menschen, Selbstwirksamkeitserfahrungen in einer Demokratie zu sammeln. Zur Akzeptanz von Demokratie gehört nicht nur, dass diese ihre (Wohlstand-)Versprechen an die Menschen erfüllt, sondern auch, dass sie ihr Versprechen erfüllt, dass aktive Teilhabe auch tatsächlich etwas bewirkt. Wer das nie erlebt hat, versteht auch Sinn und Nutzen von Demokratie nicht.   Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Mein Ziel, bei (fast) allen meinen Tätigkeiten, ist es, zum Gelingen einer demokratische organisierten Gesellschaft beizutragen. Dies gelingt durch wirtschaftlichen Erfolg einerseits, durch Solidarität im In- und Ausland andererseits. Hier versuche ich mit meinen begrenzten persönlichen Mitteln einen Beitrag zu leisten   Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten? Um es kurz zu sagen: Geld!  Ehrenamtliche Arbeit ist meines Erachtens für eine funktionierende demokratische Gesellschaft genauso wichtig wie freie Medien und eine gut funktionierende, am Wohl aller Bürger ausgerichtete Verwaltung (s.o. good governance). Ehrenamtliche Arbeit braucht aber professionelle Strukturen im Hintergrund und die müssen finanziert werden. Darüber hinaus würde ich mir weniger ideologisches Gezänk zwischen den demokratischen Parteien wünschen. Insbesondere der Vorwurf konservativer Parteien, die Demokratie fördernden Vereine seien zu links und würden nur linke Strukturen stärken, daher müsse man sie durch Geldentzug bis zur Selbstaufgabe schwächen, ist meines Erachtens absurd und für eine in Frage gestellte Demokratie existenzgefährdend.   Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Ich sehe tatsächlich großes Engagement bei vielen jungen Menschen. Durch aktives Tun, aber auch in der inneren Haltung zu den Themen und Werten, die eine liberale Demokratie braucht. Ich sehe, dass junge Menschen mitbestimmen und nicht fremdbestimmt werden wollen durch autoritäre Strukturen. Eine Empfehlung ist, begeistert Euch weiterhin für diese freie Gesellschaft, denn Begeisterung setzt Kräfte frei. Und richtet Euch darauf ein, dass

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Elli Martius | Stadträtin Dresden SPD-Fraktion

Engagement in der Kommunalpolitik – Als Stimme für junge Menschen Engagement in der Kommunalpolitik – Als Stimme für junge Menschen Ein Interview mit Elli Martius, Dresdner Stadträtin und Sprecherin der SPD-Fraktion für Energie, Umwelt und Kultur, über Erfolge und Herausforderungen kommunaler Gremienarbeit, Engagement als Stütze und Möglichkeit zum persönlichen Wachstum und die Frage, wie junge Stimmen ihren Platz in der Politik finden. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Elli Martius. Ich studiere Informationssystemtechnik an der TU Dresden und lebe in Dresden.   In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin ehrenamtlich Stadträtin in Dresden und bin Sprecherin der SPD-Fraktion für die Themen Energie, Umwelt und Kultur.   Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? In meinem Ehrenamt habe ich gelernt, wie wichtig es ist, politisch zu sein – und wie entscheidend es ist, dass die eigene Stimme in den Gremien vertreten wird, die über das eigene Leben mitentscheiden. Das hat mich dazu bewogen, mein Engagement zu nutzen, um jungen Menschen und insbesondere jungen Frauen im Dresdner Stadtrat eine Stimme zu geben.   Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Der wichtigste Teil meiner Arbeit ist der Austausch mit Institutionen, Vereinen und Interessenvertreter*innen. Dieser Austausch bildet die Grundlage für meine Gremienarbeit, in der ich mich mit Verwaltungsvorlagen und Anträgen anderer Fraktionen auseinandersetze.   Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Ich halte es für hochrelevant, dass die Gremien in Sachsen nicht veralten, damit die Politik zukunftsgerichtet bleibt. Es braucht in den Gremien ein gutes Abbild der Gesellschaft – nur so lassen sich die Interessen der Bürger*innen sinnvoll umsetzen.   Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Die größte Herausforderung sind die schwierigen Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat, die es kompliziert machen, tragfähige Mehrheiten für wichtige Beschlüsse zu organisieren. Das führt mitunter dazu, dass wichtige Beschlüsse wegen fehlender Kompromissfindung verzögert werden, was zu Unsicherheiten bei den Betroffenen führt. Außerdem empfinde ich das Gesprächsklima im Rat als zunehmend populistisch und teils unkollegial, was den politischen Dialog vergiftet. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?  Digitale Angebote spielen für mich vor allem eine Rolle darin, Gremienarbeit zugänglicher zu machen – etwa durch digitale Sitzungsunterlagen oder Informationskanäle, über die Bürger*innen unkompliziert erfahren, was im Stadtrat verhandelt wird. Medienkompetenz brauche ich täglich, um Informationen einzuordnen, Falschdarstellungen zu erkennen und komplexe Sachverhalte verständlich zu kommunizieren.   Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Medienkompetenz ist eine Grundvoraussetzung für Engagement, weil sie Menschen befähigt, sich unabhängig zu informieren, Quellen zu bewerten und selbst Position zu beziehen. Ohne sie wird politische Teilhabe schnell zur bloßen Reaktion auf das, was andere vorgeben.   Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Digitale Medien senken die Hürde, sich zu informieren und einzumischen, erheblich – gerade für junge Menschen, die sonst keinen Zugang zu klassischen Gremienstrukturen hätten. Die Kehrseite ist die Verbreitung von Desinformation und die Vereinfachung komplexer politischer Fragen auf plakative Aussagen. Deshalb braucht es sowohl Angebote, die Beteiligung digital einfacher machen, als auch gezielte Bildung, die Menschen befähigt, digitale Informationen kritisch einzuordnen.   Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Ich habe das Gefühl, für Akteurinnen und Akteure in Dresden eine verlässliche Ansprechperson zu sein und sie dadurch in ihrer Arbeit unterstützen zu können. Gerade in der Kulturförderung konnten wir gemeinsam Kürzungen abwenden, die die Arbeit wichtiger Vereine gefährdet hätten. Gleichzeitig bekomme ich regelmäßig von jungen Menschen die Rückmeldung, dass sie sich freuen, ihre Perspektiven in diesem Rat vertreten zu sehen. Auch dieses Gefühl von Repräsentation ist für mich eine wichtige positive Wirkung meiner Arbeit.   Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Mein Hauptziel ist es, mit meiner Arbeit Menschen in Dresden zu unterstützen und jungen Menschen zu zeigen, dass sie die nötigen Kompetenzen haben, selbst Gremienarbeit zu machen. Solange ich das Gefühl habe, das leisten zu können, möchte ich diese Arbeit fortführen – wenn nicht in diesem Ehrenamt, dann auf anderem Weg.   Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten? Ich habe bereits ein breites Netzwerk an Menschen, die mich unterstützen. Die wichtigste Ressource in meinem Ehrenamt ist immer Zeit, die sich leider schwer ausweiten lässt. Besonders freue ich mich aber immer, wenn mir konkrete Ideen oder Ziele gespiegelt werden, die ich auch realistisch in den Rat einbringen kann. Das weitet meinen eigenen Blick, da ich selbst natürlich nicht alle Themen mitbekommen kann.   Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Mein größter Anker am Anfang war eine Jugendorganisation, in der ich mich mit anderen jungen Menschen austauschen, diskutieren und gegenseitig weiterbilden konnte. Ein gutes Netzwerk an Menschen, die mich unterstützt haben, hat mich stets ermutigt, meine Meinung zu sagen und weitere Aufgaben zu übernehmen.   Gibt es noch etwas, das Sie gerne mitteilen möchten? In Zeiten der Unsicherheit ist Engagement eine gute Stütze – egal, wie dieses Engagement aussieht: bei der Feuerwehr, in einem Verein oder in einer Partei. Gerade junge Menschen sollten die Angst ablegen, nicht die nötigen Kompetenzen für ein solches Engagement zu haben. In alles kann man mit Interesse hineinwachsen, und Alter bringt nicht automatisch Kompetenz.   Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten? Ich freue mich immer über Feedback und Impulse zu meiner Arbeit. Wer sich darüber informieren oder mit mir in Kontakt treten möchte, findet mich auf Instagram (elli.martius), auf meiner Website (ellimartius.de) und über meine Fraktion (spd-fraktion/elli-martius). Dort gibt es auch weitere Kontaktmöglichkeiten.   Darüber hinaus möchte ich jedem ans Herz legen, sich selbst zu engagieren – sei es in einer Partei, einer Initiative oder einem Verein. Aus meiner Erfahrung sind es vor allem Menschen, die sich persönlich einbringen, die ehrenamtlichen Strukturen stärken und mit Leben füllen.   weitere Interviews Interviews Said Ramin Rahimi | JUSTICE & WÜRDE; Willkommen in Bautzen e. V. André Henning | Zentralwerk e. V. Annika & Lorenz | Projekt Kompass der Kindervereinigung Leipzig e. V. Max Haller & Steve Hanschur | Vorsitzende

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Said Ramin Rahimi | JUSTICE & WÜRDE; Willkommen in Bautzen e. V.

