e-learning

e-learning

Die Bühne ist offen, aber wer traut sich hinauf?  – Fragerunden als Spiegel demokratischer Teilhabe

Jakob | Student – Soziologe Eine persönliche Perspektive von Jakob aus der soziologischen Forschung über Podiumsdiskussionen, soziale Bühnen und den Unterschied zwischen formaler Offenheit und tatsächlicher Teilhabegerechtigkeit. Sowie die Frage, warum Demokratie mehr braucht als eine Einladung zum Mitreden. Die Moderation bedankt sich bei allen Teilnehmenden der Podiumsdiskussion, dann wird die Fragerunde für das Publikum geöffnet. Meistens herrscht erst für ein paar Sekunden Ruhe, in anderen Momenten überträgt sich eine angespannte, kontroverse Debatte auch in viele eifrige Meldungen. Jetzt sollen alle die Möglichkeit haben, ihre eigenen Erfahrungen zu teilen und die Politiker*innen oder Expert*innen mit ihren eigenen Meinungen zu konfrontieren. Schon seit meiner frühen Jugend befand ich mich oft in der Situation, über eine mögliche Frage oder einen Beitrag nachzudenken. Je älter ich wurde, desto häufiger traute ich mich auch, in ein mir in die Hand gegebenes Mikrofon zu sprechen. Rückblickend kann die Situation der Fragerunde, die wahrscheinlich viele Menschen kennen, auch für etwas viel Größeres stehen: unsere Gesellschaft selbst. Der Soziologe Erving Goffman hat soziale Situationen einmal mit einem Theater verglichen. Dabei beschreibt er diese Situationen als Bühne, auf der Rollen verteilt sind, mit einem Publikum hier und Sprechenden dort, und mit Regeln, die selten ausgesprochen, aber von fast allen befolgt werden1. Was sich in diesen wenigen Minuten der Fragerunde abspielt, ist deshalb mehr als eine Randnotiz des Abends. Es ist ein kleines Abbild dessen, wie Teilhabe in unserer Gesellschaft insgesamt funktioniert. Formal ist die Bühne für alle offen. Jede*r darf das Mikrofon ergreifen, jede*r darf fragen. Und doch tun es meistens nur wenige. Die Philosophin Nancy Fraser hat für genau diese Kluft einen Begriff geprägt2: Sie unterscheidet zwischen einer formal offenen Öffentlichkeit und tatsächlicher Teilhabegerechtigkeit, also der Frage, ob Menschen nicht nur eingeladen werden, sondern auch wirklich in der Lage sind, gleichberechtigt mitzureden. Genau diese Lücke ist es, die mich an den Fragerunden interessiert. Woher kommt dieser Unterschied? Diese Frage begleitet mich nicht nur als jemanden, der selbst oft genug im Publikum gesessen hat, sondern auch als forschenden Soziologen. In meinem Studium habe ich gelernt, gerade an solchen Stellen genauer hinzusehen: Dort, wo etwas selbstverständlich erscheint, obwohl es das eigentlich nicht ist. Fragerunden wirken meistens offen, demokratisch und einladend. Aber wenn ich ehrlich bin, ertappe ich mich auch heute noch oft dabei, wie ich abwäge, ob sich mein Beitrag lohnt, ob meine Frage klug genug klingt oder ob ich in diesem Moment überhaupt das Recht habe, das Mikrofon zu nehmen. Genau hier trennt sich die formale von der tatsächlichen Teilhabe. Formal ist die Einladung an alle gleich: dasselbe Mikrofon, dieselbe Redezeit, dasselbe Recht auf eine Frage. Tatsächlich wird sie aber sehr ungleich genutzt, was selten mit fehlendem Interesse zu tun hat. Der Soziologe Pierre Bourdieu würde stattdessen vermutlich von kulturellem Kapital sprechen: von der Übung, den Vorbildern als junger Mensch, dem eingeübten Gefühl, dass man in einer solchen Situation sprechen darf und kann3. Aber auch von dem “richtigen” Vokabular und den passenden, an die Rolle angelehnten Verhaltensregeln. Wer in der Jugend selten erlebt hat, dass die eigene Meinung zählt, wer nie gesehen hat, dass Menschen mit den gleichen Hintergründen das Mikrofon in die Hand nehmen, für den ist der Schritt von der Zuschauer*innen- in die Sprecher*innenrolle ungleich größer als für jemanden, der genau das schon oft eingeübt hat. Es geht dabei aber nicht nur darum, ob man sich traut, sondern auch, wie man sprechen darf, wenn man es tut. Die Philosophin Iris Marion Young hat kritisiert, dass viele demokratische Formate stillschweigend eine bestimmte Art zu sprechen bevorzugen: sachlich, argumentativ, distanziert4. Wer eher erzählt statt argumentiert, wer emotional statt nüchtern spricht, läuft Gefahr, nicht als “legitimer” Redebeitrag wahrgenommen zu werden, selbst wenn das Mikrofon längst in der Hand liegt. Aus meiner eigenen Forschung kenne ich diese Kluft nur zu gut. Dort nennt man sie nur anders. Auch in der Wissenschaft gibt es die Frage, wer denn eigentlich antwortet, wenn gefragt wird. Wer nimmt an Umfragen teil, wer lässt sich auf ein Interview ein, in welche Milieus dringt man mit seiner Forschung überhaupt vor? Der Wissenschaftssoziologe Thomas Gieryn beschreibt zum Beispiel, wie ständig neu verhandelt wird, wer als legitime Stimme in der Wissensproduktion gilt und wer nicht, ein Prozess, den er “boundary work”, also “(Ab-)Grenzarbeit” nennt5. Citizen Science, also Formate, in denen Bürger*innen selbst an Forschung mitwirken, gilt als vielversprechende Idee, Wissenschaft und Gesellschaft näher zusammenzubringen. Doch auch hier zeigt sich oft dasselbe Muster wie bei der Fragerunde: Erreicht werden vor allem die, die ohnehin schon wissen, dass ihre Beteiligung erwünscht und ihre Stimme relevant ist. Wer sich für Wissenschaft ohnehin schon interessiert, findet den Weg in solche Projekte. Wer sich davon ausgeschlossen fühlt, bleibt eher fern. Diese Erkenntnis stellt auch mich selbst, beziehungsweise jegliche demokratische Arbeit, infrage. Wenn Teilhabe nicht allein durch offene Formate entsteht, sondern von Übung, Vorbildern und dem Gefühl abhängt, gemeint zu sein, dann reicht es nicht, eine Bühne zu öffnen und zu hoffen, dass sich alle gleichermaßen angesprochen fühlen. Auch ich merke immer wieder, wie leicht man selbst zu denen gehört, die eine solche Bühne mitgestalten, ohne zu bemerken, wie unzugänglich sie für andere wirken kann. Der Soziologe und Linguist Basil Bernstein hat schon in den 1970er-Jahren gezeigt, dass Bildungssprache, also der sogenannte elaborierte Code, vor allem denjenigen leicht fällt, die in einem entsprechenden Milieu aufgewachsen sind, während sie für andere eine echte Hürde bedeutet6. Bei öffentlichen Veranstaltungen erlebe ich das oft: Man spricht über Teilhabe, über Zugänglichkeit, über Demokratie und erreicht damit doch meist ein Publikum, das ohnehin schon gebildet, ohnehin schon bürgerlich, ohnehin schon überzeugt ist. Der Anspruch, für alle verständlich zu sein, und die tatsächliche Sprache, die man spricht, klaffen auseinander – bei mir genauso wie bei der Bühne, von der ich eingangs erzählt habe. Der soziologische Blick und meine Forschung helfen mir, solche Muster überhaupt erst zu erkennen. Sie schützen mich aber nicht davor, sie selbst mitzutragen. Was helfen kann, diese Kluft wenigstens ein Stück zu verkleinern, ist aktiv auf Menschen zuzugehen, statt zu warten, dass sie von selbst kommen. Es geht darum, beispielsweise Citizen-Science-Formate so zu gestalten, dass sie

