Interview mit Siri Pahnke

Demokratie braucht Haltung: Engagement, Vielfalt und gelebte Mitmenschlichkeit in Sachsen
Demokratie braucht Haltung: Engagement, Vielfalt und gelebte Mitmenschlichkeit in Sachsen
Ein Interview mit Siri Pahnke – Soziologin, Kulturwissenschaftlerin und Projektkoordinatorin beim Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. (NDK) in Wurzen – über Empowerment, die Herausforderungen demokratischer Bildungsarbeit im ländlichen Raum und die Bedeutung von Medienkompetenz für eine vielfältige und solidarische Gesellschaft.
Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?
Mein Name ist Siri Pahnke, ich arbeite in der Projektkoordination und bin seit vielen Jahren als Beraterin für NGOs im ländlichen Sachsen tätig, die sich für Demokratie einsetzen. Seit sieben Jahren bin ich Teil des Netzwerks für Demokratische Kultur e.V. (NDK) in Wurzen bei Leipzig.
Das NDK verbindet Menschen, die Haltung zeigen und sich für eine demokratische Kultur in der Region engagieren – für gelebte Mitmenschlichkeit, Mitbestimmung, Nachhaltigkeit und Freiheit. Wir setzen uns für eine bedürfnisorientierte Gesellschaft ein, die auf Solidarität beruht, für achtsame und wertschätzende Kommunikation, für politische Beteiligung auch außerhalb von Parlamenten, für Klimagerechtigkeit sowie für eine lebendige und kritische Erinnerungskultur.
In unserem Haus in Wurzen leben wir unsere Werte. Mit Bildungsarbeit, kulturellen Veranstaltungen, Vernetzung, Begegnung und Information möchten wir die Entwicklung einer aktiven demokratischen Zivilgesellschaft in der Region fördern. Wir sind offen für alle, die die Gleichwertigkeit eines jeden Menschen anerkennen. Deshalb schließen wir menschenfeindliches Gedankengut sowie diskriminierende Haltungen und Handlungen konsequent aus. So schaffen wir Räume, in denen sich alle Menschen sicher fühlen können.
Ich bin Soziologin und Kulturwissenschaftlerin und engagiere mich ehrenamtlich als Radiomacherin beim freien Sender Radio Blau.
Der Verein besteht aus vielen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Menschen, die mit ihren Ressourcen und ihrer Expertise mutig für eine gerechte, vielfältige und freie Stadtgesellschaft eintreten.
In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig?
Derzeit arbeite ich im Projekt „Female Power“, in dem wir Mädchen und junge Frauen empowern und den interreligiösen Dialog fördern. Uns geht es darum, Menschen zu stärken in dem, was sie sind, und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Perspektiven, Bedarfe und Fähigkeiten in die Stadtgesellschaft einzubringen – und gleichzeitig der Stadtgesellschaft die Chance zu eröffnen, Vielfalt als Potenzial wahrzunehmen.
Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?
Mich beschäftigt seit meiner Jugend die Frage nach gesellschaftlicher Macht und Privilegien. Aufgewachsen im ländlichen Niedersachsen begegneten mir immer wieder Ungleichheiten sowie ein Mangel an Beteiligungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Im Studium habe ich mich intensiv mit Migrationsbiografien und Rassismus auseinandergesetzt. Die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Position als weiße, junge und durch mein Elternhaus privilegierte Frau führte zu einem durchaus schmerzhaften Prozess der Selbstreflexion. Dabei wurde mir klar: Wir kommen gesellschaftlich nur weiter, wenn wir gemeinsam für ein gerechteres und besseres Leben kämpfen.
Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit?
Ich selbst organisiere vor allem Empowerment-Workshops, Ausflüge, Feste und Veranstaltungen im Kontext von Demokratiebildung, Interkulturalität, Antidiskriminierung und Interreligiosität. Dazu gehören Demokratieworkshops an Grundschulen und Anti-Rassismus-Workshops an weiterführenden Schulen. Außerdem produziere ich die Radiosendung „Her mit dem schönen Leben“. Weitere Schwerpunkte sind Vereinsarbeit, Vernetzung sowie sehr viel Beziehungs- und Kommunikationsarbeit direkt vor Ort in unserem offenen Haus. Zudem unterstützen wir Initiativen, die von Menschen in Wurzen selbst umgesetzt werden.
