Interview mit C. Z. – Antirassismusberaterin aus Dresden

Empowerment, Antirassismus und gesellschaftliche Teilhabe: Warum Beratung & Community-Arbeit in Sachsen so wichtig sind
Empowerment, Antirassismus und gesellschaftliche Teilhabe: Warum Beratung & Community-Arbeit in Sachsen so wichtig sind
Ein Interview mit C. Z. – Antirassismusberaterin aus Dresden – über Empowerment von Betroffenen, Herausforderungen demokratischer Antirassismusarbeit im ländlichen Raum und den gezielten Einsatz digitaler Medien zur Sichtbarkeit, Vernetzung und Stärkung von Betroffenen.
Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?
Mein Name ist Chiara und ich arbeite in Dresden. Mein beruflicher Hintergrund liegt in der Linguistik und in den Europastudien, mit Schwerpunkt auf der Sprache der Politik, der Migrationspolitik der Europäischen Union und auf Rechtsextremismus. Heute arbeite ich in der Antidiskriminierungsberatung, mit einem besonderen Fokus auf Antirassismus. Darüber hinaus bin ich seit mehreren Jahren als Trainerin tätig und biete Workshops zu Kritischem Weißsein, Rassismus und Migration für Kinder und Erwachsene an.
In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig?
Aktuell bin ich im Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland (DaMOst) e.V. als Antirassismus-Beraterin tätig. Meine Tätigkeit umfasst den Kontakt zu migrantischen Communities sowie deren Begleitung und Unterstützung. Meine Zuständigkeitsregionen sind Dresden sowie die Landkreise Sächsische Schweiz Osterzgebirge, Meißen, Bautzen und Görlitz. Der Fokus meiner Tätigkeit liegt auf ländlichen und kleinstädtischen Räumen, in denen es keine oder nur sehr wenige Anlaufstellen gibt.
Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?
Mein Engagement ist stark von meiner eigenen Biografie und meinen Werten geprägt. Alle Menschen sollen die gleichen Rechte haben und sich frei bewegen können, unabhängig davon, wo sie geboren wurden, wie sie aufgewachsen sind oder wo sie leben. Zudem ist es mir wichtig, dass Menschen als Individuen wahrgenommen und nicht auf eine vermeintliche Kultur oder Gruppe reduziert werden, denn solche Kategorisierungen fördern Vorurteile und Ausgrenzung.
Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit?
Im Projekt „AntiRaktiv – Aktiv gegen (Alltags-)Rassismus! Empowerment, Beratung und Bildung“ unterstützen wir Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Dazu gehören mehrsprachige, anonyme, kostenlose, parteiische und niedrigschwellige Beratungen sowie Empowerment-Workshops, die Betroffene stärken und Räume für Austausch schaffen. Ein weiterer Teil unseres Auftrags ist die Unterstützung und die Stärkung von Migrant*innenorganisationen (MOs), damit Anlauf- und Beratungsstellen nachhaltig etabliert werden können und Antirassismusarbeit lokal verankert werden kann. Im vergangenen Jahr fand beispielsweise eine Qualifizierungsreihe für MOs zu den Themen „Community-basierte Beratung“, „Empowerment in der Beratung“ und „Erweiterte Methoden in der Beratung“ statt. Darüber hinaus nehmen wir an Austausch- und Netzwerktreffen mit Communities sowie Akteur*innen der Mehrheitsgesellschaft teil, um Erfahrungen zu teilen, Netzwerke aufzubauen und uns gegenseitig kollegial zu beraten.
Zu unseren Tätigkeiten gehört auch die Dokumentation und Auswertung von rassistischen Vorfällen, die politische Bedeutung tragen.
Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist der Community-basierte Ansatz. Er bedeutet, dass wir eng mit den betroffenen Communities zusammenarbeiten und ihre Perspektiven, Erfahrungen und Bedarfe in den Mittelpunkt stellen. Statt für sie zu sprechen, arbeiten wir mit ihnen.
Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung?
Unsere Arbeit ist für Sachsen besonders wichtig, weil Rassismus hier, vor allem im ländlichen Raum (aber nicht nur dort), weit verbreitet ist, während Unterstützungsangebote oft fehlen. Es mangelt an niedrigschwelligen, mehrsprachigen und intersektionalen Beratungsstellen sowie Empowerment-Angeboten.
