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Interview mit Oliver Gibtner-Weidlich

Kultur, Digitalisierung und Engagement: Warum kulturelle Bildung heute wichtiger denn je ist

Kultur, Digitalisierung und Engagement: Warum kulturelle Bildung heute wichtiger denn je ist

Ein Interview mit Oliver Gibtner-Weidlich – Projektmanager, Digitalisierungsexperte und Vorstand der LKJ Sachsen – über politische Herausforderungen, kulturelle Teilhabe, digitale Inklusion für Jung und Alt und die Bedeutung kultureller Bildung als demokratisches Fundament in Sachsen.

Welche beruflichen Rollen hast du derzeit inne?
Hauptberuflich bin ich Geschäftsführer des Forums für Kultur und Bildung, einer Bildungsorganisation mit Sitz in Sachsen, dieProjekte für verschiedene Zielgruppen umsetzt – von Kindern über Berufstätige bis hin zu Senior*innen. Zusätzlich berate ich Kulturorganisationen, insbesondere in Fragen der Digitalisierung. Dabei geht es nicht darum, inhaltlich reinzureden, sondern Strukturen und Prozesse so zu gestalten, dass sie auch mit knappen Ressourcen zukunftsfähig sind.

Was hat dich dazu bewogen, dich im Bereich kulturelle Bildung und Projektmanagement zu engagieren? Wie bist du dorthin gekommen?
Ich habe mich schon als Kind und Jugendlicher sehr für Kunst und Kultur begeistert. Ich habe Theaterstücke inszeniert und mich auch um die Organisation gekümmert. Ich bin damals sogar zum Kulturamt gegangen, um für unsere Projekte Fördermittel zu beantragen – mit 16 Jahren, ganz ohne Anleitung. Das hat irgendwie funktioniert, und dieses Erfolgserlebnis hat mich geprägt. Später habe ich gemerkt, wie viel Potenzial in Bildung und insbesondere in kultureller Bildung steckt, das jedoch nicht ausreichend genutzt wird – gerade auch im Bereich der Digitalisierung. Das hat mich dazu bewegt, sowohl hauptberuflich als auch ehrenamtlich in diesem Feld tätig zu sein.

Was sind typische Herausforderungen für kulturelle Bildung bei der digitalen Transformation?
Die Herausforderungen sind vielfältig. Oft hängt es davon ab, ob eine Einrichtung kommunal angebunden ist – dann gibt es viele bürokratische Hürden. Zum Beispiel haben viele städtische Museen keine eigene Website, sondern sind in Unterseiten der Stadt-Webseite eingebettet, was ihre digitale Sichtbarkeit stark einschränkt. Dazu kommt, dass viele Akteur*innen zwar fachlich stark sind, aber wenig digitales Know-how mitbringen. Diese Lücke versuche ich zu schließen.

Was ist deine Aufgabe im Vorstand der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (LKJ)?
Ich bin seit vielen Jahren im Vorstand der LKJ Sachsen. Meine Rolle dort ist vor allem im Bereich der politischen Interessenvertretung und Lobbyarbeit angesiedelt. Wir versuchen, kulturelle Bildung stärker ins Bewusstsein von Gesellschaft und Politik zu rücken – besonders in Zeiten, in denen Kürzungen drohen. Kulturarbeit wird oft als selbstverständlich angenommen, weil viele sie mit großer intrinsischer Motivation leisten. Das macht sie aber gleichzeitig sehr verletzlich gegenüber Einsparungen.

Wie sehen junge Menschen kulturelle Bildung? Gibt es bestimmte Interessen oder Trends?
Das ist sehr unterschiedlich. Klar ist, dass wir ein großes Stadt-Land-Gefälle haben. In Leipzig oder Dresden ist das Interesse groß, aber gerade im ländlichen Raum ist kulturelles Engagement oft schwieriger. Dort ist es aber besonders wichtig. Ein weiteres Problem ist, dass sich Engagement viele erst einmal leisten können müssen. FSJ-Stellen sind zum Beispiel zwar vergütet, aber in einem so geringen Maße, dass oftmals eine weitere Unterstützung durch die Eltern notwendig ist.