Die Bühne ist offen, aber wer traut sich hinauf?  – Fragerunden als Spiegel demokratischer Teilhabe Read More »

Das Internet als Ort der Meinungsfreiheit: Die Bedeutung sozialer Medien für demokratische Bewegungen im Iran

Alireza | Student Eine persönliche Perspektive von Alireza über die politische Sozialisation im Iran und die Rolle sozialer Medien für Aktivismus, Informationszugang und demokratische Bewegungen.  Wenn ich früher über Demokratie nachdachte – sei es als Wort oder als Konzept –, kam sie mir zu abstrakt und unrealistisch vor. Der Grund dafür waren einfach die verschiedenen Situationen, die sich im Iran, dem Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, ständig abspielten. Aber das war nur bis vor ein paar Jahren so, als ich nach Deutschland zog; durch verschiedene Erfahrungen hat sich meine Sichtweise drastisch verändert. Auch mein Umfeld und die Familie, in der ich aufgewachsen bin, haben mich immer davon abgehalten, mich politisch zu engagieren – nicht, weil sie kein Interesse daran hatten (ganz im Gegenteil: Wir glauben, dass Politik ein untrennbarer Teil unseres Lebens ist), sondern weil sie um meine eigene Sicherheit besorgt waren. Keine Form von Demonstration oder politischem Protest ist erlaubt (obwohl es laut Gesetz ein grundlegendes demokratisches Recht der Menschen ist); Meinungsfreiheit ist lediglich ein Mythos, und die Gefängnisse sind voll von Journalisten, Aktivisten und Schriftstellern, die versucht haben, Veränderungen herbeizuführen. Es versteht sich von selbst, dass die offiziellen Kommunikationskanäle und die politischen sowie gesellschaftlichen Narrative – wie Fernsehsendungen und Nachrichtenagenturen – von der Regierung und den Behörden streng kontrolliert, überwacht und zensiert werden. Ich glaube, ich war etwa 14 Jahre alt, als ich anfing, viele Aspekte des modernen menschlichen Lebens zu hinterfragen, darüber mit meinen Freunden zu diskutieren und online oder in Büchern über die Welt um mich herum zu lesen. Wir waren auch die erste Generation in meinem Land, die größtenteils in virtuellen Umgebungen aufwuchs – wie Online-Foren, persönlichen Blogs und Facebook –, in denen politische Diskussionen stattfinden konnten. Dort begegnete ich zum ersten Mal dem digitalen Aktivismus, da es im realen Leben keine politischen Aktivitäten gab. Außerdem hatten wir natürlich den Vorteil, über das Internet Zugang zu einer riesigen Menge an Informationen zu haben, was sich in diesem Alter größtenteils auf Wikipedia und die Websites lokaler Nachrichtenagenturen beschränkte. Und anders als heute war das Internet insgesamt – ganz zu schweigen von den sozialen Medien – weniger überwältigend, und wir waren uns noch bewusst, dass Informationen nicht immer zuverlässig waren; deshalb haben wir sie anhand verschiedener Quellen – nicht unbedingt online – noch einmal überprüft. Diese Situation hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Mit der Zeit begann die Regierung, die Auswirkungen der sozialen Medien zu erkennen, und obwohl verschiedene Social-Media-Apps verboten wurden, versuchte das iranische Volk stets, einen Weg zu finden, sie zu nutzen, um miteinander zu kommunizieren und Themen zu diskutieren. Kaum jemand, nicht einmal die ältere Generation, folgte noch der offiziellen Darstellung und den offiziellen Nachrichten; stattdessen wurde jeder Bürger zum eigenständigen Journalisten, der Ereignisse, Vorfälle und Probleme aus erster Hand auf seinen persönlichen Konten bei Instagram, X (Twitter) und Telegram berichtete – meist aus offensichtlichen Gründen anonym. Diese wachsende Tendenz, sich auf soziale Medien als primäre, verlässliche Quelle für Informationen und Nachrichten zu verlassen, hat natürlich ihre eigenen Vor- und Nachteile, und das zeigte sich deutlich bei den großen landesweiten Protesten, die hauptsächlich 2009 begannen, sich 2017 und 2019 fortsetzten und auf die 2022 die weltweit anerkannte „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung folgte. Damals wurde mir klar, welche entscheidende Rolle soziale Medien als Medium zur Sensibilisierung und zum Meinungsaustausch in politischen und gesellschaftlichen Debatten spielen. Denn sie erreichen eine weitaus größere Zahl von Menschen, nicht nur innerhalb der Landesgrenzen, sondern in jedem Winkel der Welt. Alle wurden neugierig und begannen, die Bewegung zu hinterfragen und zu unterstützen, deren Hauptforderung ein grundlegendes Menschenrecht war: Demokratie. Diese Anerkennung der Bewegung wäre ohne die Bemühungen mutiger Menschen nicht möglich gewesen, die ihr Leben und ihre Sicherheit riskierten, um an den Protestorten Videos aufzunehmen und Fotos zu machen, über die Ereignisse zu berichten, die Lage in ihrer Stadt und ihrem Viertel zu beschreiben und dieses Material an Medien und Nachrichtenagenturen außerhalb des Landes oder an unabhängige Journalisten zu senden, die auf verschiedenen Social-Media-Plattformen aktiv waren. Eines der Hauptmerkmale dieser Bewegung war auch, dass ihre Teilnehmer*innen größtenteils Teenager und junge Menschen der Generation Z waren, die es verstanden, einen Trend zu setzen, um das Bewusstsein zu schärfen und andere dazu zu motivieren, zumindest einmal tiefer über die anhaltende Krise nachzudenken. Sie verfügten im Vergleich zu ähnlichen früheren Bewegungen über eine bessere digitale Kompetenz und ließen sich nicht so leicht von Fake News täuschen. Ich glaube jedoch, dass während der Bewegung immer noch eine Menge Fehlinformationen und Fake News im Umlauf waren; dies lag zum Teil an den Aktionen der „Cyberarmee“ der Regierung, die darauf abzielte, die Menschen zu entmutigen, abzulenken oder die Fakten zu verzerren, und zum Teil an denjenigen mit geringerer digitaler Kompetenz – darunter auch ältere Menschen –, die die Fehlinformationen unwissentlich weitergaben. Ein weiterer Faktor, der eine wichtige Rolle spielte, war die Beteiligung von im Ausland lebenden Iranern, die versuchten, der Stimme des iranischen Volkes auf der internationalen Bühne mehr Gehör zu verschaffen und gleichzeitig weltweit Veranstaltungen und Proteste zu organisieren – insbesondere als es im Iran mehrere Tage lang zu einer vollständigen Internetabschaltung kam – was bereits 2019 eine Woche lang geschehen war – und der freie Informationsfluss unterbrochen war. Zwar war es wichtig, auf dem Laufenden zu bleiben und andere über die Lage im Iran zu informieren, doch stieg damit auch die Wahrscheinlichkeit, Fake News ausgesetzt zu sein, da die Nachrichten hauptsächlich aus größeren Städten kamen und nicht alle davon überprüft werden konnten. Ich persönlich habe auch versucht, keine Nachrichten, auf die ich stieß, vorschnell zu teilen, bevor ich sie anhand verschiedener Quellen überprüfen konnte. So habe ich gelernt, mich in digitalen Räumen zu verhalten – etwas, das mir leider nicht in der Schule beigebracht wurde, sondern durch eigenes Ausprobieren oder durch das Beobachten der Erfahrungen meiner Gleichaltrigen. Ein weiterer Punkt, der in solchen Situationen Sorge bereitet, ist die Frage, wie globale Nachrichtenagenturen und Behörden die Nachrichten aufnehmen, interpretieren und darauf reagieren. Erwähnenswert ist hier die virale Verbreitung von Fake News und irreführenden Informationen, die auf jeder Social-Media-Plattform zu finden