Veränderung durch Dialog: Wie zivilgesellschaftliches Engagement Sachsen prägt Veränderung durch Dialog: Wie zivilgesellschaftliches Engagement Sachsen prägt Ein Interview mit Said Ramin Rahimi – Jurist, Menschenrechtsaktivist und Gründer der Initiative JUSTICE & WÜRDE – über ein Sachsen, das ihm neben Herausforderungen mit Menschlichkeit und zivilgesellschaftlichem Engagement begegnet und darüber, wie Begegnung, Erinnerungskultur und gesellschaftliche Teilhabe Brücken zwischen Menschen und Regionen baut. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Ich bin Said Ramin Rahimi – ein Mensch mit Migrationsgeschichte, der an Menschlichkeit, die Würde des Menschen und die Menschenrechte glaubt und sich gegen Rassismus und Extremismus in all seinen Formen einsetzt. Ich verwende bewusst den Begriff „Mensch mit Migrationsgeschichte“, weil ich davon überzeugt bin, dass kein Mensch illegal ist. Unabhängig von Titeln, Nationalitäten oder geografischen Grenzen sind wir zunächst alle Menschen und besitzen den gleichen Wert, die gleichen Rechte und die gleiche Würde. Deutschland ist zwar nicht das Land, in dem ich geboren wurde, aber nachdem ich Ende März 2022 gemeinsam mit meiner Mutter und meinem Bruder im Rahmen einer offiziellen Aufnahme durch die deutsche Bundesregierung nach Leipzig gebracht wurde, begann für mich ein neues Kapitel meines Lebens in diesem Land. Auf persönlicher Ebene habe ich das Gefühl, in Bautzen neu geboren worden zu sein, in Dresden gewachsen zu sein und heute in Sachsen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu empfinden – nicht aus einer nationalistischen Perspektive, sondern aufgrund der Menschen, denen ich in dieser Region begegnet bin, der Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, und der menschlichen Beziehungen, die hier entstanden sind. Ich habe einen juristischen Hintergrund. In Afghanistan war ich als Strafverteidiger, Rechtsberater, Rechtsjournalist und Dozent für Verfassungsrecht tätig. Nach meiner Ankunft in Deutschland habe ich meinen Weg in den Bereichen Recht, Menschenrechte,demokratische Bildung, bürgerschaftliche Teilhabe und gesellschaftlicher Dialog fortgesetzt.   In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Auf Grundlage meines juristischen Hintergrunds, der offiziellen Anerkennung meiner akademischen Qualifikationen in Deutschland, meiner beruflichen Erfahrungen sowie meiner nationalen und internationalen Tätigkeiten arbeite ich derzeit in verschiedenen Bereichen an der Schnittstelle von Recht, Menschenrechten, Demokratie und gesellschaftlich-politischer Teilhabe. Seit Ende 2022 arbeite ich als juristischer Mitarbeiter im Bereich Migrations- und Verwaltungsrecht beim Verein Willkommen in Bautzen e.V.. In dieser Funktion unterstütze ich Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte bei rechtlichen und administrativen Fragen, begleite sie in Verwaltungsverfahren, unterstütze die Kommunikation mit Behörden und trage dazu bei, dass Menschen Zugang zu Informationen und ihren gesetzlichen Rechten erhalten.   Gleichzeitig bin ich Gründer und Projektleiter von JUSTICE & WÜRDE, einer Initiative, die im August 2026 ihre praktische Arbeit in Sachsen aufnimmt. Das Projekt wird von der Stiftung EVZ unterstützt und in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Partnern umgesetzt. Im Mittelpunkt stehen Menschenrechtsbildung, demokratische Bildung, Erinnerungskultur, die Auseinandersetzung mit Diskriminierung, gesellschaftlicher Dialog und die Stärkung bürgerschaftlicher Teilhabe. Darüber hinaus beschäftige ich mich mit historischen Themen und Erinnerungskultur, unter anderem durch Recherche, fotografische Dokumentation sowie die Arbeit mit persönlichen Geschichten, Texten und Gedichten. Dabei geht es mir darum, historische Erfahrungen sichtbar zu machen, ihre Bedeutung für die Gegenwart zu reflektieren und einen Raum für gesellschaftlichen Austausch zu schaffen. In den vergangenen Jahren habe ich außerdem an verschiedenen nationalen und internationalen Programmen und Netzwerken teilgenommen, darunter: European Forum Alpbach 2026 – Stipendiat World Bank Group Youth Summit 2026 – ausgewählter Delegierter CEELI Institute – Strategic Litigation Training Justice Leaders Alliance OFAJ/DFJW – Programme im Bereich Jugenddialog und europäische Zusammenarbeit Erasmus+ – Programme zu Bildung, Jugend und Demokratie Stiftung EVZ – Programme im Bereich Erinnerungskultur und Menschenrechte Betzavta – demokratische Bildungs- und Moderationsausbildung Diese Erfahrungen ermöglichen es mir, juristisches und politisches Wissen, politische Bildung, meine eigene Migrationserfahrung, historische Auseinandersetzung und gesellschaftliches Engagement miteinander zu verbinden.   Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Viele Erfahrungen haben mich zu diesem Engagement geführt: mein Leben in Bautzen, Dresden und Sachsen; das Zugehörigkeitsgefühl, das ich zu dieser Region entwickelt habe; persönliche Erfahrungen mit Diskriminierung und gesellschaftlichen Herausforderungen; die Geschichte dieser Region; und nicht zuletzt die Begegnung mit vielen engagierten und verantwortungsbewussten Menschen in Ostdeutschland. Eine besondere Rolle spielte dabei auch meine Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur. Besuche ehemaliger Orte von Zwangsarbeit und Haft haben mich tief geprägt. Dort Geschichte nicht nur aus Büchern zu kennen, sondern an historischen Orten zu stehen, Spuren der Vergangenheit zu sehen und sich mit den Erfahrungen und dem Leid der Menschen auseinanderzusetzen, hat mir erneut gezeigt, wie wichtig es ist, Erinnerung lebendig zu halten und aus der Geschichte Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen. Ich bin dabei sowohl mit den schwierigen Seiten dieser Gesellschaft als auch mit Menschen in Kontakt gekommen, die sich mit großer Überzeugung für Menschlichkeit, Demokratie und ein friedliches Zusammenleben einsetzen.   Diese Erfahrungen haben mich dazu bewegt, nicht nur über Veränderung zu sprechen, sondern selbst Teil dieser Veränderung zu sein. JUSTICE & WÜRDE ist genau aus diesem Punkt heraus entstanden: aus der Erfahrung eines Migranten, aus meinem juristischen Wissen, aus meinem Glauben an den Dialog und aus der Überzeugung, dass Demokratie nicht allein in geschriebenen Gesetzen existiert, sondern im alltäglichen Umgang der Menschen miteinander entsteht.   Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? JUSTICE & WÜRDE verbindet meine juristische Expertise mit demokratischer Bildung, gesellschaftlichem Engagement sowie der Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und Geschichte. Im Mittelpunkt steht die Verbindung dieser Bereiche, um Menschenrechtsbildung und demokratische Teilhabe praktisch erfahrbar zu machen. Die Initiative umfasst Workshops und Aktivitäten zu Menschenrechten, Grundrechten, Antidiskriminierung, Erinnerungskultur, interkulturellem Dialog, bürgerschaftlicher Teilhabe und der Stärkung des Rechtsbewusstseins. Dabei verbinde ich mein juristisches Wissen und meine praktische Erfahrung mit Methoden der non-formalen Bildung, insbesondere mit Ansätzen wie Betzavta. Ziel ist es, dass Menschen Demokratie nicht nur als theoretisches Konzept kennenlernen, sondern sie durch Dialog, Reflexion und gemeinsames Handeln unmittelbar erfahren. Es geht mir darum, Menschen nicht nur über ihre Rechte zu informieren, sondern sie auch darin zu stärken, ihre eigene Rolle und Verantwortung bei der Gestaltung einer demokratischen, inklusiven und solidarischen Gesellschaft zu erkennen. Darüber hinaus engagiere ich mich bei Willkommen in Bautzen e.V. in der rechtlichen Begleitung von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte, bei der Übersetzung und interkulturellen Kommunikation, bei administrativen Angelegenheiten sowie bei der Verbesserung des Zugangs zu Informationen und rechtlichen Ansprüchen.

Said Ramin Rahimi | JUSTICE & WÜRDE; Willkommen in Bautzen e. V. Read More »

André Henning | Zentralwerk e. V.