Das Portfolio des Vereins ist noch viel breiter. Wir machen bisher noch sehr viele Kulturveranstaltungen in unserem Kulturkeller, von Klimamonologen, über den Punkrocktresen, Kinovorführungen für Grundschüler*innen, Lesungen etc.
Wir klären auf über rechte Vorfälle in Wurzen und dem Landkreis und arbeiten dazu mit Schüler*innen Peer to Peer, gerade organisieren wir mit dem Festival Politik im freien Theater viele Veranstaltungen.
Darüber hinaus betreuen wir im Team zusammen seit Anfang diesen Jahres ehrenamtlich das Tagungshaus in den oberen Etagen unseres Soziokulturellen Zentrums.
Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung?
Demokratiebildung sollte ein Querschnittsthema sein, das bereits in Schulen vermittelt wird. Kinder und Jugendliche müssen sich früh mit Fragen wie Freiheit, Gleichheit, Pluralität und Solidarität auseinandersetzen. Wie gestalten wir unser Zusammenleben auf Grundlage geteilter Werte? Wie reden wir miteinander, wie können verschiedene Meinungen gut verhandelt werden und wie können wir Missverständnisse minimieren?
Demokratische Kultur ist keine Selbstverständlichkeit, sondern harte Arbeit. Dennoch sind sich die meisten Menschen einig, dass Demokratie die beste Form des Zusammenlebens ist, die wir bisher entwickelt haben. Damit das so bleibt, braucht es Räume für Dialog, Perspektivwechsel, Beteiligung, Zuhören, konstruktive Kritik und verantwortungsvolle Entscheidungen. Das ist nicht nur in Sachsen, sondern gesamtgesellschaftlich von Bedeutung.
Darüber hinaus sind Schutzräume nötig, in denen diskriminierungserfahrene Menschen sich ausdrücken, stärken und für ihre Rechte eintreten können. Ebenso braucht es breite Solidarität und Unterstützung, die nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder neu erkämpft werden muss.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich?
Wir erleben große Unsicherheit und Ablehnung, viel Lethargie sowie Angst und Schwierigkeiten im Umgang mit Veränderungen. Hinzu kommen rechte Strukturen in Wurzen, die sich in Farbanschlägen, eingeschlagenen Fensterscheiben oder Beleidigungen auf Social Media und auf der Straße zeigen. Das ist bedrohlich und stellt auch unsere Sicherheit infrage, ganz zu schweigen, was es für eine Stadt heißt, wenn ein Akteur, der für Vielfalt und Veränderungspotential steht, bedroht wird.
Ebenso gefährlich ist jedoch das Desinteresse oder die Überforderung vieler Menschen, die – aus nachvollziehbaren Gründen – so sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt sind, dass ihnen die Motivation fehlt, sich in die Gemeinschaft einzubringen.
Ganz aktuell lehnte der Stadtrat Spenden ab, die es uns ermöglicht hätten, einen weit größeren Teil an Fördermitteln einzuwerben. Dieses Ausbleiben von Fördermitteln führt dazu, dass wir das Herzstück unserer Arbeit vor Ort – die Bespielung unseres Hauses – radikal zurückfahren müssen, da die personellen und betrieblichen Ressourcen fehlen. Das ist fatal, gerade auch im Kontext, dass wir dieses Haus mit unglaublich viel Eigenleistung und Engagement aus der Stadt erst vor Kurzem fertig renovieren konnten.
So viele Menschen, wie im Moment unser Haus nutzen, hatten wir durch die Baustelle schon lange nicht mehr hier – es sind so viele, dass wir kaum hinterherkommen! Da geht’s um den Spielnachmittag, das Sprachcafe, Schreibwerkstatt, die Yogagruppe, den Kreativtreff etc. und natürlich das neu fertiggestellte Tagungshaus mit seinen vielfältigen Gästen.
Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?
Eine deutlich größere, als wir es uns eingestehen wollen. Gerade junge Menschen sind stark von den Medien und den dort eingebauten Filtern beeinflusst. Wir sind in diesem Bereich noch nicht ausreichend gut ausgestattet, um den Diskurs mitzugestalten.
Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement?
