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Interview

Interview mit Ulrike Cadot-Knorr

Dresden als Stadt des Lebenslangen Lernens gestalten Dresden als Stadt des Lebenslangen Lernens gestalten Ein Interview mit Ulrike Cadot-Knorr – Referentin für Lebenslanges Lernen bei der Landeshauptstadt Dresden – über ihre Arbeit, Lernräume in der Stadt zu vernetzen, Bildung als fortlaufenden Prozess erlebbar zu machen und wie digitale Angebote und Medienkompetenz dazu beitragen, Zugänge zu öffnen und Teilhabe zu stärken. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Ulrike Cadot-Knorr, lebhaft in Dresden, und ich bin seit 2018 bei der Landeshauptstadt Dresden beschäftigt. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin Referentin für Lebenslanges Lernen der Landeshauptstadt Dresden, Geschäftsbereich Bildung, Jugend und Sport. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Der Anstoß für mein Engagement im Bereich Lebenslanges Lernen liegt in meiner langjährigen Arbeit in der Kulturellen Bildung und meinem tiefen Interesse daran, Bildung als einen integrativen, gesellschaftlich wirksamen Prozess zu gestalten. Durch meine beruflichen Stationen, in denen ich kulturelle und bildungsbezogene Projekte initiiert und begleitet habe, wurde mir klar, wie stark Lernen das Leben der Menschen ganzheitlich prägt und verbindet. Ich wollte dieser Wirkung eine neue, breitere Dimension geben: nicht nur einzelne Angebote zu entwickeln, sondern Bildung als fortlaufenden, lebensweltlichen und stadtgesellschaftlichen Prozess zu verstehen und strategisch aktiv mitzugestalten. Mein Anspruch ist es, die vielfältigen Lernräume unserer Stadt so zu vernetzen und weiterzuentwickeln, dass sie für viele Menschen zugänglich sind und Lernen als bereichernde Erfahrung in allen Lebensphasen erfahrbar wird (z. B. in Kultur, Freizeit, Ehrenamt und Alltag). Mir geht es darum, meine bisherigen beruflichen Erfahrungen zu nutzen, um Bildungsprozesse in der Landeshauptstadt Dresden langfristig und für möglichst viele Menschen wirksam zu gestalten. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Meine Arbeit umfasst die Analyse und Bewertung der Bildungsstrukturen in Dresden, insbesondere im Hinblick auf Bildungsbedarfe und Veränderungsprozesse. Ein zentraler Aufgabenbereich ist die Steuerung und Umsetzung des städtischen Gesamtkonzepts Lebenslanges Lernen (L3) zur Förderung von Bildungschancen für alle Bürgerinnen und Bürger. Darüber hinaus begleite ich die Volkshochschule Dresden fachlich und strategisch. Dazu gehören unter anderem das Fördermittel- und Vertragsmanagement sowie die Mitgestaltung von Strategieprozessen. Ich berate außerdem die Geschäftsbereichsleitung für Bildung, Jugend und Sport. Ein weiterer wichtiger Bestandteil meiner Tätigkeit ist die aktive Mitarbeit in Netzwerken und Gremien auf kommunaler, Landes-, Bundes- und internationaler Ebene, um die Weiterentwicklung von Lernorten kontinuierlich voranzubringen. Zudem vertrete ich Dresden im UNESCO Global Network of Learning Cities, wodurch wir Wissen, beispielhafte Praxis und vieles mehr integrieren können. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Öffentlichkeitsarbeit: Dazu gehören Beiträge zum öffentlichen Diskurs, Präsentationen sowie Publikationen im Rahmen von L3. Ergänzend dazu berate und begleite ich verschiedene Bildungseinrichtungen. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Meine Arbeit ist für Sachsen relevant, weil sie zeigt, welche Rolle Kommunen heute im Bildungsbereich übernehmen können und müssen. Mit dem Gesamtkonzept Lebenslanges Lernen in Dresden arbeite ich an einer strategischen Grundlage, die Bildung nicht auf Schule oder Ausbildung reduziert, sondern als kommunale Gestaltungsaufgabe über alle Lebensphasen hinweg versteht. Dresden begreife ich dabei als Lernort im umfassenden Sinn: Lernen findet in Kultureinrichtungen, im Ehrenamt, im Quartier, im Beruf und im Alltag statt. Gerade diese non-formalen Bildungsprozesse prägen den größten Teil unseres Lebens und sind entscheidend für Teilhabe, Orientierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für Sachsen ist dieser Ansatz bedeutsam, weil er auf aktuelle gesellschaftliche Veränderungen reagiert – etwa den demografischen Wandel, Fragen der Chancengerechtigkeit, der Digitalisierung, der nachhaltigen Entwicklung und der Polarisierung unserer Stadtgesellschaft – und diese auf kommunaler Ebene konkret bearbeitbar macht. Das Dresdner Gesamtkonzept orientiert sich dabei an den Zielen der Agenda 2030, nicht als abstrakter Rahmen, sondern als praktischer Maßstab für Bildungsplanung, Kooperation und langfristige Verantwortung. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Eine der größten Herausforderungen ist es, Lebenslanges Lernen nicht nur konzeptionell zu denken, sondern es auch praktisch wirksam zu machen. Das betrifft vor allem die Frage, wie die gezielte Förderung des Bereichs so gestaltet werden kann, dass sie tatsächlich Bedarfe trifft und bestehende Arbeit stärkt, statt neue Strukturen neben bereits vorhandene zu setzen. Gleichzeitig arbeite ich in einer sehr vielfältigen Bildungslandschaft, in der vieles parallel entsteht. Diese Vielfalt ist wertvoll, macht es aber notwendig, genauer hinzuschauen: Wo gibt es ggf. Doppelstrukturen? Wo fehlen Verbindungen? Und wie können wir vorhandene Ressourcen besser bündeln? Eine weitere Herausforderung ist die Sichtbarkeit. Ein großer Teil des Lernens findet non-formal, also außerhalb von Schule und beruflicher Bildung statt – in Kultur, im Ehrenamt, in Initiativen oder im Alltag. Diese Bildungsleistungen sind oft zu wenig sichtbar und werden nicht selbstverständlich als Bildung anerkannt. Hier braucht es gezielte Kommunikation und ein Umdenken. Anspruchsvoll ist auch der Aufbau eines stadtweiten Monitorings für Lebenslanges Lernen angesichts der großen Vielfalt von Akteurinnen und Akteuren. Es geht nicht darum, alles messbar zu machen, sondern darum, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, um Entwicklungen besser einschätzen und steuern zu können. Besonders deutlich wird die Herausforderung bei den Ressourcen: Viele Akteure der non-formalen Bildungslandschaft arbeiten unter engen Rahmenbedingungen, während sich gesellschaftliche Anforderungen sehr schnell verändern. Mit dieser Dynamik umzugehen und dennoch langfristig zu planen, ist ein ständiger Balanceakt. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Digitale Angebote sind für meine Arbeit vor allem dann relevant, wenn es um Zugänglichkeit geht. Sie ermöglichen Lernformate, die sich besser an unterschiedliche Lebensrealitäten anpassen – zeitlich, räumlich und organisatorisch. Das ist eine zentrale Voraussetzung, wenn man Lebenslanges Lernen ernst meint. Ich verstehe Bildung nicht als etwas, das an einen festen Ort oder einen bestimmten Zeitpunkt gebunden ist. Digitale Formate helfen dabei, Lernen als fortlaufenden Prozess zu denken, der sich verändern darf und an individuelle Bedürfnisse anschließt. Gleichzeitig erlebe ich, dass digitale Räume in der Bildungsarbeit oft noch zu wenig mitgedacht werden. Medienkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts, wird aber gerade im non-formalen Bereich häufig unterschätzt oder einfach vorausgesetzt. Bei vielen Akteurinnen und Akteuren fehlt es hier noch an Erfahrung, Wissen oder passenden Ressourcen. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Lücke zu thematisieren, Kompetenzen aufzubauen und digitale Angebote so einzusetzen, dass sie tatsächlich Reichweite erzeugen und mehr Menschen erreichen – nicht als technische Lösung, sondern als Teil einer zeitgemäßen Bildungsarbeit. Wie wichtig ist Medienkompetenz