Kultur als Gegenentwurf: Das Zentralwerk als Möglichkeitsraum in Pieschen Kultur als Gegenentwurf: Das Zentralwerk als Möglichkeitsraum in Pieschen Ein Interview mit André Hennig, Mitglied der Zentralwerk Kultur- und Wohngenossenschaft Dresden und zuständig für Öffentlichkeitsarbeit von Genossenschaft sowie Verein. Über ehrenamtliches Engagement zwischen Selbstverwaltung und Selbstausbeutung, die Rolle des Zentralwerks als Alternative zum gesellschaftlichen Backlash in Ostdeutschland und Medienkompetenz als “demokratische Basiskompetenz”. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist André Hennig und ich bin „Genosse“ in der Zentralwerk Kultur- und Wohngenossenschaft Dresden. Als solcher wohne ich auch im Zentralwerk. Beruflich beschäftige ich mich aktuell vor allem mit Öffentlichkeitsarbeit im Kulturbereich und als PR-Texter. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Im Zentralwerk gibt es neben der Genossenschaft noch den Zentralwerk e.V., das ist sozusagen der kulturelle Arm des Projektes. Ich koordiniere die Öffentlichkeitsarbeit für Genossenschaft und Verein, wobei der vom Verein getragene Veranstaltungsbetrieb dabei den wesentlichen Teil ausmacht.   Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Das Zentralwerk existiert als Ort, der Leben und Arbeiten verbindet, seit ca. 2016. Seit damals haben vor allem die Genossenschaftsmitglieder, die beruflich aus sehr verschiedenen Bereichen kommen, jede Menge ehrenamtliche Arbeit in das Projekt gesteckt und tun es weiterhin, um den kulturellen Betrieb zu gewährleisten und das gesamte Konstrukt strukturell stetig weiterzuentwickeln. Das funktioniert natürlich am besten, wenn jeder seine spezifischen Skills dort einbringt, wo sie gebraucht werden. Da ich seit langem im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig bin, ist es naheliegend, hier entsprechende Aufgaben zu übernehmen und das Zentralwerk als kulturellen Kristallisationspunkt in Pieschen und als Begegnungsort in diesem Stadtteil zu stärken.   Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Das Zentralwerk dient zum einen als Spielstätte von eigenen, vom Verein getragenen Veranstaltungen, vor allem aber als kultureller Hub, das von ganz verschiedenen Akteuren genutzt werden kann. Dafür stellen wir nicht nur die Infrastruktur zur Verfügung, sondern machen in wesentlichen Teilen auch die Öffentlichkeitsarbeit. Hier bin ich sozusagen der Koordinator, schreibe Pressemitteilungen und habe die Social-Media-Kanäle im Blick.   Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? In den ostdeutschen Bundesländern und also auch in Sachsen ist es besonders wichtig, Räume und Angebote zu schaffen, die Alternativen zum aktuellen gesellschaftlichen und politischen Backlash bieten. Orte, an denen nicht demokratie- und menschenfeindliche Einstellungen ventiliert werden, an denen nicht Eigennutz und wirtschaftliche Verwertbarkeit das Maß der Dinge sind. Wir versuchen, ein solcher Ort zu sein – zum einen mit unseren Veranstaltungen, zum anderen, indem wir Initiativen und Institutionen eine Plattform bieten, die das gleiche wollen. Im Zentralwerk betreiben Enthusiasten ein freies Radio, beschäftigen sich im Chaos Computer Club u.a. mit gesellschaftlichen Aspekten von Technologie und setzen sich für Informationsfreiheit sowie informationelle Selbstbestimmung ein, spielen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Theater, haben Künstler verschiedenster Richtung einen Platz zum Arbeiten und migrantische Vereine einen „Engagement-Stützpunkt“.   Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Wohl dieselben wie fast allen ähnlich gestrickten Akteuren: eine prekäre wirtschaftliche Situation und die Endlichkeit ehrenamtlichen Engagements, wenn es in Selbstausbeutung umschlägt. Auch wenn sich ein wesentlicher Teil des Zentralwerks durch Mieten und viel unbezahlte Arbeit selbst trägt, so kann er doch den anderen, kulturellen Teil nicht mal eben querfinanzieren. Denn wir wollen Raum zum Leben und Arbeiten möglichst niederschwellig und kostengünstig anbieten. Der Kulturbetrieb ist von Fördergeldern abhängig. Die fließen in Dresden von jeher vornehmlich in Richtung „Hochkultur“, die Mittel für freie Szene, Popmusik, Kleinkunst etc. schmelzen durch Kürzungen und Inflation wie Schnee im Klimawandel. Zwar haben auch wir einen „Grünen Hügel“ – viel mehr sogar zwei -, von Zuschüssen wie in Bayreuth können wir aber nicht mal träumen, denn die Relationen liegen jenseits des Vorstellbaren. Bekämen wir nur eine einzige Wagnerfestspiel-Jahresförderung, könnten wir damit viele Jahrzehnte lang Programm machen und zusätzlich Leute vernünftig bezahlen.   Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?  Das Zentralwerk setzt vor allem auf physische Angebote, auf das gemeinschaftliche Erlebnis vor Ort. Nichtsdestotrotz haben wir Veranstaltungen, die sich mit entsprechenden Themen beschäftigen, gelegentlich auch im Programm. Zudem ist das Zentralwerk Heimat verschiedener Akteure, die auf diesen Gebieten mit Expertise aufwarten können. Beispielhaft genannt seien hier das freie Radio „Coloradio“, das auch mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, sowie der Chaos Computer Club, der mit den „Datenspuren“ auch seine Jahreskonferenz im Zentralwerk ausrichtet.   Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Eminent wichtig. Medienkompetenz ist keine „Zusatzqualifikation“, sondern eine demokratische Basiskompetenz: Ohne sie sind wir nicht in der Lage, uns evidenzbasiert zu informieren, sie ist die Grundlage für Urteilskraft und Handlungsfähigkeit in digitalen wie in gesellschaftlichen und politischen Räumen.    Welche Chancen und Herausforderungen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Digitale Medien und der souveräne, aber auch kritische Umgang mit ihnen sind ein Grundpfeiler für zivilgesellschaftliches Engagement, sie können uns helfen, wirksam, inklusiv und resilient zu sein. Fehlt die Kompetenz im Umgang mit ihnen, können sie aber auch absolut destruktiv wirken. Die Herausforderung dabei: Medienkompetenz ist über alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten hinweg enorm ausbaufähig.   Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit und welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Wir bieten mit dem Zentralwerk einen Möglichkeitsraum. Menschen können sich hier verwirklichen, eine Homebase für ihre Kunst und/oder ihr Business finden, sie können Kultur erleben, Theater spielen, singen, tanzen oder sich einfach nur niederschwellig und diskriminierungsfrei in einem toleranten und aufgeschlossenen Umfeld mit Gleichgesinnten treffen. Damit sind wir nicht die Keimzelle der Weltrevolution, machen die Welt aber vielleicht ein klein wenig besser.    Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten? Eine tragfähige wirtschaftliche Basis. Diese sollte auch, aber nicht zwingend ausschließlich, durch den Steuerzahler geschaffen werden. In Zeiten epochaler Ungleichverteilung von Vermögenswerten bieten wir die Chance, hier nivellierend zu wirken: Spenden Sie an den Zentralwerk e.V.! Wir sind wie gesagt ein Möglichkeitsraum: Mäzene sind bei uns ebenso willkommen wie Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und tatkräftig einbringen möchten.   Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Einfach machen. Dafür muss man manchmal

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Annika & Lorenz | Projekt Kompass der Kindervereinigung Leipzig e. V.