Medienkompetenz ist heute zwingend notwendig. Medien sinnvoll zu nutzen, ihre Gefahren zu kennen und ihre Reichweite für die eigenen Anliegen einzusetzen, ist unabdingbar.
Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz?
Zivilgesellschaftliches Engagement braucht Motivation und klare, erreichbare Ziele. Betroffenheit allein reicht nicht, und übermäßiger Handlungsdruck führt langfristig zu Überlastung. Medienkompetenz kann dabei helfen, verständliche und sinnvolle Ziele zu formulieren, Erfolge sichtbar zu machen und sie zu verbreiten. So können Themen wie Gleichheit, Freiheit, Pluralität und Solidarität stärker in den Fokus rücken.
Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten?
Wir stärken Menschen, sensibilisieren für unterschiedliche Perspektiven und begegnen gesellschaftlicher Komplexität mit Respekt. Auch wenn die Schritte klein sind, arbeiten wir unermüdlich an Veränderungen.
Die Wirkung ist nicht immer leicht messbar. Doch Gegenwind aus der Stadtgesellschaft zeigt uns, dass unsere Themen ankommen und bewegen. Menschen, die mit ihren Ideen zu uns kommen und unsere Infrastruktur nutzen, machen die Wirksamkeit unserer Arbeit sichtbar. Auch unser breites Netzwerk an Kooperationspartner*innen sowie die große Unterstützung, die wir gerade in schwierigen Zeiten erfahren, sind klare Zeichen für unseren Einfluss.
Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit?
Wir wollen unsere Arbeit fortsetzen, standhaft bleiben und darauf vertrauen, dass die Zukunft gerechter, freier, pluraler und solidarischer wird. Wir arbeiten daran, unsere Arbeit auf solide Füße zu stellen und von politischen Entscheidungen unabhängig zu machen. Dazu setzen wir auf die Solidarität einer breiten Bevölkerung, monetär, aber vor allem auch durch ehrenamtliches Engagement.
Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten?
Wir brauchen ein breites gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass demokratische Werte nicht selbstverständlich sind. Sie müssen täglich neu erkämpft und ausgehandelt werden – das kostet Ressourcen, sowohl auf individueller Ebene als auch im professionellen Kontext.
Neben dem großartigen und unverzichtbaren Engagement vieler Ehrenamtlicher braucht es professionelle Strukturen, die unterstützen, schützen, Kritik üben, Veränderungen anstoßen und Utopien entwickeln können.
Wünschenswert wäre, dass die vielen kleinen Vereine, die gesellschaftlich wirken, sei es im Sportverein, Heimatverein oder der Kultureinrichtung, demokratische Kultur leben und mitgestalten. Wir brauchen viele gesellschaftliche Akteure, die sich demokratische Werte selbstbewusst und mutig auf die Fahne schreiben. Das Zusammenwirken der unterschiedlichsten Bereiche und Vereine für ein gutes Zusammenleben und den Diskurs darüber ist ein großes Ziel, das wir verfolgen.
Wir wünschen uns mehr Wertschätzung und Unterstützung für Kommunalpolitiker*innen, die die Interessen der Menschen vor Ort mitgestalten und Entscheidungen treffen. Genauso braucht es eine Offenheit, den Mut, Beteiligung zuzulassen und gut zu gestalten sowie Transparenz durch Verwaltung und politische Entscheider*innen.
Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten?
Sucht euch Mitstreiter*innen und Organisationen, die euch den Rücken stärken – ihr seid nicht allein! Jeder kleine Schritt zählt: jedes Argument, jede kritische Nachfrage ist wertvoll. Es ist großartig, wenn ihr Lust habt, Gesellschaft aktiv mitzugestalten!
Gibt es noch etwas, das Sie gerne mitteilen möchten?
Wir freuen uns sehr über Fördermitgliedschaften – auch kleine Beträge helfen uns, unsere Arbeit fortzusetzen und Stück für Stück unabhängiger von politischen Entscheidungen zu werden.
Auch kann unser Tagungshaus gerne gebucht werden. Auch dazu gibt es Informationen auf unserer Homepage.
Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?
Website: https://www.ndk-wurzen.de
Direktspende: https://www.ndk-wurzen.de/ueber-uns/spenden/