Das Internet als Ort der Meinungsfreiheit: Die Bedeutung sozialer Medien für demokratische Bewegungen im Iran Read More »

Medienkompetenz als demokratische Zukunftskompetenz – Erfahrungen aus der Projektarbeit in Sachsen

Doreen Siegmund I Projektleitung MedienDemokratieHub Eine persönliche Perspektive von Doreen Siegmund aus der Projektarbeit des MedienDemokratieHub in Sachsen über Desinformation, Künstliche Intelligenz und die Frage, warum Medienkompetenz zu den wichtigsten demokratischen Kompetenzen unserer Zeit gehört.  „Aber wenn inzwischen sogar Videos und Stimmen gefälscht werden können – woher soll ich dann überhaupt noch wissen, was wahr ist?“ Diese Frage stellte mir ein junger Mensch während eines Workshops zu Künstlicher Intelligenz, Deepfakes und Desinformation. Der Raum wurde für einen Moment still. Denn die Frage war nicht provokativ gemeint. Sie war Ausdruck einer echten Verunsicherung – einer Verunsicherung, die ich in meiner Arbeit als Projektleiterin des MedienDemokratieHub in Sachsen immer häufiger beobachte. Seit mehreren Jahren konzipiere und leite ich Workshops, Fortbildungen und Dialogformate zu Medienkompetenz, digitaler Teilhabe und demokratischer Bildung. Dabei arbeite ich mit Jugendlichen, Lehrkräften, Fachkräften der Jugendarbeit sowie zivilgesellschaftlichen Akteur*innen in ganz Sachsen. Die Themen reichen von Desinformation und algorithmischen Empfehlungssystemen über Künstliche Intelligenz und Deepfakes bis hin zu digitaler Partizipation und demokratischen Diskursen im Netz. In diesem Zusammenhang geht es nur auf den ersten Blick um digitale Technologien. Tatsächlich sprechen wir über grundlegende gesellschaftliche Fragen: Wem vertrauen wir? Wie bilden wir unsere Meinung? Welche Verantwortung tragen wir für die Informationen, die wir teilen? Und wie kann demokratische Teilhabe in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft gelingen? Die Antworten auf diese Fragen sind heute dringender denn je. Junge Menschen wachsen in einer Welt auf, die stärker digitalisiert, vernetzter und informationsintensiver ist als jede Generation zuvor. Sie kommunizieren, lernen, informieren sich, organisieren soziale Beziehungen und entwickeln politische Haltungen in digitalen Räumen. Gleichzeitig erleben wir, dass viele dieser Räume von wirtschaftlichen Interessen, algorithmischen Strukturen und einer immer schnelleren Verbreitung von Informationen – und Desinformationen – geprägt sind. In meiner Arbeit habe ich häufig den Eindruck, dass wir von jungen Menschen erwarten, sich selbstverständlich und kompetent in dieser komplexen digitalen Welt zu bewegen, ohne ihnen die notwendigen Werkzeuge dafür ausreichend zur Verfügung zu stellen. Oft beschreibe ich dies mit einem einfachen Bild: Junge Menschen fahren täglich durch digitale Welten, ohne jemals einen Führerschein dafür gemacht zu haben. Dabei geht es nicht darum, digitale Medien grundsätzlich zu kritisieren oder als Gefahr darzustellen. Im Gegenteil. Die pauschale Verteufelung digitaler Medien hilft jungen Menschen nicht weiter. Sie leben bereits in dieser Welt. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob sie digitale Medien nutzen, sondern wie sie lernen können, diese kompetent, kritisch, kreativ und selbstbestimmt zu nutzen. Genau hier setzt die Arbeit des MedienDemokratieHub an. In unseren Workshops vermitteln wir nicht nur technische Fähigkeiten oder Faktenwissen. Wir schaffen Räume für Reflexion, Diskussion und gemeinsames Lernen. Wenn wir mit Jugendlichen über TikTok sprechen, analysieren wir nicht nur die Plattform selbst, sondern auch die Funktionsweise von Algorithmen, die Auswirkungen von Filterblasen und die Mechanismen digitaler Aufmerksamkeit. Wenn wir Deepfakes thematisieren, sprechen wir nicht nur über manipulierte Bilder oder Videos, sondern über Vertrauen, Wahrheit und die Grundlagen demokratischer Öffentlichkeit. Besonders deutlich wird dabei, dass Medienkompetenz heute weit mehr ist als die Fähigkeit, digitale Werkzeuge zu bedienen. Medienkompetenz ist eine demokratische Grundkompetenz. Wer Informationen nicht kritisch bewerten kann, wer Manipulationsversuche nicht erkennt oder nicht versteht, wie digitale Öffentlichkeiten funktionieren, kann sich nur eingeschränkt selbstbestimmt an gesellschaftlichen und politischen Prozessen beteiligen. Die Herausforderungen, denen wir in unserer Arbeit begegnen, sind dabei vielfältig. Die technologische Entwicklung schreitet schneller voran, als Bildungssysteme und gesellschaftliche Institutionen darauf reagieren können. Künstliche Intelligenz verändert bereits heute die Art und Weise, wie Informationen produziert, verbreitet und konsumiert werden. Deepfakes werden zunehmend realistischer. Plattformalgorithmen bleiben für Nutzer*innen oft intransparent. Gleichzeitig berichten viele Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte, dass sie sich auf diese Entwicklungen nicht ausreichend vorbereitet fühlen. Hinzu kommt, dass digitale Ungleichheiten weiterhin bestehen. Nicht alle jungen Menschen verfügen über die gleichen Voraussetzungen, um digitale Kompetenzen zu entwickeln. Soziale Herkunft, Bildungszugänge und regionale Unterschiede beeinflussen nach wie vor die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe. Gerade deshalb darf Medienkompetenz nicht als individuelles Zusatzwissen verstanden werden, sondern muss als gesellschaftliche und demokratische Aufgabe begriffen werden. In unserer täglichen Projektarbeit erleben wir jedoch auch etwas anderes: eine enorme Bereitschaft junger Menschen, sich kritisch mit ihrer digitalen Lebenswelt auseinanderzusetzen. Jugendliche wollen verstehen, wie Künstliche Intelligenz funktioniert. Sie möchten wissen, wie Desinformation entsteht und verbreitet wird. Sie diskutieren über Verantwortung in sozialen Netzwerken, über Meinungsfreiheit und über die Grenzen digitaler Kommunikation. Wenn ihnen die Möglichkeit gegeben wird, ihre eigenen Erfahrungen einzubringen und Fragen zu stellen, entstehen oft beeindruckend differenzierte Diskussionen. Diese Erfahrungen haben meinen Blick auf Medienbildung grundlegend verändert. Klassische Medienbildung, die sich auf technische Fertigkeiten oder Warnungen vor Gefahren beschränkt, reicht heute nicht mehr aus. Wir benötigen Bildungsangebote, die kritisches Denken, demokratische Teilhabe, ethische Reflexion und lebenslanges Lernen miteinander verbinden. Denn die digitale Transformation betrifft nicht nur junge Menschen. Sie betrifft uns alle. Die Vorstellung, Bildung sei irgendwann abgeschlossen, war in meinen Augen noch nie richtig, in der digitalen Gesellschaft ist sie endgültig überholt. Die Fähigkeit, Neues zu lernen, Informationen kritisch zu bewerten und sich an veränderte technologische Bedingungen anzupassen, wird zu einer zentralen gesellschaftlichen Kompetenz für alle Generationen. Gerade deshalb sehe ich in der Medienbildung nicht nur eine pädagogische Aufgabe, sondern auch eine demokratische Chance. Wenn Menschen verstehen, wie digitale Öffentlichkeiten funktionieren, wenn sie lernen, Quellen kritisch zu hinterfragen, Manipulation zu erkennen und respektvoll miteinander zu diskutieren, stärken sie nicht nur ihre eigenen Kompetenzen. Sie stärken auch unsere demokratische Gesellschaft. Die eingangs gestellte Frage des Jugendlichen „Woher soll ich überhaupt noch wissen, was wahr ist?“ beschäftigt mich bis heute. Vielleicht besteht die wichtigste Aufgabe unserer Arbeit nicht darin, auf jede Frage eine endgültige Antwort zu geben. Vielleicht geht es vielmehr darum, Menschen dazu zu befähigen, die richtigen Fragen zu stellen, Unsicherheiten auszuhalten und gemeinsam nach Orientierung zu suchen.   Demokratie lebt von informierten, reflektierten und engagierten Bürger*innen. In einer digitalen Gesellschaft bedeutet das auch, Medienkompetenz nicht als Nebensache zu betrachten, sondern als eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen unserer Zeit. Wenn wir junge Menschen dabei unterstützen, diese Kompetenzen zu entwickeln, investieren wir nicht nur in ihre persönliche Zukunft, sondern auch in die Zukunft unserer Demokratie.   weitere Stories Stories Medienkompetenz als demokratische Zukunftskompetenz – Erfahrungen aus der Projektarbeit in