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Interview mit Ulrike Bertus

Demokratie braucht sichere Räume: Politische Bildung nah am Menschen Demokratie braucht sichere Räume: Politische Bildung nah am Menschen Ein Interview mit Ulrike Bertus vom Haus der Demokratie Leipzig e.V. (Connewitz) über politische Bildungsarbeit, die Schaffung sicherer Gesprächsräume, in denen Menschen zuhören, sich eine Meinung bilden und Haltung entwickeln können, über die Herausforderungen im Bildungsbereich und die positiven Veränderungen, die daraus entstehen. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Ulrike Bertus und ich wohne in Leipzig. Ich habe Geschichte und Politikwissenschaften studiert, danach im Bereich Lokaljournalismus volontiert und danach einige Jahre als Redakteurin im Bereich „Gesellschaft, Politik, Wirtschaft“ gearbeitet. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin beim Trägerverein Haus der Demokratie Leipzig e.V. vom Haus der Demokratie Leipzig in Connewitz tätig. Dort kümmere ich mich um die Öffentlichkeitsarbeit, aber vor allem um die Veranstaltungen im Bereich politische und gesellschaftliche Bildung. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? In meiner Elternzeit habe ich angefangen, mich in dem Bereich zu engagieren und Formate und Projekte zu entwickeln und durchzuführen. Nachdem ich aus der Elternzeit raus war, gab es für mich auch gefühlt keinen Weg mehr zurück in den Journalismus und ich wollte etwas machen, wo ich näher am Menschen dran bin. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Ich entwickle Veranstaltungskonzepte wie Gesprächsformate oder Workshops, führe sie selber durch oder hole mir Unterstützung von verschiedenen Expert*innen. Ich kümmere mich um die Förderungen, schaffe Kooperationen mit anderen Vereinen und Initiativen und vertrete den Verein in verschiedenen Netzwerken. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? In meiner Arbeit versuche ich, sichere Räume für Menschen zu schaffen. Räume, in denen miteinander gesprochen, in denen zugehört werden kann. Räume, in denen Besuchende eine Haltung entwickeln und sich eine Meinung bilden können. Räume, in denen sie hören können, wie die eigene Meinung laut ausgesprochen eigentlich klingt. Deshalb versuche ich, die Angebote des Vereins möglichst niedrigschwellig und barrierefrei zu gestalten. Und besonders das finde ich für Sachsen wichtig: Es braucht Begegnungsorte, die jedem Menschen die Chance geben, über das zu sprechen, was ihm wichtig ist. In denen man sich auch ohne großes Vorwissen informieren kann, Fragen stellen kann. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Ich würde drei Hauptherausforderungen nennen: Die Erreichbarkeit der Zielgruppe, die Finanzierung, aber auch die Belastbarkeit der eigenen Grenzen. Ich erlebe in meinen Veranstaltungen oft, dass die Besuchenden sagen, sie dürften doch auch bei mir nicht alles sagen. Das sei ja überall so! Die meisten Menschen im Bildungsbereich kennen diese Aussage sicherlich. Ich freue mich auf der einen Seite, weil diese Menschen ja trotz dieser Einstellung erst einmal gekommen sind. Das ist schon einmal gut und das kommuniziere ich auch klar – sage aber auch, dass man alles sagen dürfe – man aber Widerspruch nicht mit „Ich darf nichts mehr sagen“ gleichsetzen dürfe. Aber wie gesagt: Ich freue mich, dass diese Menschen gekommen sind. Denn es gibt genug, die nicht kommen, weil sie so verinnerlicht haben, dass sie nicht sagen dürfen, dass ihre Meinung nicht zählt (oder sogar „dumm“ sei), dass sie mit ihren Sorgen und Bedürfnissen keine Rolle spielen. Das ist eine riesige Herausforderung, der wir uns im Bildungsbereich unbedingt mehr stellen müssen. Nicht durch vieles Reden, sondern durchs Versuchen und Anbieten. Als zweite Herausforderung ist da natürlich die Finanzierung. Auch wir sind ein Verein, der Expert*innen und Hauptamtliche bezahlen muss. Als Haus der Demokratie sind wir in der glücklichen Lage, dass wir zumindest Veranstaltungsräume im Haus haben, die alle Vereine hier kostenfrei nutzen können. Aber finanziell steckt ja noch sehr viel mehr dahinter: Honorare, Gehälter, Materialkosten, auch Kaffee, Tee, Kekse für die gemütliche Atmosphäre – all das kostet Geld. Und als drittes ist da natürlich auch die eigene persönliche Grenze zu nennen: Politische und gesellschaftliche Bildung macht man aus einer eigenen Haltung heraus. Weil man weiß, was einem wichtig ist, weil wir als Bildner*innen für etwas stehen (wollen). Aber das setzt ständige Selbstreflexion und auch ein dickes Fell voraus. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Besonders in offenen Gesprächsformaten kommen eigentlich immer wieder Themen wie Desinformation, aber auch KI auf. Es ist für viele Besuchende eine extreme Herausforderung mit den zwei Bereichen Schritt zu halten – Faktenchecks brauchen ja erst einmal das Wissen, wie das überhaupt geht und auch den Mut, auf einen Link, der von Freund*innen, von der Familie geschickt wird, mit Misstrauen zu reagieren und dann auch zu widersprechen. Wir versuchen mit praktischen Beispielen an die Themen ranzugehen und üben, Nachrichten zu lesen und zu verstehen: Wie ist eine Nachricht überhaupt aufgebaut? Was sind Quellen und wie kann ich diese einordnen? Was für Artikel gibt es überhaupt in den Medien – was unterscheidet einen Kommentar von einer Meldung? Was ist überhaupt eine Glosse? Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Ich glaube, Medienkompetenz gehört zu den Grundpfeilern einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Für Engagement muss ich ja erst einmal wissen, was mich interessiert, was mir wichtig ist – da ist Medienkompetenz eine unverzichtbare Basis. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Digitale Medien sind – phrasenhaft gesagt – Fluch und Segen. Sie schaffen Sichtbarkeit für Themen und Menschen, die sonst nicht sichtbar sind, unterstützen bei der Informationsbeschaffung und sind gleichzeitig oft so voller Hass, Hetze und Falschmeldungen, dass das Digitale auch ein Raum voller Unsicherheiten ist. Digitale Medien sind eine Chance, aber es fehlt eine produktive und wertschätzende Kultur im Miteinander. Außerdem fehlt noch oft die Befähigung, sich sicher im Netz zu bewegen. Dafür braucht es beständiges Lernen und immer wieder die Anpassung an neue Entwicklungen – ob und wie das gelingen kann, das wird jedoch eine große Herausforderung sein. Denn selbst, wenn es genügend Bildner*innen gibt, die Menschen müssen erreicht werden. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Besonders im Umgang mit jungen Menschen erlebe ich immer wieder, dass es ein großes Interesse an gesellschaftlichen Themen gibt. Für mich sind besondere Momente immer die, in denen ich merke,

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Interview mit Jennifer Bernecker

