Interview mit Ulrike Cadot-Knorr

Dresden als Stadt des Lebenslangen Lernens gestalten
Dresden als Stadt des Lebenslangen Lernens gestalten
Ein Interview mit Ulrike Cadot-Knorr – Referentin für Lebenslanges Lernen bei der Landeshauptstadt Dresden – über ihre Arbeit, Lernräume in der Stadt zu vernetzen, Bildung als fortlaufenden Prozess erlebbar zu machen und wie digitale Angebote und Medienkompetenz dazu beitragen, Zugänge zu öffnen und Teilhabe zu stärken.
Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?
Mein Name ist Ulrike Cadot-Knorr, lebhaft in Dresden, und ich bin seit 2018 bei der Landeshauptstadt Dresden beschäftigt.
In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig?
Ich bin Referentin für Lebenslanges Lernen der Landeshauptstadt Dresden, Geschäftsbereich Bildung, Jugend und Sport.
Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?
Der Anstoß für mein Engagement im Bereich Lebenslanges Lernen liegt in meiner langjährigen Arbeit in der Kulturellen Bildung und meinem tiefen Interesse daran, Bildung als einen integrativen, gesellschaftlich wirksamen Prozess zu gestalten. Durch meine beruflichen Stationen, in denen ich kulturelle und bildungsbezogene Projekte initiiert und begleitet habe, wurde mir klar, wie stark Lernen das Leben der Menschen ganzheitlich prägt und verbindet. Ich wollte dieser Wirkung eine neue, breitere Dimension geben: nicht nur einzelne Angebote zu entwickeln, sondern Bildung als fortlaufenden, lebensweltlichen und stadtgesellschaftlichen Prozess zu verstehen und strategisch aktiv mitzugestalten. Mein Anspruch ist es, die vielfältigen Lernräume unserer Stadt so zu vernetzen und weiterzuentwickeln, dass sie für viele Menschen zugänglich sind und Lernen als bereichernde Erfahrung in allen Lebensphasen erfahrbar wird (z. B. in Kultur, Freizeit, Ehrenamt und Alltag). Mir geht es darum, meine bisherigen beruflichen Erfahrungen zu nutzen, um Bildungsprozesse in der Landeshauptstadt Dresden langfristig und für möglichst viele Menschen wirksam zu gestalten.
Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit?
Meine Arbeit umfasst die Analyse und Bewertung der Bildungsstrukturen in Dresden, insbesondere im Hinblick auf Bildungsbedarfe und Veränderungsprozesse. Ein zentraler Aufgabenbereich ist die Steuerung und Umsetzung des städtischen Gesamtkonzepts Lebenslanges Lernen (L3) zur Förderung von Bildungschancen für alle Bürgerinnen und Bürger.
Darüber hinaus begleite ich die Volkshochschule Dresden fachlich und strategisch. Dazu gehören unter anderem das Fördermittel- und Vertragsmanagement sowie die Mitgestaltung von Strategieprozessen.
Ich berate außerdem die Geschäftsbereichsleitung für Bildung, Jugend und Sport. Ein weiterer wichtiger Bestandteil meiner Tätigkeit ist die aktive Mitarbeit in Netzwerken und Gremien auf kommunaler, Landes-, Bundes- und internationaler Ebene, um die Weiterentwicklung von Lernorten kontinuierlich voranzubringen.
Zudem vertrete ich Dresden im UNESCO Global Network of Learning Cities, wodurch wir Wissen, beispielhafte Praxis und vieles mehr integrieren können.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Öffentlichkeitsarbeit: Dazu gehören Beiträge zum öffentlichen Diskurs, Präsentationen sowie Publikationen im Rahmen von L3. Ergänzend dazu berate und begleite ich verschiedene Bildungseinrichtungen.
Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung?