Medienkompetenz als demokratische Zukunftskompetenz – Erfahrungen aus der Projektarbeit in Sachsen Read More »

Meinungspluralität in den Sozialen Medien

Mattes | Student Eine persönliche Perspektive von Mattes über seine Erfahrungen als Schüler in Albanien, öffentliche Auseinandersetzungen und die Pluralität von Meinungen im Internet.   Die eigene Perspektive in Frage zu stellen, fällt vielen Menschen schwer und manchmal gelingt genau das am besten, wenn man aus ihr herausfällt und sie von außen betrachtet. Das habe ich besonders gemerkt, als ich in der 10. Klasse nach Albanien umgezogen bin: Es war nicht nur ein neues Land, in dem ich mich zurechtfinden musste, sondern auch eine neue Weise, auf Alltag, Gesellschaft und Politik zu blicken. Man lernt nicht nur neue Leute kennen, sondern vor allem deren Lebensweise, Erfahrungen und Meinungen – man sieht ihre Perspektive. Gerade dadurch begann ich, meine eigene Perspektive nicht mehr als selbstverständlich vorauszusetzen, sondern sie zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Dabei steht diese Erfahrung für mich in einem Kontrast zu vielen Dynamiken im Internet. Meinungen werden hier oft nicht als Ausdruck von der eigenen Perspektive wahrgenommen, sondern als anzugreifende Positionen, die man möglichst schnell bewertet, widerlegt oder ignoriert. Es ist weniger ein gemeinsamer Austausch als ein Kampf um die Dominanz in der Diskussion. Dabei ist es öffentliche Auseinandersetzung, die eine Demokratie in der produktivsten Weise zeichnet[1]. In einer Gemeinschaft existiert nicht nur eine einzelne Perspektive: Jede Person bringt ihre eigenen Erfahrungen und ihren eigenen Hintergrund mit in diesen Austausch und vertritt daraus hervorgehend eine bestimmte Position. So würde eine Person, die selber Diskriminierung erfahren hat, sich auch genau gegen diese Diskriminierung einsetzen, während eine Person, die nicht diese Erfahrung teilt möglicherweise andere Themen priorisiert. Die eigene Erfahrung beeinflusst dann also die Position [2] in Diskussionen. Das ist etwas, was mir in meiner Jugend nicht wirklich bewusst war und was ich während meines Aufenthalts in Albanien lernte. Ich hatte meine eigene Position, meine eigenen Meinungen und jeder, der etwas anderes sagt, liegt einfach falsch. Aber eine Gemeinschaft dreht sich nicht nur um eine einzelne Perspektive und jeder hat ein Mitspracherecht. Was überhaupt die “richtigen” politischen Werte sind, entsteht nicht über Faktenwissen, sondern erst durch Begegnung, Diskussion und Widerspruch. Andere Meinungen helfen, die eigene Position zu prüfen und zu erweitern. Demokratie braucht dann nicht nur Stimmen, sondern auch Zuhören. In Albanien hatte ich das Glück, eine internationale Schule zu besuchen. Dadurch war die Begegnung mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern und Hintergründen für mich ein großer Teil meines Alltags. Erst durch diese Auseinandersetzung mit vielen verschiedenen Perspektiven habe ich wirklich verstanden, wie unterschiedlich Menschen durch ihre Erfahrungen geprägt sind und wie begrenzt auch meine eigene Sicht auf die Welt ist. Selbst wenn man in grundlegenden Fragen ähnliche Meinungen teilt, merkt man schnell, dass jede Person andere Erfahrungen gemacht hat und deshalb auch andere Dinge wichtig findet. Eines der anregendsten Gespräche hatte ich dabei mit Personen, mit denen ich nicht einer Meinung war. Im Austausch über unsere Positionen und über die Gründe, diese zu vertreten, lernte ich die andere Person besser zu verstehen und ihre Perspektive wurde für mich nachvollziehbarer. Gleichzeitig musste ich dadurch auch meine eigenen Meinungen ordnen und mich fragen, ob meine Position wirklich so selbstverständlich oder “richtig” ist, wie ich zuvor dachte. Während dieser drei Jahre, in denen ich in Albanien lebte, wurde mir deshalb immer deutlicher, dass viele Dinge, die ich vorher für selbstverständlich hielt, eigentlich nur aus meiner eigenen Umgebung selbstverständlich wirken. Genau daher ist die Meinungspluralität so zentral für eine demokratische Gemeinschaft. Wenn jemand nur eine Perspektive kennt, hält man diese schnell für selbstverständlich und nur diese Perspektive wird repräsentiert. Dabei werden dann alle abweichenden Perspektiven vernachlässigt. Zudem heißt Pluralität nicht, dass alle Meinungen gleich gut sind, sondern dass unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen sichtbar gemacht und diskutiert werden. Erst im Austausch verstehen wir, wie andere Menschen leben, welche Erfahrungen sie gemacht haben und wie politische Entscheidungen diese Personen beeinflussen. Das Internet hat sich hinsichtlich dieser Pluralität als besonderer ambivalenter demokratischer Raum bewiesen[3]. Mit einem Klick kann man sich mit Menschen aus der ganzen Welt verbinden und man erlebt eine Vielfalt an Perspektiven, denen man nicht im Alltag begegnen würde. Minderheiten, junge Menschen, lokale Initiativen und vieles mehr können sichtbar gemacht werden und eine Stimme erhalten. Man kann politische Debatten verfolgen, Informationen teilen und sich vernetzen. Gerade für demokratische Teilhabe, ist das Internet ein wertvoller, vielfältiger Ort der Verbindung. Jedoch ergeben viele Meinungen nebeneinander noch keinen demokratischen Austausch und bloße Sichtbarkeit führt nicht automatisch zu gegenseitigem Verständnis. Sich in den Weiten des Internets zurechtzufinden und die Flut an Inhalten zu navigieren, ist eine Herausforderung, vor der wahrscheinlich viele Menschen stehen. Besonders in den letzten Jahren hat sich das durch das Wachstum von sogenannten „Shortform-Content“ noch einmal zugespitzt. Viele Inhalte sind darauf ausgelegt, schnell konsumierbar, emotional aufgeladen und möglichst reaktionsstark zu sein. Je „lauter“, also schockierender oder kontroverser ein Inhalt ist, desto eher reagieren Menschen darauf, kommentieren ihn oder teilen ihn weiter. Dadurch werden solche Inhalte von Algorithmen bevorzugt und noch sichtbarer gemacht[4]. Für demokratische Diskussionen ist das problematisch, weil andere Meinungen dann nicht mehr als begründete Perspektiven erscheinen, sondern vor allem als Reiz, Provokation oder anzugreifende Position. Ich selbst bin mit dem Internet aufgewachsen und habe dort viel Zeit verbracht. Deshalb musste ich auch erst aus eigener Erfahrung lernen, wie schwierig es sein kann, mit der ständigen Flut an Inhalten umzugehen. Besonders Shortform-Content war für mich lange Zeit eine große Herausforderung. Ich habe mich oft in diesem endlosen stundenlangen Scrollen verloren. Dabei war ich danach nicht unbedingt besser informiert, sondern häufig eher emotional überlastet und unruhig. Gerade diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass digitale Medien zwar unglaublich viele Perspektiven sichtbar machen können, aber dass diese Menge an Eindrücken auch schnell zu viel werden können. Dabei ist Shortform-Content nicht grundsätzlich schlecht. Kurze Videos können auf wichtige Themen aufmerksam machen und erste Denkanstöße geben[5]. Trotzdem hat dieses Format klare Grenzen. Viele politische und gesellschaftliche Fragen brauchen Kontext, Abwägung und die Auseinandersetzung mit Gegenargumenten. Beispielsweise lässt sich das Verhältnis von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit kaum ausreichend in einem 60-sekündigen Video diskutieren. Solche Themen bestehen nicht nur aus einer einfachen Position, sondern aus verschiedenen Erfahrungen, Interessen und Werten, die miteinander