Zivilgesellschaftliche Gesprächsarbeit in der Straßenbahn: Wie direkte Begegnungen Demokratie stärken Zivilgesellschaftliche Gesprächsarbeit in der Straßenbahn: Wie direkte Begegnungen Demokratie stärken Ein Interview mit Jennifer Bernecker – Gesprächsbegleitung und Projektmitarbeiterin bei metro polis e.V. – über die Bedeutung direkter Kommunikation im öffentlichen Raum, die Chancen und Herausforderungen zivilgesellschaftlichen Engagements und die Sichtbarkeit von Bürger*innenperspektiven. Ein Interview mit Jennifer Bernecker – Gesprächsbegleitung und Projektmitarbeiterin bei metro polis e.V. – über die Bedeutung direkter Kommunikation im öffentlichen Raum, die Chancen und Herausforderungen zivilgesellschaftlichen Engagements und die Sichtbarkeit von Bürger*innenperspektiven. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Jennifer Bernecker, geb. 1993, ich wohne seit 2016 in Dresden und habe nach meiner Ausbildung zur Ergotherapeutin noch das Abendgymnasium besucht und bis vor kurzem Soziologie im Bachelor an der TU Dresden studiert. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich arbeite beim metro polis e.V. und dort vor allem in der Rolle der Gesprächsbegleitung zwischen Fahrgästen in Dresdner Straßenbahnen. Seit Oktober 2025 werde ich auch in projektkoordinatorische Tätigkeiten sowie in die Öffentlichkeitsarbeit für den Verein eingearbeitet. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Ich habe metro_polis vor ein paar Jahren schon einmal selbst als interessierte Bahnfahrerin gesehen und fand den Ansatz damals schon sehr originell und erfrischend. Als ich von meinem Auslandssemester wiederkam und einen neuen Job gesucht habe, habe ich gesehen, dass Moderator*innen gesucht werden. Ich fand den Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation und die Idee, anders über wichtige Themen zu sprechen, spannend. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Zum Einen lade ich Fahrgäste aktiv zu unserem Gesprächsprojekt in der Straßenbahn ein. Dafür fahren wir von Endstation zu Endstation und gehen proaktiv auf die Menschen zu. Daneben moderiere ich diese Gespräche zwischen den Fahrgäst*innen. Außerdem tragen wir Erfahrungswerte und Vorschläge in die metro_polis-App ein, die sich auf unseren Tablets befindet und die wir im Gespräch nutzen. Darüber hinaus werde ich gerade in die (digitale) Öffentlichkeitsarbeit eingearbeitet und werde die Social-Media-Kanäle sowie die Homepage betreuen. Zur Arbeit gehören auch regelmäßige Supervisionen, Teamtage und Besuche zu Tagungen, Kongressen und ähnlichen Veranstaltungen. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Wir sind in Dresden, Leipzig und seit letztem Jahr auch in Chemnitz in den Straßenbahnen unterwegs und sprechen ganz direkt mit den Bürger*innen aus Sachsen über ihre Erfahrungen. Die Idee zu metro_polis entstand dadurch, dass es verstärkt zu verbalen Auseinandersetzungen in der Bahn, aber auch insgesamt in der Gesellschaft gekommen ist und die Art, wie miteinander gesprochen wird, nicht mehr zielführend war. Sachsen erscheint vielleicht besonders als Austragungsort von Problemen, Ängsten und Sorgen, wobei wir der Meinung sind, dass metro_polis in jeder Stadt möglich ist. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Auch wenn schon knapp 14.000 Menschen seit 2019 am Projekt teilgenommen haben, gibt es auch viele Menschen, die das Angebot ablehnen. Das akzeptieren wir, denn das Angebot beruht auf Freiwilligkeit. Es ist mitunter schwierig den Menschen zu vermitteln, dass wir wirklich an ihren Erfahrungen interessiert sind. Viele Menschen sind erst einmal skeptisch und fragen uns, welche Wirkung denn aus dem Projekt hervorgeht. Andere trauen sich nicht, mit fremden Menschen zu sprechen oder glauben, sie hätten nichts beizutragen. Und neben der „Akquise“ von Teilnehmenden ergeben sich mitunter Schwierigkeiten in den Gesprächen, wenn verschiedene Lebensrealitäten und Kommunikationsstile aufeinanderprallen und diese moderiert werden möchten. Dass es dann konstruktiv und versöhnlich im Gespräch weitergeht, ist hohe (Moderations-)Kunst – aber genau dafür sind wir ja da! Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Wir haben seit c.a. 1 ½ Jahren Tablets, die wir mit in die Gespräche nehmen. Dort tragen wir (anonyme) Metadaten der Fahrgäste ein, ihre Dauer am Gespräch und ihre Ideen zum aktuellen Thema. Diese formulieren wir so, dass sie als Items in der metro_polis-App zur Verfügung stehen und in jedem weiteren Gespräch von den moderierenden Personen eingebracht werden können. So entstehen pro Thema viele Erfahrungen und Vorschläge, die wir als „kollektiven Meinungsbildungsprozess“ beschreiben. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Uns ist in den Gesprächen oft aufgefallen, dass sich der Erfahrungswert vieler Teilnehmenden auf Medien jeglicher Art bezieht, also das, was sie gelesen, gesehen oder gehört haben. Das hat einen großen Einfluss auf ihre Meinungsbildung. Wenn wir nachfragen, ob sie schon selbst diese Erfahrung gemacht haben oder ähnliches selbst erlebt haben, dann verneinen sie oft. Für uns spielt das eine große Rolle, weil wir auf der Erfahrungsebene ansetzen und verstehen wollen, wie Menschen zu ihren Einstellungen gelangen. Daher ist Medienkompetenz unerlässlich, um einordnen zu können, woher gewisse Gefühle oder Bedürfnisse gespeist werden – ob sie medial produziert sind oder durch eigenes Erleben. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Die Herausforderung ist vielleicht schon klar geworden. Durch die Vielzahl an Kanälen, Informationen und den Wahrheitsanspruch, die alle vertreten, wird es immer schwieriger herauszufinden, wer denn im „Recht“ ist. Die gesellschaftliche Debatte fokussiert sich aber sehr stark darauf und ist unserer Meinung nicht zielführend. In Zeiten von „alternativer Wahrheiten“ und „Fake News“ wird es ziemlich sicher in der Zukunft noch schwieriger, alle „Wahrheiten“ miteinander zu vereinen. Die Chance von digitalen Medien steckt aber vor allem in der Möglichkeit, viele Menschen durch digitale Medien zu erreichen und Tools zu entwickeln, die Engagement beispielsweise sichtbarer machen. Viele Menschen in den Gesprächen wissen oft nicht von verschiedenen Angeboten und digitale Medien können hier hilfreich sein. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Mithilfe von metro_polis haben eine Vielzahl von Menschen miteinander gesprochen, die sonst nicht aufeinandergetroffen wären. Sie haben, je nachdem wie lange ihre Fahrtdauer war, verschiedene Perspektiven kennenlernen können. Wenn wir Menschen in der Bahn wiedertreffen, berichten sie uns, dass sie noch lange über das Gespräch nachgedacht haben oder durch das Gespräch neue Impulse erfahren haben. Außerdem stellt metro_polis eine Schnittstelle zwischen Verwaltung und Zivilbevölkerung dar. Unsere Ergebnisse sind frei verfügbar für Verwaltung und Politik und dies wird nun auch häufiger konkret genutzt. Beispielsweise sind wir 2024 zum Thema „Kommunale Wärmewende“ in Dresden gefahren und konnten so den ansässigen Planer*Innen wertvolle

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Interview mit Tobias Wallusch

Politik, Medien und digitale Bildung: Junge Menschen für Demokratie stärken Politik, Medien und digitale Bildung: Junge Menschen für Demokratie stärken Ein Interview mit Tobias Wallusch – politischer Bildungsreferent beim Politischen Jugendring Dresden e.V. – über politische Bildungsangebote in Sachsen und demokratische Werte junger Menschen, warum Engagement besonders in Sachsen wichtig ist und welche Methoden helfen, Jugendliche zu motivieren, kritisch, informiert und aktiv an der Gesellschaft teilzunehmen.  Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Tobias Wallusch, ich wohne und arbeite in Dresden. Hier habe ich auch Politikwissenschaft studiert. Über Praktika und ehrenamtliche Arbeit bin ich in meinem jetzigen Arbeitsfeld der politischen Bildung gelandet. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin politischer Bildungsreferent beim Politischen Jugendring Dresden e.V. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Mir war es immer ein großes Anliegen, politische Themen zu diskutieren und dabei auch kontroversen Positionen Gehör zu verschaffen. Gerade junge Menschen treibt das Interesse an unkonventionellen Aktivitäten und Standpunkten um, für welche eine pädagogische Begleitung hilfreich sein kann. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Bei meiner alltäglichen Arbeit muss man Allrounder sein: Sei es die Recherche oder das methodische Design für Bildungsprojekte, welche selbst durchgeführt werden, grafische Gestaltung für die Öffentlichkeitsarbeit, Antrag, Finanzen und Anträge für Drittmittel oder die Betreuung unserer Ehrenamtlichen und Freiwilligen, es bieten sich viele verschiedene Felder. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Gerade in Sachsen ist das Misstrauen und die Unzufriedenheit mit der etablierten Politik sehr groß, demokratieferne Angebote erfreuen sich dagegen großem Zuspruch. Das ist etwas, was sich auch von der Eltern- auf die Kindergeneration überträgt und strukturelle, mit den Ereignissen in Folge der Wiedervereinigung zusammenhängende Gründe haben mag. Bildungsarbeit ist hier wichtig, um Offenheit für den Dialog und Unterstützung für demokratische Werte zu schaffen. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Es ist nicht leicht, unsere Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen in ihrer Freizeit für politische Bildungsangebote zu begeistern, hier sind wir meist auf Kooperationspartner wie Schulen oder Jugendhäuser angewiesen. Außerdem ist es oft eine Herausforderung, komplexe gesellschaftliche Themen so zu vermitteln, dass sie für junge Leute spannend bleiben, an ihre Lebenswelt anknüpfen und zum Mitmachen einladen. Gleichzeitig fehlen im Arbeitsalltag in unserem kleinen zweiköpfigen Team oft die Zeit und personelle Kapazität, um neue Ansätze zu erproben, Projekte langfristig zu sichern oder innovative Formate weiterzuentwickeln Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Schon vor der Corona-Pandemie haben wir begonnen, Inhalte und Methoden digital aufzubereiten – etwa durch den Einsatz von Videos oder Apps wie Kahoot und Actionbound. Digitale Formate eröffnen neue Wege der Wissensvermittlung und können das Interesse der Teilnehmenden deutlich steigern. Wichtig ist uns dabei, dass der Einsatz digitaler Medien kein Selbstzweck wird, sondern pädagogisch sinnvoll bleibt. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt außerdem auf der Förderung von kritischer Medienkompetenz: In einem eigenen Workshop thematisieren wir die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen und regen zur Reflexion über Chancen und Risiken an. Auch in unseren anderen Bildungsformaten spielt das Internet immer wieder eine Rolle – schließlich beeinflusst es heute nahezu alle Lebensbereiche. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Ich denke, dass Medienkompetenz heute eine zentrale Voraussetzung für zivilgesellschaftliches Engagement ist. In der Vielzahl von Stimmen und Informationen im digitalen Raum gilt es, verlässliche und demokratische Positionen von Fehlinformation und Hassrede zu unterscheiden. Medienkompetenz bedeutet, Inhalte kritisch zu prüfen, verantwortungsvoll zu kommunizieren und zu einer sachlichen, respektvollen Diskussionskultur im Netz beizutragen. Die Förderung solcher digitalen Demokratiefähigkeiten ist eine der zentralen Aufgaben der kommenden Jahre. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Digitale Medien bieten wunderbare Möglichkeiten für eine breitere und tieferen Partizipation der Bürger*innen in modernen Demokratien. Leider lassen sich aber auch die negativen Aspekte wie Desinformation, manipulative Inhalte wie Deepfakes oder Hassrede nicht ausblenden. Deshalb ist es entscheidend, dass jede und jeder den kompetenten Umgang mit digitalen Medien erlernt, um deren Potenziale für gesellschaftliches Engagement verantwortungsvoll und wirkungsvoll nutzen zu können. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Ich denke, dass wir vor allem individuelle Lebenswege mitgestalten. Durch unsere Arbeit motivieren wir junge Menschen, sich demokratisch zu engagieren und ihre Stimme in gesellschaftliche Prozesse einzubringen. Gleichzeitig unterstützen wir sie dabei, ihre eigenen Interessen und Stärken zu entdecken – etwa bei der Studien- oder Berufswahl – und eröffnen ihnen durch internationale Begegnungen und Auslandsaufenthalte neue Perspektiven auf Europa und die Welt. Besonders schön ist es zu sehen, wenn aus diesen Erfahrungen nachhaltiges Engagement oder sogar langfristige Freundschaften entstehen. Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Unser Ziel ist es, das Interesse junger Menschen an Politik zu wecken und demokratische Haltungen sowie Handlungskompetenzen zu stärken. Langfristig möchten wir dazu beitragen, dass mehr Menschen informiert, kritisch und engagiert am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und sich aktiv für eine demokratische und gerechte Gesellschaft einsetzen. Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten? Mit einem größeren Team ließen sich Aufgaben und Herausforderungen besser aufteilen und dadurch inhaltlich vertiefen – das ist mit unseren derzeit begrenzten personellen Ressourcen nur eingeschränkt möglich. Auch zusätzliche ehrenamtliche Unterstützung und starke Kooperationspartner wären wichtig, um unsere Arbeit langfristig auszuweiten und neue Projekte umsetzen zu können. Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Schaut euch um, vergleicht und sprecht mit Menschen, die sich bereits engagieren. Online-Aktivismus kann wichtig sein, aber echte Beteiligung entsteht vor allem im persönlichen Austausch und im gemeinsamen Handeln. Wer einmal erlebt hat, wie bereichernd politisches Engagement und gemeinsames Gestalten sein können, merkt schnell, dass Mitmachen nicht nur Verantwortung bedeutet, sondern auch Gemeinschaft und Sinn stiftet. Gibt es noch etwas, das Sie gerne mitteilen möchten? Ich freue mich, dass durch Projekte wie den MedienDemokratieHub zivilgesellschaftliches Engagement sichtbar gemacht und vernetzt wird. Politische Bildung braucht genau solche Plattformen, um voneinander zu lernen und gemeinsam demokratische Kultur zu stärken. Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten? Auf unserer Homepage wwww.pjr-dresden.de finden sich alle generellen Informationen zu unserem Verein, aktuellere Informationen gibt es auf

