Interview mit Jennifer Bernecker

Zivilgesellschaftliche Gesprächsarbeit in der Straßenbahn: Wie direkte Begegnungen Demokratie stärken
Zivilgesellschaftliche Gesprächsarbeit in der Straßenbahn: Wie direkte Begegnungen Demokratie stärken
Ein Interview mit Jennifer Bernecker – Gesprächsbegleitung und Projektmitarbeiterin bei metro polis e.V. – über die Bedeutung direkter Kommunikation im öffentlichen Raum, die Chancen und Herausforderungen zivilgesellschaftlichen Engagements und die Sichtbarkeit von Bürger*innenperspektiven.
Ein Interview mit Jennifer Bernecker – Gesprächsbegleitung und Projektmitarbeiterin bei metro polis e.V. – über die Bedeutung direkter Kommunikation im öffentlichen Raum, die Chancen und Herausforderungen zivilgesellschaftlichen Engagements und die Sichtbarkeit von Bürger*innenperspektiven.
Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?
Mein Name ist Jennifer Bernecker, geb. 1993, ich wohne seit 2016 in Dresden und habe nach meiner Ausbildung zur Ergotherapeutin noch das Abendgymnasium besucht und bis vor kurzem Soziologie im Bachelor an der TU Dresden studiert.
In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig?
Ich arbeite beim metro polis e.V. und dort vor allem in der Rolle der Gesprächsbegleitung zwischen Fahrgästen in Dresdner Straßenbahnen. Seit Oktober 2025 werde ich auch in projektkoordinatorische Tätigkeiten sowie in die Öffentlichkeitsarbeit für den Verein eingearbeitet.
Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?
Ich habe metro_polis vor ein paar Jahren schon einmal selbst als interessierte Bahnfahrerin gesehen und fand den Ansatz damals schon sehr originell und erfrischend. Als ich von meinem Auslandssemester wiederkam und einen neuen Job gesucht habe, habe ich gesehen, dass Moderator*innen gesucht werden. Ich fand den Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation und die Idee, anders über wichtige Themen zu sprechen, spannend.
Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit?
Zum Einen lade ich Fahrgäste aktiv zu unserem Gesprächsprojekt in der Straßenbahn ein. Dafür fahren wir von Endstation zu Endstation und gehen proaktiv auf die Menschen zu. Daneben moderiere ich diese Gespräche zwischen den Fahrgäst*innen.
Außerdem tragen wir Erfahrungswerte und Vorschläge in die metro_polis-App ein, die sich auf unseren Tablets befindet und die wir im Gespräch nutzen.
Darüber hinaus werde ich gerade in die (digitale) Öffentlichkeitsarbeit eingearbeitet und werde die Social-Media-Kanäle sowie die Homepage betreuen.
Zur Arbeit gehören auch regelmäßige Supervisionen, Teamtage und Besuche zu Tagungen, Kongressen und ähnlichen Veranstaltungen.
Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung?
Wir sind in Dresden, Leipzig und seit letztem Jahr auch in Chemnitz in den Straßenbahnen unterwegs und sprechen ganz direkt mit den Bürger*innen aus Sachsen über ihre Erfahrungen. Die Idee zu metro_polis entstand dadurch, dass es verstärkt zu verbalen Auseinandersetzungen in der Bahn, aber auch insgesamt in der Gesellschaft gekommen ist und die Art, wie miteinander gesprochen wird, nicht mehr zielführend war.
Sachsen erscheint vielleicht besonders als Austragungsort von Problemen, Ängsten und Sorgen, wobei wir der Meinung sind, dass metro_polis in jeder Stadt möglich ist.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich?
Auch wenn schon knapp 14.000 Menschen seit 2019 am Projekt teilgenommen haben, gibt es auch viele Menschen, die das Angebot ablehnen. Das akzeptieren wir, denn das Angebot beruht auf Freiwilligkeit. Es ist mitunter schwierig den Menschen zu vermitteln, dass wir wirklich an ihren Erfahrungen interessiert sind. Viele Menschen sind erst einmal skeptisch und fragen uns, welche Wirkung denn aus dem Projekt hervorgeht. Andere trauen sich nicht, mit fremden Menschen zu sprechen oder glauben, sie hätten nichts beizutragen.
Und neben der „Akquise“ von Teilnehmenden ergeben sich mitunter Schwierigkeiten in den Gesprächen, wenn verschiedene Lebensrealitäten und Kommunikationsstile aufeinanderprallen und diese moderiert werden möchten. Dass es dann konstruktiv und versöhnlich im Gespräch weitergeht, ist hohe (Moderations-)Kunst – aber genau dafür sind wir ja da!
Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?
Wir haben seit c.a. 1 ½ Jahren Tablets, die wir mit in die Gespräche nehmen. Dort tragen wir (anonyme) Metadaten der Fahrgäste ein, ihre Dauer am Gespräch und ihre Ideen zum aktuellen Thema. Diese formulieren wir so, dass sie als Items in der metro_polis-App zur Verfügung stehen und in jedem weiteren Gespräch von den moderierenden Personen eingebracht werden können. So entstehen pro Thema viele Erfahrungen und Vorschläge, die wir als „kollektiven Meinungsbildungsprozess“ beschreiben.
Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement?
Uns ist in den Gesprächen oft aufgefallen, dass sich der Erfahrungswert vieler Teilnehmenden auf Medien jeglicher Art bezieht, also das, was sie gelesen, gesehen oder gehört haben. Das hat einen großen Einfluss auf ihre Meinungsbildung. Wenn wir nachfragen, ob sie schon selbst diese Erfahrung gemacht haben oder ähnliches selbst erlebt haben, dann verneinen sie oft. Für uns spielt das eine große Rolle, weil wir auf der Erfahrungsebene ansetzen und verstehen wollen, wie Menschen zu ihren Einstellungen gelangen.
Daher ist Medienkompetenz unerlässlich, um einordnen zu können, woher gewisse Gefühle oder Bedürfnisse gespeist werden – ob sie medial produziert sind oder durch eigenes Erleben.
Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe?
Die Herausforderung ist vielleicht schon klar geworden. Durch die Vielzahl an Kanälen, Informationen und den Wahrheitsanspruch, die alle vertreten, wird es immer schwieriger herauszufinden, wer denn im „Recht“ ist. Die gesellschaftliche Debatte fokussiert sich aber sehr stark darauf und ist unserer Meinung nicht zielführend. In Zeiten von „alternativer Wahrheiten“ und „Fake News“ wird es ziemlich sicher in der Zukunft noch schwieriger, alle „Wahrheiten“ miteinander zu vereinen.
Die Chance von digitalen Medien steckt aber vor allem in der Möglichkeit, viele Menschen durch digitale Medien zu erreichen und Tools zu entwickeln, die Engagement beispielsweise sichtbarer machen. Viele Menschen in den Gesprächen wissen oft nicht von verschiedenen Angeboten und digitale Medien können hier hilfreich sein.
Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten?
Mithilfe von metro_polis haben eine Vielzahl von Menschen miteinander gesprochen, die sonst nicht aufeinandergetroffen wären. Sie haben, je nachdem wie lange ihre Fahrtdauer war, verschiedene Perspektiven kennenlernen können. Wenn wir Menschen in der Bahn wiedertreffen, berichten sie uns, dass sie noch lange über das Gespräch nachgedacht haben oder durch das Gespräch neue Impulse erfahren haben.
Außerdem stellt metro_polis eine Schnittstelle zwischen Verwaltung und Zivilbevölkerung dar. Unsere Ergebnisse sind frei verfügbar für Verwaltung und Politik und dies wird nun auch häufiger konkret genutzt. Beispielsweise sind wir 2024 zum Thema „Kommunale Wärmewende“ in Dresden gefahren und konnten so den ansässigen Planer*Innen wertvolle Einblicke in die Gedanken der Bürger*innen aus Dresden geben, die sie sonst nicht in ihre Planung mit aufgenommen hätten.
Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit?
Ich möchte weiterhin viele Gespräche mit Menschen führen, die ich sonst nicht kennengelernt hätte. Das hilft auch mir, nicht nur in meinem Dunstkreis zu verharren und verschiedene Perspektiven nicht außer Acht zu lassen.
Außerdem möchte ich mich in meinen Moderations- und Kommunikationskompetenzen weiterentwickeln, um neben den Gesprächen auch in Zukunft mein Wissen an andere weiterzugeben.
Ich möchte vor allem optimistisch bleiben und weiterhin die Verbindung zwischen Menschen anstoßen.
Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten?
Eine regelmäßige finanzielle Sicherheit für den Verein würde sehr viele Zukunftssorgen nehmen. Darüber hinaus die Teilnahme an verschiedenen Schulungen oder Workshops zu bspw. Moderation oder Medienkompetenz sowie Social-Media-Beratung oder Wissen, wie man die Arbeit des Vereins noch bekannter machen könnte.
Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten?
Herausfinden, welche Werte einem besonders wichtig sind und dementsprechend Initiativen suchen, die diese vertreten.
Aktiv in der Nachbarschaft schauen, was dort angeboten wird und einfach mal ausprobieren. Wenn es nicht das Richtige ist, zu wissen, dass man sich nicht auf ewig binden muss und auch verschiedene Dinge ausprobieren darf.
Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?Alle dürfen gerne unsere Arbeit mit Spenden unterstützen! Das wäre wunderbar. Herzlichen Dank!
metro polis e.V.
IBAN: DE27 8505 0300 0221 2586 55
Unter metro_polis – Aufsuchende Demokratiearbeit in Straßenbahnen findet man alle aktuellen Informationen.
Auf unserem Instagram-Channel: @metro_polis_ev teilen wir spannende Bahngeschichten und Einblicke hinter die Kulissen.
Unter kontakt@metro-polis.online kann man Kontakt zu uns aufnehmen.