Meinungspluralität in den Sozialen Medien Read More »

Als Demokratie persönlich wurde

Odai Boulous | Stipendiat des CrossCulture Programms der ifa Odai Boulous | Stipendiat des CrossCulture Programms der ifa In seiner persönlichen Perspektive reflektiert Odai, wie sich sein Verständnis von Demokratie über die Jahre gewandelt hat – von der bloßen Vokabel zur gelebten Praxis – und dass gute politische Bildung, zielgruppengerecht befähigt, an dieser Praxis teilzunehmen. Das Wort „Demokratie“ begegnete mir zum ersten Mal in einem Klassenzimmer in Jordanien. Wir lernten, dass demos „Volk“ und kratos „Macht“ bedeutet. Ich erinnere mich, dass ich es fast wie jedes andere Wort aus einem Schulbuch gelernt habe. Ich wusste, was es bedeutete, aber ich wusste nicht wirklich, was es mit mir zu tun hatte. Wir hatten kein Schülerparlament und auch nicht viele Gelegenheiten zu üben, wie man gemeinsam Entscheidungen trifft. Politik blieb meist auf dem Papier. Hättest du mich mit siebzehn gefragt, was Demokratie bedeutet, hätte ich dir die griechische Definition genannt. Ich kannte das Wort. Ich wusste nur nicht, was ich damit anfangen sollte. Das begann erst an der Universität. Repräsentation lernen – auf die harte Tour Ich wollte an den Wahlen zum Studentenparlament der Universität teilnehmen und habe mir deshalb die Wahlprogramme der Kandidaten durchgelesen. Keines davon ging auf die Themen ein, die mir wichtig waren. Als ich andere Studierende fragte, was sie davon hielten, ging es vielen genauso; sie fühlten sich von keinem der Kandidaten vertreten. Diese Lücke war es, die mich dazu bewegte, zu kandidieren. Es lag nicht daran, dass ich einen Titel wollte oder mich als Führungspersönlichkeit sah. Ich habe einfach bemerkt, dass etwas fehlte, und mir wurde klar, dass ich nicht der Einzige war, dem das aufgefallen war. Die Wahl wurde verschoben und fand nicht wie geplant statt. Zunächst empfand ich das als Enttäuschung. Doch dadurch stellte sich mir eine Frage, die wichtiger war als ein möglicher Wahlsieg: Was bedeutet es, ein Mandat auszuüben? Ich kam zu der Erkenntnis, dass es sich dabei nicht um ein Amt handelt, das man gewinnen muss, sondern um die Praxis, den Menschen zuzuhören, ihre Bedürfnisse zu verstehen und sein Bestes zu geben, um auf sie einzugehen. Später, als ich zum ersten Mal wählte, erkannte ich die Kehrseite dieser Praxis. Da ich bereits ernsthaft darüber nachgedacht hatte, selbst politische Verantwortung zu übernehmen, betrachtete ich die Kandidaten mit anderen Augen. Mir wurde klar, wie leicht ein Wahlprogramm überzeugend klingen kann, obwohl es an dem vorbei geht, was den Menschen wirklich am Herzen liegt. Ich hätte selbst fast dasselbe getan. Damals erkannte ich zum ersten Mal, dass ein Unterschied zwischen dem bloßen Besitz des Wahlrechts besteht und dem Wissen darüber, dieses Recht auch gut auszuüben. Von da an bekam politische Bildung für mich eine andere Bedeutung: Es geht nicht darum, den Menschen vorzuschreiben, was sie denken oder wen sie unterstützen sollen, sondern ihnen das Wissen und das Selbstvertrauen zu vermitteln, selbst zu entscheiden. Eine Frage, die ich immer noch nicht geklärt habe Wie wichtig dieses Thema ist, wurde mit vor allem klar, je mehr ich politische Debatten in Jordanien verfolgte – darunter auch eine Diskussion im Parlament darüber, was Menschen in der Öffentlichkeit tragen dürfen sollten. Im Gespräch mit Menschen in meinem Umfeld stellte ich oft fest, dass sie mit dem Verlauf der Diskussion nicht einverstanden waren. Ich begann mich zu fragen: Wie kann eine Entscheidung den Weg durch die politischen Institutionen nehmen, wenn viele der Betroffenen das Gefühl haben, dabei nicht gehört zu werden? Meine eigene Familie hat mir einen weiteren Zugang zu dieser Frage eröffnet. Als Christ aus Jordanien bin ich mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Christen in diesem Land eine religiöse Minderheit sind und dass Jordanien Parlamentssitze für Christen reserviert, um deren politische Vertretung zu gewährleisten. Was das bedeutete, wurde mir erstmals durch ein Gespräch mit meinem Vater klar, als ich noch ein Teenager war. Er befürwortete die Quote, weil er der Meinung war, dass es wichtig sei, dass Christen eine garantierte Stimme im Parlament hätten, und ich verstand seine Argumentation. Doch als ich ihm zuhörte, fiel mir noch etwas anderes auf: Wir hatten zwar einen garantierten Sitz, wählten aber nicht unbedingt die Person aus, die ihn besetzte. Diese Unterscheidung ist mir seitdem im Gedächtnis geblieben. Es gibt eine rechtliche Garantie, die jeder und jedem eine Stimme zusichert, aber das ist noch nicht das Gleiche, wie darüber zu entscheiden, wessen Stimme das ist. Ich habe immer noch keine einfache Antwort auf die Frage nach Quoten. Ein Teil von mir versteht, warum sie für Minderheiten wichtig sind. Gleichzeitig frage ich mich, was Repräsentation wirklich bedeutet, wenn Gruppen zwar eine Stimme zugesichert bekommen, aber nicht immer eine echte Wahl darüber haben, wer diese Stimme letztendlich vertritt. Ich habe aufgehört, eine endgültige Antwort zu erwarten. Ich habe erkannt, dass dies zu den Dingen gehört, die die Demokratie von uns verlangt: die Bereitschaft, weiterhin schwierige Fragen zu stellen, auch wenn es keine klare Lösung gibt. Von Fragen zur Praxis Das ist einer der Gründe, warum ich der Meinung bin, dass politische Bildung ein Recht und kein Privileg sein sollte. Sie sollte den Menschen helfen zu verstehen, wie Entscheidungen getroffen werden, wer die Macht innehat und wie sie selbst nicht als Zuschauer, sondern als Akteure mitwirken können. Diese Überzeugung hat mich zu meiner jetzigen Tätigkeit geführt, bei der ich in Sachsen Materialien für die politische Bildung und den Unterricht entwickle. Dabei habe ich etwas gelernt, was mir zuvor nicht ganz bewusst war: Information ist nicht dasselbe wie Verständnis. Wir sind von mehr Informationen umgeben als jede Generation vor uns, und oft ist es schwieriger – nicht einfacher –, zu wissen, welchen Informationen man vertrauen kann. Medienkompetenz und politisches Wissen müssen gemeinsam aufgebaut werden, sonst hält keines von beiden für sich allein stand. Eine der größten Herausforderungen bei dieser Arbeit besteht darin, Raum dafür zu schaffen, dass Menschen ganz offen sagen können: „Das verstehe ich nicht“, und ohne Scham Fragen stellen können. Die politische Bildung geht allzu oft von einem Grundmaß an Selbstvertrauen aus, über das nicht jede*r verfügt – insbesondere Menschen, die, wie ich mit siebzehn, Demokratie bisher nur als Begriff in einem Schulbuch kennengelernt haben.

