Ein Interview mit Thomas – IVF Leipzig

Fußball, Verantwortung und politische Bildung: Warum Engagement im Breitensport Wirkung zeigt
Fußball, Verantwortung und politische Bildung: Warum Engagement im Breitensport Wirkung zeigt
Ein Interview mit Thomas – Projektkoordinator der Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport-Fußball – über die Rolle von Vereinen in der Demokratiebildung, die Herausforderungen politischer Bildungsarbeit im Sport und wie Fußballteams zu wichtigen Orten für Empowerment, Teilhabe und gemeinschaftliches Lernen werden können.
Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?
Ich bin Thomas und arbeite in Leipzig im Bereich der politischen Bildung.
In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig?
Ich bin Projektkoordinator bei der Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport-Fußball.
Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?
Seit meiner Kindheit interessiere ich mich für Fußball und seit kurz danach für Politik.
Der Fußball als mit Abstand beliebteste Sportart in Deutschland trägt meiner Ansicht nach eine große gesellschaftliche Verantwortung. Ich freue mich, wenn wir Vereine dabei unterstützen können, dieser Verantwortung nachzukommen.
Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit?
Wir machen Antidiskriminierungs- und Empowermentworkshops mit Fußballteams, Infostände bei Vereinsfesten, organisieren Vernetzungstreffen und Gedenkstättenfahrten und sind Teil von Netzwerken, wie zum Beispiel dem !Nie Wieder-Bündnis.
Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung?
Laut der Leipziger Autoritarismus-Studie teilen junge Menschen in Ostdeutschland besonders häufig menschenfeindliche Einstellungen, denen wir begegnen wollen. Ich glaube aber, dass länderübergreifend alle Fußballvereine von Bildungsangeboten wie unseren profitieren.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich?
Die Ungewissheit in Bezug auf die Finanzierung stellt die größte Herausforderung dar. Im
Moment werden wir vom Land Sachsen gefördert, die erste Jahreshälfte über war das unklar und wir mussten uns über Spenden und Preisgelder finanzieren. Fundraising und Förderanträge kosten Nerven und Kapazitäten.
Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?
Während der Kontaktbeschränkungen der Covid-Pandemie haben wir einige unserer Formate in den digitalen Raum verlegt. Ansonsten finden unsere Angebote hauptsächlich analog statt. Die Inhalte beziehen sich in erster Linie auf Fußball und alles, was damit zusammenhängt – das ist neben Platz, Tribüne und Umkleide natürlich auch der Teamchat.
Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement?
Wer gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen und vermitteln möchte, braucht definitiv eine gewisse Medienkompetenz.
Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe?
Desinformation, Manipulation und KI-Slop erschweren demokratische Teilhabe. Es wird immer schwerer, gemeinschaftlich über die Lösung von gesellschaftlichen Problemen nachzudenken, wenn man sich zunächst darüber verständigen muss, welche Probleme es überhaupt gibt und welche nicht. Gleichzeitig ermöglichen digitale Medien es kritischen Nutzer*innen, sich mit wenig Aufwand über verschiedenste Themen zu informieren und können so auch Teilhabe erleichtern. Voraussetzung dafür ist allerdings ein gewisses Maß an Medienkompetenz.
Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten?
Egal ob bei jugendlichen Spieler*innen oder älteren Vereinsfunktionären, es ist immer schön zu sehen, wenn wir eine Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Partizipation anregen können und zum Perspektivwechsel ermutigen.
Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit?
Die Auseinandersetzung von Fußballvereinen mit gesellschaftlichen Themen sollte zur Norm werden. Die Verbände, insbesondere der DFB, sollten stärker in die Verantwortung genommen werden, sich für nachhaltige Bildungsprojekte einzusetzen und Betroffene zu schützen, statt nur Lippenbekenntnisse abzugeben und sich mit Imagekampagnen gut darzustellen.
Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten?
Diejenigen, die sich ehrenamtlich in den Breitensportvereinen engagieren, haben meist nicht die Kapazitäten, sich neben Training, Infrastruktur und Vereinsverwaltung auch noch um Antidiskriminierungsarbeit zu kümmern. Daher versuchen wir, unsere Angebote für die Vereine so niedrigschwellig wie möglich zu gestalten. Oft gibt es Einzelne, die sich gegen Diskriminierung stark machen und auf Zusammenarbeit mit Initiativen wie unserer hinwirken, nachhaltiger wird es, wenn Ideen von Partizipation und diskriminierungsfreiem Zusammenleben von einer breiten Basis im Verein getragen werden. Hier fehlt teilweise die Einsicht, dass (Vereins-)Sport immer auch eine politische Dimension hat.
Und wir könnten effektiver arbeiten, wenn unsere Finanzierung längerfristig gesichert wäre.
Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten?
Im Rahmen der eigenen Möglichkeiten dranbleiben, Verbündete suchen, sich nicht von Rückschlägen unterkriegen lassen.
Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?
Instagram: @ivf.leipzig