Meine Arbeit ist für Sachsen relevant, weil sie zeigt, welche Rolle Kommunen heute im Bildungsbereich übernehmen können und müssen. Mit dem Gesamtkonzept Lebenslanges Lernen in Dresden arbeite ich an einer strategischen Grundlage, die Bildung nicht auf Schule oder Ausbildung reduziert, sondern als kommunale Gestaltungsaufgabe über alle Lebensphasen hinweg versteht. Dresden begreife ich dabei als Lernort im umfassenden Sinn: Lernen findet in Kultureinrichtungen, im Ehrenamt, im Quartier, im Beruf und im Alltag statt. Gerade diese non-formalen Bildungsprozesse prägen den größten Teil unseres Lebens und sind entscheidend für Teilhabe, Orientierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für Sachsen ist dieser Ansatz bedeutsam, weil er auf aktuelle gesellschaftliche Veränderungen reagiert – etwa den demografischen Wandel, Fragen der Chancengerechtigkeit, der Digitalisierung, der nachhaltigen Entwicklung und der Polarisierung unserer Stadtgesellschaft – und diese auf kommunaler Ebene konkret bearbeitbar macht. Das Dresdner Gesamtkonzept orientiert sich dabei an den Zielen der Agenda 2030, nicht als abstrakter Rahmen, sondern als praktischer Maßstab für Bildungsplanung, Kooperation und langfristige Verantwortung.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich?
Eine der größten Herausforderungen ist es, Lebenslanges Lernen nicht nur konzeptionell zu denken, sondern es auch praktisch wirksam zu machen. Das betrifft vor allem die Frage, wie die gezielte Förderung des Bereichs so gestaltet werden kann, dass sie tatsächlich Bedarfe trifft und bestehende Arbeit stärkt, statt neue Strukturen neben bereits vorhandene zu setzen. Gleichzeitig arbeite ich in einer sehr vielfältigen Bildungslandschaft, in der vieles parallel entsteht. Diese Vielfalt ist wertvoll, macht es aber notwendig, genauer hinzuschauen: Wo gibt es ggf. Doppelstrukturen? Wo fehlen Verbindungen? Und wie können wir vorhandene Ressourcen besser bündeln?
Eine weitere Herausforderung ist die Sichtbarkeit. Ein großer Teil des Lernens findet non-formal, also außerhalb von Schule und beruflicher Bildung statt – in Kultur, im Ehrenamt, in Initiativen oder im Alltag. Diese Bildungsleistungen sind oft zu wenig sichtbar und werden nicht selbstverständlich als Bildung anerkannt. Hier braucht es gezielte Kommunikation und ein Umdenken.
Anspruchsvoll ist auch der Aufbau eines stadtweiten Monitorings für Lebenslanges Lernen angesichts der großen Vielfalt von Akteurinnen und Akteuren. Es geht nicht darum, alles messbar zu machen, sondern darum, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, um Entwicklungen besser einschätzen und steuern zu können. Besonders deutlich wird die Herausforderung bei den Ressourcen: Viele Akteure der non-formalen Bildungslandschaft arbeiten unter engen Rahmenbedingungen, während sich gesellschaftliche Anforderungen sehr schnell verändern. Mit dieser Dynamik umzugehen und dennoch langfristig zu planen, ist ein ständiger Balanceakt.
Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?
Digitale Angebote sind für meine Arbeit vor allem dann relevant, wenn es um Zugänglichkeit geht. Sie ermöglichen Lernformate, die sich besser an unterschiedliche Lebensrealitäten anpassen – zeitlich, räumlich und organisatorisch. Das ist eine zentrale Voraussetzung, wenn man Lebenslanges Lernen ernst meint.
Ich verstehe Bildung nicht als etwas, das an einen festen Ort oder einen bestimmten Zeitpunkt gebunden ist. Digitale Formate helfen dabei, Lernen als fortlaufenden Prozess zu denken, der sich verändern darf und an individuelle Bedürfnisse anschließt.
Gleichzeitig erlebe ich, dass digitale Räume in der Bildungsarbeit oft noch zu wenig mitgedacht werden. Medienkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts, wird aber gerade im non-formalen Bereich häufig unterschätzt oder einfach vorausgesetzt. Bei vielen Akteurinnen und Akteuren fehlt es hier noch an Erfahrung, Wissen oder passenden Ressourcen. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Lücke zu thematisieren, Kompetenzen aufzubauen und digitale Angebote so einzusetzen, dass sie tatsächlich Reichweite erzeugen und mehr Menschen erreichen – nicht als technische Lösung, sondern als Teil einer zeitgemäßen Bildungsarbeit.
Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement?
Medienkompetenz ist eine grundlegende Voraussetzung für zivilgesellschaftliches Engagement. Ohne sie bleiben Beteiligungsmöglichkeiten für viele Menschen faktisch verschlossen – sei es durch fehlenden Zugang, fehlendes Wissen oder Unsicherheit im Umgang mit digitalen Räumen. Gerade mit Blick auf ländliche Regionen und unterschiedliche soziale Lebenslagen ist Medienkompetenz entscheidend, um Chancengleichheit und Teilhabe zu ermöglichen. Sie eröffnet nicht nur Zugänge zu Information, sondern auch zu aktiver Beteiligung: Bürgerinnen und Bürger können sich einbringen, mitgestalten und Verantwortung übernehmen – etwa in demokratischen Prozessen oder in ko-kreativen Bildungsformaten. Gleichzeitig stärkt Medienkompetenz zentrale Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts. Sie befähigt zu kritischem, reflektiertem Denken, zum Einordnen von Informationen und zu selbstgesteuerten Lernprozessen – Fähigkeiten, die für Engagement, Meinungsbildung und gesellschaftlichen Zusammenhalt unerlässlich sind. Nicht zuletzt spielt Medienkompetenz eine wichtige Rolle für Sichtbarkeit und Kommunikation. Sie hilft dabei, positive Bildungsbiografien sichtbar zu machen, Geschichten des Gelingens zu erzählen und Bildung als etwas Erfahrbares und Wertvolles darzustellen. In diesem Sinne ist sie auch ein Instrument der Sensibilisierung und Aufklärung – und damit ein zentraler Baustein für eine aktive Zivilgesellschaft.
Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe?
Ich finde es sehr gut, dass in dieser Frage sowohl die Herausforderungen als auch die Chancen von digitalen Medien und Medienkompetenz thematisiert werden. Zu oft liegt der Fokus im Bildungsbereich auf den Problemen, und die „Wins“ werden wenig beachtet.
Zu den Herausforderungen gehören etwa der Umgang mit Information und Desinformation, digitale Spaltung und Zugangsbarrieren, die Manipulation von Meinungen durch Algorithmen sowie hochschwellige strukturelle Rahmenbedingungen im Hinblick auf Förderung und Finanzierung. All das erschwert eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Beteiligung in der Gesellschaft. Gleichzeitig bieten digitale Medien enorme Chancen: Sie können Zugänge erleichtern und Beteiligung niedrigschwelliger machen, Reichweite und Sichtbarkeit zivilgesellschaftlicher Initiativen erhöhen, Transparenz in Entscheidungsprozessen fördern und neue, innovative Lernräume und Formate ermöglichen. Sie machen es zudem auch möglich, Bildung wieder attraktiver zu gestalten, Zukunftskompetenzen zu vermitteln und den Wert von Bildung für die Gesellschaft über gezielt Präsenz in digitalen Räumen sichtbar zu machen.
Für mich ist es also entscheidend, beide Seiten zu sehen und insofern das Dilemma zwischen Haltung und Nutzung auszuhalten, das heißt für mich die Herausforderungen ernst zu nehmen, ohne die Chancen aus den Augen zu verlieren und digitale Medien bewusst so einzusetzen, dass sie Teilhabe, Transparenz und eine aktive, informierte Gesellschaft tatsächlich fördern.
Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten?
Durch die Arbeit am Gesamtkonzept Lebenslanges Lernen in Dresden habe ich besonders die Kraft der Zusammenarbeit über alle Bildungsbereiche hinweg erlebt. In dem breit angelegten Beteiligungsprozess konnte ich das Engagement von Bildungsakteurinnen und -akteuren, Bürgerinnen und Bürgern, der Verwaltung und weiteren Stakeholdern sichtbar machen und so gemeinsam ein lebendiges, vielfältiges Konzept entwickeln, das nun die Basis für meine tägliche Arbeit bildet.