Ein Kompass für den kritischen Umgang mit Extremismus und Fake News online Ein Kompass für den kritischen Umgang mit Extremismus und Fake News online Ein Interview mit Annika und Lorenz vom Projekt Kompass der Kindervereinigung Leipzig e. V. über eine digitale Medienbildung, die sich an den Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen orientiert, über die Schnelllebigkeit von Trends und den sensiblen Umgang mit unterschiedlichen Zielgruppen. Könntet ihr euch bitte kurz vorstellen? Wir sind Lorenz und Annika vom Projekt Kompass in Leipzig. Lorenz hat Erziehungswissenschaft studiert und Annika Soziale Arbeit.   In welcher Funktion seid ihr aktuell tätig? Wir sind Projektmitarbeitende vom Projekt Kompass der Kindervereinigung Leipzig e.V.   Was hat euch dazu bewogen, euch in diesem Bereich zu engagieren? Wir beobachten gerade eine starke Zunahme versuchter Einflussnahme durch Ideologische Gefährdungen in Social Media. In dem Projekt sehen wir die Möglichkeit Kinder und Jugendliche darüber aufzuklären und durch Wissen zu schützen.   Welche konkreten Tätigkeiten umfasst eure Arbeit? Unsere Arbeit umfasst die Konzeption und Durchführung von Workshops an Schulen, in Jugendclubs sowie mit Multiplikator*innen. Dabei setzen wir uns mit Themen wie Rechtsextremismus, religiös begründetem Extremismus, Verschwörungserzählungen und Fake News auseinander. Ein weiterer wichtiger Bestandteil unserer Tätigkeit ist die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen.    Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Für uns ist es wichtig, mit Kindern und Jugendlichen über ihre Lebenswelt ins Gespräch zu kommen. Wir möchten uns mit ihnen austauschen, was ihnen alltäglich auf Social Media begegnet und es gemeinsam einordnen. Dies finden wir, auch unabhängig von Sachsen, sehr wichtig. Dennoch kann festgehalten werden, dass sich in den letzten Jahren, besonders in Sachsen, die Diskurse radikalisiert haben und häufig mit menschenfeindlichen Haltungen verbunden sind. Es ist wichtig, sich dem entgegenzustellen und Jugendliche in einer kritischen Auseinandersetzung zu bestärken.   Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Zu einer der größten Herausforderungen unserer Arbeit gehören die unsichere Finanzierung sowie die begrenzten personellen Ressourcen eines kleinen Teams. Gleichzeitig verändern sich digitale Plattformen, Trends und Kommunikationsformen sehr schnell, sodass es schwierig ist, bei aktuellen Entwicklungen, neuen Phänomenen und digitalen Risiken auf dem neuesten Stand zu bleiben.  Auch die Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen stellt uns vor Herausforderungen. Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und Schüler*innen bringen häufig verschiedene Perspektiven, Erwartungen und Meinungen zu den Themen mit. Dies erfordert einen sensiblen, wertschätzenden und fachlich fundierten Umgang mit kontroversen Diskussionen. Darüber hinaus beschäftigen wir uns täglich mit belastenden Inhalten, was eine stetige Reflexion erfordert.   Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Digitale Angebote und die Förderung von Medienkompetenz spielen in unserer Arbeit eine zentrale Rolle. Alle unsere Angebote beziehen sich auf den digitalen Raum, da sich viele Kinder und Jugendliche dort täglich aufhalten und soziale Medien ein großer Teil ihrer Freizeit ist. Gleichzeitig bieten digitale Plattformen einen leichten Zugang für Radikalisierungsangebote, Desinformation und Verschwörungserzählungen. Um darüber mit Jugendlichen gut ins Gespräch zu kommen, nutzen wir medienpädagogische Methoden und Tablets in unseren Workshops. Wir verfolgen aktuelle Entwicklungen auf Social Media und betreiben einen Instagram-Account, der sich gezielt an Jugendliche richtet.   Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Wir finden, dass es ein sehr essentieller Teil zivilgesellschaftlicher Arbeit ist, dem in den letzten Jahren zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass Social Media stark von demokratiefeindlichen Creator*innen bespielt wird und sie dabei auch enorme Reichweiten erlangen. Dem etwas entgegenzusetzen, ist wichtig!   Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Aus unserer Sicht ist eine der größten Herausforderungen, dass sich viele Akteur*innen noch zu wenig mit den aktuellen Entwicklungen in den sozialen Medien und der Lebenswelt junger Menschen beschäftigen. Plattformen und Trends verändern sich sehr schnell. Dadurch erreichen demokratiefeindliche Inhalte Jugendliche oft früher als präventive Angebote. Gleichzeitig sehen wir darin aber auch eine große Chance: Social Media ermöglicht es, Kinder und Jugendliche zu erreichen, die über klassische Bildungs- oder Präventionsangebote oft gar nicht angesprochen werden.   Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Wir erleben in unserer Arbeit häufig, dass sich Debattenräume eröffnen und Diskurse ermöglicht werden, die im klassischen Schulalltag keinen Platz finden. Außerdem wird natürlich eine Sensibilisierung für radikale Inhalte und Fake News erreicht. Wir erhalten oft positives Feedback von den Teilnehmer*innen, dass sie viel Neues gelernt haben und über Themen sprechen konnten, für die im Schulalltag sonst kein Raum ist.   Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Unser langfristiges Ziel ist es, präventiv zu wirken, indem wir Kinder und Jugendliche für die oben genannten Themen sensibilisieren und ihre Medienkompetenz fördern. Sie sollen sich selbstständig sicher im digitalen Raum bewegen können und potentielle Gefährdungen erkennen können.     Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten? Wir bräuchten eine stabile sichere Finanzierung und vor allem mehr Mitarbeiter*innen im Team.   Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Vernetzt euch, probiert euch aus und unterstützt Initiativen, die zu euch passen. Gerade in der heutigen Zeit braucht es viele Menschen, die sich zivilgesellschaftlich engagieren.   Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten? E-Mail: kompass@kv-leipzig.de instagram: projekt_kompass_leipzighttps Spendenkonto: kv-leipzig.de/wir/spendenkonto weitere Interviews Interviews Max Haller & Steve Hanschur | Vorsitzende des Stadtschülerrats Dresden Kevin Meinel | Medienpädagoge und Projektleiter der Initiative Medienbildung Vogtland Jan Hüfner | Berater und Vorstandsmitglied des Gaionauten e. V. Ulrike Cadot-Knorr | Lebenslanges Lernen Landeshauptstadt Dresden Ulrike Bertus | Haus der Demokratie Leipzig e.V. Jennifer Bernecker | metro polis e.V. Tobias Wallusch | Politischer Jugendring Dresden e.V. Thomas Bächer | IVF Leipzig Siri Pahnke | Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. Paul Groschinski | MediaEducators Vogtland Marcelo | CAMBIO e.V. Julien Deschamps | Fairfilms Janet Torres Lupp | Koordinierungsstelle Medienbildung Sachsen Felix Völkel | KURZFILMTAG C. Z. – Antirassismusberaterin Dresden Kátia Oliveira | Bürgertreff Volkmarsdorf Valentin Lippmann | Landtagsabgeordneter BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Oliver Gibtner-Weidlich | LKJ Sachsen Georg Salditt | Internationales Bildungszentrums St. Marienthal Sophia Philipp | Social Web macht Schule

Annika & Lorenz | Projekt Kompass der Kindervereinigung Leipzig e. V. Read More »