Welche Maßnahmen gibt es, um mehr Teilhabe zu ermöglichen?
Eine wichtige Neuerung ist, dass FSJ-Stellen auch in Teilzeit möglich sind. So können die Freiwilligen zusätzlich arbeiten und sich den Freiwilligendienst eher leisten. Außerdem versuchen wir, mehr Aufklärungsarbeit zu leisten, etwa dass ein FSJ auch mit Realschulabschluss möglich ist. Leider ist die Zahl der Plätze nach wie vor begrenzt.

Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in deiner Arbeit?
Eine sehr große. Es geht dabei weniger um technische Schulungen als um kreative, niedrigschwellige Projekte, die nebenbei Medienkompetenz fördern. Wenn Jugendliche z. B. lernen, wie sie ein Skatevideo schneiden, verstehen sie gleichzeitig, wie Medien manipulativ funktionieren können. Auch Erwachsenenbildung spielt hier eine Rolle – etwa durch Fortbildungen für Sportvereine zur Bekämpfung von Hate Speech.

Welche Rolle spielt digitale Teilhabe – auch für ältere Menschen?
Digitale Teilhabe wird oft auf junge Menschen reduziert, aber auch Senior*innen nutzen Smartphones und digitale Medien. Gerade für ältere Menschen können digitale Angebote soziale Teilhabe ermöglichen. Es geht nicht darum, alles „hip“ zu machen, sondern funktionale Vorteile zu schaffen – etwa durch niedrigschwellige Informationsangebote oder digitale Beteiligungsmöglichkeiten. Auch für diese Zielgruppe gilt: Digitalisierung muss mitgedacht werden.

Warum ist diese Arbeit gerade in Sachsen so wichtig?
Weil die politische Lage in Sachsen angespannt ist und sich zunehmend radikalisiert. Kulturelle Bildung ist ein Mittel der Demokratieförderung – und je mehr Strukturen wegfallen, desto mehr Raum bekommen extremistische Kräfte. Gerade in den 1990er Jahren haben wir gesehen, was passiert, wenn Jugendclubs schließen: Rechte Gruppen springen ein. Umso wichtiger ist es, dass wir Strukturen stärken und öffentlich sichtbar machen, was kulturelle Bildung leistet.

Was ist aktuell die größte Herausforderung deiner Arbeit?
Ganz klar: die Finanzierungslage. Es geht dabei weniger um Kürzungen als um fehlende Planungssicherheit. Besonders problematisch ist, dass der Haushalt in Sachsen oft nicht rechtzeitig beschlossen wird. Das führt zu Förderlücken, die sich kleine Organisationen schlicht nicht leisten können. Hinzu kommt, dass Förderentscheidungen auf kommunaler Ebene manchmal von rechtsextremen Akteur*innen beeinflusst werden – das gefährdet unsere Arbeit massiv.

Gab es für dich besonders positive Erlebnisse, die dich motivieren?
Ja, viele! Einmal hat ein Lehrer in einem Workshop seinen Schüler in einem Video erkannt, der sich sonst im Unterricht nie meldet. Er war völlig überrascht, wie aktiv der Junge im Projekt war. Oder eine Schülerin, die sich nach einem unserer Projekte langfristig sozial engagiert hat. Auch ein ehemaliger junger Häftling, dessen Kunstwerk in einem Wettbewerb ausgezeichnet wurde, bleibt mir besonders in Erinnerung. Das zeigt, wie sehr kulturelle Bildung wirken kann – auch in Extremsituationen.

Wie erlebst du die Unterstützung durch zivilgesellschaftliche Akteur*innen?
Sehr positiv. Gerade in ländlichen Regionen begegnen uns viele Menschen mit Offenheit und Hilfsbereitschaft. Die Netzwerke sind oft eng und gut vernetzt. Aber natürlich gibt es auch Hürden – wie Bürokratie – die Engagement erschweren. Trotzdem erlebe ich viel Bereitschaft, sich einzubringen. Das ist viel wert und ein wichtiger Motor für Engagement.

Was würdest du jungen Menschen empfehlen, die sich engagieren wollen?
Einfach loslegen! Sucht euch Leute, die ähnliche Interessen haben, oder schließt euch bestehenden Strukturen an. Man muss nicht alles alleine machen. Es gibt viele Anlaufstellen, gerade in Jugendämtern, die vermitteln können. Wichtig ist, sich klarzumachen: Wir alle sind dafür verantwortlich, wie unsere Gesellschaft aussieht. Wer sich beschwert, dass nichts passiert, sollte selbst aktiv werden.