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Jan Hüfner | Berater und Vorstandsmitglied des Gaionauten e. V.

Bildung mit allen Sinnen: Wie aktuelle Fragen und Zukunftsvisionen erfahrbar werden.

Bildung mit allen Sinnen: Wie aktuelle Fragen und Zukunftsvisionen erfahrbar werden.

Ein Interview mit Jan Hüfner, systemischer Berater und Vorstandsmitglied des Gaionauten e. V., über die Bedeutung von Gefühl und gemeinsamen Momenten, über die Widersprüche digitaler Technik und darüber, warum die Natur ein Mitbestimmungsrecht braucht.

Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?

Ich heiße Jan Hüfner, bin in Jena aufgewachsen. Ich habe Volkswirtschaft und Philosophie studiert, mit der Frage im Kopf: Was hat wirtschaftliches Denken eigentlich mit dem zu tun, was uns wirklich am Herzen liegt? Heute arbeite ich als systemischer Berater und Mediator im Familienrecht, sitze also oft mit kleinen und großen Menschen in ihrem größten Schmerz und versuche, wieder eine Brücke zu bauen. Und dann bin ich noch Gaionaut, ehrenamtlich, mit ganzem Herzen. Zwei Leben, könnte man meinen. Für mich ist es dieselbe Sehnsucht: Menschen wieder miteinander in Verbindung bringen.

In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig?

Ich bin Mitglied im Vorstand beim Gaionauten e.V., mit dem wir unser Resonanz-Labor betreiben. Der Name Gaionaut trägt die ganze Haltung schon in sich, das Gegenteil von Kosmonaut. Die einen fliehen in die Ferne des Kosmos. Wir bleiben hier, auf dieser einen verletzlichen Erde, und spüren den Verbindungen nach, die längst da sind, zwischen einem Fluss und seinen Anwohnern, zwischen einem Kind und seiner Angst vor der Zukunft. Ein fälliger Perspektivwechsel gegenüber einem überzogenen Fortschrittsglauben, der die Erde und uns alle irgendwann zerstören könnte.

Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?

Ich komme aus der Smart-City-Welt, aus Zahlen, Dashboards, Kennziffern und technischen Visionen. Und habe irgendwann gespürt, fast körperlich, dass mich noch eine weitere Grafik zur Klimakrise nicht mehr erreicht. Aus meiner Arbeit mit Familien in Krisen kenne ich das: Menschen ändern sich nicht, weil man ihnen die Fakten noch einmal erklärt, sondern weil in einem Moment etwas bei ihnen ankommt, sie etwas erfühlen. Ich habe gemerkt, ich sehne mich selbst danach, den Fluss vor meiner Haustür wieder zu spüren, nicht nur seine Pegelstände zu kennen. Genau da wollten wir ansetzen. Unsere Mitgliedschaft im bundesdeutschen Netzwerk Rechte der Natur hat uns dabei weiter vorangebracht.

Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit?

Unsere Vision ist der Resonanz-Dome, eine Kuppel, in die man hineingeht wie in einen großen, atmenden Raum. Klimadaten, Wasser, Verkehr werden dort nicht mehr abgelesen, sondern gehört und gefühlt, als Klang, als Licht, das sich mit dem eigenen Atem bewegt. Dazu Bildung, die unter die Haut geht statt nur in den Kopf, gehämmert werden soll und Biokratie, der Versuch, Flüssen und Wäldern endlich eine Stimme zu geben, die man hört, statt sie zu übergehen. Ich sage ehrlich: Vieles davon ist zerbrechlich und im Werden. Wir sind ein Labor, in dem wir uns auch mal die Finger verbrennen.

Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung?