Max Haller & Steve Hanschur | Vorsitzende des Stadtschülerrats Dresden

Mitreden, mitentscheiden: Schülervertretung als Schule der Demokratie Mitreden, mitentscheiden: Schülervertretung als Schule der Demokratie Ein Interview mit Max Haller und Steve Hanschur, Vorsitzende des Stadtschülerrats Dresden. Über ihren Weg ins schulpolitische Engagement, die Arbeit der Schülervertretung, begrenzte Mittel sowie die zentrale Rolle von Medienkompetenz für zivilgesellschaftliche Teilhabe und demokratisches Engagement.  Könntet Ihr euch bitte kurz vorstellen?Wir sind Max Haller und Steve Hanschur aus Dresden und haben vor Kurzem erfolgreich unser Abitur abgeschlossen. In welcher Funktion seid Ihr aktuell tätig?Derzeit engagieren wir uns als Vorsitzende des Stadtschülerrats Dresden. In dieser Funktion vertreten wir die Interessen der Dresdner Schüler*innen gegenüber Politik, Verwaltung, Medien und zahlreichen weiteren Institutionen. Unser Ziel ist es, die Perspektiven junger Menschen sichtbar zu machen und ihre Anliegen in politische und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse einzubringen. Was hat Euch dazu bewogen, euch in diesem Bereich zu engagieren?Für viele beginnt dieses Engagement aus Interesse oder Freude an der Mitgestaltung. Mit der Zeit merkt man aber, wie wichtig eine starke Stimme für Schüler*innen ist. Genau das motiviert uns jeden Tag aufs Neue, Verantwortung zu übernehmen und uns aktiv für bessere Bildungsbedingungen einzusetzen. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Eure Arbeit?Ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit ist die Außenvertretung. Ob im Austausch mit Politikerinnen, Journalistinnen, Organisationen oder bei Reden auf Demonstrationen und öffentlichen Veranstaltungen – überall dort, wo die Interessen von Schüler*innen vertreten werden müssen, sind wir im Einsatz. Darüber hinaus organisieren wir eigene Projekte und Veranstaltungen. Ein Beispiel dafür ist der Schülergipfel, den wir gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung durchführen. Dieser setzt sich jedes Jahr mit einem Thema der Erinnerungs- und Gedenkkultur auseinander und ermöglicht jungen Menschen eine intensive Auseinandersetzung mit Geschichte und Demokratie. Warum ist Eure Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung?Das Besondere an der Schülervertretung ist ihre Struktur: Im Gegensatz zu vielen anderen Organisationen im Bereich Bildung oder Jugendhilfe wird sie vollständig von Jugendlichen getragen. Planung, Organisation und Interessenvertretung liegen in den Händen junger Menschen. Dadurch entstehen authentische Perspektiven und praxisnahe Lösungsansätze, die Erwachsene häufig nicht in gleicher Weise einbringen können. Diese unmittelbare Nähe zum Schulalltag macht die Schülervertretung zu einer einzigartigen Möglichkeit. Welche Herausforderungen begegnen Euch in eurem Tätigkeitsbereich?Unsere Arbeit bringt vor allem Herausforderungen mit sich, da wir selbst Jugendliche sind. Unsere Positionen werden von manchen politischen Entscheidungsträger*innen nicht immer mit der notwendigen Ernsthaftigkeit wahrgenommen. Hinzu kommt, dass uns finanzielle Möglichkeiten häufig fehlen, da wir beispielsweise keine Spenden annehmen dürfen. Dennoch gelingt es uns immer wieder, Projekte erfolgreich umzusetzen – vor allem dank der Unterstützung engagierter Partner wie des Kinder- und Jugendbüros Dresden und weiterer Kooperationspartner. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Eurer Arbeit?Medienkompetenz spielt in unserer täglichen Arbeit eine zentrale Rolle. Wir stehen kontinuierlich über E-Mail, Instagram und andere digitale Kommunikationswege mit Schulen, Kooperationspartnern und politischen Akteur*innen im Austausch. Gleichzeitig betreuen wir unsere Social-Media-Kanäle auf verschiedenen Plattformen und informieren dort über unsere Arbeit. All das erfordert einen verantwortungsvollen, professionellen und reflektierten Umgang mit digitalen Medien. Dazu gehört heute auch der bewusste und nachhaltige Einsatz von Künstlicher Intelligenz als unterstützendes Werkzeug. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement?Medienkompetenz ist heute eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches zivilgesellschaftliches Engagement. Ein großer Teil der öffentlichen Debatte findet inzwischen im digitalen Raum statt. Wer Menschen erreichen, informieren und für gesellschaftliche Themen begeistern möchte, muss digitale Medien verantwortungsvoll und zielgerichtet einsetzen können. Gleichzeitig ist Medienkompetenz unverzichtbar, um Informationen kritisch zu hinterfragen, Desinformation zu erkennen und sich eine fundierte eigene Meinung zu bilden. Gerade für eine lebendige Demokratie ist das von zentraler Bedeutung. Welche Herausforderungen und Chancen beobachtet Ihr im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe?Wir beobachten sowohl große Chancen als auch Herausforderungen. Digitale Medien ermöglichen es, junge Menschen schnell zu erreichen, Beteiligung niedrigschwellig zu gestalten und politische Themen für viele überhaupt erst zugänglich zu machen. Gleichzeitig verbreiten sich Falschinformationen, Hasskommentare und extremistische Inhalte oft besonders schnell. Deshalb braucht es neben technischen Fähigkeiten vor allem die Kompetenz, Quellen kritisch zu bewerten, respektvoll zu kommunizieren und Verantwortung für die eigenen Inhalte zu übernehmen. Welche positiven Veränderungen könnt Ihr durch Eure Arbeit bewirken oder beobachten?Durch unsere Arbeit konnten wir bereits zahlreiche positive Veränderungen anstoßen. Wir haben viele Schüler*innen dazu motiviert, sich selbst in ihren Schulen oder darüber hinaus zu engagieren und ihre Interessen aktiv zu vertreten. Gleichzeitig ist es uns gelungen, die Anliegen von Schüler*innen stärker in die öffentliche und politische Diskussion einzubringen und den Austausch zwischen jungen Menschen, Politik und Gesellschaft zu fördern. Diese Erfahrungen zeigen uns immer wieder, dass zivilgesellschaftliches Engagement konkrete Veränderungen bewirken kann – vor allem, wenn junge Menschen die Möglichkeit erhalten, ihre Stimme einzubringen und ernst genommen werden. Welche langfristigen Ziele verfolgt Ihr mit Eurer Tätigkeit?Langfristig möchten wir die Dresdner Schulen zu einem besseren Ort des Lernens und des Miteinanders machen. Schule ist nicht nur Aufgabe der Politik, der Lehrer*innen oder der Eltern. Schule ist ein Ort aller und braucht daher auch ein gemeinsames Miteinander. Wir möchten eine Verbindung zwischen all diesen Gliedern herstellen und dabei helfen, Bildung neu zu denken. Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Eure Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten?Eine große Rolle spielt die Öffentlichkeit. Unser Team ist mittlerweile relativ groß geworden und umfasst 20 Personen. Dennoch kennen nicht alle Schüler*innen in Dresden den Stadtschülerrat oder wissen, was wir tun. Das finden wir sehr schade, denn jeder hat ein Recht auf Mitwirkung. Daher ist es eines unserer Anliegen, durch die Unterstützung aus Medien und Politik für mehr Öffentlichkeit zu sorgen. Zudem ist für ein Team unserer Größe auch Geld entscheidend, damit wir Projekte und Veranstaltungen umsetzen können. Welche Empfehlung würdet Ihr jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten?Engagement muss nicht für jeden eine lebensfüllende Aufgabe sein, die keine Zeit für andere Dinge lässt. Es würde reichen, wenn jeder einen kleinen Teil zu einem großen Ganzen beiträgt, um unseren Alltag lebenswerter zu machen und anderen zu helfen. Gibt es noch etwas, das Ihr gerne mitteilen möchtet?Bildung ist keine Frage der Politik, sondern der Beteiligung, denn sie verändert sich nicht von selbst – wir müssen es tun. Wie können Interessierte Euer Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?Bei Fragen oder Problemen sind wir unter

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Kevin Meinel | Medienpädagoge und Projektleiter der Initiative Medienbildung Vogtland