Als Demokratie persönlich wurde Read More »

TEST Delete me later

AGOR – Opening Ausstellung von Catrin Grosse, Iris Stoeber & Chris Bird-Jones AGOR ist ein internationales Kollektiv zeitgenössischer Künstler*innen, das während der Covid-19-Pandemie entstand. In einer Zeit der Isolation, Unsicherheit und geschlossenen Grenzen ließ das Projekt aus der Distanz Verbindung entstehen und zeigte, dass künstlerischer Austausch auch unter den schwierigsten Umständen möglich bleibt. Für Künstler*innen bedeutete die Pandemie den Verlust von Möglichkeiten zur Ausstellung, von Publikum, Reisen und direktem Austausch. Gleichzeitig führte der Brexit zu neuen Barrieren für die kulturelle Zusammenarbeit zwischen dem Vereinigten Königreich und Europa. Doch die Überzeugung blieb bestehen, dass Kunst weitergehen muss – selbst wenn die Welt zum Stillstand kommt. Was als Online-Residenzprogramm begann, entwickelte sich zu einer fortlaufenden internationalen Zusammenarbeit zwischen Wales und Deutschland durch Residenzen, Ausstellungen und Dialog. Im Zentrum von AGOR steht die zeitgenössische Kunst als gemeinsames Gespräch. Das Kollektiv bringt Künstler*innen zusammen, deren Praktiken unterschiedlich sind, die jedoch die Überzeugung teilen, dass Kunst Grenzen überschreiten kann – geografische, kulturelle und politische. Der Fokus auf Künstlerinnen verweist auf die weiterhin bestehende Ungleichheit in der Sichtbarkeit innerhalb der bildenden Kunst und auf die Notwendigkeit, Repräsentation und Austausch zu stärken. Diese Ausstellung findet in der Full Moon Gallery statt – einem Ort, der während des Lockdowns durch seine Schaufenster-Ausstellungen für die Öffentlichkeit zugänglich blieb. In diesem Sinne teilen die Gallery und AGOR eine gemeinsame Haltung: Beide reagierten auf Isolation nicht mit Rückzug, sondern indem sie neue Wege fanden, die Verbindung zwischen Künstler*innen und Publikum aufrechtzuerhalten. Die Ausstellung vereint Arbeiten von Catrin Grosse, Iris Stoeber und Chris Bird-Jones sowie ausgewählte zeitgenössische Künstlerinnen aus Wales. In Skulptur, Installation, Zeichnung, Fotografie, Druck, Glas und Mixed Media untersuchen die Arbeiten Transformation, Wahrnehmung, Erinnerung und materielle Veränderung. Unterschiedliche visuelle Sprachen treffen in einem gemeinsamen Raum des Austauschs und der Reflexion aufeinander. AGOR eröffnet einen Ort der Begegnung für zeitgenössische Kunst über Grenzen hinweg. Und erinnert uns daran, dass Kunst weitergehen muss – selbst in Zeiten der Trennung. 30.August – 25. September 2026Vernissage | 30. August 2026 | 20:00 Uhr Full Moon GalleryEintritt frei!   EN — AGOR – OpeningExhibition by Catrin Grosse, Iris Stoeber & Chris Bird-Jones  AGOR is an international collective of contemporary artists that emerged during the Covid-19 pandemic. In a time of isolation, uncertainty, and closed borders, the project transformed distance into connection, showing that artistic exchange can continue even under the most difficult circumstances. For artists, the pandemic meant the loss of exhibitions, audiences, travel, and direct exchange. At the same time, Brexit introduced new barriers to cultural collaboration between the United Kingdom and Europe. Yet the conviction remained that art must continue—even when the world comes to a standstill. What began as an online residency developed into an ongoing international collaboration connecting Wales and Germany through residencies, exhibitions, and dialogue. At the heart of AGOR is contemporary art as a shared conversation. The collective brings together artists whose practices differ, but who are united by the belief that art can cross borders—geographical, cultural, and political. A focus on women artists reflects the continuing imbalance in visibility within the visual arts and the need to strengthen representation and exchange. This exhibition is presented at Full Moon Gallery, a space that remained open to the public during lockdown through its window exhibitions. In this way, the gallery and AGOR share a common approach: both responded to isolation not by withdrawing, but by finding new ways to stay connected between artists and audiences. The exhibition brings together works by Catrin Grosse, Iris Stoeber and Chris Bird-Jones, alongside selected contemporary women artists from Wales. Through sculpture, installation, drawing, photography, print, glass, and mixed media, the works explore transformation, perception, memory, and material change. Different visual languages meet in a shared space of exchange and reflection. AGOR is an opening – a meeting place for contemporary art across borders. And a reminder that even in times of separation, art must go on. 30 August – 25 September 2026 Vernissage | 30 August  2026 | 8:00 PM Full Moon Gallery Free admission! 

TEST Delete me later Read More »

DRITTER NEWSLETTER

Der 3. Newsletter des MedienDemokratieHubs ist da! In den vergangenen Monaten ist im Projekt „MedienDemokratieHub – Sachsen gestaltet Zukunft“ viel entstanden. Neben zahlreichen Workshops an Schulen in ganz Sachsen wurden neue digitale Angebote entwickelt, die Medienkompetenz, demokratische Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. In unserem dritten Newsletter geben wir Einblicke in die bisherigen Aktivitäten, stellen die neue MedienDemokratieMap, unsere Stories und Interviews sowie das interaktive E-Learning-Angebot vor und zeigen, wie gemeinsam ein wachsendes Netzwerk für Demokratie und Medienbildung in Sachsen entsteht.  