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Ein Interview mit Thomas – IVF Leipzig

Fußball, Verantwortung und politische Bildung: Warum Engagement im Breitensport Wirkung zeigt Fußball, Verantwortung und politische Bildung: Warum Engagement im Breitensport Wirkung zeigt Ein Interview mit Thomas – Projektkoordinator der Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport-Fußball – über die Rolle von Vereinen in der Demokratiebildung, die Herausforderungen politischer Bildungsarbeit im Sport und wie Fußballteams zu wichtigen Orten für Empowerment, Teilhabe und gemeinschaftliches Lernen werden können. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Ich bin Thomas und arbeite in Leipzig im Bereich der politischen Bildung. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin Projektkoordinator bei der Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport-Fußball. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Seit meiner Kindheit interessiere ich mich für Fußball und seit kurz danach für Politik. Der Fußball als mit Abstand beliebteste Sportart in Deutschland trägt meiner Ansicht nach eine große gesellschaftliche Verantwortung. Ich freue mich, wenn wir Vereine dabei unterstützen können, dieser Verantwortung nachzukommen. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Wir machen Antidiskriminierungs- und Empowermentworkshops mit Fußballteams, Infostände bei Vereinsfesten, organisieren Vernetzungstreffen und Gedenkstättenfahrten und sind Teil von Netzwerken, wie zum Beispiel dem !Nie Wieder-Bündnis. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Laut der Leipziger Autoritarismus-Studie teilen junge Menschen in Ostdeutschland besonders häufig menschenfeindliche Einstellungen, denen wir begegnen wollen. Ich glaube aber, dass länderübergreifend alle Fußballvereine von Bildungsangeboten wie unseren profitieren. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Die Ungewissheit in Bezug auf die Finanzierung stellt die größte Herausforderung dar. Im Moment werden wir vom Land Sachsen gefördert, die erste Jahreshälfte über war das unklar und wir mussten uns über Spenden und Preisgelder finanzieren. Fundraising und Förderanträge kosten Nerven und Kapazitäten. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Während der Kontaktbeschränkungen der Covid-Pandemie haben wir einige unserer Formate in den digitalen Raum verlegt. Ansonsten finden unsere Angebote hauptsächlich analog statt. Die Inhalte beziehen sich in erster Linie auf Fußball und alles, was damit zusammenhängt – das ist neben Platz, Tribüne und Umkleide natürlich auch der Teamchat. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Wer gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen und vermitteln möchte, braucht definitiv eine gewisse Medienkompetenz. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Desinformation, Manipulation und KI-Slop erschweren demokratische Teilhabe. Es wird immer schwerer, gemeinschaftlich über die Lösung von gesellschaftlichen Problemen nachzudenken, wenn man sich zunächst darüber verständigen muss, welche Probleme es überhaupt gibt und welche nicht. Gleichzeitig ermöglichen digitale Medien es kritischen Nutzer*innen, sich mit wenig Aufwand über verschiedenste Themen zu informieren und können so auch Teilhabe erleichtern. Voraussetzung dafür ist allerdings ein gewisses Maß an Medienkompetenz. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Egal ob bei jugendlichen Spieler*innen oder älteren Vereinsfunktionären, es ist immer schön zu sehen, wenn wir eine Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Partizipation anregen können und zum Perspektivwechsel ermutigen. Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Die Auseinandersetzung von Fußballvereinen mit gesellschaftlichen Themen sollte zur Norm werden. Die Verbände, insbesondere der DFB, sollten stärker in die Verantwortung genommen werden, sich für nachhaltige Bildungsprojekte einzusetzen und Betroffene zu schützen, statt nur Lippenbekenntnisse abzugeben und sich mit Imagekampagnen gut darzustellen. Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten? Diejenigen, die sich ehrenamtlich in den Breitensportvereinen engagieren, haben meist nicht die Kapazitäten, sich neben Training, Infrastruktur und Vereinsverwaltung auch noch um Antidiskriminierungsarbeit zu kümmern. Daher versuchen wir, unsere Angebote für die Vereine so niedrigschwellig wie möglich zu gestalten. Oft gibt es Einzelne, die sich gegen Diskriminierung stark machen und auf Zusammenarbeit mit Initiativen wie unserer hinwirken, nachhaltiger wird es, wenn Ideen von Partizipation und diskriminierungsfreiem Zusammenleben von einer breiten Basis im Verein getragen werden. Hier fehlt teilweise die Einsicht, dass (Vereins-)Sport immer auch eine politische Dimension hat. Und wir könnten effektiver arbeiten, wenn unsere Finanzierung längerfristig gesichert wäre. Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Im Rahmen der eigenen Möglichkeiten dranbleiben, Verbündete suchen, sich nicht von Rückschlägen unterkriegen lassen. Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten? Instagram: @ivf.leipzig     weitere Interviews Interviews Ein Interview mit Thomas Bächer Interview mit Siri Pahnke Interview mit Paul Groschinski Interview mit Marcelo – CAMBIO e.V. Interview mit Julien Deschamps Interview mit Janet Torres Lupp Interview mit Felix Völkel Interview mit C. Z. – Antirassismusberaterin aus Dresden Interview mit Kátia Oliveira Interview mir Valentin Lippmann Interview mit Oliver Gibtner-Weidlich Interview mit Georg Salditt Interview mit Sophia Philipp Interview mit Nilsson Samuelsson