Medienkompetenz im ländlichen Raum: Warum der zweite Blick auf Nachrichten immer wichtiger wird Medienkompetenz im ländlichen Raum: Warum der zweite Blick auf Nachrichten immer wichtiger wird Kevin Meinel spricht über seine Arbeit an der Schnittstelle von Journalismus, Medienpädagogik und Erwachsenenbildung. Das Gespräch zeigt, warum Medienkompetenz nicht nur vor Betrug und Desinformation schützt, sondern auch zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe stärken kann. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?Mein Name ist Kevin Meinel, ich lebe im vogtländischen Ellefeld und bin Medienpädagoge und freischaffender Videoproduzent. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig?Ich bin Projektleiter der Initiative Medienbildung Vogtland, einem Förderprojekt zur Förderung der Nachrichten- und Informationskompetenz von Erwachsenen. Zu meinem Team gehören eine feste Mitarbeiterin sowie eine Volontärin. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?Ich bin über den Journalismus zur Medienpädagogik gekommen. Durch meine jahrelange Arbeit bei einem regionalen Fernsehsender musste ich mich regelmäßig mit Themen wie Fake News, Glaubwürdigkeit von Informationen und Verschwörungserzählungen auseinandersetzen. Dieses Wissen, gepaart mit vielen weiteren Medienkompetenz-Themen, an andere Menschen weiterzugeben, halte ich für eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, der ich mich jeden Tag sehr gerne stelle. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit?Wir fördern Erwachsenenbildung im gesamten Vogtlandkreis, also im ländlichen Sachsen. Das reicht, bezogen auf das Alter, von jungen Erwachsenen über Eltern und Multiplikatorinnen bis zu Seniorinnen. Inhaltlich beschäftigen wir uns mit den Themen Fake News, Medienerziehung, den Sozialen Medien inklusive Phänomenen wie Cybermobbing und Cybergrooming sowie Künstlicher Intelligenz. Die Wissensvermittlung erfolgt über verschiedene Formate – von Elternabenden über Workshops bis hin zu Kinoveranstaltungen. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung?Neben uns gibt es im ländlichen Raum wenige andere Angebote, die sich mit diesen Themen beschäftigen, obwohl sie zweifellos wichtig sind: Ohne Smartphone kann man teilweise am öffentlichen Leben nicht mehr teilnehmen. Immer neue Betrugsmeldungen und Desinformationen zeigen den Bedarf an Aufklärung. Sowohl Eltern als auch Pädagog*innen stehen vor der Frage, was Jugendliche im Internet machen und wie man damit umgehen sollte. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich?Wir begegnen vielen verschiedenen Menschen mit ihren jeweils eigenen Herausforderungen und Problemen. Gemeinsam ist ihnen vielleicht, dass der Wandel, den wir alle bemerken, insbesondere auch bei den Medien zu beobachten ist. Es fällt schwer, verlässliche Informationen zu finden oder über die Generationen hinweg ins Gespräch zu kommen. Eltern wissen teilweise gar nicht, was ihre Kinder den ganzen Tag am Handy machen. Die Lebensrealitäten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen driften immer weiter auseinander. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?Aufgrund unserer Ausrichtung spielen digitale Angebote und Medienkompetenz die Hauptrolle in unserer Arbeit. Zum einen bei der thematischen Schwerpunktsetzung der einzelnen Formate, zum anderen bei der Auswahl der verschiedenen Methoden zur Umsetzung der Angebote. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement?Fake News von verlässlichen Informationen unterscheiden zu können und so eine solide Basis für das eigene Engagement zu haben, gehört zweifellos zu einer demokratischen Gesellschaft. Zudem ist es heute wichtig, sich selbst in sozialen Medien präsentieren zu können, beispielsweise um Mitstreiter*innen zu finden und Reichweite für zivilgesellschaftliches Engagement zu generieren. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe?Je jünger die Zielgruppe von Vereinen oder Initiativen ist, desto notwendiger ist es, dass sie sich auch in digitalen Medien engagieren. Das ermöglicht natürlich auch Vernetzung, insbesondere im ländlichen Raum. Statt sich alleine im Dorf zu engagieren, findet man möglicherweise in den Nachbarorten Gleichgesinnte und kann sich zusammentun, um so mehr zu erreichen. Gleichzeitig spaltet die Flut an Desinformationen gesellschaftliche Gruppen und führt dazu, dass ein konstruktiver Diskurs mit unterschiedlichen Meinungen immer schwieriger zu führen ist. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten?Wir hoffen, einen Beitrag dazu zu leisten, dass Menschen einen zweiten Blick auf Nachrichten oder Meldungen werfen und sich fragen, ob das so stimmen kann – oder ob sie es mit Fake News oder Betrug zu tun haben. Außerdem ermöglichen wir Teilhabe, gerade von älteren Menschen, an der digitalen Gesellschaft und dem dort stattfindenden Austausch. Wir versuchen Eltern in die Verantwortung zu nehmen, ihnen die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen näherzubringen und dafür zu sorgen, dass Kinder so früh wie möglich medienkompetent aufwachsen. Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit?Wir wollen uns weiter als Ansprechpartner für Medienkompetenz in der Region etablieren und so viele Menschen wie möglich erreichen. Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten?Der Bedarf in der Region ist riesig. Um noch mehr Menschen mit unseren Angeboten erreichen zu können, bedarf es mehr Personal und noch mehr gezielter Werbung. Der Knackpunkt ist hier wie so oft die finanziellen Mittel. Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten?Zunächst kleinere Ziele setzen und nicht gleich die Welt verändern wollen. Man stößt in dem System schnell an Grenzen und muss Hürden nehmen, an die man vorher nie gedacht hätte. Das kann schnell zu Frustration und gegebenenfalls Resignation führen und das Engagement beenden, bevor es richtig angefangen hat. Ehrenamtliches Engagement ist so vielfältig und für unsere Gesellschaft von immenser Bedeutung. Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?Auf unserer Website medienbildung-vogtland.de finden Interessierte alle unsere Veranstaltungen und weitere Infos zu unserem Projekt. Daneben können sie uns gerne per Mail (initiative@medienbildung-vogtland.de) oder telefonisch (03741 / 281 44 55) kontaktieren. Die beste Unterstützung ist die „Mund-zu-Mund-Propaganda“ – wer zufrieden und mit einem Mehrwert aus unseren Veranstaltungen rausgeht, der darf das gerne seinen Freund*innen und Bekannten erzählen. weitere Interviews Interviews Jan Hüfner | Berater und Vorstandsmitglied des Gaionauten e. V. Ulrike Cadot-Knorr | Lebenslanges Lernen Landeshauptstadt Dresden Ulrike Bertus | Haus der Demokratie Leipzig e.V. Jennifer Bernecker | metro polis e.V. Tobias Wallusch | Politischer Jugendring Dresden e.V. Thomas Bächer | IVF Leipzig Siri Pahnke | Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. Paul Groschinski | MediaEducators Vogtland Marcelo | CAMBIO e.V. Julien Deschamps | Fairfilms Janet Torres Lupp | Koordinierungsstelle Medienbildung Sachsen Felix Völkel | KURZFILMTAG C. Z. – Antirassismusberaterin Dresden Kátia Oliveira | Bürgertreff Volkmarsdorf Valentin Lippmann | Landtagsabgeordneter BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Oliver Gibtner-Weidlich | LKJ Sachsen Georg

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Jan Hüfner | Berater und Vorstandsmitglied des Gaionauten e. V.

Bildung mit allen Sinnen: Wie aktuelle Fragen und Zukunftsvisionen erfahrbar werden. Bildung mit allen Sinnen: Wie aktuelle Fragen und Zukunftsvisionen erfahrbar werden. Ein Interview mit Jan Hüfner, systemischer Berater und Vorstandsmitglied des Gaionauten e. V., über die Bedeutung von Gefühl und gemeinsamen Momenten, über die Widersprüche digitaler Technik und darüber, warum die Natur ein Mitbestimmungsrecht braucht. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Ich heiße Jan Hüfner, bin in Jena aufgewachsen. Ich habe Volkswirtschaft und Philosophie studiert, mit der Frage im Kopf: Was hat wirtschaftliches Denken eigentlich mit dem zu tun, was uns wirklich am Herzen liegt? Heute arbeite ich als systemischer Berater und Mediator im Familienrecht, sitze also oft mit kleinen und großen Menschen in ihrem größten Schmerz und versuche, wieder eine Brücke zu bauen. Und dann bin ich noch Gaionaut, ehrenamtlich, mit ganzem Herzen. Zwei Leben, könnte man meinen. Für mich ist es dieselbe Sehnsucht: Menschen wieder miteinander in Verbindung bringen. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin Mitglied im Vorstand beim Gaionauten e.V., mit dem wir unser Resonanz-Labor betreiben. Der Name Gaionaut trägt die ganze Haltung schon in sich, das Gegenteil von Kosmonaut. Die einen fliehen in die Ferne des Kosmos. Wir bleiben hier, auf dieser einen verletzlichen Erde, und spüren den Verbindungen nach, die längst da sind, zwischen einem Fluss und seinen Anwohnern, zwischen einem Kind und seiner Angst vor der Zukunft. Ein fälliger Perspektivwechsel gegenüber einem überzogenen Fortschrittsglauben, der die Erde und uns alle irgendwann zerstören könnte. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Ich komme aus der Smart-City-Welt, aus Zahlen, Dashboards, Kennziffern und technischen Visionen. Und habe irgendwann gespürt, fast körperlich, dass mich noch eine weitere Grafik zur Klimakrise nicht mehr erreicht. Aus meiner Arbeit mit Familien in Krisen kenne ich das: Menschen ändern sich nicht, weil man ihnen die Fakten noch einmal erklärt, sondern weil in einem Moment etwas bei ihnen ankommt, sie etwas erfühlen. Ich habe gemerkt, ich sehne mich selbst danach, den Fluss vor meiner Haustür wieder zu spüren, nicht nur seine Pegelstände zu kennen. Genau da wollten wir ansetzen. Unsere Mitgliedschaft im bundesdeutschen Netzwerk Rechte der Natur hat uns dabei weiter vorangebracht. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Unsere Vision ist der Resonanz-Dome, eine Kuppel, in die man hineingeht wie in einen großen, atmenden Raum. Klimadaten, Wasser, Verkehr werden dort nicht mehr abgelesen, sondern gehört und gefühlt, als Klang, als Licht, das sich mit dem eigenen Atem bewegt. Dazu Bildung, die unter die Haut geht statt nur in den Kopf, gehämmert werden soll und Biokratie, der Versuch, Flüssen und Wäldern endlich eine Stimme zu geben, die man hört, statt sie zu übergehen. Ich sage ehrlich: Vieles davon ist zerbrechlich und im Werden. Wir sind ein Labor, in dem wir uns auch mal die Finger verbrennen. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? 1926 wurde in Leipzig eines der ersten Großraum-Planetarien der Welt eröffnet, ein Ort des Staunens. 2026 wäre es hundert Jahre alt geworden, wenn es nicht schon im Krieg von eben jenem Himmel zerstört worden wäre, den es zu erklären suchte. Daran hängt für mich mehr als Geschichte, es ist ein Gefühl. Ich denke an 1989, an Menschen, die aneinander gedrängt auf der Straße standen, mit Herzklopfen, und in diesem gemeinsamen Moment plötzlich handlungsfähig wurden. Genau dieses Kribbeln, gemeinsam etwas zu spüren und daraus etwas zu machen, ist der Kern unseres Dome. Ich denke dabei auch ganz konkret an unseren Auwald vor der Tür, der von Sommer zu Sommer trockener wird, während im Stadtrat über seine Zukunft verhandelt wird, ohne dass er selbst am Tisch sitzt und man ihm zuhört. Genau so eine Stimme wollen wir mit dem Dome hörbar machen. Leipzig ist für mich kein Standort auf der Landkarte, es ist ein Ort, an dem dieses Gefühl schon einmal in der Luft gelegen hat. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Am schwersten wiegt für mich nicht das Geld, so knapp es ist. Es ist die Müdigkeit der Menschen. Alle sind erschöpft von Krisen und doch alle zu sehr mit sich selbst oder dem beschäftigt, was sie vermeintlich am Leben hält. Und dann kommen wir und sagen: Lass uns gemeinsam fühlen, was mit unserer Welt passiert. Das ist ein zartes Angebot in einer lauten Zeit, und manchmal frage ich mich abends, ob wir überhaupt jemals damit durchdringen. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Hier steckt für mich ein Widerspruch, den ich bewusst mag: Wir nutzen Technik, um Menschen aus ihren Bildschirmen zu holen statt tiefer hineinzuziehen. Der Resonanz-Dome ist konzipiert als das genaue Gegenteil eines VR-Brillen-Metaversums, in dem jeder für sich allein und unsichtbar für die anderen durch seine eigene Welt schwebt. Bei uns stehen viele Menschen im selben Bild, sie hören sich gegenseitig atmen. Ich habe erlebt, wie eine ganze Gruppe für einen Moment still wurde, weil sie gemeinsam die Atmung eines Ökosystems gehört hat, und in dieser Stille lag mehr Verbundenheit als in hundert Erklärungen. Genau darin liegt für mich die eigentliche Kraft von Immersion: Sie öffnet Herz und Hirn gleichzeitig, für eine Idee, die man vorher nicht an sich herangelassen hätte, für eine Sichtweise, die einem bis dahin fremd oder gar zuwider war. Einer Erfahrung, die man am eigenen Leib spürt, verschließt man sich schwerer als einem Argument. Eine Stimmgabel, kein Bildschirm. Unsere KI im Hintergrund darf dabei nie mehr sein als ein leiser Übersetzer, mit einer öffentlichen Verfassung, was sie darf und was nicht. Sie soll uns helfen zu fühlen, nicht uns das Fühlen oder Entscheidungen abnehmen. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Ich glaube, Medienkompetenz beginnt nicht am Bildschirm, sondern im Bauch. Wer einmal am eigenen Leib gespürt hat, was eine Entscheidung für den Fluss vor der eigenen Tür bedeutet, dem kann man nicht mehr so leicht etwas einreden. Dieses Gefühl von “das betrifft mich wirklich” ist für mich die eigentliche Grundlage dafür, dass sich Menschen überhaupt trauen, mitzureden, etwas verändern zu wollen. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz, insbesondere im Hinblick auf