DRITTER NEWSLETTER Read More »

Politisches Bewusstsein im digitalen Zeitalter

Maja Spickenheuer | FSJlerin Maja Spickenheuer | FSJlerin Eine persönliche Perspektive von Maja Spickenheuer über politisches Bewusstsein im digitalen Zeitalter und darüber, wie frühe Erfahrungen, soziale Medien und persönliche Begegnung das politische Engagement prägen. Ich bin in einem sehr politischen Haushalt aufgewachsen. Seit ich klein bin, bin ich es gewohnt, dass Diskussionen über Politik geführt wurden, Nachrichten liefen und wir auf Demonstrationen gingen, um für unsere Rechte einzustehen. Ich war, glaube ich, acht Jahre alt, als ich auf meiner ersten Demonstration gegen Pegida war. Meine Eltern brachten mich früh in Kontakt mit Menschen, die das Privileg nicht hatten, in einem finanziell sicheren Umfeld aufzuwachsen und zusätzlich in Deutschland zu leben. Sie zeigten mir Kinderhörspiele über Flucht und Krieg, was mich bis heute prägt. Um 2015 herum nahm meine Familie eine syrische Familie als “Paten” auf. Sie wohnten in einem Hochhaus in unserer Nähe, während ich in einer Altbauwohnung lebte. Wir besuchten uns oft, aßen miteinander und zeigten uns gegenseitig unsere Kulturen. Die Familie sprach kaum Deutsch und hatte nicht die finanziellen Mittel, um grundlegende Dinge wie einen Schulranzen zu kaufen. Wir halfen, wo wir konnten, und trotz des begrenzten Geldes luden sie uns ein, kochten für uns und schenkten mir Schmuck. Diese Erfahrungen ließen mich früh verstehen, wie gut ich’s habe und wie unterschiedlich Lebensrealitäten sein können. Außerdem lernte ich, dass man aktiv werden kann, wenn man mit Entwicklungen unzufrieden ist, wie damals, als mein Vater gegen den Bau der Waldschlösschenbrücke Flyer verteilte und einen Film produzierte, um aus Umweltschutzgründen dagegen zu protestieren. Durch diese frühe Politisierung war Politik für mich immer ein fester Bestandteil meines Lebens und wurde in meiner Jugend immer bedeutender. Ich begann, alleine oder mit Freundinnen und Freunden auf Demonstrationen zu gehen, etwa gegen den Klimawandel oder gegen den Rechtsruck. Ich wähle, unterschreibe Petitionen, nehme an Umfragen teil, besuche Podiumsdiskussionen oder verteile Flyer. Zusätzlich ist mir der direkte Austausch wichtig: ich informiere Menschen in meinem Umfeld über politische Themen, diskutiere mit ihnen und sage etwas, wenn diskriminierende Aussagen fallen. Auch Social Media beeinflusst meine politische Bildung. Anfangs informierte ich mich über TikTok, inzwischen vor allem über Podcasts oder Dokumentationen auf Youtube. Social Media spielt eine zunehmende Rolle für junge Menschen, die politisch aktiver werden. Wie stark der Einfluss sein kann, zeigt die Aktion “Women For Change” in Südafrika: Durch lila Profilbilder wurde Aufmerksamkeit auf die Femizide im Land gelenkt1, sodass sich der Präsident äußern musste2. Auch wenn dadurch das Problem nicht gelöst wurde, zeigt es, dass digitale Sichtbarkeit Veränderungsprozesse anstoßen kann. Social Media hat jedoch auch problematische Seiten, besonders im Hinblick auf Radikalisierung. Man sieht oft nur Inhalte, die das eigene Weltbild bestätigen3. Deshalb ist es wichtig, sich bewusst und aktiv zu informieren, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Quellen zu prüfen. Informationen verbreiten sich online sehr schnell, oft ohne journalistische Überprüfung, wodurch Falschinformationen entstehen können. Gleichzeitig bietet diese Offenheit auch Chancen: Menschen können Inhalte teilen, die in klassischen Medien kaum vorkommen4. Das zeigt sich beispielsweise in Nepal. Dort versuchte die Regierung, durch einen Internet-Shutdown Proteste zu unterdrücken. Das Ziel war es, Kommunikation zu erschweren und die Möglichkeit zu verringern, sich zu organisieren. Dieser Versuch scheiterte jedoch, und die Proteste entwickelten sich weiter, bis schließlich die Regierung stürzte5. Dieses Beispiel zeigt, wie bedeutend Informationszugang ist und wie stark politische Machtverhältnisse davon beeinflusst werden können. Solche Ereignisse machen mir bewusst, welches Privileg es ist, als weiße deutsche Frau aufzuwachsen. Ich müsste mich nicht mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigen, da ich finanziell abgesichert bin und von vielen Entwicklungen nicht direkt betroffen wäre. Viele Menschen in meinem Umfeld tun das auch nicht, was ich nachvollziehen kann, denn die Weltlage ist belastend. Besonders in der Generation Z gibt es eine starke Zukunftsunsicherheit, sowohl finanziell als auch aufgrund des Klimawandels und der Frage, wie ein gutes Leben in Zukunft aussehen kann6. Im Vergleich zu früheren Generationen, die mit wirtschaftlicher Stabilität und politischer Sicherheit aufwachsen7, erleben viele junge Menschen heute Unsicherheiten, und manche schützen sich, indem sie sich weniger mit Politik befassen. Auch in meinem Umfeld fällt mir das auf. Bei mir ist das jedoch anders. Ich weiß, dass ich privilegiert bin, weil ich entscheiden kann, ob und wofür ich mich engagiere. Andere Menschen haben diese Wahl nicht. Sie sind gezwungen, sich mit politischen Entwicklungen auseinanderzusetzen, weil diese ihr Leben beeinflussen. Teilweise kann ich dieses Gefühl nachvollziehen, denn auch in Deutschland erleben Frauen Diskriminierungen und Gewalt. Dennoch unterscheidet sich meine Situation von denen vieler Frauen weltweit, wie etwa einer Schwarzen Mutter in den USA, die sowohl von Abtreibungsverbot betroffen ist8 als auch Rassismus erlebt. Ihr Leben unterscheidet sich stark von meinem. Ich bezeichne mich als Feministin, weil meine eigenen Erfahrungen mich geprägt haben. Dabei geht es mir nicht nur um meine eigene Gleichberechtigung, sondern darum, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben sollten. Ein intersektionaler Ansatz ist mir wichtig, weil er anerkennt, dass Menschen je nach Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe oder sozialer Position unterschiedliche Formen der Diskriminierung erleben9. Deshalb bilde ich mich weiter, setze mich mit verschiedenen Lebensrealitäten auseinander und informiere Menschen in meinem Umfeld. In Zukunft möchte ich Politikwissenschaften studieren, um gesellschaftliche Strukturen noch besser zu verstehen. Außerdem möchte ich bei “Demokratie und Courage” mitarbeiten und Schüler*innen demokratische Grundhaltungen näherbringen, um Hass und Hetze entgegenzuwirken. Ich bin überzeugt, dass politische Beteiligung notwendig ist, weil Politik alle betrifft. Die Vorstellung, Politik ginge einem nichts an, ist ein Ausdruck von Privilegien, aber sie ist falsch. Demokratie muss geschützt werden, und dafür braucht es Engagement. Politisches Handeln muss nicht groß sein. Schon kleine Schritte können etwas bewirken: sich informieren, Quellen prüfen, wählen gehen oder im Alltag widersprechen, wenn diskriminierende Aussagen gemacht werden. Solches Verhalten stärkt demokratische Werte und zeigt Verantwortung. Quellen Hollweck, Stefanie. „Lila Profilbilder: Der G20-Protest gegen Gewalt an Frauen.” Sonntagsblatt, 21 November 2025. BBC. “South Africa declares gender violence a national disaster after protests.” 21 November 2025. Wawrzyniak, Jessica. “Radikalisierung im Netz.” digital check nrw, 2025. Ubga, Abel. “Bürgerjournalismus.” Deutsche Journalisten Akademie, 2024. Ng, Kelly. “Social media ban lifted after protests.” BBC, 2025. Hampel, Kilian. “Jugendstudie: Gen Z ist verunsichert.” WDR, 2024. Burkhardt,

Politisches Bewusstsein im digitalen Zeitalter Read More »