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Interview mit Siri Pahnke

Demokratie braucht Haltung: Engagement, Vielfalt und gelebte Mitmenschlichkeit in Sachsen Demokratie braucht Haltung: Engagement, Vielfalt und gelebte Mitmenschlichkeit in Sachsen Ein Interview mit Siri Pahnke – Soziologin, Kulturwissenschaftlerin und Projektkoordinatorin beim Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. (NDK) in Wurzen – über Empowerment, die Herausforderungen demokratischer Bildungsarbeit im ländlichen Raum und die Bedeutung von Medienkompetenz für eine vielfältige und solidarische Gesellschaft. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Siri Pahnke, ich arbeite in der Projektkoordination und bin seit vielen Jahren als Beraterin für NGOs im ländlichen Sachsen tätig, die sich für Demokratie einsetzen. Seit sieben Jahren bin ich Teil des Netzwerks für Demokratische Kultur e.V. (NDK) in Wurzen bei Leipzig. Das NDK verbindet Menschen, die Haltung zeigen und sich für eine demokratische Kultur in der Region engagieren – für gelebte Mitmenschlichkeit, Mitbestimmung, Nachhaltigkeit und Freiheit. Wir setzen uns für eine bedürfnisorientierte Gesellschaft ein, die auf Solidarität beruht, für achtsame und wertschätzende Kommunikation, für politische Beteiligung auch außerhalb von Parlamenten, für Klimagerechtigkeit sowie für eine lebendige und kritische Erinnerungskultur. In unserem Haus in Wurzen leben wir unsere Werte. Mit Bildungsarbeit, kulturellen Veranstaltungen, Vernetzung, Begegnung und Information möchten wir die Entwicklung einer aktiven demokratischen Zivilgesellschaft in der Region fördern. Wir sind offen für alle, die die Gleichwertigkeit eines jeden Menschen anerkennen. Deshalb schließen wir menschenfeindliches Gedankengut sowie diskriminierende Haltungen und Handlungen konsequent aus. So schaffen wir Räume, in denen sich alle Menschen sicher fühlen können. Ich bin Soziologin und Kulturwissenschaftlerin und engagiere mich ehrenamtlich als Radiomacherin beim freien Sender Radio Blau. Der Verein besteht aus vielen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Menschen, die mit ihren Ressourcen und ihrer Expertise mutig für eine gerechte, vielfältige und freie Stadtgesellschaft eintreten. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Derzeit arbeite ich im Projekt „Female Power“, in dem wir Mädchen und junge Frauen empowern und den interreligiösen Dialog fördern. Uns geht es darum, Menschen zu stärken in dem, was sie sind, und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Perspektiven, Bedarfe und Fähigkeiten in die Stadtgesellschaft einzubringen – und gleichzeitig der Stadtgesellschaft die Chance zu eröffnen, Vielfalt als Potenzial wahrzunehmen. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Mich beschäftigt seit meiner Jugend die Frage nach gesellschaftlicher Macht und Privilegien. Aufgewachsen im ländlichen Niedersachsen begegneten mir immer wieder Ungleichheiten sowie ein Mangel an Beteiligungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Im Studium habe ich mich intensiv mit Migrationsbiografien und Rassismus auseinandergesetzt. Die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Position als weiße, junge und durch mein Elternhaus privilegierte Frau führte zu einem durchaus schmerzhaften Prozess der Selbstreflexion. Dabei wurde mir klar: Wir kommen gesellschaftlich nur weiter, wenn wir gemeinsam für ein gerechteres und besseres Leben kämpfen. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Ich selbst organisiere vor allem  Empowerment-Workshops, Ausflüge, Feste und Veranstaltungen im Kontext von Demokratiebildung, Interkulturalität, Antidiskriminierung und Interreligiosität. Dazu gehören Demokratieworkshops an Grundschulen und Anti-Rassismus-Workshops an weiterführenden Schulen. Außerdem produziere ich die Radiosendung „Her mit dem schönen Leben“. Weitere Schwerpunkte sind Vereinsarbeit, Vernetzung sowie sehr viel Beziehungs- und Kommunikationsarbeit direkt vor Ort in unserem offenen Haus. Zudem unterstützen wir Initiativen, die von Menschen in Wurzen selbst umgesetzt werden. Das Portfolio des Vereins ist noch viel breiter. Wir machen bisher noch sehr viele Kulturveranstaltungen in unserem Kulturkeller, von Klimamonologen, über den Punkrocktresen, Kinovorführungen für Grundschüler*innen, Lesungen etc. Wir klären auf über rechte Vorfälle in Wurzen und dem Landkreis und arbeiten dazu mit Schüler*innen Peer to Peer, gerade organisieren wir mit dem Festival Politik im freien Theater viele Veranstaltungen. Darüber hinaus betreuen wir im Team zusammen seit Anfang diesen Jahres ehrenamtlich das Tagungshaus in den oberen Etagen unseres Soziokulturellen Zentrums. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Demokratiebildung sollte ein Querschnittsthema sein, das bereits in Schulen vermittelt wird. Kinder und Jugendliche müssen sich früh mit Fragen wie Freiheit, Gleichheit, Pluralität und Solidarität auseinandersetzen. Wie gestalten wir unser Zusammenleben auf Grundlage geteilter Werte? Wie reden wir miteinander, wie können verschiedene Meinungen gut verhandelt werden und wie können wir Missverständnisse minimieren? Demokratische Kultur ist keine Selbstverständlichkeit, sondern harte Arbeit. Dennoch sind sich die meisten Menschen einig, dass Demokratie die beste Form des Zusammenlebens ist, die wir bisher entwickelt haben. Damit das so bleibt, braucht es Räume für Dialog, Perspektivwechsel, Beteiligung, Zuhören, konstruktive Kritik und verantwortungsvolle Entscheidungen. Das ist nicht nur in Sachsen, sondern gesamtgesellschaftlich von Bedeutung. Darüber hinaus sind Schutzräume nötig, in denen diskriminierungserfahrene Menschen sich ausdrücken, stärken und für ihre Rechte eintreten können. Ebenso braucht es breite Solidarität und Unterstützung, die nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder neu erkämpft werden muss. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Wir erleben große Unsicherheit und Ablehnung, viel Lethargie sowie Angst und Schwierigkeiten im Umgang mit Veränderungen. Hinzu kommen rechte Strukturen in Wurzen, die sich in Farbanschlägen, eingeschlagenen Fensterscheiben oder Beleidigungen auf Social Media und auf der Straße zeigen. Das ist bedrohlich und stellt auch unsere Sicherheit infrage, ganz zu schweigen, was es für eine Stadt heißt, wenn ein Akteur, der für Vielfalt und Veränderungspotential steht, bedroht wird. Ebenso gefährlich ist jedoch das Desinteresse oder die Überforderung vieler Menschen, die – aus nachvollziehbaren Gründen – so sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt sind, dass ihnen die Motivation fehlt, sich in die Gemeinschaft einzubringen. Ganz aktuell lehnte der Stadtrat Spenden ab, die es uns ermöglicht hätten, einen weit größeren Teil an Fördermitteln einzuwerben. Dieses Ausbleiben von Fördermitteln führt dazu, dass wir das Herzstück unserer Arbeit vor Ort – die Bespielung unseres Hauses – radikal zurückfahren müssen, da die personellen und betrieblichen Ressourcen fehlen. Das ist fatal, gerade auch im Kontext, dass wir dieses Haus mit unglaublich viel Eigenleistung und Engagement aus der Stadt erst vor Kurzem fertig renovieren konnten. So viele Menschen, wie im Moment unser Haus nutzen,  hatten wir durch die Baustelle schon lange nicht mehr hier – es sind so viele, dass wir kaum hinterherkommen! Da geht’s um den Spielnachmittag, das Sprachcafe, Schreibwerkstatt, die Yogagruppe, den Kreativtreff etc. und natürlich das neu fertiggestellte Tagungshaus mit seinen vielfältigen Gästen. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Eine deutlich größere, als wir es uns eingestehen wollen. Gerade junge Menschen sind stark

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Interview mit Paul Groschinski