Das Projekt AntiRaktiv ist genau als Antwort auf diese Lücke entstanden und schafft eine nachhaltige Infrastruktur gegen Rassismus, die von Communities selbst gestaltet und getragen wird.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich?
Wie bereits erwähnt, gibt es in Sachsen bislang nur wenige Angebote. Hinzu kommt, dass unsere Arbeit häufig mit knappen Ressourcen auskommen muss.
Eine der größten Herausforderungen in unserer Arbeit ist jedoch der strukturelle und institutionelle Rassismus, der sich in allen Lebensbereichen zeigt: Wir stoßen oft bei Behörden, in Schulen, aber auch auf dem Arbeitsmarkt an unsere Grenzen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) von 2006 war ein wichtiger Schritt, um Diskriminierung rechtlich zu bekämpfen. Dennoch zeigt sich in der Praxis, dass das Gesetz die Betroffenen nicht wirksam schützt, insbesondere, weil institutionelle Diskriminierung darin kaum berücksichtigt wird und die Beweislast häufig bei den Betroffenen selbst liegt. Dies erschwert nicht nur den Alltag der Betroffenen, sondern auch die Möglichkeiten, sie wirkungsvoll zu unterstützen.
Eine Weiterentwicklung des AGG ist daher dringend notwendig, um strukturellen Rassismus auch rechtlich konsequent zu bekämpfen.
Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?
Das Projekt „AntiRaktiv“ stärkt die Selbstwirksamkeit von Menschen mit Rassismuserfahrungen. Medienkompetenz kann Menschen dabei unterstützen, rassistische Inhalte im Netz besser zu erkennen, die eigene Stimme wirksamer zu erheben und Diskriminierung sichtbarer zu machen.
Sie ließe sich in unserer Arbeit beispielsweise in Form von Workshops zur digitalen Selbstverteidigung gegen Online-Hass, zur kritischen Analyse von rassistischen Narrativen oder zur Nutzung digitaler Tools für Empowerment integrieren. Außerdem ermöglicht Medienkompetenz den Aufbau von Netzwerken und den Austausch von Erfahrungen, sodass Betroffene sich gegenseitig stärken und solidarisch unterstützen können.
Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement?
Ich finde, dass Medienkompetenz zentral für zivilgesellschaftliches Engagement ist, da sie kritisches Denken sowie die reflektierte Beobachtung von Machtgefällen und strukturellen Dynamiken in der Gesellschaft fördert. Sie hilft dabei, Informationen einzuordnen, Desinformation zu erkennen und Strategien zu entwickeln, um gesellschaftliche Prozesse aktiv mitzugestalten. Zusammenfassend ermöglicht sie die wirksame Nutzung digitaler Plattformen für Aufklärung, Vernetzung und Empowerment.
Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe?
Im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz sehe ich folgende Herausforderungen: starker Einfluss von Desinformation, Überforderung durch Informationsüberlastung sowie mangelnde Reflexion im Umgang mit digitalen Inhalten. Rassistische Inhalte, Hassrede und Desinformation im Netz wirken entmutigend und können Betroffene zusätzlich belasten.
In unserer Arbeit beobachten wir außerdem ungleichen Zugang zu Technologien, insbesondere im ländlichen Raum, sowie Unterschiede in den Medienkompetenzen. Für Menschen mit Rassismuserfahrungen kann dies den Zugang zu Unterstützung oder Empowerment-Angeboten erschweren.
Ohne ausreichende Medienkompetenz besteht zudem die Gefahr, dass strukturelle Machtungleichheiten im digitalen Raum weiter reproduziert werden.
Chancen für zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe durch Medienkompetenz sehe ich vor allem in der Möglichkeit der Vernetzung, des Austausches und der Sichtbarkeit von Stimmen, die sonst oft übersehen werden. Für Menschen mit Rassismuserfahrungen können digitale Tools hilfreich sein, um Diskriminierung sichtbar zu machen, sich lokal, überregional und transnational zu vernetzen und Empowerment Angebote zu nutzen oder selbst zu gestalten. Außerdem eröffnen sie niedrigschwellige Möglichkeiten, sich einzubringen, die eigene Perspektive sichtbar zu machen und an gesellschaftlichen Debatten teilzunehmen.
Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten?