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Ulrike Cadot-Knorr | Lebenslanges Lernen Landeshauptstadt Dresden

Dresden als Stadt des Lebenslangen Lernens gestalten Dresden als Stadt des Lebenslangen Lernens gestalten Ein Interview mit Ulrike Cadot-Knorr – Referentin für Lebenslanges Lernen bei der Landeshauptstadt Dresden – über ihre Arbeit, Lernräume in der Stadt zu vernetzen, Bildung als fortlaufenden Prozess erlebbar zu machen und wie digitale Angebote und Medienkompetenz dazu beitragen, Zugänge zu öffnen und Teilhabe zu stärken. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Ulrike Cadot-Knorr, lebhaft in Dresden, und ich bin seit 2018 bei der Landeshauptstadt Dresden beschäftigt. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin Referentin für Lebenslanges Lernen der Landeshauptstadt Dresden, Geschäftsbereich Bildung, Jugend und Sport. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Der Anstoß für mein Engagement im Bereich Lebenslanges Lernen liegt in meiner langjährigen Arbeit in der Kulturellen Bildung und meinem tiefen Interesse daran, Bildung als einen integrativen, gesellschaftlich wirksamen Prozess zu gestalten. Durch meine beruflichen Stationen, in denen ich kulturelle und bildungsbezogene Projekte initiiert und begleitet habe, wurde mir klar, wie stark Lernen das Leben der Menschen ganzheitlich prägt und verbindet. Ich wollte dieser Wirkung eine neue, breitere Dimension geben: nicht nur einzelne Angebote zu entwickeln, sondern Bildung als fortlaufenden, lebensweltlichen und stadtgesellschaftlichen Prozess zu verstehen und strategisch aktiv mitzugestalten. Mein Anspruch ist es, die vielfältigen Lernräume unserer Stadt so zu vernetzen und weiterzuentwickeln, dass sie für viele Menschen zugänglich sind und Lernen als bereichernde Erfahrung in allen Lebensphasen erfahrbar wird (z. B. in Kultur, Freizeit, Ehrenamt und Alltag). Mir geht es darum, meine bisherigen beruflichen Erfahrungen zu nutzen, um Bildungsprozesse in der Landeshauptstadt Dresden langfristig und für möglichst viele Menschen wirksam zu gestalten. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Meine Arbeit umfasst die Analyse und Bewertung der Bildungsstrukturen in Dresden, insbesondere im Hinblick auf Bildungsbedarfe und Veränderungsprozesse. Ein zentraler Aufgabenbereich ist die Steuerung und Umsetzung des städtischen Gesamtkonzepts Lebenslanges Lernen (L3) zur Förderung von Bildungschancen für alle Bürgerinnen und Bürger. Darüber hinaus begleite ich die Volkshochschule Dresden fachlich und strategisch. Dazu gehören unter anderem das Fördermittel- und Vertragsmanagement sowie die Mitgestaltung von Strategieprozessen. Ich berate außerdem die Geschäftsbereichsleitung für Bildung, Jugend und Sport. Ein weiterer wichtiger Bestandteil meiner Tätigkeit ist die aktive Mitarbeit in Netzwerken und Gremien auf kommunaler, Landes-, Bundes- und internationaler Ebene, um die Weiterentwicklung von Lernorten kontinuierlich voranzubringen. Zudem vertrete ich Dresden im UNESCO Global Network of Learning Cities, wodurch wir Wissen, beispielhafte Praxis und vieles mehr integrieren können. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Öffentlichkeitsarbeit: Dazu gehören Beiträge zum öffentlichen Diskurs, Präsentationen sowie Publikationen im Rahmen von L3. Ergänzend dazu berate und begleite ich verschiedene Bildungseinrichtungen. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Meine Arbeit ist für Sachsen relevant, weil sie zeigt, welche Rolle Kommunen heute im Bildungsbereich übernehmen können und müssen. Mit dem Gesamtkonzept Lebenslanges Lernen in Dresden arbeite ich an einer strategischen Grundlage, die Bildung nicht auf Schule oder Ausbildung reduziert, sondern als kommunale Gestaltungsaufgabe über alle Lebensphasen hinweg versteht. Dresden begreife ich dabei als Lernort im umfassenden Sinn: Lernen findet in Kultureinrichtungen, im Ehrenamt, im Quartier, im Beruf und im Alltag statt. Gerade diese non-formalen Bildungsprozesse prägen den größten Teil unseres Lebens und sind entscheidend für Teilhabe, Orientierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für Sachsen ist dieser Ansatz bedeutsam, weil er auf aktuelle gesellschaftliche Veränderungen reagiert – etwa den demografischen Wandel, Fragen der Chancengerechtigkeit, der Digitalisierung, der nachhaltigen Entwicklung und der Polarisierung unserer Stadtgesellschaft – und diese auf kommunaler Ebene konkret bearbeitbar macht. Das Dresdner Gesamtkonzept orientiert sich dabei an den Zielen der Agenda 2030, nicht als abstrakter Rahmen, sondern als praktischer Maßstab für Bildungsplanung, Kooperation und langfristige Verantwortung. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Eine der größten Herausforderungen ist es, Lebenslanges Lernen nicht nur konzeptionell zu denken, sondern es auch praktisch wirksam zu machen. Das betrifft vor allem die Frage, wie die gezielte Förderung des Bereichs so gestaltet werden kann, dass sie tatsächlich Bedarfe trifft und bestehende Arbeit stärkt, statt neue Strukturen neben bereits vorhandene zu setzen. Gleichzeitig arbeite ich in einer sehr vielfältigen Bildungslandschaft, in der vieles parallel entsteht. Diese Vielfalt ist wertvoll, macht es aber notwendig, genauer hinzuschauen: Wo gibt es ggf. Doppelstrukturen? Wo fehlen Verbindungen? Und wie können wir vorhandene Ressourcen besser bündeln? Eine weitere Herausforderung ist die Sichtbarkeit. Ein großer Teil des Lernens findet non-formal, also außerhalb von Schule und beruflicher Bildung statt – in Kultur, im Ehrenamt, in Initiativen oder im Alltag. Diese Bildungsleistungen sind oft zu wenig sichtbar und werden nicht selbstverständlich als Bildung anerkannt. Hier braucht es gezielte Kommunikation und ein Umdenken. Anspruchsvoll ist auch der Aufbau eines stadtweiten Monitorings für Lebenslanges Lernen angesichts der großen Vielfalt von Akteurinnen und Akteuren. Es geht nicht darum, alles messbar zu machen, sondern darum, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, um Entwicklungen besser einschätzen und steuern zu können. Besonders deutlich wird die Herausforderung bei den Ressourcen: Viele Akteure der non-formalen Bildungslandschaft arbeiten unter engen Rahmenbedingungen, während sich gesellschaftliche Anforderungen sehr schnell verändern. Mit dieser Dynamik umzugehen und dennoch langfristig zu planen, ist ein ständiger Balanceakt. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Digitale Angebote sind für meine Arbeit vor allem dann relevant, wenn es um Zugänglichkeit geht. Sie ermöglichen Lernformate, die sich besser an unterschiedliche Lebensrealitäten anpassen – zeitlich, räumlich und organisatorisch. Das ist eine zentrale Voraussetzung, wenn man Lebenslanges Lernen ernst meint. Ich verstehe Bildung nicht als etwas, das an einen festen Ort oder einen bestimmten Zeitpunkt gebunden ist. Digitale Formate helfen dabei, Lernen als fortlaufenden Prozess zu denken, der sich verändern darf und an individuelle Bedürfnisse anschließt. Gleichzeitig erlebe ich, dass digitale Räume in der Bildungsarbeit oft noch zu wenig mitgedacht werden. Medienkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts, wird aber gerade im non-formalen Bereich häufig unterschätzt oder einfach vorausgesetzt. Bei vielen Akteurinnen und Akteuren fehlt es hier noch an Erfahrung, Wissen oder passenden Ressourcen. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Lücke zu thematisieren, Kompetenzen aufzubauen und digitale Angebote so einzusetzen, dass sie tatsächlich Reichweite erzeugen und mehr Menschen erreichen – nicht als technische Lösung, sondern als Teil einer zeitgemäßen Bildungsarbeit. Wie wichtig ist Medienkompetenz