Medienkompetenz stärken, Demokratie fördern: Bildungsarbeit im Vogtland Medienkompetenz stärken, Demokratie fördern: Bildungsarbeit im Vogtland Ein Interview mit Paul Groschinski – Leiter des Projekts MediaEducators Vogtland – über die Bedeutung von Informations- und Nachrichtenkompetenz, kreative Bildungsarbeit in der offenen Jugendarbeit und wie praxisnahe Medienbildung junge Menschen dazu befähigt, kritisch, selbstbewusst und aktiv an unserer Gesellschaft mitzuwirken Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Paul Groschinski, ich bin 31 Jahre alt und lebe in Plauen im Vogtland.  Aufgewachsen bin ich im Bonner Raum. Ich habe Kultur- und Erziehungswissenschaften  studiert und anschließend einen Master in Erwachsenenbildung mit den Schwerpunkten  politische Bildung und Medienbildung abgeschlossen. Beruflich war ich in der  pädagogischen Begleitung von Freiwilligendienstleistenden, in der Netzwerkarbeit einer  Stadtbibliothek sowie als Bildungsreferent in der kirchlichen Erwachsenenbildung tätig. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Aktuell leite ich das Projekt MediaEducators Vogtland. In Kooperation mit Einrichtungen der  offenen Kinder- und Jugendarbeit entwickeln und gestalten wir Angebote, welche die  Medien- und Demokratiekompetenz stärken. Dazu gehören zum Beispiel Workshops zu  Themen wie Künstliche Intelligenz, soziale Medien und ihre Plattformlogiken oder der  Umgang mit Fake News. Ergänzt werden die Angebote durch Exkursionen – etwa zum MDR  – und kreative Projektformate. Ein besonders schönes Beispiel ist unser Ferienprojekt „19 Steine“: Hier haben Kinder und  Jugendliche die Biografien der Menschen hinter den Stolpersteinen ihrer Stadt recherchiert  und in selbst produzierten Audiobeiträgen hörbar gemacht. Diese Beiträge wurden zudem in  eine digitale Schnitzeljagd mit der App Actionbound eingebunden, sodass diese vor Ort bei den Stolpersteinen abgespielt werden können. Solche Formate verbinden Medienbildung mit historisch-politischer Bildung und zeigen, wie lebendig Lernen werden kann, wenn junge Menschen selbst aktiv werden. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Angesichts der aktuellen weltpolitischen Entwicklungen und der sich ständig wandelnden  Medienlandschaft ist es mir ein großes Anliegen, dass junge Menschen in ihren  demokratischen Werten gestärkt werden und lernen, sich souverän und reflektiert im Internet zu bewegen. Nur wer Informationen kritisch einordnen kann, ist in der Lage, sich  selbstbestimmt eine Meinung zu bilden und aktiv an unserer Gesellschaft teilzunehmen. Seit meiner Jugend engagiere ich mich in der Jugendarbeit und habe immer gerne mit  Gruppen gearbeitet. Es macht mir große Freude, gemeinsam mit Jugendlichen und  pädagogischen Fachkräften kreativ zu werden, eigene Medienprodukte zu entwickeln und  dabei ganz praktisch Medien- und Informationskompetenz zu fördern. Auf diese Weise einen  kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass unsere Gesellschaft respektvoll, kritisch und  demokratisch bleibt, motiviert mich jeden Tag aufs Neue. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, gemeinsam mit verschiedenen Einrichtungen im  Vogtland Bildungsangebote und -formate zu gestalten und umzusetzen. Dabei geht es oft  darum, Konzepte zu entwickeln, die wirklich zu den jeweiligen Einrichtungen und den  jungen Menschen vor Ort passen. Die Konzeption erfolgt in enger Absprache mit unseren  Projektpartnern, um Themen, Methoden und Abläufe so zu gestalten, dass sie im Alltag der  Einrichtungen funktionieren. Den Großteil der Angebote begleite ich auch praktisch. Das macht die Arbeit sehr lebendig  und abwechslungsreich. Gleichzeitig gehört auch die Koordination des Gesamtprojekts dazu: Ich halte das Team und die externen Referent:innen zusammen, plane Abläufe, stimme mich mit den Projektpartnern ab und sorge dafür, dass alles gut ineinandergreift. Wichtig ist mir, dass die Einrichtungen durch unsere Zusammenarbeit langfristig eigene  Strukturen aufbauen und Angebote selbstständig weiterführen können. Dazu kommen  natürlich auch Aufgaben wie die Dokumentation, Evaluation, Öffentlichkeitsarbeit und die  finanzielle Abwicklung der einzelnen Maßnahmen. Kurz gesagt: Ich sorge dafür, dass aus  Ideen konkrete Bildungsangebote werden, die sich nachhaltig etablieren. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Die GMK-Studie „Lauter Hass – leiser Rückzug“ zeigt, dass Erfahrungen mit Hass und  Hetze im Netz viele Menschen davon abhalten, sich online politisch einzubringen. Die Studie  betont daher ausdrücklich, wie wichtig die Stärkung von Medien- und  Nachrichtenkompetenz ist, politische Teilhabe nachhaltig zu ermöglichen. Im ländlichen  Raum Sachsens ist dieser Bedarf meiner Meinung nach besonders spürbar: Der Zugang zu  Bildungsangeboten ist oft begrenzt, während Desinformation und einfache Antworten auf  komplexe Fragestellungen in sozialen Netzwerken schnell Verbreitung finden. Genau hier  setzt unsere Arbeit an – wir wollen jungen Menschen Werkzeuge an die Hand geben, um  Informationen kritisch einzuordnen, Manipulationsstrategien zu erkennen und sich reflektiert  eine eigene Meinung zu bilden. Das stärkt nicht nur den Einzelnen, sondern auch den  gesellschaftlichen Zusammenhalt und die demokratische Kultur in der Region. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Eine der größten Herausforderungen ist sicher, mit den sehr unterschiedlichen  Voraussetzungen in der offenen Jugendarbeit umzugehen. Man weiß nie genau, wer am Ende tatsächlich vor einem steht – wie viele Jugendliche kommen, in welchem Alter, mit welchen Interessen oder Themen sie sich gerade beschäftigen. Diese Unverbindlichkeit macht die Arbeit gleichzeitig spannend und herausfordernd: Angebote müssen so gestaltet sein, dass sie spontan anschlussfähig sind und trotzdem einen klaren roten Faden haben. Hinzu kommt, dass wir zunehmend mit Radikalisierungstendenzen konfrontiert sind – sei es  in Form von extremen Meinungen, Abgrenzungstendenzen oder gesellschaftlicher  Polarisierung, die sich auch in jugendlichen Gruppen widerspiegeln. Das verlangt viel  Fingerspitzengefühl, Offenheit und gleichzeitig eine klare Haltung. Da die Jugendlichen freiwillig teilnehmen, steht und fällt vieles mit der Attraktivität und  Relevanz der Angebote. Inhalte müssen an ihre Lebenswelt anknüpfen, gleichzeitig aber auch über sie hinausweisen. Das bedeutet, man ist ständig gefordert, Themen, Formate und  Zugänge weiterzuentwickeln, um die Jugendlichen wirklich zu erreichen – ohne sie zu  überfordern oder zu belehren. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?  Digitale Angebote im Sinne von Online- oder hybriden Formaten spielen bisher keine Rolle  in unserer Arbeit. Unser Ansatz ist ein aufsuchendes Konzept: Wir arbeiten direkt in den  Jugendzentren und somit sozialen Räumen, in denen sich die Jugendlichen ohnehin aufhalten. So können wir sie viel besser erreichen, als wenn sie geplant an einer Online-Veranstaltung teilnehmen müssten. Trotzdem sind digitale Werkzeuge und Medienkompetenz zentrale Bestandteile unserer  Projekte. Wir nutzen verschiedene Tools, um die Jugendlichen praktisch an den Umgang mit  digitalen Medien heranzuführen – sei es für kreative Projekte, Recherche oder  Präsentationen. Dabei geht es nicht nur um die reine Bedienung der Technik, sondern vor  allem darum, Medien bewusst, reflektiert und kreativ zu nutzen. So lernen die Jugendlichen,  Informationen

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Interview mit Marcelo – CAMBIO e.V.