Durch unsere Arbeit konnten wir bewirken und beobachten, dass Menschen mit Rassismuserfahrungen gestärkt und handlungsfähiger werden. Sie erhalten niedrigschwellige Beratung, Zugang zu Empowerment-Angeboten und sichere Räume für Austausch. Gleichzeitig tragen wir dazu bei, lokale Strukturen nachhaltig zu „professionalisieren“: Migrant*innenorganisationen werden gestärkt, Netzwerke aufgebaut und Bewusstsein für Rassismus in der Gesellschaft erhöht. So fördern wir nicht nur individuelle Selbstwirksamkeit, sondern auch eine stärkere, vernetzte Community, die aktiv gegen Rassismus vorgeht.
Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit?
Mit dieser Arbeit verfolge ich langfristig das Ziel, nicht nur nachhaltige Strukturen gegen Rassismus, sondern auch Strukturen für Selbstbestimmung aufzubauen. Dazu gehört, dass Beratungs- und Empowerment-Angebote dauerhaft verfügbar sind, Migrant*innenorganisationen gestärkt werden und die Communities handlungsfähiger und vernetzt sind. Gleichzeitig müssen wir dazu beitragen, dass struktureller und institutionalisierter Rassismus sichtbar gemacht und auf allen Ebenen aktiv bekämpft wird.
Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten?
Um unsere Arbeit zu intensivieren und auszuweiten, brauchen wir vor allem mehr Ressourcen, also Personal, finanzielle Mittel und geeignete Infrastruktur, insbesondere in ländlichen Regionen. Langfristige Förderungen und stabile Finanzierung sind entscheidend, um Beratungs- und Empowermentangebote dauerhaft zu sichern. Darüber hinaus ist
politische und gesellschaftliche Unterstützung notwendig, um strukturellen und institutionellen Rassismus gezielt zu bekämpfen und die Arbeit von Migrant*innenorganisationen sowie Community-basierten Initiativen nachhaltig zu verankern.
Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten?
Mein Rat an junge Menschen oder Interessierte ist, sich bewusst mit den Themen Rassismus und Diskriminierung auseinanderzusetzen und den Stimmen von Betroffenen aktiv zuzuhören, ohne sie als „Opfer“ zu sehen. Es ist notwendig, kritisches Denken zu entwickeln, um die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Systeme zu hinterfragen, die Machtgefälle, Ungleichheiten, Diskriminierung und Privilegien aufrechterhalten.
Junge Menschen sollten dabei nicht nur die „Symptome“ wie Benachteiligung oder Ausgrenzung bekämpfen, sondern auch die Ursachen analysieren: Warum entstehen bestimmte Prozesse? Wie werden Macht und Ressourcen verteilt und warum? Welche Strukturen verhindern eine echte Gleichberechtigung? Sie müssen Werkzeuge erlernen, um Informationen reflektiert und selbstständig einzuordnen, Zusammenhänge zu erkennen und Strategien für Veränderung zu entwickeln. Kontakte außerhalb der weißen deutschen und europäischen Gesellschaft sind dabei entscheidend, um die eigene Selbstreflexion zu fördern und eine erweiterte, kritischere Wahrnehmung gesellschaftlicher Realitäten zu entwickeln.
Menschen, die nicht wissen, wo oder wie sie sich engagieren können, empfehle ich, bei bestehenden Strukturen und Initiativen anzufangen, dort Erfahrungen zu sammeln, zuzuhören und eigene Ideen einzubringen.
Gibt es noch etwas, das Sie gerne mitteilen möchten?
Ich möchte mich herzlich für das Interview bedanken und freue mich darauf, weiterhin im Gespräch zu bleiben und den Dialog zu Themen wie Rassismus, Empowerment und gesellschaftlicher Teilhabe fortzuführen.
Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?
Interessierte, die das Projekt AntiRaktiv unterstützen oder mehr darüber erfahren möchten, können unsere mehrsprachige Website (https://www.antiraktiv.de), die Website von DaMost e.V. (https://www.damost.de/antiraktiv ) sowie unsere Instagram-Seite (https://www.instagram.com/antiraktiv/ ) besuchen. Spenden können über https://www.damost.de/spenden getätigt werden.
Für detaillierte Informationen zu Beratungsangeboten, Veranstaltungen oder Kooperationen steht das Team von AntiRaktiv gerne zur Verfügung. Das AntiRaktiv-Team Sachsen ist per E-Mail unter antiraktiv-sachsen@damost.de erreichbar.