Es war einmalig zu sehen, wie viel Tatkraft, Ideen und Zukunftsvisionen in unserer Dresdner Bildungslandschaft stecken – und wie nachhaltig die Vernetzung unter den Akteurinnen und Akteuren über den Prozess hinaus wirkt. Ein besonders eindrucksvoller Moment war der Auftakt zur Umsetzung des Gesamtkonzepts „Dresden lernt weiter“, der für das gemeinsame Feiern des Lernens, den Austausch auf Augenhöhe, das Bewusstsein, dass Bildung weit über institutionelle oder lokale Grenzen hinausgeht, und die Freude, die beim gemeinsamen Gestalten entsteht, für mich steht. Dieser Moment zeigte einmal mehr für mich, wofür Lebenslanges Lernen steht: Engagement, Vielfalt und gemeinsame Verantwortung für die Zukunft unserer Stadt. Darauf aufbauend arbeite ich nun daran, die im Konzept beschriebenen Maßnahmen strukturell und institutionell umzusetzen.
Darüber hinaus konnte ich durch die erfolgreiche Bewerbung Dresdens für die Mitgliedschaft im Global Network of Learning Cities einen weiteren wichtigen Schritt erreichen: die Landeshauptstadt Dresden international sichtbar zu machen und die Vernetzung und den Austausch über bewährte Praktiken mit anderen Städten weltweit zu fördern.
Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit?
Mit meiner Arbeit verfolge ich langfristig die Vision, Dresden als Stadt des Lebenslangen Lernens zu etablieren – eine Stadt, in der Bildung nicht nur Mittel zum Zweck, sondern ein Lebensprinzip ist. Dabei geht es nicht nur um individuelle Entwicklung oder soziale Dynamik, sondern auch um wirtschaftliche Chancen, kommunale Verantwortung und die globale Vernetzung von Lernlandschaften. Ziel ist es, Orientierung zu geben – eine Art „Kompass“ für die Gestaltung einer Stadt, in der Lernen über alle Lebensphasen hinweg möglich ist. Das erfordert langfristige, nachhaltige Planung, die koordinierte Zusammenarbeit aller Bildungsakteurinnen und -akteure sowie die Entwicklung flexibler, innovativer und qualitativ hochwertiger Bildungsangebote. Damit Dresden ein Ort bleibt, an dem Lernen, Leben und Arbeiten Hand in Hand gehen und Bildung für alle spürbar wird.
Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten?
Um meine Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten, sind vor allem nachhaltige und stetige Finanzierungsquellen erforderlich. Darüber hinaus ist es entscheidend, die gesellschaftliche Bedeutung von Lebenslangem Lernen stärker anzuerkennen – sowohl für die individuelle Entwicklung als auch für das Wohl der gesamten Stadtgesellschaft. Nur so lassen sich langfristige Projekte planen, wirksame Strukturen etablieren und Bildung für alle kontinuierlich gestalten.
Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten?
Ich würde jungen Menschen und Interessierten vor allem raten: einfach ausprobieren. Probieren Sie aus, was Ihnen liegt, welche Bereiche Sie interessieren, und finden Sie Ihren eigenen Weg – wie, wo, wann und in welchem Umfang Sie sich engagieren. Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, Neues zu lernen, sind dabei besonders wichtig. So entsteht Engagement, das nachhaltig wirkt und zugleich persönlich bereichernd ist.
Gibt es noch etwas, das Sie gerne mitteilen möchten?
Ich bin dabei, ein digitales Fachnetz auf LinkedIn aufzubauen und freue mich über Austausch dort. Folgen Sie uns also gern: (3) Lebenslanges Lernen in Dresden (L3DD): Beiträge | LinkedIn
Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?
Website: https://www.dresden.de/de/leben/schulen/bildungsbuero/lebenslanges-lernen.php
Zukünftig: (3) Lebenslanges Lernen in Dresden (L3DD): Beiträge | LinkedIn
Website Global Network of Learning Cities: https://www.uil.unesco.org/en/learning-cities
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