Kunst, Engagement und Medienkompetenz: Wie kulturelle Projekte Demokratie erlebbar machen Kunst, Engagement und Medienkompetenz: Wie kulturelle Projekte Demokratie erlebbar machen Ein Interview mit Marcelo – Projektkoordinator beim CAMBIO e.V. – über künstlerisches Engagement, die Förderung von Medienkompetenz und den Aufbau von Räumen für gesellschaftlichen Austausch in Sachsen. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Ich bin Marcelo, komme ursprünglich aus Brasilien und lebe seit einigen Jahren in Dresden. Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich fünf Jahre lang als Anwalt gearbeitet. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass ich lieber in einem Bereich tätig sein möchte, in dem ich direkter mit Menschen und gesellschaftlichen Themen zu tun habe. Und so bin ich im zivilgesellschaftlichen Engagement gelandet. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Heute arbeite ich beim CAMBIO e.V. als Projektkoordinator, vor allem für die Political Art Days und Erasmus+ Projekte. Außerdem bin ich auch in der Konzeption und Moderation von Workshops aktiv. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?   Was mich an dieser Arbeit begistert, ist die Möglichkeit, mich mit Menschen und mit der Stadt, in der ich lebe, wirklich zu verbinden. Viele der Leute, mit denen ich arbeite, sind gleichzeitig Freund:innen. Das macht meine Arbeit zu etwas, das über das Berufliche hinausgeht. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Mein Arbeitsalltag ist ziemlich vielfältig: Ich entwickle Projektideen, schreibe Anträge, koordiniere die Umsetzung und dokumentiere die Ergebnisse. Gleichzeitig bin ich auch bei Veranstaltungen und Workshops aktiv. Also nicht nur hinter dem Laptop, sondern auch direkt mit den Menschen, mit denen wir arbeiten. Die Political Art Days sind dabei eines unserer zentralen Projekte: ein Festival, das Kunst, Aktivismus und gesellschaftlichen Austausch verbindet. Jedes Jahr engagieren sich rund 30 Freiwillige, und das Festival schafft einen Raum, in dem sich Menschen begegnen, vernetzen und neue Ideen für sozialen Wandel entwickeln. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Gerade in Sachsen ist es wichtig, solche Räume zu schaffen: niedrigschwellige, offene Angebote, die Menschen einladen, sich mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen und Demokratie ganz praktisch zu erleben. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Ganz klar: Finanzierung. Fördermittel zu finden und langfristige Planung zu ermöglichen, ist immer ein Balanceakt. Das kennen wahrscheinlich viele Organisationen in unserem Bereich. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Digitale Medien spielen bei uns eine große Rolle, für Kommunikation, Vernetzung und Sichtbarkeit. Ohne digitale Präsenz würde vieles einfach untergehen. Gleichzeitig sehen wir, wie wichtig Medienkompetenz ist: Sie hilft Menschen, Informationen kritisch einzuordnen, sich an Diskussionen zu beteiligen und selbst aktiv zu werden. Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Für mich ist Medienkompetenz inzwischen einfach Teil von gesellschaftlichem Engagement. Wenn man sich einbringen will, muss man wissen, wie man sich im digitalen Raum bewegt, wie man Informationen einordnet, eigene Gedanken teilt und mit anderen in Kontakt bleibt. Gerade online entscheidet sich oft, wie wir über Themen sprechen, was sichtbar wird und was nicht. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Ich sehe in digitalen Medien eine große Chance, Menschen miteinander zu verbinden und gesellschaftliche Themen sichtbar zu machen. Aber gerade hier in Dresden merke ich, wie schwierig es oft ist, wirklich alle zu erreichen. Es fühlt sich manchmal so an, als würden viele in ihren eigenen digitalen Blasen leben. Also Gruppen, die kaum miteinander sprechen oder sich gegenseitig zuhören.Deshalb ist es für mich so wichtig, Medienkompetenz zu fördern. Es geht nicht nur darum, technische Fähigkeiten zu haben, sondern auch darum, Brücken zwischen unterschiedlichen Perspektiven, Altersgruppen und Hintergründen zu bauen. Nur so können wir die demokratischen Möglichkeiten digitaler Räume wirklich nutzen, statt uns weiter voneinander zu entfernen. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Durch unsere Projektarbeit konnten wir Menschen erreichen und für gesellschaftliche Themen sensibilisieren, die zuvor wenig Berührungspunkte mit zivilgesellschaftlichem Engagement hatten. Wir beobachten, dass unsere Angebote Dialog fördern, Perspektiven erweitern und Menschen ermutigen, sich aktiv einzubringen. Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Langfristig möchte ich durch meine Arbeit dazu beitragen, dass gesellschaftliche Veränderung nicht nur eine Idee bleibt, sondern auch konkret spürbar wird. Also, in Begegnungen, in Projekten, in neuen Formen von Miteinander. Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten? Um das weiter auszubauen, brauchen wir vor allem verlässliche, längerfristige Finanzierung. Mehrjährige Förderungen würden es ermöglichen, Projekte nachhaltiger zu planen, Strukturen zu stabilisieren und das Engagement der Menschen langfristig zu unterstützen. Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Ich würde sagen: Such dir Menschen, die ähnlich denken wie du oder einen Verein, der für etwas steht, das dir wichtig ist. Allein ist Engagement schwer, aber in Gemeinschaft entsteht Energie. Geh zu Veranstaltungen, tausch dich aus, lern andere kennen, die auch etwas bewegen wollen. So entstehen neue Ideen, Projekte, und manchmal auch Freundschaften. Gibt es noch etwas, das Sie gerne mitteilen möchten? Nein, danke für die Einladung und für eure Arbeit. Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten? Website: www.cambio-aktionswerkstatt.de www.politicalartdays.de Instagram: @cambio.ev @political.artdays weitere Interviews Interviews Interview mit Paul Groschinski Interview mit Marcelo – CAMBIO e.V. Interview mit Julien Deschamps Interview mit Janet Torres Lupp Interview mit Felix Völkel Interview mit C. Z. – Antirassismusberaterin aus Dresden Interview mit Kátia Oliveira Interview mir Valentin Lippmann Interview mit Oliver Gibtner-Weidlich Interview mit Georg Salditt Interview mit Sophia Philipp Interview mit Nilsson Samuelsson

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Interview mit Julien Deschamps

Kreatives Engagement für eine solidarische Gesellschaft: Wie Filmarbeit Demokratie sichtbar macht Kreatives Engagement für eine solidarische Gesellschaft: Wie Filmarbeit Demokratie sichtbar macht Ein Interview mit Julien Deschamps – unabhängiger Filmemacher aus Dresden und Gründer von fairfilms.de – über die Verbindung von künstlerischer Arbeit und gesellschaftlichem Engagement, faire Zusammenarbeit in einer zunehmend prekären Kulturlandschaft und über die Notwendigkeit, Medienkompetenz als Grundlage für demokratisches Engagement und kritisches Denken zu stärken. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?  Ich bin Julien Deschamps aus Dresden, ich arbeite als Filmemacher und bin Gründer von fairfilms.de. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig?  Ich bin unabhängiger Filmemacher, das umfasst das Schreiben, die Regie, die  Kameraführung und den Schnitt.  Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?  Ich wusste schon immer, dass ich in diesem künstlerischen Bereich arbeiten wollte. Ich habe mein Studium abgeschlossen und als ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich mich dafür entschieden, Arbeit und Engagement zu verbinden, indem ich auch wenig oder nicht bezahlte Aufträge für Einrichtungen annehme, die nicht viel Geld haben, weil sie sich für eine bessere Gesellschaft einsetzen und Unterstützung brauchen.  Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Ich produziere Videos oder berate/coache Menschen, damit sie ihre Videos selbst besser gestalten können. Außerdem engagiere ich mich in der kulturellen und bürgerschaftlichen Bildung durch Workshops für die junge Generation.  Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Das Engagement der Einrichtungen, die ich unterstütze, ist wichtig, insbesondere in einem Bundesland, das unter Kürzungen der Mittel für Sozial- und  Solidaritätsprogramme leidet. Meine Arbeit hilft ihnen bei ihrer Kommunikation.  Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Ich habe auch Schwierigkeiten, finanziell von meinem Beruf zu leben. Ich bin froh, wenn eine Struktur mich angemessen bezahlt, denn so kann ich meine Tätigkeit fortsetzen und anderen helfen. Ich setze auf Solidarität, ähnlich wie beim Prinzip der Veranstaltungen mit freien Preisen: diejenigen, die reicher sind, zahlen mehr als die anderen.  Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Kurze Online-Videos sind zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden. Aufgrund meiner akademischen Ausbildung bemühe ich mich zu vermitteln, dass ein Ausdruck, unabhängig von seiner Form, seinem Stil oder seinem Inhalt, niemals neutral ist und immer ernst genommen werden muss.  Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Ich fordere, dass alle Bereiche der Gesellschaft Verantwortung übernehmen in Bezug auf die Abhängigkeit von sozialen Medien, die Verbreitung von Fake News und Algorithmen, die Bestätigungs-Bias validieren. Die Bildung in der Schule ist sicherlich das Wichtigste, was es zu berücksichtigen gilt. Geben wir allen eine Basis für die Analyse von Medienbildern, um Manipulationen zu erkennen, vermitteln wir den Reflex, journalistische Quellen zu recherchieren, um die Vertrauenswürdigkeit von Informationen zu bewerten, und laden wir dazu ein, Verantwortung für das zu übernehmen, was wir online konsumieren und teilen, indem wir uns der wirtschaftlichen und politischen Macht bewusst werden, die wir den dominierenden Plattformen durch ihre übermäßige Nutzung geben. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Unsere Gesellschaften haben lange gebraucht, um die weit verbreitete Desinformation im Zusammenhang mit dem Konsum und der Sucht nach sozialen Netzwerken zu erkennen. Neben persönlichen Problemen wie Depressionen und zwischenmenschlichen Problemen, die Intoleranz und Ablehnung fördern, ist auch die Gefahr der Wahl populistischer und gefährlicher Regierungen ein zunehmend besorgniserregendes Phänomen. In Zeiten der zunehmenden Verbreitung generierter Bilder (Fotos, Stimmen und jetzt auch Videos) muss ein echter Wendepunkt erreicht werden. Es bedarf eines allgemeinen Bewusstseins für diese Gefahren und eines Umdenkens in Bezug auf die Informationsgesellschaft, indem bestimmte Netzwerke eingeschränkt oder verboten und unabhängige, gemeinnützige Netzwerke wie Wikipedia (das bereits von den dominierenden Giganten angegriffen wird) gefördert werden.  Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Ich mag das Sprichwort „Global denken, lokal handeln“. Es ist sehr schwierig, die  positiven Auswirkungen eines Engagements zu erkennen, wenn eine ganze Gesellschaft betroffen ist, aber es ist möglich, auf kleiner Ebene Begeisterung und Solidarität zu wecken. Das ist grundlegend, um die Moral und das Engagement aller aufrechtzuerhalten. Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit? Ich hoffe, möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, dass es möglich ist, sich sowohl in der Arbeit als auch im Alltag direkt zu engagieren. Ich glaube auch, dass es langfristig möglich ist, mehr Wirtschaftsunternehmen davon zu überzeugen, nach den Werten der Großzügigkeit zu handeln. Die Finanzwelt denkt in Gewinnkategorien, aber der menschliche oder moralische Gewinn wird völlig unterschätzt. Ich bin jedoch überzeugt, dass dies auch Investoren zufriedenstellen könnte, die nach einem Sinn für ihr Handeln suchen.  Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten? Meine derzeitige Arbeit ist leider noch zu konfidentiell und begrenzt. Ich würde wirklich gerne mehr Partner*innen oder Strukturen davon überzeugen, mit mir zusammenzuarbeiten, um die Sichtbarkeit meiner Ideen zu erhöhen.  Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten? Ich plädiere immer für ein allgemeines Gleichgewicht, sei es in Bezug auf die Gesundheit (körperlich und psychisch) oder das politische Engagement. Ich ermutige dazu, so viele Bereiche und Dimensionen wie möglich zu berücksichtigen, um nichts zu vernachlässigen: Umweltschutz, Kampf gegen Armut und Diskriminierung, Feminismus, ohne dabei die Förderung der kulturellen Vielfalt zu vergessen, die wesentlich ist, um möglichst viele Menschen weltweit zu sensibilisieren und zu beeinflussen. Gibt es noch etwas, das Sie gerne mitteilen möchten? Was meine Online-Sichtbarkeit angeht, habe ich mich bewusst dafür entschieden, meine Website in den Vordergrund zu stellen, über die ich die vollständige Kontrolle habe (ohne Tracker oder Cookies). Auch wenn ich einige Konten habe, um Filme zu veröffentlichen, wie beispielsweise YouTube, möchte ich diese nicht in den Vordergrund stellen, da sie von Tech-Giganten abhängig sind, deren Werte  zunehmend im Widerspruch zu meinen eigenen stehen. Beispielsweise ist das, was YouTube mit immer ausgefeilteren Einstellungen anbietet, um die Aufrufzahlen zu maximieren, nicht mit meiner Arbeitsweise vereinbar (Qualität darf niemals mit Quantität verwechselt werden). Wenn die Option „Aufrufzahlen ausblenden” verfügbar wäre, würde ich sie aktivieren (das habe ich bereits mit den „Likes” getan). Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten? 

