Paul Groschinski | MediaEducators Vogtland

Medienkompetenz stärken, Demokratie fördern: Bildungsarbeit im Vogtland
Medienkompetenz stärken, Demokratie fördern: Bildungsarbeit im Vogtland
Ein Interview mit Paul Groschinski – Leiter des Projekts MediaEducators Vogtland – über die Bedeutung von Informations- und Nachrichtenkompetenz, kreative Bildungsarbeit in der offenen Jugendarbeit und wie praxisnahe Medienbildung junge Menschen dazu befähigt, kritisch, selbstbewusst und aktiv an unserer Gesellschaft mitzuwirken
Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?
Mein Name ist Paul Groschinski, ich bin 31 Jahre alt und lebe in Plauen im Vogtland. Aufgewachsen bin ich im Bonner Raum. Ich habe Kultur- und Erziehungswissenschaften studiert und anschließend einen Master in Erwachsenenbildung mit den Schwerpunkten politische Bildung und Medienbildung abgeschlossen. Beruflich war ich in der pädagogischen Begleitung von Freiwilligendienstleistenden, in der Netzwerkarbeit einer Stadtbibliothek sowie als Bildungsreferent in der kirchlichen Erwachsenenbildung tätig.
In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig?
Aktuell leite ich das Projekt MediaEducators Vogtland. In Kooperation mit Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit entwickeln und gestalten wir Angebote, welche die Medien- und Demokratiekompetenz stärken. Dazu gehören zum Beispiel Workshops zu Themen wie Künstliche Intelligenz, soziale Medien und ihre Plattformlogiken oder der Umgang mit Fake News. Ergänzt werden die Angebote durch Exkursionen – etwa zum MDR – und kreative Projektformate.
Ein besonders schönes Beispiel ist unser Ferienprojekt „19 Steine“: Hier haben Kinder und Jugendliche die Biografien der Menschen hinter den Stolpersteinen ihrer Stadt recherchiert und in selbst produzierten Audiobeiträgen hörbar gemacht. Diese Beiträge wurden zudem in eine digitale Schnitzeljagd mit der App Actionbound eingebunden, sodass diese vor Ort bei den Stolpersteinen abgespielt werden können. Solche Formate verbinden Medienbildung mit historisch-politischer Bildung und zeigen, wie lebendig Lernen werden kann, wenn junge Menschen selbst aktiv werden.
Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?
Angesichts der aktuellen weltpolitischen Entwicklungen und der sich ständig wandelnden Medienlandschaft ist es mir ein großes Anliegen, dass junge Menschen in ihren demokratischen Werten gestärkt werden und lernen, sich souverän und reflektiert im Internet zu bewegen. Nur wer Informationen kritisch einordnen kann, ist in der Lage, sich selbstbestimmt eine Meinung zu bilden und aktiv an unserer Gesellschaft teilzunehmen.
Seit meiner Jugend engagiere ich mich in der Jugendarbeit und habe immer gerne mit Gruppen gearbeitet. Es macht mir große Freude, gemeinsam mit Jugendlichen und pädagogischen Fachkräften kreativ zu werden, eigene Medienprodukte zu entwickeln und dabei ganz praktisch Medien- und Informationskompetenz zu fördern. Auf diese Weise einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass unsere Gesellschaft respektvoll, kritisch und demokratisch bleibt, motiviert mich jeden Tag aufs Neue.
Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit?
Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, gemeinsam mit verschiedenen Einrichtungen im Vogtland Bildungsangebote und -formate zu gestalten und umzusetzen. Dabei geht es oft darum, Konzepte zu entwickeln, die wirklich zu den jeweiligen Einrichtungen und den jungen Menschen vor Ort passen. Die Konzeption erfolgt in enger Absprache mit unseren Projektpartnern, um Themen, Methoden und Abläufe so zu gestalten, dass sie im Alltag der Einrichtungen funktionieren.