Ulrike Cadot-Knorr | Lebenslanges Lernen Landeshauptstadt Dresden

Dresden als Stadt des Lebenslangen Lernens gestalten Dresden als Stadt des Lebenslangen Lernens gestalten Ein Interview mit Ulrike Cadot-Knorr – Referentin für Lebenslanges Lernen bei der Landeshauptstadt Dresden – über ihre Arbeit, Lernräume in der Stadt zu vernetzen, Bildung als fortlaufenden Prozess erlebbar zu machen und wie digitale Angebote und Medienkompetenz dazu beitragen, Zugänge zu öffnen und Teilhabe zu stärken. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Mein Name ist Ulrike Cadot-Knorr, lebhaft in Dresden, und ich bin seit 2018 bei der Landeshauptstadt Dresden beschäftigt. In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig? Ich bin Referentin für Lebenslanges Lernen der Landeshauptstadt Dresden, Geschäftsbereich Bildung, Jugend und Sport. Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren? Der Anstoß für mein Engagement im Bereich Lebenslanges Lernen liegt in meiner langjährigen Arbeit in der Kulturellen Bildung und meinem tiefen Interesse daran, Bildung als einen integrativen, gesellschaftlich wirksamen Prozess zu gestalten. Durch meine beruflichen Stationen, in denen ich kulturelle und bildungsbezogene Projekte initiiert und begleitet habe, wurde mir klar, wie stark Lernen das Leben der Menschen ganzheitlich prägt und verbindet. Ich wollte dieser Wirkung eine neue, breitere Dimension geben: nicht nur einzelne Angebote zu entwickeln, sondern Bildung als fortlaufenden, lebensweltlichen und stadtgesellschaftlichen Prozess zu verstehen und strategisch aktiv mitzugestalten. Mein Anspruch ist es, die vielfältigen Lernräume unserer Stadt so zu vernetzen und weiterzuentwickeln, dass sie für viele Menschen zugänglich sind und Lernen als bereichernde Erfahrung in allen Lebensphasen erfahrbar wird (z. B. in Kultur, Freizeit, Ehrenamt und Alltag). Mir geht es darum, meine bisherigen beruflichen Erfahrungen zu nutzen, um Bildungsprozesse in der Landeshauptstadt Dresden langfristig und für möglichst viele Menschen wirksam zu gestalten. Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit? Meine Arbeit umfasst die Analyse und Bewertung der Bildungsstrukturen in Dresden, insbesondere im Hinblick auf Bildungsbedarfe und Veränderungsprozesse. Ein zentraler Aufgabenbereich ist die Steuerung und Umsetzung des städtischen Gesamtkonzepts Lebenslanges Lernen (L3) zur Förderung von Bildungschancen für alle Bürgerinnen und Bürger. Darüber hinaus begleite ich die Volkshochschule Dresden fachlich und strategisch. Dazu gehören unter anderem das Fördermittel- und Vertragsmanagement sowie die Mitgestaltung von Strategieprozessen. Ich berate außerdem die Geschäftsbereichsleitung für Bildung, Jugend und Sport. Ein weiterer wichtiger Bestandteil meiner Tätigkeit ist die aktive Mitarbeit in Netzwerken und Gremien auf kommunaler, Landes-, Bundes- und internationaler Ebene, um die Weiterentwicklung von Lernorten kontinuierlich voranzubringen. Zudem vertrete ich Dresden im UNESCO Global Network of Learning Cities, wodurch wir Wissen, beispielhafte Praxis und vieles mehr integrieren können. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Öffentlichkeitsarbeit: Dazu gehören Beiträge zum öffentlichen Diskurs, Präsentationen sowie Publikationen im Rahmen von L3. Ergänzend dazu berate und begleite ich verschiedene Bildungseinrichtungen. Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung? Meine Arbeit ist für Sachsen relevant, weil sie zeigt, welche Rolle Kommunen heute im Bildungsbereich übernehmen können und müssen. Mit dem Gesamtkonzept Lebenslanges Lernen in Dresden arbeite ich an einer strategischen Grundlage, die Bildung nicht auf Schule oder Ausbildung reduziert, sondern als kommunale Gestaltungsaufgabe über alle Lebensphasen hinweg versteht. Dresden begreife ich dabei als Lernort im umfassenden Sinn: Lernen findet in Kultureinrichtungen, im Ehrenamt, im Quartier, im Beruf und im Alltag statt. Gerade diese non-formalen Bildungsprozesse prägen den größten Teil unseres Lebens und sind entscheidend für Teilhabe, Orientierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für Sachsen ist dieser Ansatz bedeutsam, weil er auf aktuelle gesellschaftliche Veränderungen reagiert – etwa den demografischen Wandel, Fragen der Chancengerechtigkeit, der Digitalisierung, der nachhaltigen Entwicklung und der Polarisierung unserer Stadtgesellschaft – und diese auf kommunaler Ebene konkret bearbeitbar macht. Das Dresdner Gesamtkonzept orientiert sich dabei an den Zielen der Agenda 2030, nicht als abstrakter Rahmen, sondern als praktischer Maßstab für Bildungsplanung, Kooperation und langfristige Verantwortung. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich? Eine der größten Herausforderungen ist es, Lebenslanges Lernen nicht nur konzeptionell zu denken, sondern es auch praktisch wirksam zu machen. Das betrifft vor allem die Frage, wie die gezielte Förderung des Bereichs so gestaltet werden kann, dass sie tatsächlich Bedarfe trifft und bestehende Arbeit stärkt, statt neue Strukturen neben bereits vorhandene zu setzen. Gleichzeitig arbeite ich in einer sehr vielfältigen Bildungslandschaft, in der vieles parallel entsteht. Diese Vielfalt ist wertvoll, macht es aber notwendig, genauer hinzuschauen: Wo gibt es ggf. Doppelstrukturen? Wo fehlen Verbindungen? Und wie können wir vorhandene Ressourcen besser bündeln? Eine weitere Herausforderung ist die Sichtbarkeit. Ein großer Teil des Lernens findet non-formal, also außerhalb von Schule und beruflicher Bildung statt – in Kultur, im Ehrenamt, in Initiativen oder im Alltag. Diese Bildungsleistungen sind oft zu wenig sichtbar und werden nicht selbstverständlich als Bildung anerkannt. Hier braucht es gezielte Kommunikation und ein Umdenken. Anspruchsvoll ist auch der Aufbau eines stadtweiten Monitorings für Lebenslanges Lernen angesichts der großen Vielfalt von Akteurinnen und Akteuren. Es geht nicht darum, alles messbar zu machen, sondern darum, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, um Entwicklungen besser einschätzen und steuern zu können. Besonders deutlich wird die Herausforderung bei den Ressourcen: Viele Akteure der non-formalen Bildungslandschaft arbeiten unter engen Rahmenbedingungen, während sich gesellschaftliche Anforderungen sehr schnell verändern. Mit dieser Dynamik umzugehen und dennoch langfristig zu planen, ist ein ständiger Balanceakt. Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit? Digitale Angebote sind für meine Arbeit vor allem dann relevant, wenn es um Zugänglichkeit geht. Sie ermöglichen Lernformate, die sich besser an unterschiedliche Lebensrealitäten anpassen – zeitlich, räumlich und organisatorisch. Das ist eine zentrale Voraussetzung, wenn man Lebenslanges Lernen ernst meint. Ich verstehe Bildung nicht als etwas, das an einen festen Ort oder einen bestimmten Zeitpunkt gebunden ist. Digitale Formate helfen dabei, Lernen als fortlaufenden Prozess zu denken, der sich verändern darf und an individuelle Bedürfnisse anschließt. Gleichzeitig erlebe ich, dass digitale Räume in der Bildungsarbeit oft noch zu wenig mitgedacht werden. Medienkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts, wird aber gerade im non-formalen Bereich häufig unterschätzt oder einfach vorausgesetzt. Bei vielen Akteurinnen und Akteuren fehlt es hier noch an Erfahrung, Wissen oder passenden Ressourcen. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Lücke zu thematisieren, Kompetenzen aufzubauen und digitale Angebote so einzusetzen, dass sie tatsächlich Reichweite erzeugen und mehr Menschen erreichen – nicht als technische Lösung, sondern als Teil einer zeitgemäßen Bildungsarbeit. Wie wichtig ist Medienkompetenz

Ulrike Cadot-Knorr | Lebenslanges Lernen Landeshauptstadt Dresden Read More »