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Interview mit Janet Torres Lupp

Netzwerkarbeit in Sachsen: Wie Medienbildung Menschen verbindet Netzwerkarbeit in Sachsen: Wie Medienbildung Menschen verbindet Ein Interview mit Janet Torres Lupp – Projektleiterin der Koordinierungsstelle Medienbildung Sachsen – über die Bedeutung von Medienbildung für digitale Teilhabe und Demokratie, die Vernetzung medienpädagogischer Akteur*innen im ländlichen Raum sowie die Chancen und Herausforderungen, Menschen zu souveränem und engagiertem Handeln in digitalen Lebenswelten zu befähigen. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Janet Torres Lupp, ich lebe und arbeite in Leipzig und Dresden. Ich bin Kultur- und Medienwissenschaftlerin (M. A.) und arbeite seit über zwanzig Jahren in der Medienpädagogik. Anfangs war ich freiberuflich bundesweit tätig, ab 2012 war ich viele Jahre im ländlichen Raum (Nordsachsen) unterwegs und habe vor allem handlungsorientierte und auch kritisch-rezeptive Medienprojekte für sehr viele verschiedene Zielgruppen durchgeführt. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich arbeite als Projektleiterin in der Koordinierungsstelle Medienbildung Sachsen (KSM), zusammen mit meinen Kolleginnen Kirsten Mascher und Hannah Kern. Die KSM befindet sich in der Trägerschaft der AWO SPI GmbH. Unser Haupttätigkeitsfeld ist die Vernetzung der medienpädagogischen Landschaft. Wir bieten unter anderem Verweisberatung an: Wenn eine Lehrkraft eine medienpädagogische Fachkraft für einen Elternabend oder einen Projekttag sucht, vermitteln wir gerne. Darüber hinaus informieren und beraten wir allgemein über Medienbildung sowie über Projekte und Angebote im gesamten Bundesland Sachsen. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Nach vielen Jahren handlungsorientierter praktischer Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Seniorinnen und Senioren sowie dem Aufbau eines Netzwerkes in Nordsachsen wollte ich diese Arbeit gerne erweitern. Der Aufbau der KSM im Jahr 2019 bot mir genau die passende Herausforderung, auf der ich optimal aufbauen konnte.  Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Ich habe sehr viele administrative Aufgaben, aber glücklicherweise kann man in diesem Bereich auch sehr kreativ und handlungsaktiv sein. So überlegen wir uns im Team beispielsweise immer wieder neue Formen der Netzwerkarbeit: Wie können wir den Austausch vorantreiben? Welche Themen beschäftigen die Medienpädagoginnen und -pädagogen derzeit? Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Öffentlichkeitsarbeit: Wie können wir die Menschen erreichen, die uns noch nicht kennen? Welche Angebote sind stark nachgefragt? Die Beratungsarbeit ist ein großes Thema, bei dem immer wieder Kreativität und Einfallsreichtum gefragt sind. Mit unseren zahlreichen Partnerinnen und Partnern an unserer Seite funktioniert es viel besser. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Sachsen hat viel ländlichen Raum und lebt in der Medienbildung von Netzwerken und Kooperationen. Somit ist eine Orientierungsstelle wichtig, an die sich die Bevölkerung wenden kann. Ein Beispiel: Eine Schulsozialarbeiterin sucht eine Person, die einen Elternabend zum Thema Cybermobbing halten kann. Oder ein Senior aus Nordsachsen möchte sich gerne in einer Smartphone-Sprechstunde weiterbilden. Für diese und viele weitere Personen sind wir genau die richtige Beratungsstelle. Die Anbahnung von Kooperationen ist sehr wichtig, damit Schulen und medienpädagogische Fachkräfte zueinander finden. Ein aktuelles Highlight ist, dass wir seit 2024 gemeinsam mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern aus Sachsen Qualitätskriterien für die medienpädagogische Arbeit entwickeln. Seit 2025 sind auch die Koordinierungsstellen aus Sachsen-Anhalt und Thüringen dabei. Die Kriterien werden wir bald veröffentlichen. Sie sollen allen Menschen, die medienpädagogisch tätig sind, als Orientierung für die praktische Arbeit dienen. Damit bringen wir neue Ideen und Inspirationen nach Sachsen und entwickeln die medienpädagogische Landschaft weiter. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Es sind tatsächlich viele, weil wir für ganz Sachsen da sind und sein wollen und uns nicht alle kennen. Das ist das eine. Die Öffentlichkeitsarbeit ist eine bestehende Herausforderung. Eine weitere große Herausforderung ist, dass Medienbildung von diversen Vereinen, Institutionen und auch freiberuflichen Personen usw. ausgeübt wird – mit wiederum sehr unterschiedlichen Fördermitteln, Hintergründen, Erwartungen und Zielen. Zudem ist Medienbildung für viele kein klarer und eindeutiger Begriff, da sich jede Person etwas anderes darunter vorstellt. Dadurch bleibt die Netzwerkarbeit äußerst vielfältig, was natürlich auch Potenziale hat. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?  Digitale Angebote spielen eine große Rolle und sind ein Hauptaufgabenfeld. Wir haben beispielsweise gerade einen Blended-Learning-Kurs zum Thema Hatespeech (https://www.slpb.de/veranstaltungen/details/3951) zusammen mit der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und der Aktion Zivilcourage erstellt. Ein weiteres Projekt ist der „Kompass Medienbildung und Nachhaltigkeit“ (https://medienbildung-nachhaltig.de), welches im Netzwerk „BNE und Medienbildung“ entstanden ist. Außerdem erstellen wir selbst Handreichungen, beispielsweise interaktive digitale Quizze für Eltern und Kinder (https://www.medienbildung.sachsen.de/materialien-7170.html). Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement? Medienkompetenz ist im Leben miteinander und untereinander sehr wichtig. Wir alle leben mittlerweile im digitalen Raum und die Kommunikation in den sozialen Netzwerken beeinflusst auch das analoge Leben. Diese beiden Bereiche sind kaum voneinander zu trennen. Wer sich aus dem Internet zurückziehen möchte, wird es schwer haben. Es braucht die medienpädagogische Begleitung, egal ob bei Jung oder Alt, Klein oder Groß usw. Daher ist unsere Arbeit auch so wichtig.  Zudem wird es immer wichtiger, einen Weg zur Datensouveränität zu finden: Ich möchte meine Selbstwirksamkeit als handelnde Akteurin mit meinen persönlichen Daten „spüren“. Um es noch stärker zu formulieren: Ich sollte die Hoheit über meine Daten haben und unter anderem um die Faszination von „Likes“, „Infinite Scrolling“ und den Algorithmuskampf der großen Techunternehmen wissen. Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Es ist herausfordernd, sich mit medienpädagogischen Projekten im ganzen Bundesland zu verorten und zivilgesellschaftliches Engagement zu stärken. Oft fehlen hierfür Zeit und Ressourcen. Es gibt jedoch auch Chancen, die sich durch die Verstärkung digitaler Teilhabe und somit auch durch demokratische Partizipation ergeben. Das beginnt bei Kindern und Jugendlichen, die im Internet nach Orientierung und Identifikation suchen (und hoffentlich auch finden), sich dort mit politischen Themen auseinandersetzen und sich in Gruppen wie „Fridays for Future“ organisieren. Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten? Wir beobachten eine zunehmende Akzeptanz für den Bereich der Medienbildung. Politisch wird zwar viel diskutiert, allerdings empfinde ich die aktuelle Diskussion als zu bewahrpädagogisch. Ich plädiere für eine offene Diskussion, aber bitte nicht unter dem Begriff „Verbot“. Wir müssen die Menschen – Kinder wie Erwachsene – begleiten.  Wir agieren zu dritt im Team für ganz Sachsen. Das heißt, uns kennen noch nicht

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