Den Großteil der Angebote begleite ich auch praktisch. Das macht die Arbeit sehr lebendig und abwechslungsreich. Gleichzeitig gehört auch die Koordination des Gesamtprojekts dazu: Ich halte das Team und die externen Referent:innen zusammen, plane Abläufe, stimme mich mit den Projektpartnern ab und sorge dafür, dass alles gut ineinandergreift.
Wichtig ist mir, dass die Einrichtungen durch unsere Zusammenarbeit langfristig eigene Strukturen aufbauen und Angebote selbstständig weiterführen können. Dazu kommen natürlich auch Aufgaben wie die Dokumentation, Evaluation, Öffentlichkeitsarbeit und die finanzielle Abwicklung der einzelnen Maßnahmen. Kurz gesagt: Ich sorge dafür, dass aus Ideen konkrete Bildungsangebote werden, die sich nachhaltig etablieren.
Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung?
Die GMK-Studie „Lauter Hass – leiser Rückzug“ zeigt, dass Erfahrungen mit Hass und Hetze im Netz viele Menschen davon abhalten, sich online politisch einzubringen. Die Studie betont daher ausdrücklich, wie wichtig die Stärkung von Medien- und
Nachrichtenkompetenz ist, politische Teilhabe nachhaltig zu ermöglichen. Im ländlichen Raum Sachsens ist dieser Bedarf meiner Meinung nach besonders spürbar: Der Zugang zu Bildungsangeboten ist oft begrenzt, während Desinformation und einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen in sozialen Netzwerken schnell Verbreitung finden. Genau hier setzt unsere Arbeit an – wir wollen jungen Menschen Werkzeuge an die Hand geben, um Informationen kritisch einzuordnen, Manipulationsstrategien zu erkennen und sich reflektiert eine eigene Meinung zu bilden. Das stärkt nicht nur den Einzelnen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die demokratische Kultur in der Region.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich?
Eine der größten Herausforderungen ist sicher, mit den sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in der offenen Jugendarbeit umzugehen. Man weiß nie genau, wer am Ende tatsächlich vor einem steht – wie viele Jugendliche kommen, in welchem Alter, mit welchen Interessen oder Themen sie sich gerade beschäftigen. Diese Unverbindlichkeit macht die Arbeit gleichzeitig spannend und herausfordernd: Angebote müssen so gestaltet sein, dass sie spontan anschlussfähig sind und trotzdem einen klaren roten Faden haben.
Hinzu kommt, dass wir zunehmend mit Radikalisierungstendenzen konfrontiert sind – sei es in Form von extremen Meinungen, Abgrenzungstendenzen oder gesellschaftlicher Polarisierung, die sich auch in jugendlichen Gruppen widerspiegeln. Das verlangt viel Fingerspitzengefühl, Offenheit und gleichzeitig eine klare Haltung.
Da die Jugendlichen freiwillig teilnehmen, steht und fällt vieles mit der Attraktivität und Relevanz der Angebote. Inhalte müssen an ihre Lebenswelt anknüpfen, gleichzeitig aber auch über sie hinausweisen. Das bedeutet, man ist ständig gefordert, Themen, Formate und Zugänge weiterzuentwickeln, um die Jugendlichen wirklich zu erreichen – ohne sie zu überfordern oder zu belehren.
Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?
Digitale Angebote im Sinne von Online- oder hybriden Formaten spielen bisher keine Rolle in unserer Arbeit. Unser Ansatz ist ein aufsuchendes Konzept: Wir arbeiten direkt in den Jugendzentren und somit sozialen Räumen, in denen sich die Jugendlichen ohnehin aufhalten. So können wir sie viel besser erreichen, als wenn sie geplant an einer Online-Veranstaltung teilnehmen müssten.
Trotzdem sind digitale Werkzeuge und Medienkompetenz zentrale Bestandteile unserer Projekte. Wir nutzen verschiedene Tools, um die Jugendlichen praktisch an den Umgang mit digitalen Medien heranzuführen – sei es für kreative Projekte, Recherche oder Präsentationen. Dabei geht es nicht nur um die reine Bedienung der Technik, sondern vor allem darum, Medien bewusst, reflektiert und kreativ zu nutzen. So lernen die Jugendlichen, Informationen kritisch einzuschätzen, Inhalte selbst zu gestalten und digitale Möglichkeiten für eigene Ideen einzusetzen – alles auf eine lebensnahe und praxisorientierte Weise.
Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement?
Medienkompetenz ist aus meiner Sicht zentral für zivilgesellschaftliches Engagement. In einer Welt, in der Informationen und Meinungen in Windeseile über soziale Medien und digitale Kanäle verbreitet werden, ist es entscheidend, Inhalte kritisch einordnen zu können. Wer digitale Medien bewusst und reflektiert nutzt, kann nicht nur besser informieren und argumentieren, sondern auch wirksam auf gesellschaftliche Themen aufmerksam machen und Beteiligung ermöglichen.
Für Jugendliche bedeutet das konkret: Wer Medienkompetenz besitzt, kann eigene Projekte, Aktionen oder Initiativen sichtbar machen, Mitstreiter:innen gewinnen und Diskussionen sachlich gestalten. Gleichzeitig lernen sie, manipulative Inhalte zu erkennen und sich vor Desinformation zu schützen – eine Fähigkeit, die für eine funktionierende Demokratie und aktives Engagement unverzichtbar ist.
Medienkompetenz ist also nicht nur eine technische Fertigkeit, sondern eine Schlüsselqualifikation, um aktiv, verantwortungsvoll und wirksam Gesellschaft zu gestalten.
Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe?
Digitale Medien eröffnen enorme Chancen für zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe. Sie ermöglichen es, Informationen schnell zu verbreiten, Diskussionen anzustoßen, Netzwerke zu knüpfen und Menschen für gesellschaftliche Themen zu mobilisieren – oft unabhängig von geografischen oder sozialen Grenzen.
Gleichzeitig bergen digitale Medien Herausforderungen. Die Flut an Informationen kann überfordern, Desinformation und Polarisierungstendenzen sind weit verbreitet, und nicht alle Menschen verfügen über die gleichen Kompetenzen, um Inhalte kritisch zu beurteilen. Ohne ein Bewusstsein für diese Risiken kann Engagement schnell oberflächlich oder manipulierbar werden.
Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten?
Eine der schönsten Veränderungen, die ich beobachten konnte, ist, wenn Jugendliche Zusammenhänge erkennen und beginnen, ihre eigenen Standpunkte reflektiert zu vertreten. Ein besonders eindrückliches Erlebnis war mit einer Teilnehmerin, die sich darüber echauffierte, dass Simson-Fahren jetzt angeblich schon rechts sei und dies bei TikTok diskutiert werde. Gemeinsam haben wir die Aussagen kurz recherchiert und herausgefunden, dass sie aus verschiedenen TikTok-Videos stammten, die sich auf einen Zeitungsartikel bezogen – der die Vereinnahmung der Simson als rechtsextremes Symbol deutlich differenzierter darstellte. Nachdem wir die Behauptungen der TikToker:innen mit den tatsächlichen Aussagen des Artikels abgeglichen hatten, erkannte die Teilnehmerin, dass vieles, was online behauptet wurde, so gar nicht stimmte. Es war ein tolles Erlebnis zu sehen, wie sie durch diese Reflexion kritisch und selbstbewusst die Zusammenhänge einordnen konnte.
Besonders sichtbar werden Erfolge auch in der aktiven Medienarbeit. Wenn Jugendliche eigene Medienprodukte erstellen – sei es ein Hörspiel, ein Kurzfilm oder ein kreatives Projekt – erleben sie unmittelbar, dass ihre Ideen Wirkung haben und von anderen wahrgenommen werden. Die selbstgeschaffenen Ergebnisse stärken ihr Selbstbewusstsein und fördern gleichzeitig ihre Motivation. Außerdem stärken sie ihre Fähigkeiten in Teamarbeit, Projektplanung und kreativer Umsetzung.
