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Interview mit Ulrike Bertus

Demokratie braucht sichere Räume: Politische Bildung nah am Menschen

Demokratie braucht sichere Räume: Politische Bildung nah am Menschen

Ein Interview mit Ulrike Bertus vom Haus der Demokratie Leipzig e.V. (Connewitz) über politische Bildungsarbeit, die Schaffung sicherer Gesprächsräume, in denen Menschen zuhören, sich eine Meinung bilden und Haltung entwickeln können, über die Herausforderungen im Bildungsbereich und die positiven Veränderungen, die daraus entstehen.

Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?

Mein Name ist Ulrike Bertus und ich wohne in Leipzig. Ich habe Geschichte und Politikwissenschaften studiert, danach im Bereich Lokaljournalismus volontiert und danach einige Jahre als Redakteurin im Bereich „Gesellschaft, Politik, Wirtschaft“ gearbeitet.

In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig?

Ich bin beim Trägerverein Haus der Demokratie Leipzig e.V. vom Haus der Demokratie Leipzig in Connewitz tätig. Dort kümmere ich mich um die Öffentlichkeitsarbeit, aber vor allem um die Veranstaltungen im Bereich politische und gesellschaftliche Bildung.

Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?

In meiner Elternzeit habe ich angefangen, mich in dem Bereich zu engagieren und Formate und Projekte zu entwickeln und durchzuführen. Nachdem ich aus der Elternzeit raus war, gab es für mich auch gefühlt keinen Weg mehr zurück in den Journalismus und ich wollte etwas machen, wo ich näher am Menschen dran bin.

Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit?

Ich entwickle Veranstaltungskonzepte wie Gesprächsformate oder Workshops, führe sie selber durch oder hole mir Unterstützung von verschiedenen Expert*innen. Ich kümmere mich um die Förderungen, schaffe Kooperationen mit anderen Vereinen und Initiativen und vertrete den Verein in verschiedenen Netzwerken.

Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung?

In meiner Arbeit versuche ich, sichere Räume für Menschen zu schaffen. Räume, in denen miteinander gesprochen, in denen zugehört werden kann. Räume, in denen Besuchende eine Haltung entwickeln und sich eine Meinung bilden können. Räume, in denen sie hören können, wie die eigene Meinung laut ausgesprochen eigentlich klingt.

Deshalb versuche ich, die Angebote des Vereins möglichst niedrigschwellig und barrierefrei zu gestalten. Und besonders das finde ich für Sachsen wichtig: Es braucht Begegnungsorte, die jedem Menschen die Chance geben, über das zu sprechen, was ihm wichtig ist. In denen man sich auch ohne großes Vorwissen informieren kann, Fragen stellen kann.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich?

Ich würde drei Hauptherausforderungen nennen: Die Erreichbarkeit der Zielgruppe, die Finanzierung, aber auch die Belastbarkeit der eigenen Grenzen.

Ich erlebe in meinen Veranstaltungen oft, dass die Besuchenden sagen, sie dürften doch auch bei mir nicht alles sagen. Das sei ja überall so! Die meisten Menschen im Bildungsbereich kennen diese Aussage sicherlich.

Ich freue mich auf der einen Seite, weil diese Menschen ja trotz dieser Einstellung erst einmal gekommen sind. Das ist schon einmal gut und das kommuniziere ich auch klar – sage aber auch, dass man alles sagen dürfe – man aber Widerspruch nicht mit „Ich darf nichts mehr sagen“ gleichsetzen dürfe. Aber wie gesagt: Ich freue mich, dass diese Menschen gekommen sind. Denn es gibt genug, die nicht kommen, weil sie so verinnerlicht haben, dass sie nicht sagen dürfen, dass ihre Meinung nicht zählt (oder sogar „dumm“ sei), dass sie mit ihren Sorgen und Bedürfnissen keine Rolle spielen. Das ist eine riesige Herausforderung, der wir uns im Bildungsbereich unbedingt mehr stellen müssen. Nicht durch vieles Reden, sondern durchs Versuchen und Anbieten.

Als zweite Herausforderung ist da natürlich die Finanzierung. Auch wir sind ein Verein, der Expert*innen und Hauptamtliche bezahlen muss. Als Haus der Demokratie sind wir in der glücklichen Lage, dass wir zumindest Veranstaltungsräume im Haus haben, die alle Vereine hier kostenfrei nutzen können. Aber finanziell steckt ja noch sehr viel mehr dahinter: Honorare, Gehälter, Materialkosten, auch Kaffee, Tee, Kekse für die gemütliche Atmosphäre – all das kostet Geld.

Und als drittes ist da natürlich auch die eigene persönliche Grenze zu nennen: Politische und gesellschaftliche Bildung macht man aus einer eigenen Haltung heraus. Weil man weiß, was einem wichtig ist, weil wir als Bildner*innen für etwas stehen (wollen). Aber das setzt ständige Selbstreflexion und auch ein dickes Fell voraus.

Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?

Besonders in offenen Gesprächsformaten kommen eigentlich immer wieder Themen wie Desinformation, aber auch KI auf. Es ist für viele Besuchende eine extreme Herausforderung mit den zwei Bereichen Schritt zu halten – Faktenchecks brauchen ja erst einmal das Wissen, wie das überhaupt geht und auch den Mut, auf einen Link, der von Freund*innen, von der Familie geschickt wird, mit Misstrauen zu reagieren und dann auch zu widersprechen. Wir versuchen mit praktischen Beispielen an die Themen ranzugehen und üben, Nachrichten zu lesen und zu verstehen: Wie ist eine Nachricht überhaupt aufgebaut? Was sind Quellen und wie kann ich diese einordnen? Was für Artikel gibt es überhaupt in den Medien – was unterscheidet einen Kommentar von einer Meldung? Was ist überhaupt eine Glosse?

Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement?

Ich glaube, Medienkompetenz gehört zu den Grundpfeilern einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Für Engagement muss ich ja erst einmal wissen, was mich interessiert, was mir wichtig ist – da ist Medienkompetenz eine unverzichtbare Basis.

Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe?

Digitale Medien sind – phrasenhaft gesagt – Fluch und Segen. Sie schaffen Sichtbarkeit für Themen und Menschen, die sonst nicht sichtbar sind, unterstützen bei der Informationsbeschaffung und sind gleichzeitig oft so voller Hass, Hetze und Falschmeldungen, dass das Digitale auch ein Raum voller Unsicherheiten ist.

Digitale Medien sind eine Chance, aber es fehlt eine produktive und wertschätzende Kultur im Miteinander. Außerdem fehlt noch oft die Befähigung, sich sicher im Netz zu bewegen. Dafür braucht es beständiges Lernen und immer wieder die Anpassung an neue Entwicklungen – ob und wie das gelingen kann, das wird jedoch eine große Herausforderung sein. Denn selbst, wenn es genügend Bildner*innen gibt, die Menschen müssen erreicht werden.

Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten?

Besonders im Umgang mit jungen Menschen erlebe ich immer wieder, dass es ein großes Interesse an gesellschaftlichen Themen gibt. Für mich sind besondere Momente immer die, in denen ich merke, wie sich Menschen in meinen Veranstaltungen haltungstechnisch verändern, selber merken, wie sie auch selbst fühlen, dass sie auf Augenhöhe mit anderen sprechen.

Ich war einmal in einer Schule, in der die Schüler*innen auf die Frage, was sie denn an ihrer Schule gerne ändern würden, sagten: „Die Wandfarbe in diesem Klassenraum.“ Die Lehrkraft stand auf und fragte, warum sie vorher noch nichts gesagt hätten – die gesamte Lehrerschaft fände die Farbe auch furchtbar! Das sind so Momente, in denen ich auch für mich selber merke, wie gut ein Gespräch auf Augenhöhe allen Beteiligten tun kann. 

Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit?

Als Optimistin sage ich: Ich möchte, dass Menschen lernen, miteinander zu reden, andere Meinungen auszuhalten und sich bewusst sind, dass das große Privileg einer Demokratie ist, sich eine Meinung bilden zu können und diese auch revidieren, überdenken oder nachschärfen zu können.

Das Haus der Demokratie wurde im Januar 1990 von den zivilgesellschaftlichen Gruppen der Friedlichen Revolution bezogen – die Idee war, einen Ort zu schaffen, an dem Demokratie als Grundlage aller Handlungen eingeübt werden kann.

Mein langfristiges Ziel ist es, dass demokratisches Denken und Handeln für Menschen eine Kernkompetenz wird, die so selbstverständlich wie ein Blinzeln ist. Damit all die Werte, die zu einer Demokratie gehören, nicht in Frage gestellt werden, sondern selbstverständlicher Teil im gesellschaftlichen Miteinander sind.

Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten?

Jede Unterstützung ist wichtig. Menschen, die den Rücken stärken, die Idee unseres Vereins weitertragen, sich einbringen, sind genauso wichtig wie die Menschen, die spenden, um Veranstaltungen, Projekte oder wichtige Anschaffungen zu finanzieren.

Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten?

Machen.

Gibt es noch etwas, das Sie gerne mitteilen möchten?

Danke für Ihr und Euer Engagement!

Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?

Auf unserer Seite hddl.de informieren wir zu unseren aktuellen Projekten und Veranstaltungen. Dort gibt es auch einen Spenden-Link. Ansonsten findet man uns auch bei Instagram – oder kommt einfach mal im Haus der Demokratie vorbei. Hier sind mehr als 21 Vereine; es gibt also immer etwas zu gucken.

 

Photographer: André Winklier/BVL