1926 wurde in Leipzig eines der ersten Großraum-Planetarien der Welt eröffnet, ein Ort des Staunens. 2026 wäre es hundert Jahre alt geworden, wenn es nicht schon im Krieg von eben jenem Himmel zerstört worden wäre, den es zu erklären suchte. Daran hängt für mich mehr als Geschichte, es ist ein Gefühl. Ich denke an 1989, an Menschen, die aneinander gedrängt auf der Straße standen, mit Herzklopfen, und in diesem gemeinsamen Moment plötzlich handlungsfähig wurden. Genau dieses Kribbeln, gemeinsam etwas zu spüren und daraus etwas zu machen, ist der Kern unseres Dome. Ich denke dabei auch ganz konkret an unseren Auwald vor der Tür, der von Sommer zu Sommer trockener wird, während im Stadtrat über seine Zukunft verhandelt wird, ohne dass er selbst am Tisch sitzt und man ihm zuhört. Genau so eine Stimme wollen wir mit dem Dome hörbar machen. Leipzig ist für mich kein Standort auf der Landkarte, es ist ein Ort, an dem dieses Gefühl schon einmal in der Luft gelegen hat.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich?

Am schwersten wiegt für mich nicht das Geld, so knapp es ist. Es ist die Müdigkeit der Menschen. Alle sind erschöpft von Krisen und doch alle zu sehr mit sich selbst oder dem beschäftigt, was sie vermeintlich am Leben hält. Und dann kommen wir und sagen: Lass uns gemeinsam fühlen, was mit unserer Welt passiert. Das ist ein zartes Angebot in einer lauten Zeit, und manchmal frage ich mich abends, ob wir überhaupt jemals damit durchdringen.

Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?

Hier steckt für mich ein Widerspruch, den ich bewusst mag: Wir nutzen Technik, um Menschen aus ihren Bildschirmen zu holen statt tiefer hineinzuziehen. Der Resonanz-Dome ist konzipiert als das genaue Gegenteil eines VR-Brillen-Metaversums, in dem jeder für sich allein und unsichtbar für die anderen durch seine eigene Welt schwebt. Bei uns stehen viele Menschen im selben Bild, sie hören sich gegenseitig atmen. Ich habe erlebt, wie eine ganze Gruppe für einen Moment still wurde, weil sie gemeinsam die Atmung eines Ökosystems gehört hat, und in dieser Stille lag mehr Verbundenheit als in hundert Erklärungen. Genau darin liegt für mich die eigentliche Kraft von Immersion: Sie öffnet Herz und Hirn gleichzeitig, für eine Idee, die man vorher nicht an sich herangelassen hätte, für eine Sichtweise, die einem bis dahin fremd oder gar zuwider war. Einer Erfahrung, die man am eigenen Leib spürt, verschließt man sich schwerer als einem Argument. Eine Stimmgabel, kein Bildschirm. Unsere KI im Hintergrund darf dabei nie mehr sein als ein leiser Übersetzer, mit einer öffentlichen Verfassung, was sie darf und was nicht. Sie soll uns helfen zu fühlen, nicht uns das Fühlen oder Entscheidungen abnehmen.

Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement?

Ich glaube, Medienkompetenz beginnt nicht am Bildschirm, sondern im Bauch. Wer einmal am eigenen Leib gespürt hat, was eine Entscheidung für den Fluss vor der eigenen Tür bedeutet, dem kann man nicht mehr so leicht etwas einreden. Dieses Gefühl von “das betrifft mich wirklich” ist für mich die eigentliche Grundlage dafür, dass sich Menschen überhaupt trauen, mitzureden, etwas verändern zu wollen.

Welche Herausforderungen und Chancen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz, insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe?

Dieselbe Technik, die uns gegeneinander aufhetzt, kann uns auch näher zueinander bringen, das ist die Spannung, mit der ich jeden Tag arbeite. Eine KI kann kalt und ohne Quelle Behauptungen in die Welt schleudern. Sie kann aber auch, wie bei uns, jede Aussage ehrlich belegen, sichtbar und nachvollziehbar, ja eben auch fühlbar machen. Die eigentliche Chance sehe ich darin, dass aus so einem gemeinsamen Erleben eine Art kommunale Intelligenz entsteht, ein Gefühl von “wir haben das zusammen verstanden und werden es gemeinsam lösen”, das nicht im nächsten Feed wieder verschwindet. Die Frage ist für mich nie, ob etwas technisch geht, sondern ob es uns näher zueinander bringt oder weiter auseinander.

Welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten?

Ich bleibe da vorsichtig, weil wir noch mitten im Ausprobieren sind. Aber es gibt diese Momente, die mir noch lange nachgehen. Eine Systemaufstellung der Spree in Berlin, bei der die Menschen, die für den Fluss standen, sich plötzlich hinsetzten, auf Augenhöhe mit dem Wasser, und im Raum lag auf einmal echte Rührung. Oder Schulkinder im Gaionauten-Training, die zum ersten Mal merken, ihre eigene Idee kann wirklich etwas verändern, und man sieht ihnen dieses Leuchten im Gesicht an. Das sind keine großen Zahlen. Es sind einzelne Momente, in denen sich für mich alles richtig anfühlt.

Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit?

Ich trage ein Bild in mir: eine Stadt, in der die Natur nicht mehr stumm ist, sondern eine echte Stimme in Entscheidungen hat, ein Parlament der Lebewesen, in dem auch der Fluss und der Wald am Tisch sitzen. Das ist keine reine Träumerei, der Whanganui-Fluss in Neuseeland und das Mar Menor in Spanien haben schon eigene Rechte. Und ganz ehrlich, ganz weit hinten trage ich noch eine größere Sehnsucht, ich nenne sie manchmal scherzhaft Gaiaxie, dieses ganze Beziehungsgeflecht aus Natur, Menschen und Technik als ein eigenes, atmendes kleines Universum. Groß gedacht, ja. Aber ohne diese Sehnsucht würde ich morgens nicht aufstehen. Genauso wie ich ohne kalte Dusche und einen guten Earl Grey nicht wach werden würde.

Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten?

Ich wünsche mir Förderung mit langem Atem, die uns nicht nach einem Jahr wieder allein lässt. Ich wünsche mir Partner, die genauso an das glauben wie wir. Und am meisten wünsche ich mir Menschen, die einfach dazukommen, egal mit welcher Erfahrung, Hauptsache mit einem offenen Herzen. Wir haben zum Beispiel eine Historikerin bei uns, die dem Ganzen ihre kulturelle Tiefe gibt, und einen Künstler, der aus Daten Gefühl macht. Das ist es, was uns trägt, nicht das nächste Formular.

Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten?

Du musst nicht alles wissen und nicht die perfekte Idee haben. Fang bei dem an, was dich wirklich berührt, ein Fluss, ein Wald, eine Angst, die dich nachts wach hält. Allein verglüht diese Berührung schnell. Gemeinsam trägt sie weit. Und hab keine Angst davor, dass es nicht perfekt aussieht, das echte Leben ist unfertig, und genau darin liegt seine Wärme. Im Grunde lade ich dich einfach ein, Gaionaut zu werden. Diese Reise kann heute Abend schon anfangen. Alfons Zitterbacke und den Kleinen Prinzen haben wir auch schon überzeugt. Das kannst du bei uns im Resonanz-Blog lesen…

Gibt es noch etwas, das Sie gerne mitteilen möchten?

Wir reden so viel über eine Gesellschaft, die auseinanderfällt, über Menschen, die sich in ihre einzelnen Bildschirme zurückziehen. Meine Antwort darauf ist kein cleverer Einwand, sondern ein Raum, in dem Menschen wieder gemeinsam etwas spüren und der Natur, anderen Menschen und sogar sich selbst wirklich zuhören. Klimaschutz, Digitalisierung, Zusammenhalt passen für mich gut zusammen, wenn es um die Herstellung eines Gefühls von Verbundenheit geht. Deshalb bleiben wir ein Labor und kein fertiges Versprechen, aus vollem Herzen.

Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?

Am einfachsten über resonanz-labor.de, dort gibt es auch unseren Newsletter. Schreiben kann man uns an info@resonanz-labor.de. Wer uns unterstützen möchte, kann Mitglied werden oder spenden, wir sind gemeinnützig. Und wer wirklich etwas fühlen will, statt nur davon zu lesen, kommt einfach vorbei. Wir freuen uns über jedes Herz, das mitfühlen kann.