Langfristig möchten wir mit MediaEducators Vogtland die Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und pädagogischen Fachkräften im Vogtlandkreis nachhaltig stärken. Im Zentrum steht dabei die Informations- und Nachrichtenkompetenz – also die Fähigkeit, Informationen kritisch zu prüfen, Quellen einzuordnen und sich eine eigene, reflektierte Meinung zu bilden.
Unser Ziel ist es, diese Themen dauerhaft in den Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit zu etablieren – durch Bildungsangebote mit Jugendlichen, die Weiterbildung des pädagogischen Personals und die Unterstützung bei der Entwicklung von Leitlinien für eine reflektierte Mediennutzung. So soll Medienbildung nicht nur punktuell stattfinden, sondern fester Bestandteil der pädagogischen Arbeit werden.
Gleichzeitig verstehen wir unsere Arbeit als Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt: Wer Medien versteht und kritisch mit ihnen umgeht, stärkt demokratische Werte und trägt zu einer informierten und offenen Gesellschaft bei.
Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten?
Unsere Arbeit ist derzeit über eine dreijährige Projektförderung finanziert – das ermöglicht uns, viele gute Ansätze umzusetzen, schafft aber keine langfristige Perspektive. Gerade in der Bildungsarbeit, in der es um Vertrauen, Kontinuität und nachhaltige Wirkung geht, ist das ein großes Thema. Nach drei Jahren laufen Strukturen oft aus, obwohl sie sich gerade erst etabliert haben. Eine verlässlichere und längerfristige Finanzierung würde es uns ermöglichen, die begonnenen Prozesse zu verstetigen und dauerhaft in der Region zu verankern.
Darüber hinaus ist unsere Arbeit aktuell auf die offene Kinder- und Jugendarbeit beschränkt. Dort erreichen wir viele junge Menschen sehr niedrigschwellig – aber der Bedarf an Medienbildung und Informationskompetenz geht weit darüber hinaus. Auch in Schulen, in der beruflichen Bildung oder in der Arbeit mit Multiplikator:innen sehen wir großen Bedarf, während die entsprechenden Angebote bisher sehr begrenzt sind.
Um unsere Arbeit zu intensivieren, wäre daher nicht nur eine langfristigere Finanzierung wichtig, sondern auch eine Ausweitung der Zielgruppen und Kooperationen. Medienkompetenz und demokratische Bildung sind Querschnittsaufgaben, die alle Lebensbereiche betreffen – und genau so sollten sie auch gefördert und strukturell verankert werden.
Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten?
Ich würde jungen Menschen raten, neugierig zu bleiben, Fragen zu stellen und sich einzumischen – online wie offline. Engagement beginnt oft im Kleinen: im Jugendzentrum, bei einem Medienprojekt, in einer Initiative oder einfach dadurch, dass man Themen anspricht, die einem wichtig sind.
Gerade in einer Zeit, in der so viele Informationen auf uns einprasseln, ist es wichtig, kritisch zu bleiben, sich eine eigene Meinung zu bilden und gleichzeitig offen für andere Perspektiven zu sein. Wer sich engagiert, lernt nicht nur viel über die Welt, sondern auch über sich selbst – und kann dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft respektvoll, solidarisch und demokratisch bleibt.
Gibt es noch etwas, das Sie gerne mitteilen möchten?
Abschließend möchte ich einfach danke sagen, dass wir Teil des MedienDemokratieHubs sein dürfen. Es ist toll, in einem Netzwerk von Projekten und Akteur:innen präsent zu sein, die sich alle für die Stärkung von Medienkompetenz und demokratischem Handeln einsetzen.
Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?
Interessierte können unser Projekt unterstützen, indem sie sich aktiv einbringen. Wir suchen aktuell Referent:innen, die Workshops oder Projekte mitgestalten möchten sowie weitere Kooperationspartner:innen, die neue Impulse in der offenen Kinder- und Jugendarbeit umsetzen wollen. Weitere Informationen über uns gibt es auf unserer Website oder direkt bei uns – wir freuen uns über jede Anfrage und neue Ideen.
Kontakt:
mediaeducators.de
Mail: post@mediaeducators de
Insta: mediaeducators_vogtland
Tel: 03741 / 28 14 455