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Ulrike Bertus | Haus der Demokratie Leipzig e.V.

Demokratie braucht sichere Räume: Politische Bildung nah am Menschen Demokratie braucht sichere Räume: Politische Bildung nah am Menschen Ein Interview mit Ulrike Bertus vom Haus der Demokratie Leipzig e.V. (Connewitz) über politische Bildungsarbeit, die Schaffung sicherer Gesprächsräume, in denen Menschen zuhören, sich eine Meinung bilden und Haltung entwickeln können, über die Herausforderungen im Bildungsbereich und die positiven Veränderungen, die daraus entstehen. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Ulrike Bertus und ich wohne in Leipzig. Ich habe Geschichte und Politikwissenschaften studiert, danach im Bereich Lokaljournalismus volontiert und danach einige Jahre als Redakteurin im Bereich „Gesellschaft, Politik, Wirtschaft“ gearbeitet. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin beim Trägerverein Haus der Demokratie Leipzig e.V. vom Haus der Demokratie Leipzig in Connewitz tätig. Dort kümmere ich mich um die Öffentlichkeitsarbeit, aber vor allem um die Veranstaltungen im Bereich politische und gesellschaftliche Bildung. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? In meiner Elternzeit habe ich angefangen, mich in dem Bereich zu engagieren und Formate und Projekte zu entwickeln und durchzuführen. Nachdem ich aus der Elternzeit raus war, gab es für mich auch gefühlt keinen Weg mehr zurück in den Journalismus und ich wollte etwas machen, wo ich näher am Menschen dran bin. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Ich entwickle Veranstaltungskonzepte wie Gesprächsformate oder Workshops, führe sie selber durch oder hole mir Unterstützung von verschiedenen Expert*innen. Ich kümmere mich um die Förderungen, schaffe Kooperationen mit anderen Vereinen und Initiativen und vertrete den Verein in verschiedenen Netzwerken. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? In meiner Arbeit versuche ich, sichere Räume für Menschen zu schaffen. Räume, in denen miteinander gesprochen, in denen zugehört werden kann. Räume, in denen Besuchende eine Haltung entwickeln und sich eine Meinung bilden können. Räume, in denen sie hören können, wie die eigene Meinung laut ausgesprochen eigentlich klingt. Deshalb versuche ich, die Angebote des Vereins möglichst niedrigschwellig und barrierefrei zu gestalten. Und besonders das finde ich für Sachsen wichtig: Es braucht Begegnungsorte, die jedem Menschen die Chance geben, über das zu sprechen, was ihm wichtig ist. In denen man sich auch ohne großes Vorwissen informieren kann, Fragen stellen kann. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Ich würde drei Hauptherausforderungen nennen: Die Erreichbarkeit der Zielgruppe, die Finanzierung, aber auch die Belastbarkeit der eigenen Grenzen. Ich erlebe in meinen Veranstaltungen oft, dass die Besuchenden sagen, sie dürften doch auch bei mir nicht alles sagen. Das sei ja überall so! Die meisten Menschen im Bildungsbereich kennen diese Aussage sicherlich. Ich freue mich auf der einen Seite, weil diese Menschen ja trotz dieser Einstellung erst einmal gekommen sind. Das ist schon einmal gut und das kommuniziere ich auch klar – sage aber auch, dass man alles sagen dürfe – man aber Widerspruch nicht mit „Ich darf nichts mehr sagen“ gleichsetzen dürfe. Aber wie gesagt: Ich freue mich, dass diese Menschen gekommen sind. Denn es gibt genug, die nicht kommen, weil sie so verinnerlicht haben, dass sie nicht sagen dürfen, dass ihre Meinung nicht zählt (oder sogar „dumm“ sei), dass sie mit ihren Sorgen und Bedürfnissen keine Rolle spielen. Das ist eine riesige Herausforderung, der wir uns im Bildungsbereich unbedingt mehr stellen müssen. Nicht durch vieles Reden, sondern durchs Versuchen und Anbieten. Als zweite Herausforderung ist da natürlich die Finanzierung. Auch wir sind ein Verein, der Expert*innen und Hauptamtliche bezahlen muss. Als Haus der Demokratie sind wir in der glücklichen Lage, dass wir zumindest Veranstaltungsräume im Haus haben, die alle Vereine hier kostenfrei nutzen können. Aber finanziell steckt ja noch sehr viel mehr dahinter: Honorare, Gehälter, Materialkosten, auch Kaffee, Tee, Kekse für die gemütliche Atmosphäre – all das kostet Geld. Und als drittes ist da natürlich auch die eigene persönliche Grenze zu nennen: Politische und gesellschaftliche Bildung macht man aus einer eigenen Haltung heraus. Weil man weiß, was einem wichtig ist, weil wir als Bildner*innen für etwas stehen (wollen). Aber das setzt ständige Selbstreflexion und auch ein dickes Fell voraus. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Besonders in offenen Gesprächsformaten kommen eigentlich immer wieder Themen wie Desinformation, aber auch KI auf. Es ist für viele Besuchende eine extreme Herausforderung mit den zwei Bereichen Schritt zu halten – Faktenchecks brauchen ja erst einmal das Wissen, wie das überhaupt geht und auch den Mut, auf einen Link, der von Freund*innen, von der Familie geschickt wird, mit Misstrauen zu reagieren und dann auch zu widersprechen. Wir versuchen mit praktischen Beispielen an die Themen ranzugehen und üben, Nachrichten zu lesen und zu verstehen: Wie ist eine Nachricht überhaupt aufgebaut? Was sind Quellen und wie kann ich diese einordnen? Was für Artikel gibt es überhaupt in den Medien – was unterscheidet einen Kommentar von einer Meldung? Was ist überhaupt eine Glosse? Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Ich glaube, Medienkompetenz gehört zu den Grundpfeilern einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Für Engagement muss ich ja erst einmal wissen, was mich interessiert, was mir wichtig ist – da ist Medienkompetenz eine unverzichtbare Basis. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Digitale Medien sind – phrasenhaft gesagt – Fluch und Segen. Sie schaffen Sichtbarkeit für Themen und Menschen, die sonst nicht sichtbar sind, unterstützen bei der Informationsbeschaffung und sind gleichzeitig oft so voller Hass, Hetze und Falschmeldungen, dass das Digitale auch ein Raum voller Unsicherheiten ist. Digitale Medien sind eine Chance, aber es fehlt eine produktive und wertschätzende Kultur im Miteinander. Außerdem fehlt noch oft die Befähigung, sich sicher im Netz zu bewegen. Dafür braucht es beständiges Lernen und immer wieder die Anpassung an neue Entwicklungen – ob und wie das gelingen kann, das wird jedoch eine große Herausforderung sein. Denn selbst, wenn es genügend Bildner*innen gibt, die Menschen müssen erreicht werden. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Besonders im Umgang mit jungen Menschen erlebe ich immer wieder, dass es ein großes Interesse an gesellschaftlichen Themen gibt. Für mich sind besondere Momente immer die, in denen ich merke,

Ulrike Bertus | Haus der Demokratie Leipzig e.V. Read More »